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Tierbücher
Buch Leseprobe Dryosaurus - Die Reise des Dinosaur, Ian J. Rimes
Ian J. Rimes

Dryosaurus - Die Reise des Dinosaur



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Das Erste, was Drya jemals erblickte, war das Purpurrot des morgendlichen Himmels. Allzu lange genießen konnte sie diesen Anblick jedoch nicht, denn während sie noch japsend auf dem Rücken lag und nach Atem rang, prasselte eine Vielzahl an Informationen auf sie ein: Geräusche, Gerüche und Bewegungen um sie herum. Sie drehte sich um ihre eigene Achse und versuchte auf die Beine zu kommen. Diese waren jedoch noch völlig unbeholfen und fühlten sich merkwürdig zerbrechlich unter dem eigenen Körpergewicht an. Japsend schaute Drya sich um. Sie saß auf einer Mischung aus Sand, Zweigen und zerbrochenen Eierschalen und spürte noch die klebrige Flüssigkeit auf ihrer Haut trocknen. Das junge Gehirn speicherte die einzigartige Kombination der Gerüche um sie herum. Es war das typische Bukett dieser Landschaft: der süßliche Duft der Pollen, der Geruch des naheliegenden Wassers und das leicht modrige Aroma des Unterholzes.


 Ringsum quiekten ihre Geschwister. Sie bewegten sich zwischen beige-braun gesprenkelten Eiern und zerbrochenen Schalen. Neben Drya knackte es laut und ein sonderbar aussehendes Wesen bahnte sich den Weg aus einem der Eier. Zwei bernsteinfarbene Augen schauten Drya aus dem dazugehörigen Gesicht an, dieses verjüngte sich zu einem braunen zahnlosen Hornschnabel. Als er sich öffnete, gab das Jungtier einen quiekenden Laut von sich, der Drya bereits aus dem Ei vertraut war. Auch diese Information wurde abgespeichert. In unserer Sprache ausgedrückt hatte sie zwei Erkenntnisse gesammelt: meine Heimat und meine Art. Erst jetzt begann auch sie mit einem hohen Piepsen in den allgemeinen Lärmpegel der Nestgeschwister einzufallen.


Sie war ein Dryosaurus-Junges und gehört zu einer Gruppe pflanzenfressender Dinosaurier im späten Jura. Drya ahnte nicht, dass sie sich auf dem frühen nordamerikanischen Kontinent befand. Diese gigantische Landmasse war durchzogen von Flüssen und Seen, deren Ufer mit üppiger und tropischer Vegetation bewachsen waren. Das Klima war warm und feucht und bildete die besten Voraussetzungen, damit die Dinosaurier eine umfangreiche Artenvielfalt ausbilden konnten.


Dryosaurier waren schnelle und wendige Läufer, die in Gruppen, immer auf der Hut vor Räubern, die Ebenen dieser mit zahlreichen Flüssen und Seen durchzogenen Landschaft durchquerten. Drya war nur eine winzige Kopie ihrer fast zweieinhalb Meter hohen und bis zu vier Meter langen Verwandten.


Als sich plötzlich der Himmel über Drya verdunkelte, verstummte für den Bruchteil einer Sekunde das allgemeine Lärmen am Nest. Drya schaute nach oben und erblickte ein weiteres, jedoch viel größeres Gesicht. Der Kopf beugte sich über das Nest und seine Insassen. Der massive Hornschnabel öffnete sich und entlud einen wahren Regen aus Blättern und anderen zerkleinerten Pflanzenfasern über Drya und ihren Geschwistern. Diejenigen unter ihnen, die bereits ein paar Stunden zuvor das Licht der Welt erblickt hatten, wurden augenblicklich unruhig. Sie kletterten wild übereinander, selbst über die anderen hinweg - direkt auf das Zentrum des soeben entstandenen Haufens Grün zu. Noch ehe Drya sich ein Bild über das Geschehen machen konnte, wurde sie von oben sanft angestupst. Sie sah ihre Mutter direkt vor sich, den riesenhaften Kopf mit den gutmütigen Augen, und dann wurde sie abgeschleckt. Die große Zunge fühlte sich rau aber angenehm an. Als die Mutter sich sicher war, dass der Neuankömmling gesund und trocken war, wandte sie sich dem nächsten Jungtier zu.


Unbeeindruckt dessen legten die Geschwister ein geschäftiges Treiben an den Tag. Sie saßen inmitten des Haufens Grünfutter und begannen gierig alles in sich hineinzustopfen. Mit Erstaunen sah Drya ein laut schmatzendes Jungtier auf sich zustolpern. Nach einem unsanften Aufprall gegen ihre Flanke reckte dieses unbeeindruckt seinen Hals und begann die Pflanzenreste von ihrem Rücken zu zupfen. Angespornt von so viel Eifer ringsum, schnappte nun auch Drya nach dem nächstbesten Zweig und tat es den anderen gleich. Sie mahlte und zerkleinerte die Nahrung, schluckte und beförderte den Rest in eine Backentasche. So kaute sie noch lange weiter, nachdem bereits sämtliche Pflanzenreste vom Nestboden verzehrt waren.


Nach der Fütterung kehrte endlich Ruhe ein. Die Wärme der inzwischen hoch oben stehenden Sonne und das wohlige Gefühl nach der Mahlzeit gaben ihr Übriges, um die Dryosaurus-Babys schläfrig zu machen. Stille legte sich über den Nistplatz auf der kleinen Lichtung mitten im urzeitlichen Araucarienwald.


Bei der nächsten Fütterung rutschte auch Drya über die anderen hinweg, um möglichst schnell und viel vom Grünfutter abzubekommen. Ihre Mutter hatte sich wieder über das Nest gebeugt und begutachtete ihren Nachwuchs. Ein weiteres Alttier stand unmittelbar hinter dem Muttertier und beugte sich über etwas, das Drya nicht erkennen konnte. Erst als sie mit dem Fressen fertig war, kletterte Drya auf den Nestrand und schaute sich von ihrer erhöhten Position aus um. Die kleine Lichtung bot gerade Platz für die zwei Dryosaurus-Weibchen und zwei weitere Nesthügel. In einem davon befanden sich noch Eier, der andere wirkte verlassen. Rings um den Nistplatz war sämtliche Vegetation bereits niedergetrampelt. Erst am Rande der Lichtung wuchsen die ersten zaghaften Schachtelhalme. Als Nächstes gesellten sich immer mehr Farne und Cycadeen, deren größere baumartigen Verwandten, sowie einzelne kleine Kiefern hinzu, bis sich schließlich das üppige Grün zwischen den Stämmen der riesigen Araucarien verlor. Nur ein einziger Pfad wand sich von der Lichtung weg in den Wald hinein. Am Eingang dieses Weges befand sich ein weiteres weibliches Tier.


Im Gegensatz zu den Jungtieren standen und liefen die ausgewachsenen Saurier fast ausschließlich auf den Hinterbeinen, während die Vorderbeine meist nur zum Abstützen bei der Nahrungssuche oder zum Ergreifen von Zweigen dienten. Insgesamt wirkte Dryosaurus zartgliedrig. Der lange Schwanz fungierte beim Laufen als Steuer- und Gleichgewichtshilfe. Die Tiere hatten eine überwiegend ockerbraune Grundfärbung, nur die dunkleren Füße trugen den Farbton des Waldbodens, und die Körperunterseite war nahezu beige, während der Rücken und die Flanken rötlich-braun gestromt waren.


Das alte Weibchen, die Matriarchin, am Eingang der Waldschneise drehte sich ständig in alle Himmelsrichtungen und überprüfte mit seinen scharfen Augen die Umgebung. Es war das Erfahrenste in dieser Gruppe und hatte außerdem dieses Jahr keinen Nachwuchs zu versorgen. Somit war es dasjenige Tier, welches die Umgebung im Auge behielt, wenn die anderen mit der Brutfürsorge beschäftigt waren. Diese beachteten das alte Weibchen gar nicht, sondern begutachteten ihre Eier und den Nachwuchs.


Dryas Neugierde war geweckt, zu gern hätte sie noch mehr von ihrer Umwelt kennengelernt. Doch als sie gerade einen Schritt nach vorn über den Kamm des kleinen Nesthügels hinauswagen wollte, wurde sie mit einem sanften Stoß ihrer Mutter wieder ins Nestinnere befördert.


Im Wald waren zahlreiche fremde Geräusche zu hören. Oben in den Bäumen summten die Zikaden. Zwischen ihnen flatterten flink kleine Flugsaurier umher. Sie waren auf der Jagd nach riesigen Libellen, welche blitzartig von Baum zu Baum schwirrten, um im nächsten Moment scheinbar reglos in der Luft zu verharren. Die ausgewachsenen Tiere ignorierten diese Geräusche komplett - so lernte Drya unbewusst, dass sie keine Gefahr bedeuteten.


In den nächsten Tagen hielten sich die Dryosaurus-Weibchen überwiegend am Nistplatz auf. Sie sammelten allerlei Grün vom Rande der Lichtung und verfrachteten es ins Nestinnere. Die kleinen Saurier fingen schon bald damit an, in Eigenregie den Umkreis zu erkunden und nach Essbarem zu suchen. Die Weibchen blieben bei ihrer Aufgabenteilung: Meist behielt die Älteste die nähere Umgebung im Auge, während die anderen beiden zwischen den Jungen saßen und sie nicht aus den Augen ließen.


An diesem Tag war jedoch etwas anders. Die Alttiere waren aufgeregt und gestatteten den Kleinen weniger Freiheiten als sonst. Ständig wurde Drya wieder in die Mitte des Nistplatzes gedrängt, sobald sie sich zu weit davon entfernte. Auch den anderen Geschwistern erging es nicht besser. Alle acht saßen nun zusammengepfercht zwischen ihrer Mutter und den beiden anderen Weibchen. Das kleinere von ihnen lief permanent aufgeregt zu dem letzten verbliebenen Gelege und gab piepsende Geräusche von sich. Immer wieder beugte es sich über die Eier. Erst einige Stunden später erreichte die Aufregung ihren Höhepunkt, als aus dem benachbarten Nesthügel eine Antwort in Form von leisen Piepslauten zu vernehmen war. Der Schlupf stand kurz bevor.


Als es endlich so weit war, hüpfte Drya, angestachelt von der Unruhe der Alttiere, auf den Nestrand des Nachbarhügels und beobachtete interessiert das Geschehen. Nach und nach pellten sich erst einer, dann ein zweiter und zum Schluss noch ein dritter Baby-Dryosaurus aus den Eiern. Zwei weitere Eier blieben verschlossen. Entweder waren sie unbefruchtet oder die Embryonen waren abgestorben. Die frisch geschlüpften Winzlinge sahen genauso aus wie die anderen Jungtiere, nur waren sie ein wenig kleiner und schrumpeliger als der einige Tage ältere Rest. Nachdem die Kleinen die Eierschalen durchbrochen hatten, begann die junge Mutter sogleich den Nachwuchs abzulecken und zu putzen.


Den Rest des Tages konzentrierte sich alle Aufmerksamkeit auf die Neuankömmlinge. Endgültige Ruhe kehrte erst ein, als es dunkel wurde. Jede Mutter legte sich in das Nest mit ihrem Nachwuchs. Die alte Matriarchin, deren Nisthügel verlassen war, legte sich in die Mitte und bald erfüllten die Geräusche der Nacht die Lichtung. Das Quaken der Frösche in einem benachbarten Teich, das leise Huschen von winzigen Säugern im Unterholz und das sanfte Rascheln der Farnwedel im Wind waren die einzigen Klänge in der Dunkelheit.


Am nächsten Morgen erwachte Drya als Erste. Ihre Geschwister lagen noch zusammengerollt im Nest. Von ihrer Mutter und der Ältesten fehlte jede Spur. Vermutlich waren sie zum nahe gelegenen Teich gegangen, um zu trinken. Oder aber sie sicherten die Umgebung, um rechtzeitig herannahende Gefahren auszumachen. Einzig das jüngste Weibchen war bei den Jungtieren geblieben.


Drya streckte sich und kletterte aus dem Nest. Sie spürte, wie die wärmenden Sonnenstrahlen den letzten Rest der Müdigkeit vertrieben. Sie hatte Hunger. Da keines der Alttiere Futter gebracht hatte, schritt sie zum Rand der Lichtung. Gierig schnappte sie nach allem Grün in ihrer Reichweite.


Tagtäglich trauten sich die Kleinen etwas tiefer in den Wald hinein, um an köstliche Pflanzen zu gelangen. Wenn sie sich zu weit entfernten, folgte ihnen stets eines der Alttiere oder trompetete sie mit dem typischen Warnlaut ihrer Art zurück.


An diesem Morgen genossen die Kleinen jedoch mehr Freiheiten als sonst. Denn als der Rest der Gruppe erwachte, und die Jungtiere schnell an den Rand der Lichtung eilten, um ebenfalls zu fressen, wirkte der ausgewachsene Dryosaurus noch sehr schläfrig. Er gähnte und hob langsam den Kopf, um sich einen Überblick zu verschaffen.


Drya hatte die Gelegenheit genutzt und sich klammheimlich in den Wald geschlichen, wo zahlreiche leckere Pflanzen wucherten. Aus dem Augenwinkel nahm das kleine Dryosaurus-Weibchen eine Bewegung wahr. Erschrocken drehte es sich in die Richtung, konnte aber im Unterholz nichts erkennen. Im nächsten Moment sah Drya sich mit zwei ihrer Geschwister konfrontiert, die sich beim Abweiden des jungen Grüns zu ihr gesellten. Da die bedrohlichen Bewegungen im Unterholz anscheinend durch das Auftauchen der Geschwister entstanden waren, beruhigte sich Drya schnell wieder. Gemeinsam zupften die drei an einem jungen Farn. Plötzlich vernahm Drya ein Knacken aus den Tiefen des Waldes. Besorgt blickte sie sich um, als bereits ein weiteres Bersten im trockenen Unterholz ertönte. Nun war Dryas Aufmerksamkeit vollends darauf gerichtet.


Auf der anderen Seite der Lichtung ertönte ebenfalls Getöse. Es war der schrille Warnschrei eines Dryosaurus-Weibchens. Instinktiv drückten die drei Geschwister sich in die Farnwedel hinein und verharrten reglos. Der Tumult war noch nicht ganz verklungen, als Drya aus dem tiefen Wald hinter sich erneut seltsame Geräusche vernahm. Kurz darauf brach unweit von ihr etwas Großes laut durchs Gestrüpp. Sie drehte den Kopf und sah nur wenige Meter von sich entfernt einen fremden Zweibeiner stehen. So einen Dinosaurier hatte Drya noch nie gesehen. Coelurus war ein kleiner Saurier, ungefähr nur halb so groß wie ein ausgewachsener Dryosaurus. Im Gegensatz zu diesem besaß der Jäger einen flachen, länglichen Schädel mit einem Maul voller todbringender, scharfer Zähne.


Das Coelurus-Weibchen war verwirrt. Als Jägerin, die aus dem Hinterhalt agierte, war sie es gewohnt, sich an die Beute heranzuschleichen und das Überraschungsmoment für sich zu nutzen; doch diesmal war sie entdeckt worden. Meist suchte sie mit ihren scharfen Augen das Unterholz nach Eidechsen, mausartigen Säugern und kleinen Vertretern der Pterosaurier ab. Junge und unerfahrene Dinosaurier waren eine willkommene Abwechslung für sie und ihren Gefährten. Selten ergab sich eine so günstige Gelegenheit. Schon seit Tagen hatten sie den Nistplatz im Visier gehabt, konnten jedoch in Anwesenheit der Alttiere nichts ausrichten. Nun waren die Kleinen aber nahezu unbeaufsichtigt und dies war nicht der Moment für langes Zögern. So kurz vor der eigenen Eiablage wollte die Jägerin, trotz des missglückten Überraschungsmoments, die wertvolle Kost nicht so schnell aufgeben. Sie machte einen Satz nach vorn und stürmte auf die Kleinen zu.


Der heransprintende Dinosaurier wirkte auf die Kleinen so bedrohlich, dass sie augenblicklich ihre Taktik änderten. Jetzt, da sie entdeckt worden waren, stürmten die drei Geschwister laut trompetend in Richtung Nest davon. Durch diesen raschen Entschluss erlangten sie einen winzigen Vorsprung.


Sie waren zwar noch unerfahren, jedoch gehörten sie zu einer Dinosaurierart, die zu den schnellsten Vertretern unter den Vogelfüßern zählte. Ihre Gene hatten sie genau dafür gewappnet. Über viele Generationen hinweg hatten immer die Tiere überleben und sich fortpflanzen können, die am schnellsten und erfolgreichsten die Flucht ergriffen hatten. Die beste Verteidigung war das rechtzeitige Erkennen von Gefahr und Davonlaufen. Ihre kurzen kräftigen Oberschenkel waren mit starken Muskeln bepackt und die langen Unterschenkel und Füße mit biegsamen Sehnen ausgestattet.


Also sprinteten die Jungtiere durch das dichte Farngestrüpp. Als sie den Nistplatz erreichten, suchten sie instinktiv den Schutz der Alttiere. Diese waren jedoch nirgends zu sehen. Einzig das jüngste Weibchen war noch kurz sichtbar, als es bereits im gegenüberliegenden Waldstück auf der anderen Seite der Lichtung eintauchte. Es verjagte einen weiteren Coelurus. Auch die auf der Lichtung verbliebenen Dryosaurus-Jungen hatten sich in alle Richtungen verstreut und liefen trompetend in das Dickicht hinein. Hier war keine Hilfe zu erwarten. Von weit entfernt hörte Drya vage die Antwortrufe der beiden anderen Alttiere, die durch die Hilferufe der Jungen alarmiert immer näher kamen. Zögernd blieben Drya und ihre beiden Geschwister mitten auf der Lichtung stehen. Wohin sollten sie jetzt laufen?


Doch es blieb keine Zeit mehr, denn ihr Verfolger, der Coelurus, erschien hinter ihnen aus dem Dickicht. Erschrocken riss das Trio die Köpfe herum.


Der Räuber machte einen Satz und landete auf der Kante eines Nisthügels, der ihn als letzte Hürde von den Kleinen trennte.


Mit Schrecken wankte Drya nach vorn und stolperte über ihre Schwester, die soeben in eine andere Richtung davonpreschen wollte. Wie ein Knäul aus Beinen und Körpern rollten die beiden herum, bis sie gemeinsam vor ihrem Bruder liegen blieben. Dieser beachtete sie nicht. Mit weit geöffneten Augen schaute er hinter sie, wo soeben noch der Coelurus mit weit aufgerissenem Maul zum Sprung bereitstand.


Drya stockte der Atem. Ihr ganzer Körper zitterte und sie wusste, dass sie in der Falle saß. Im nächsten Moment würde das Unvermeidliche geschehen.


Der Augenblick verstrich, aber nichts passierte. Verwirrt hob Drya ihren Kopf. Irgendetwas musste den Räuber vom tödlichen Angriff abgehalten haben. Drya sah in seine Richtung und erkannte, dass der Jäger seine Aufmerksamkeit auf etwas zu seinen Füßen zu richten schien. Sie musste blinzeln, um etwas erkennen zu können. Ihre Augen tränten durch den Staub, den sie auf der Lichtung aufgewirbelt hatten.


Der Coelurus stand noch immer auf dem Erdhügel. Er hatte sich jetzt nach vorn gebeugt. Im nächsten Moment schnellte sein Maul blitzartig in die Tiefe. Erschütternde Schreie ertönten, begleitet vom Bersten von Knochen und lautem Schmatzen, dann ein weiteres Knacken, gefolgt von einem kurzen Tumult. Dann herrschte abrupt Ruhe.


Dryas Blick wanderte erneut zu dem schrecklichen Fleischfresser. Jetzt fraß er. Blut und Fleischfetzen hingen ihm aus dem Maul und er knabberte gierig an etwas, das wie ein Bein aussah. Mit einem Ruck warf der Räuber einen weiteren Brocken in die Luft, so dass dieser nach einem kurzen Flug direkt in den weit aufgerissenen Schlund des Coelurus landete. Im Nu war das Mahl beendet. Ein letzter fleischiger Happen landete im zähnestrotzenden Maul.


Drya wurde sich plötzlich der noch immer drohenden Gefahr bewusst. Die wenigen Augenblicke, die sie verschont geblieben war, hatte sie ungenutzt verstreichen lassen. Schon im folgenden Moment sah sich der Räuber nach der nächsten Mahlzeit um. Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Eine andere große Gestalt raste auf Drya und ihre Geschwister zu, bog aber im letzten Moment ab und kollidierte mit dem Raubsaurier auf dem Nesthügel. Es war Dryas Mutter. Der kleinere Coelurus kippte zur Seite und landete unsanft auf der Flanke. Staub wirbelte auf, und bevor der Dryosaurus erneut Anlauf nehmen konnte, sprang der Jäger wieder auf die Beine, schüttelte sich kurz und trollte sich. Die Gefahr war gebannt, zumindest vorerst.


Als der Tag sich seinem Ende entgegen neigte, waren nur drei der fünf anderen Jungtiere aus dem Wald zurückgekehrt. Eins von ihnen war über einen Ast gestolpert und humpelte nun ein wenig, war ansonsten aber unversehrt. Das junge Dryosaurus-Weibchen hatte weniger Glück mit seinem Nachwuchs gehabt. Keines seiner Jungtiere hatte die Attacke überlebt.


Junge Dinosaurier waren eine leichte Beute. Dryosaurier besaßen keine scharfen Klauen oder gepanzerte Körper und waren viel kleiner als die meisten anderen Saurierarten. Um von den Alttieren zu lernen, wuchsen die Jungtiere im Familienverband auf. Dennoch schafften es die meisten nicht, die Geschlechtsreife zu erreichen. Es gab viele Gefahren im urzeitlichen Dschungel. Einige Karnivoren waren riesig im Vergleich zu Dryosaurus. Coelurus war nur ein kleiner flinker Jäger, ein Opportunist, der meist Eidechsen und kleine Säuger fraß und im Glücksfall ein Dinosaurierjunges erwischte.


Auf diese im Unterholz des Waldes lauernden Jäger wollte Drya nie wieder treffen. Erschöpft kuschelte sie sich an ihre Geschwister. Diese Nacht schliefen die Kleinen hinter einer schützenden Wand aus Leibern. Sie waren von den drei Alttieren umschlossen.


Als sich am nächsten Morgen die ersten Lichtstrahlen den Weg durch das Nadellaubdach bahnten, erinnerte nichts mehr an die Geschehnisse des letzten Tages. Über Nacht hatten winzige Säugetiere die restlichen Spuren des Gemetzels aus dem Nesthügel beseitigt. Der in den frühen Morgenstunden einsetzende Regen erledigte den Rest. Langsam begann der kleine Trupp das Pflanzengestrüpp nach Essbarem abzusuchen. Wie immer war ein Alttier als Wachposten abgestellt. Diesmal blieben alle Tiere der kleinen Herde bei der Nahrungssuche im Unterholz zusammen. Sie fraßen die Blätter der Ginkgogewächse, junge Farnwedel und die frischen Triebe der heranwachsenden Nadelbäume.


In den nächsten Tagen entfernten sie sich immer weiter vom Nistplatz, ohne dorthin zurückzukehren. Sie suchten stets unterschiedliche Schlafplätze auf. Drya und ihre Geschwister lernten in dieser Zeit einiges über den Lebensraum, in dem sie lebten. Er bestand aus vielen kleinen Waldstücken. Zum einen wurden diese vielerorts durch Flüsse, deren zahlreiche Nebenarme und Überschwemmungsflächen unterbrochen, zum anderen war das Waldgebiet auch nach außen begrenzt. Sobald man sich vom Flusslauf entfernte, wurde die dichte Vegetation spärlicher, das Unterholz schwand, bis irgendwann nur noch vereinzelte Baumfarne und Koniferen den Blick auf die freien Ebenen versperrten.


Doch soweit wagte sich die kleine Gruppe nie vor. Die Alttiere waren zwar bestrebt den Jungen alles, was sie zum Überleben benötigten, bei ihren täglichen Streifzügen zu zeigen, blieben jedoch meist im Dickicht verborgen. So begegneten sie nur selten einem Tier, das größer war als sie selbst. Meist trafen sie auf kleine Eidechsen und Pterosaurier, in Wassernähe auf Amphibien und Schildkröten mit ledrigem Panzer.


Einmal kreuzten sie einen breiten Trampelpfad und fanden dort eigenartige vierbeinige Riesen vor. Sie waren doppelt so hoch und mehr als doppelt so lang wie ein ausgewachsener Dryosaurus. Auf ihrem Rücken befanden sich vom Kopf bis zum Schwanzansatz zwei Reihen großer, flacher, rautenförmiger Platten. Das Ende des Schwanzes war außerdem mit zwei Paar furchteinflößender Stacheln bewehrt. Die Vorderbeine waren etwas kürzer als die Hinterbeine, durch die daraus resultierende Körperhaltung konnten die Kolosse ihre beeindruckenden Waffen am Körperende hoch über dem Boden hin- und her schwenken. Trotz ihrer imposanten Erscheinung wirkten die großen Saurier harmlos, denn ihre kleinen flachen Schädel sahen nicht sonderlich bedrohlich aus. Die gutmütigen Augen würdigten die Neuankömmlinge kaum eines Blickes und konzentrierten sich alsbald wieder auf die bodennahe Vegetation. Auch die Dryosaurus-Weibchen beachteten die drei Stegosaurier nicht weiter, blickten aber nervös umher, bevor sie den Pfad zügig überquerten. Um den Anschluss nicht zu verlieren, taten die Jungtiere es ihnen gleich.


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