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Buch Leseprobe Genossen der Barmherzigkeit, Jürgen Ruszkowski
Jürgen Ruszkowski

Genossen der Barmherzigkeit



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Inhalt:

Vorwort des Verfassers
Dietrich Sattler: Genossen der Barmherzigkeit
Die Brüder des Rauhen Hauses und der Diakonat
Christoph Götzky
Ein Zeitgenosse Wicherns
Philipp Schmidt
Stadtmissionar in Bremen
Otto Bretschneider
Stadtmissionar und Hilfswerks-Diakon in Bremen
August Füßinger
Diakon und Inspektor des Rauhen Hauses
Paul Hatje
Diakon und Heimleiter
Heinrich Ketelsen
Diakon und Heimleiter
Sigismund Muelenz
Diakon und Pfarrer
Gerhard Niemer
Diakon und Inspektor des Rauhen Hauses
Hugo Wietholz siehe Leseprobe unten!
Bekennender Christ und Nazi-Gegner, Gemeindediakon in den Nachkriegsjahren
Karlheinz Franke
Diakon und Heimleiter
Namensregister

Leseprobe:
Hugo Wietholz berichtet aus seiner Jugend:
Zu Pfingsten 1936 wurde vom Reichsverband zu einem Jungmännertreffen nach Danzig eingeladen. Danzig war Freistadt, um dorthin zu kommen, brauchte man einen Pass und musste durch den polnischen Korridor fahren, den die Feinde Deutschlands damals beim Friedensvertrag Polen zugesprochen hatten. Den ersten Pass mit dem polnischen Vermerk und der Quittung über 5 RM habe ich heute noch, wenn er auch jetzt nicht mehr gültig ist. In Danzig haben wir an den Veranstaltungen des Männerwerks teilgenommen, dann aber auch die alte Hansestadt besichtigt, den Artushof, den Dom und den alten Kran. Dabei gab es einen Zusammenstoß mit Führern der HJ, die uns die neuesten Nachrichten um die Ohren schlugen. Es gäbe nur eine Staatsjugend und das sei die Hitlerjugend. Alle anderen Verbände würden aufgelöst werden. So hatten alle Bemühungen, die christliche Jugend zu erhalten, nichts genutzt, es war ja auch nicht anders zu erwarten gewesen.
Jetzt gingen wir harten Zeiten entgegen. Im Heim hatten wir uns Hitlers „Mein Kampf“ vorgenommen. Dieses Machwerk wurde zerpflückt und kritisiert. Das muss wohl auch nach draußen gedrungen sein. Auf Umwegen hörten wir, dass die SA unser Heim stürmen und auseinander nehmen wolle. Also mussten wir auf der Hut sein. Inzwischen begannen die HJ und die SS gegen uns zu hetzen und Lügen zu verbreiten. Wir aber demonstrierten mit Wimpeln und Fahnen in Hamburgs Straßen. Auch durch die Mönckebergstraße ging unser Marsch mit dem Lied: „Es rauscht durch deutsche Wälder...“ Refrain: „Deutsche Jugend heraus!“ Ein Vers lautete: „Erst vom eitlen Wesen und falschem Götzentand, im innersten genesen, sich Herz zu Herzen fand, denn wie in Vätertagen mag für das deutsche Haus, der Freiheit Stunde schlagen: Deutsche Jugend heraus!“ Dieses Lied stand gegen Hitler und seine Meute.
In Hamburg hatte Bischof Tügel für die Eingliederung der Evangelischen Jugend den Pastor Vorrath ernannt. Er hieß bei uns nur Pastor Verrat. Die Kirche ließ sich die Jugend aus der Hand nehmen. Jetzt wurde auch die Überwachung unserer Arbeit von Seiten der HJ immer stärker. Im Hamburger Tageblatt, einem Naziblatt, brachte man unwahre Artikel über die Evangelische Jugend an die Öffentlichkeit. Kurz vor der Eingliederung wurden Flugblätter gedruckt und von Klebekolonnen der HJ und der SS an die Häuserfronten geklebt. Wir überraschten so eine Kolonne, gingen hinterher und rissen die Plakate mit den dicken Lügen wieder ab. Dabei kam es in Eimsbüttel zu Handgreiflichkeiten, wobei mein Schneidezahn ein Stück verlor, was bis heute zu sehen ist.
Dann kam der Sonntagnachmittag, an dem unsere ganze große Gruppe vor dem Gemeindehaus angetreten war. Ich gab vor der versammelten Mannschaft bekannt, was uns erwartete: Die Evangelische Jugend darf nicht mehr in alter Weise auftreten, keine Fahrten machen, auch die Pfadfinderkluft und alle Wimpel und Fahnen seien verboten worden. Man dürfe nur in kirchlichen Räumen christliche Stunden abhalten. Ich habe dann jedem freigestellt, unter diesen Bedingungen bei uns weiter mitzumachen. Für uns galt in dieser Stunde nur eins, die Eingliederung machen wir so nicht mit. Wir sangen nochmals unser Lied: „Deutsche Jugend heraus“, rollten Fahnen und Wimpel ein und traten weg. Wir würden nicht zur HJ übergehen! Wo Eltern meinten, sie müssten ihre Jungen zur Staatsjugend schicken, mochten sie es tun, wir aber stünden gegen diese Art Jugenderziehung.
Am Abend wurden sämtliche Jugendleiter von dem obersten Führer der HJ, Kohlmeyer, ins Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof, eingeladen. In seiner Ansprache wollte er uns vor Augen führen, wie gut doch die Arbeit der Hitlerjugend sei. Unter anderem meinte er, mit den Worten des Alten Fritz, jeder könne ja nach seiner Fasson selig werden. Darauf ging ein ablehnendes Raunen durch den Saal. Nun konnte uns die HJ-Führung den Buckel runterrutschen.
Ein paar Tage später, hatte man mir das Kampfblatt der SS, das „Schwarze Korps“ vor die Bürotür gelegt. In einem Artikel wollte man Pastor Dr. Witte etwas anhängen. Er war früher in Lübeck Diakonissenpastor gewesen, da wäre etwas mit einer Schwester gewesen. So versuchte man auf allen Gebieten, kirchlichen Mitarbeiten etwas anzuhängen, immer mit dem Gedanken, auch wenn das nicht stimmte, etwas werde schon hängen bleiben.
Eines Abends, wir waren in meinem Büro um die Bibel versammelt, klopfte es an der Tür, zwei HJ-Führer mit einer dicken Kordel vor der Brust wollten wissen, was wir so treiben. Natürlich konnten sie an der Bibelstunde teilnehmen. Bald ging man zum Angriff auf Bibel und Kirche über. Natürlich bekamen sie von uns tüchtig Kontra. Dann spielten sie ihren Trumpf aus, wenn das Reich erst ordentlich gefestigt sei, innen wie außen, dann werde es keine Kirchensteuern mehr geben. Wir antworteten darauf, dann würde man sehen, wo die wirklichen Gemeindeglieder sind. Dann wussten sie bald nicht mehr weiter und nahmen die katholische Kirche ins Visier. Ich sagte nur, das sei nicht unser Gebiet. Dann zogen sie bedeppt ab, ob sie klüger geworden waren, wussten wir nicht.
Von nun an, durften wir uns nicht mehr Concordia nennen. Wir legten uns den Namen „Evangelischer Jungendienst Hoheluft“ zu. Es war erstaunlich, wie viele Jungen noch zu uns kamen. Natürlich machten wir jetzt vermehrt Bibelfreizeiten.

Jede dieser Freizeiten musste über das Jugendpfarramt gemeldet werden. Seit einiger Zeit hatten wir ein Kinderheim in Alveslohe als Stützpunkt. Das Haus hatte einen Saal. In der Küche aßen wir mit dem Hausvater Wendt (Sohn Gottfried wurde später Diakon des Rauhen Hauses) und den Kindern unser Mittagessen. Es war immer schön, mit der Kindergemeinschaft und dem Hausvater, der auch die Morgenandacht hielt, zusammen zu sein. An einem Wochenende waren wir wieder draußen in Alveslohe zur Bibelfreizeit, als plötzlich die Saaltür aufgerissen wurde und eine Gruppe von HJ-Führern in den Saal stürmte und unsere Versammlung störte. Natürlich wollte man uns überraschen und feststellen, dass wir keine Bibelarbeit trieben, aber damit hatte man kein Glück, die Bibeln lagen auf dem Tisch. Man brüllte in den Raum, alle HJ-Mitglieder sollten ihre Ausweise zeigen, um zu sehen, ob sie auch berechtigt seien das Koppelschloss zu tragen. Man konnte uns nichts anhaben, und so zogen sie wutschnaubend wieder ab.

Wir ließen uns aber nicht verschrecken, sondern fuhren im Sommer weiter ins Bibellager nach Borkum. Auch weiterhin wurden wir in Hoheluft überwacht. Das zeigte sich darin, dass ich eine Vorladung zur Gestapo Stadthausbrücke bekam. Dort sollte ich mich wegen der Jugendarbeit und der Verbreitung unserer Monatsblätter verantworten. In meiner Aktentasche hatte ich mehrere Exemplare dabei. Dem Beamten konnte ich Rede und Antwort stehen. Ich musste meinen Ausweis vom CVJM vorlegen und ebenso die Monatsblätter. Der Beamte hat sich alles aufgeschrieben, um den Bericht weiterzugeben. Wie es weitergehen sollte, habe ich später noch erfahren, denn die Nazis ließen so schnell keinen aus ihren Klauen. Man hatte auch herausgefunden, dass es bei uns in Hoheluft eine Gruppe der Bekennenden Kirche gab.
Natürlich machte sich das Muss zur Staatsjugend bemerkbar. Etliche sprangen ab. Was mich aber besonders wunderte, dass der Werner Landauer, ein Halbjude, eines Tages bei uns in SS-Uniform auftauchte. Von den alten Concorden waren schon damals einige zur SA gegangen.

Im Jungendienst waren wir aber immer noch eine Gruppe, die sich sehen lassen konnte. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft, die sich treu zur Gemeinde bekannte. Ein Vater eines unserer Jungen, der Maler war, hat uns im Heim einen Vers aus dem Gesangbuch an die Wand gemalt: „Dein Kampf ist unser Sieg, dein Tod ist unser Leben, in deinen Wunden ist die Freiheit uns gegeben.“ Das entsprach ganz unserer Einstellung.
In der Adventszeit 1936 gelang es mir, dass Pastor Dr. Schumacher, der unser persönlicher Freund war, für mich Geld locker machte, damit ich ein Bibelseminar in der Sekretärschule des CVJM in Kassel besuchen konnte. Ich wurde bei meinem Meister von der Arbeit beurlaubt und bekam die Genehmigung am Seminar teilzunehmen. Dafür war ich dem Pastor Dr. Schumacher sehr dankbar. In der Bibelschule gab es einen Kurs über den Korintherbrief, gehalten von Dr. Stange. Oft war nachmittags Sport, denn es gab auch eine Sportschule im Haus. Hero Lüst war für die Verwaltung des Hauses zuständig und hat uns vieles, was zur Jugendarbeit nötig ist, beigebracht. Mein Zimmer teilte ich mit einem Tschechen. Ab und zu wurde auch missionarisch gearbeitet. Ich trug Sonntagsblätter aus, oder wir gingen in ein nahegelegenes Dorf und luden die Jugend zur Sonntagsstunde ein. Eines steht fest, diese 14 Tage haben mir am inwendigen und äußeren Menschen gut getan. Später konnte ich viel von dem brauchen, was ich dort gelernt hatte.
Im Tausendjährigen Reich wurde man immer kühner, das Rheinland war jetzt frei, nun kam die Tschechoslowakei dran, dann Österreich, und danach begann die Judenverfolgung ganz massiv. Als im Eppendorfer Weg bei einigen Juden, die Geschäfte zertrümmert wurden und die Synagogen brannten, wurden wir hellwach. Hatte nicht Hitler schon in „Mein Kampf“ allerlei Drohungen ausgestoßen. Jetzt hieß es: „Juden raus zum Arbeitseinsatz“. Wie man aber mit den Juden in den KZs umgegangen war, das kam für uns erst bei der Besetzung durch die Amerikaner heraus. Wohl ahnten viele von dem wüsten Treiben der SS etwas, aber das schreckliche Vernichten in den Gaskammern, wurde uns erst zu spät bekannt.
In Hamburg ging die Arbeit ihren gewohnten Gang. Wir schlugen uns recht und schlecht durch und merkten immer mehr, wo die sogenannte Reichspolitik hintrieb. Es roch nach Kriegsvorbereitung. Bischof Lilje und Niemöller hatte man verhaftet und die Deutschen Christen machten sich in der Kirche mausig.
Im Sommer waren wir wieder auf Borkum und erleben schöne Tage. Wir hatten viel inneren Gewinn. In der Freizeit sahen wir uns auch mal auf der Insel um. Borkum entwickelte sich langsam zu einem großen Seebad. Es gab aber auch noch die kleinen Häuser, deren Gärten mit großen Walknochen eingezäunt waren. Hier konnte man sehen, dass die Borkumer früher Walfänger waren, mancher Reichtum zeugt von dem damaligen Erfolg. Wir haben auch mal einen tüchtigen Sturm erlebt, an der Kurpromenade spritzte die Gischt haushoch. Die Nordseite der Insel muss jedes Jahr neu befestigt werden, denn das Meer frisst immer wieder an einigen Stellen. Früher konnte man die Nordseite nicht richtig befestigen und so hat der blanke Hans immer große Teile weggespült und manches Dorf versank.
Unsere Lagerleitung holte manchmal einen bekannten Borkumer Seemann zum Erzählen. Dabei wurde auch Seemannsgarn gesponnen, aber auch manche wahre Begebenheit kam zur Sprache. Wenn ein Schiff auf dem gefährlichen Borkumriff gestrandet war, waren die Borkumer als Strandräuber schnell zur Stelle, ehe der Strandvogt kam, um das angeschwemmte Strandgut zu beschlagnahmen. Wenn eine Zeitlang kein Schiff gestrandet war, war am Strand ein falsches Signalfeuer entzündet worden, um mal wieder Beute machen zu können. Wir waren von diesen Erzählungen des alten Seebären sehr angetan.
Eines Tages wurde mir im Lager gesagt, aus Hamburg käme ein Pastor Wegeleben vom Rauhen Haus. Er sollte mit dem Flugzeug kommen, ob ich ihn wohl abholen würde. Also hin zum Inselflugplatz, gerade war die alte JU gelandet, und der Pastor entstieg dem Flugzeug. Wir machten uns bekannt und gingen zum Lager, wo Pastor Wegeleben später vor der Lagergemeinschaft einen Vortrag über das Rauhe Haus hielt. Er berichtete über die Ausbildung von jungen Männern für den Diakonenberuf in der Kirche. Von den Ausführungen des Redners und dem Prospekt über die Diakonenanstalt war ich ganz angetan, und später kam dann der Entschluss, mich im Büro des Rauhen Hauses zu melden.

Ich schrieb einen Lebenslauf für die Anmeldung im Rauhen Haus und hatte ein Gespräch mit Tilman Frieß, über die beruflichen Möglichkeiten eines Diakons. Er meinte, ich könne auch Beamter werden. Ich aber wollte eine Ausbildung als Gemeindediakon machen und nicht zum Beamten. Ich bat gleichzeitig auch noch um etwas Zeit, um die Arbeit in der Concordia zunächst weiter zu machen. Von 1938 bis 1939 gelang es noch - später musste einer der anderen Concorden ran.
Diakonenausbildung im Rauhen Haus
Der 31. März 1938 war mein erster Tag im Rauhen Haus. Bruder Wörwag machte mit uns einen Rundgang durch die Anstalt. Sonst gab es nur Anweisung zum Schlafen im Haus Tanne in einem Zimmer mit mehreren Anwärtern. Die nächsten Tage brachten für mich den Einsatz bei Arbeiten in der Anstalt. Ich war mit 29 Jahren eingetreten. „Was machen wir mit dem jungen Mann?“ Erst einmal musste ich zu Bruder Düwel, ein beliebtes Haus. Der hatte das Brüderbüro unter sich. Ich bekam den Vertrag zum Eintritt. Bei Austritt wären 3.000 RM fällig. 35 RM für Bücher und Unterhalt meiner Mutter. Was mich wunderte: Es gab keine Betreuung der jungen Brüder. Die zum Teil Älteren hielten sich sehr reserviert.
Wie ging es nun weiter im Rauhen Haus? Immer mehr junge Anwärter kamen. Wir lernen uns kennen, und weil nichts geschah, organisieren wir eine Gruppe. Zwischendurch wurde ich Pförtnerbruder: Telefonzentrale bedienen (stöpseln), Post in die Fächer einordnen, für Führungen den Schlüssel fürs alte Rauhe Haus herausgeben. Weil ich an den Schlüssel kam, gründen wir eine kleine Gruppe, eine Gebetsgemeinschaft. Wir trafen uns vor Arbeitsbeginn im alten Haus (Ruges Hus), in dem Wichern die ersten Anfänge gemacht hatte. Eine Zeitlang ging alles gut mit unserer Gruppe. Dann wurden wir verpfiffen.
Pastor Wegeleben war der Direktor der Anstalt. Er wohnte in der I. Etage des Wichernhauses. Unten war die Verwaltung, die Pförtnerloge und der Brüdersaal. Ich sprach mit Pastor Wegeleben, um für uns eine Bibelstunde einzurichten. Wir wollten nicht ausbüchsen. Jeden Mittwoch hielt Pastor Wegeleben die Bibelstunde für uns Anwärter im Brüdersaal.

Sonnabends wurde mit Öl und Sägespänen der Parkettboden in der Tanne gereinigt. Es war immer noch das Jahr 1938. Ich wurde in der Kanzlei bei Anni Schulz und Frau Esmarch eingesetzt: Akten durchstöbern und ordnen. In der Telefonzentrale hatte ich viel Spaß mit gemachten Anrufen. Wir ärgerten August Füßinger, indem wir seine nuschelige Sprache nachmachten. Am Schalter erlebte ich manchen älteren Bruder. Von Bruderschaft konnte keine Rede sein. Wir jüngeren Anfänger mussten uns schon durchbeißen. In der Anstalt musste ich Laub fegen und Obst pflücken. Dabei fiel ich von der Leiter und verletzte mir die Ferse. Das war noch lange zu spüren. Im Heizungskeller musste ich für die Küche Koks schaufeln. Einmal hatte ich die Post in der Küche zu verteilen, und die Küchenmädchen umschwärmten einen wie die Bienen. Frieß kam hinzu: „Aber Bruder Wietholz, das ist verboten! Fräulein Sander holt doch die Post.“ - Komisches Mädchen.
Abends wurde die ausgehende Post von Pastor Wegeleben von dessen Hausmädchen gebracht. Sie musste frankiert werden. Es war meistens spät abends, und dann ergab sich mit der Deern ein Plausch. Sie war ganz hübsch, den damaligen Idolen entsprechend: blond, blauäugig und schlank. Es muss wohl im Herbst gewesen sein. Irgendeine Fahrt von der Concordia sollte sein. Vorher hatten wir uns zu einem Spaziergang verabredet. Ich wollte sie mal näher kennen lernen, was auch geschah, denn im Laufe des Gesprächs kamen wir auf die Zukunft zu sprechen, und sie offenbarte mir, dass sie als braune Schwester zur NSV wollte. Später, zurück von der Fahrt, habe ich ihr eine Karte geschrieben, dass es mit uns nichts werden könne. Wo sie später abgeblieben ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich meine, sie so um 1950 in der Martinskirche gesehen zu haben. Pastor Dubbels war noch nicht verheiratet, und wir hatten viele Kanzelschwalben. Nach seiner Heirat waren sie plötzlich weg.
Im Rauhen Haus wurde ich auch zur Nachtwache eingeteilt. Das Wachbuch im Wichernhauskeller, unser Quartier, war eine Sehenswürdigkeit für sich. Was haben die Brüder alles diesem Wachbuch anvertraut. Auch wir waren nicht schüchtern und manchen Vers und Ulk haben wir vom Stapel gelassen. Manchen Ulk haben wir uns auch mit den Haustöchtern erlaubt. In kleinen Gruppen ging man abends noch in die Anstalt. Wir sind zum Wirtschaftsgebäude geschlichen und haben mit Pappnägeln das Schlüsselloch dichtgemacht. Wir hatten unseren Spaß, wenn sie sich nicht helfen konnten und ältere Brüder holten, die ihnen helfen sollten. Ihre Bleibe war oben über Frieß’ Wohnung. Der Hausvater war oft entrüstet, wenn die Brüder ihren Spaß mit den Hausmädchen hatten: Leiter ans Fenster gestellt, die große Glocke vor dem Haus mit Wasser gefüllt als Frost war. Später wurde ein altes Sofa im Teich versenkt. Man glaubte, eine Leiche wäre im Wasser.

Mir wurde aufgetragen, abends mit der Holzknarre das Abendlied am Teich zu singen: „Hört ihr Herren, lasst Euch sagen...“, zuerst mit Lampenfieber, denn vor den Brüdern wollte man keinen Misston fabrizieren - es wäre eine Blamage gewesen. Aber bei mir hatte man keinen Erfolg...

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