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> Zeitzeugen > Carpe diem!
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Buch Leseprobe Carpe diem!, Carlos Reichardt
Carlos Reichardt

Carpe diem!


Jahre der Zufälle

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In Teil 1 habe ich bereits erwähnt, wie die geniale Idee meines Bruders, eine Legehühnerfarm in einem acht-stöckigen Haus mitten in Barcelona zu betreiben, am Widerstand der unter dem Gestank und dem Gegacker der Viecher leidenden Mitbewohner erwartungsgemäß scheiterte. Und wie er, mangels einer anderen Möglichkeit, die gesamte Einrichtung im Vorbau des Sommerhauses meiner Schwiegereltern in Sant Joan Despi untergebracht hatte.
Jetzt lag in dem Vorbau eine vollständige Hühnerzuchtanlage brach. Das konnte mein Bruder nicht lange mit ansehen und er regte an, die Utensilien doch in der Weise zu nutzen, dass wir die Käfige in dem Vorbau meiner Schwiegereltern aufbauten und dort eine neue Geflügelfarm gründeten. So würde auch ich zu einem zusätzlichen Nebenverdienst kommen.
Ich habe bei meinen Schwiegereltern um die Erlaubnis ersucht, dieses Nebengeschäft zu betreiben. Sie waren so großzügig zuzustimmen. Als mein Schwiegervater erfuhr, dass wir dazu dringend einen Wagen benötigten, erinnerte er sich, dass er in einer Garage in Madrid noch einen unbenutzten (weil zu alt und fast nicht mehr fahrtüchtig) eleganten Adler Jahrgang 1942 stehen hatte, den er uns ebenfalls zur Verfügung stellte.
Mario, ein Bruder meiner Frau Anita, brachte den Wagen nach Barcelona. Ich hatte vor einigen Monaten erst meinen Führerschein gemacht. Damals bedeutete dies aber nicht, dass ich nun fahrtüchtig gewesen wäre. Im Jahre 1956 arbeiteten alle Fahrschulen in Barcelona noch mit uralten Ford-T-Fahrzeugen, die etwa aus den Anfängen der vierziger Jahre stammten. Sie hatten noch Vollgummireifen, ein Leinendach, die Seiten waren offen. Gestartet wurden diese Ungetüme von vorne mit einer Handkurbel. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei ca. 20 km/h. Man fuhr auch nicht durch die Stadt. Übungsplatz war für alle Fahrschulen eine Parkanlage am Rande von Barcelona auf dem Montjuich-Berg. Dort stellte der Fahrlehrer Markierungsstangen etwa 2 m von Bürgersteig entfernt auf. Dann mußte der Schüler das Rückwärtsparken üben, bei ca. 15 km/h. Immer wieder. Wenn man es beherrschte, wurde man zur Prüfung angemeldet. Diese bestand aus einem theoretischen Teil mit drei mündlichen Fragen (von etwa 15, die man auswendig lernen musste). Wurden diese zufriedenstellend beantwortet, stieg man in den Ford-T und führte das Parkmanöver vor. Klappte dies, hatte man die Fahrprüfung bestanden und wurde auf die Menschheit losgelassen.
Allerdings, zur Ehre dieser spanischen Zunft muss ich auch erwähnen, dass bereits im Jahre 1957 alle Fahrschulen mit modernen Pkw ausgerüstet wurden. Ich war also einer der letzten, die „Glück" gehabt hatten.
Richtig Autofahren habe ich also mit dem 14 Jahre alten Adler gelernt, der u. a. keine Handbremse mehr hatte. Irgendwann im Laufe seines langen Lebens wurde dem Wagen dieses Gerät abmontiert. War aber nicht schlimm, meinte mein Schwager Mario, die Fußbremse täte es meistens ganz ordentlich. Übrigens, auch dieser Adler hatte als Startreserve eine Handkurbel im Kofferraum. Sie wurde in der nächsten Zeit oft benutzt, denn die elektrische Startanlage ging eines Tages auch kaputt. Mario, der viel von Autos verstand und ausgezeichnet damit fahren konnte, meinte, auch dies wäre nicht der Rede wert. Er hat mir alles erklärt. Zuerst musste ich am Lenker die Benzin-Luftmischung mit einem Hebel einstellen, dann die Kurbel aus dem Kofferraum holen, sie von vorne in dem Motor stecken und feste kurbeln, bis endlich der Motor ansprang. Jetzt musste ich schnell zum Lenker eilen und den Hebel auf Standgas regulieren. Meistens klappte diese Prozedur beim ersten Versuch. Nicht immer. Manchmal wurde es richtig ärgerlich. Aber nicht sehr oft.
Mario blieb in Sant Joan Despi. Er wohnte im großen Haus meiner Schwiegereltern in unserer Nachbarschaft und half mir, die Hühnerkäfige und sonstiges Material aufzustellen. Mein Bruder hatte keine Zeit mehr für solche Nebenbeschäftigungen. Er machte inzwischen in der Sparkasse eine steile Karriere, studierte abends nebenbei und hatte für eine Großfamilie zu sorgen (seine Frau hatte ihm bisher drei Kinder geschenkt, drei Jungen. Später kamen noch drei weitere Kinder hinzu: Drei Mädchen!). Er gab uns noch einen letzten Rat mit auf dem Weg. Er meinte, besser als Legehühner, wäre allemal Masthähnchen zu züchten.
Eines Tages war alles fertig. Wir kauften die ersten Ein-Tag-Küken, ca. 5.000 Stück, wenn ich mich richtig erinnere. Zu allererst wurden sie gegen die Pest geimpft. Das geschah, indem jedem Küken Impfstoff ins Auge getröpfelt wurde. Diese Impfung hielt damals vier Wochen. Da die Hähnchen ein Fertigfutter zu fressen bekamen, mit dem sie in vier Wochen das Schlachtgewicht von knapp zwei Pfund erreichten, mussten sie dann schnell nach Barcelona zum Schlachter gebracht werden, bevor die Wirkung der Impfung nachließ. Sonst hätten die schlachtreifen Hähnchen in wenigen Tagen die Pest bekommen, die den ganzen Bestand rasend schnell dahingerafft hätte. Wir haben Glück gehabt (denn wir hatten keine Erfahrung in diesem Metier) und haben die Tiere immer rechzeitig mit dem Pkw in Barcelona abgeliefert.
Mit der Zeit erhöhten wir die Produktion auf etwa 7.000 Hähnchen pro Monat. Dies alles machte natürlich sehr viel Arbeit. Den ganzen Tag schuftete dort mein Schwager, abends kam ich für ein paar Stunden dazu.


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