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> Zeitzeugen > Fassetten der Angst
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Bücher Zeitzeugen
Buch Leseprobe Fassetten der Angst, Heide Marie Zimmer
Heide Marie Zimmer

Fassetten der Angst


Mädchen und Frauen als Opfer von Gewalt

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Meine vier Schwestern und ich hatten genau zwei Aufgaben zu erledigen. Erstens mussten wir unserem Vater zu Willen sein und zweitens für ihn betteln gehen. In Mumbay ist das nicht außergewöhnlich. Besonders wenn man, wie wir, im Slum lebt. Während unsere Mutter den Haushalt führte, saß unser Vater die meiste Zeit mit seinen Kumpanen irgendwo in unse-rem Viertel herum. Nur wenn wir abends oder nachts nach Haus kamen, war er sofort zur Stelle, um uns unsere Einnahmen abzunehmen.
Ab und zu schlich er uns nach, um sichergehen zu können, dass wir nichts für uns behielten. Obwohl wir ihn ab und zu in unserer Nähe wussten, ver-steckten wir doch immer etwas, um es der Mutter geben zu können. Vater tat nach außen hin immer sehr großspurig und gab das meiste Geld für ir-gendwelchen Klimperkram aus, um seine Freunde zu beeindrucken. Es in-teressierte ihn nicht sonderlich, dass wir oft kaum etwas zu essen hatten. Ihm ging es gut und das war die Hauptsache.
Mehrmals täglich spielte er einen Abzählreim mit uns und die Schwester, die verlor, musste mit ihm sein Lager teilen. Wir waren schon mehrfach schwanger geworden und mussten jedes Mal abtreiben lassen. Es gab eini-ge Frauen, die das in unserem Viertel machten, da wir nicht die einzigen Mädchen waren, denen so etwas angetan wurde. Die Mädchen, die nicht dran glauben mussten, waren wohl eher die Ausnahme.
Um unseren Umsatz zu erhöhen, ließ er sich immer wieder neue „Ge-schäftsideen“ einfallen. Mal mussten wir halb nackt herumlaufen, dann wieder mit kleinen Kindern auf dem Arm. Wer am meisten Mitleid erregte, hatte den größten Umsatz.
Das führte eines Tages zur Katastrophe. Eines Nachts wurde ich plötzlich aus dem Schlaf gerissen. Zwei meiner Schwestern wimmerten laut und ich war sofort auf den Beinen. Es stank furchtbar in unserer Hütte. Ich rannte sofort zum Lager der beiden und musste mit ansehen, wie sich ihre Gesi-chter langsam aber sicher auflösten. Ich rannte aus der Hütte, um eine alte Heilerin, die ganz in der Nähe wohnte, zu holen. Als ich mit der Frau zu-rückkam, waren die Gesichter der beiden kaum noch zu erkennen. Die alte Frau warf nur einen kurzen Blick auf meine Schwestern und erklärte mir, dass da nichts mehr zu machen sei.
Wie sich schnell herausstellte, hatte mein Vater meinen Schwestern Batte-riesäure ins Gesicht geschüttet. Er hätte gehört, dass entstellte Mädchen be-sonders viel Mitleid erregen würden und das wiederum würde den Um-satz steigern. Obendrein würde sich nun kein Mann mehr für sie interes-sieren und so hätte er die Gewähr, dass sie noch viele Jahre für ihn betteln gehen könnten. Er müsse schließlich an seine Altersversorgung denken. Die Verätzungen würden bald abheilen, hätte man ihm gesagt, und die Schmerzen bald verschwinden. Und unten herum wäre ja noch alles intakt. Er würde sie eben ab jetzt von hinten beglücken.
Ich habe ihn angezeigt, aber niemand hat sich darum gekümmert. Heute, nach vielen Jahren, ist immer noch nichts passiert und ich habe die Hoff-nung aufgegeben, dass sich das ändern könnte. Wer interessiert sich schon für ein paar Mädchen aus den Slums? Meine Schwestern sehen aus wie Mumien und sind nie darüber hinweggekommen. Mein Vater ist eines Ta-ges nicht zu uns zurückgekehrt. Ob er irgendwo erschlagen worden oder einfach abgehauen ist, weiß ich nicht. Von mir aus kann er gern wegblei-ben. Er hat uns nur ausgebeutet und viel Leid über uns gebracht.

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