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Science Fiction
Buch Leseprobe TERRA-Ende der Zivilisation, Joachim Hausen
Joachim Hausen

TERRA-Ende der Zivilisation



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                     1


»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«, rief der Mann. Danach schrie er nochmals mit lauter Stimme auf. Mit den geflüsterten Worten: »Es ist vollbracht«, sank sein Kopf auf die Brust und zur Seite.


Eine Gewitterbank drohte am Horizont. Blitze zuckten. Ein Windstoß wirbelte Laub, abgestorbene Gräser und Staub auf.


Die Mutter von Jesus von Nazareth und seine Frau Maria Magdalena standen weinend unter dem Kreuz.


Joseph, ein reicher Mann aus Arimathäa und Jünger von Jesus, und ein weiterer Mann kamen hinzu und trösteten die Trauernden. Die Männer nahmen den Leichnam vom Kreuz und wickelten ihn in reine Leinwand. Sie legten ihn in das neue Grab von Joseph, das er in einem Felsen eines nahen Garten hatte hauen lassen. Sie wälzten einen großen Stein vor den Grabeingang und entfernten sich. Maria Magdalena und Jesus Mutter saßen dem Grab gegenüber und weinten.


Die Frauen erschraken, denn zwei Engel traten zu ihnen. Einer der weiß Gekleideten sprach: »Fürchtet euch nicht. Wir kommen, um ihn aufzuerwecken und mit ihm in den Himmel aufzufahren.« Er nahm einen handgroßen Gegenstand aus der Tasche seines Gewandes, richtete ihn auf die beiden Frauen und danach auf das Grab.


Die Engel rollten den Stein vom Eingang, betraten das Felsgrab und verließen es mit dem in das Leinentuch gehüllten Jesus. Sie eilten mit ihrer Last durch das Buschwerk des Gartens und entschwanden den Blicken der Frauen.


Ein goldlockiger Engel kehrte zurück und sprach zu ihnen: »Geht hin und bringt den Jüngern von Jesus die Botschaft, sie sollen übermorgen auf den bekannten Berg nach Galiläa gehen, dort werden sie ihn sehen. Seht, ich habe es euch gesagt.« Der Engel verschwand hinter den Büschen.


Kurze Zeit später erfüllten sägende, brausende und sausende Geräusche den Garten. Mit aufgerissenen Augen sahen die Mutter und die Frau von Jesus ein goldfarbenes Engelsgefährt in den Himmel aufsteigen.


 


                          2


In 300 Meter Höhe jagte der 18 Meter lange Großgleiter nach Osten. In der einsetzenden Abenddämmerung erreichte er sein Ziel östlich von Babylon. Ein Sonnenstrahl ließ den mit Gold bedampften abgerundeten Bug aus Glasset aufblitzen.


Aus der Schotterebene des Gebirgsvorlandes ragte eine verkarstete Kalkkette schroff empor. Hinter einem kaum wahrnehmbaren Bergeinschnitt lag in Nord-Süd Richtung ein ovales Tal. Durch das rechte Drittel floss ein Bach.


Von sägenden, summenden und winselnden Geräuschen begleitet, senkte sich das sechs Meter breite Engelsgefährt mit ausgefahrenen Kufen links des Bachlaufs auf den mit Kriechgras bewachsenen Boden. Das senkrechte Heck zeigte auf die Mitte eines 16 Meter breiten steinernen Gebäudes. Die Geräuschkulisse erstarb. Zischend schwang im Bug eine Tür nach oben. Einer der Engel stieg aus. Die hölzerne Doppeltür in dem 24 Meter langen Haus öffnete sich und ein weiblicher Engel mit schulterlangem goldfarbenem Lockenhaar trat heraus. Die 1,82 Meter messende Frau trug ortsübliche Kleidung. Zwischen ihren Schulterblättern bewegten sich ein Paar schneeweiße Flügel. Oval geformt maßen sie in der Länge 80 Zentimeter bei einer maximalen Breite von 40 und liefen unten in einer stumpfen Spitze aus. Sie öffneten sich gemächlich bis zu einem Winkel von etwa 100 Grad und schlossen sich sanft, ähnlich dem Flügelschlag eines Schmetterlings, der an einer Blüte nascht.


Die Engelsfrau schob an einer T-förmigen Stange eine vier Quadratmeter messende Plattform vor sich her, die drei Handbreit über dem Boden schwebte. Die zweiflügelige Hecktür des Gefährts öffnete sich. Der zweite männliche Engel sprang heraus. Die Frau bugsierte ihr Schwebegefährt auf die Ladeebene des Luftgefährts. Der Mann griff seitlich ins Innere. Summend erschien ein Gebilde, das einem Sarg glich. Die untere Hälfte bestand aus stumpfsilbernem Leichtstahl, die obere aus einer doppelten Lage durchsichtigem Glasset. Sanft setzten die zwei Hebearme die Last auf der Antigravplattform ab und zogen sich den Großgleiter zurück.


Der weibliche Engel stellte den LifeRobot im ersten Zimmer links hinter dem Gebäudeeingang ab und schob die Plattform in den Flur. An der rechten Krankenzimmerwand, wie das Gebäude aus glattem Kalkstein der Umgebung gemauert, standen eine Schlafliege, ein Holztisch und ein Kontursessel.


Der MedoComp, der medizinische Computerroboter, beherrschte den unteren Teil der Stirnwand. Darüber hing ein fünf Zentimeter starkes Leichtstahlgehäuse, in dessen Mitte sich der 38-Zoll-Zentralmonitor befand, den rechts und links je zwei 25-Zoll-Bildschirme einrahmten. Einer der männlichen Engel, ein muskulöser Mann von 1,85 Meter mit halblangen weizenblonden Haaren, bückte sich und schloss das Energiekabel an den LifeRobot an, um dessen SH-Akkus zu schonen. Er befestigte weitere Kabel und vier Schläuche. Schlagartig erwachten die Bildschirme zum Leben. Ein feines Summen stand im Raum. Der zweite Mann mit kinnlangen Goldlocken setzte sich in den Kontursessel vor der dunkelrot gemaserten Echtholzarbeitsplatte. Er bediente Sensotastatur und Trackball.


Die Engelsfrau beugte sich über den LifeRobot. Der 36-jährige Jesus von Nazareth, 1,68 Meter groß, lag nackt auf einer Konturliege. Sein Kopf steckte in einem durchsichtigen Helm, dessen Nanodrähte sich in alle Gehirnregionen abgesenkt hatten. Elektroden hefteten am Brustkorb. Ein Beatmungsschlauch stak in seinem Mund. Verschieden dimensionierte Schläuche endeten in seinen Armbeugen und in einer Halsschlagader. Metallisch schimmernde Bänder umspannten Unterarme, Brust, Bauch und Oberschenkel.


Die Frau lächelte und wandte sich der Monitorwand zu. Über die Bildschirme liefen die Anzeigen der lebenswichtigen Funktionen des Gekreuzigten.


»Bisher tadellos«, kommentierte der Engel im Sessel mit sonorer Stimme. Der andere Mann nickte. »Genau Bharo«, sagte er mit einem stimmlich angenehmen Timbre. »Wir kamen zur rechten Zeit. Jesus starb etwa 40 Minuten vor dem Anschluss im LifeRobot. Eine Viertelstunde später ...« Er zuckte mit den Schultern und sein Flügelschlag steigerte sich.


»Ja, ich freue mich über diese erfolgreiche Mission«, bestätigte Shara Bhala, die 25-jährige Engelsfrau, mit ihrer rauchigen Stimme. Ihre malvenfarbenen Mandelaugen blitzten.


Bharo Pholox hob eine Hand. »Keine voreiligen Freudenkundgebungen«, meinte er. »Noch ist er nicht überm Berg. Einige Werte schwanken zu stark, sie müssen sich erst stabilisieren, danach können wir aufatmen.« Er blickte auf die Uhr am Zentralmonitor. »19:25 Uhr. In 15 Stunden wissen wir endgültig Bescheid. Wir halten abwechselnd dreistündige Wachen.« Er wandte sich um und grinste. »Besorgt ihr beide etwas zum Essen. Ich übernehme die erste Schicht.«


Shara schenkte ihm ein bezauberndes Lachen. »Ja, ich weiß, du kochst nicht gerne.« Sie schlug dem 29-jährigen Dholor Shomar auf eine Schulter. »Komm, wir grillen Steaks und bereiten Gemüse zu.« Die beiden Engel verließen das Krankenzimmer.


Während ihrer Nachtwache meisterte Shara Bhala mithilfe des MedoComp zwei kritische Situationen.


 


                       3


Um elf Uhr am nächsten Morgen versammelten sich die Engel um den LifeRobot. Bharo Pholox studierte die Monitore und die über Nacht aufgezeichneten Daten. Mit zufriedenem Gesichtsausdruck öffnete er das Glassetoberteil, entfernte den Helm, Atemschlauch, die Bänder und alle Elektroden. Die Medikamenten- und Ernährungsschläuche blieben an ihren Plätzen. Der von den Toten Auferweckte atmete ruhig. Sein Gesicht besaß eine normale Färbung. Bharo drehte sich um, seine dunkelblauen Augen glänzten. »Jesus kehrte ins Leben zurück. Nach dem Mittagessen müssen wir noch einige Gehirnregionen intensiv überprüfen lassen.«


Um 14:50 Uhr standen die Ergebnisse fest, die Bharo Pholox zusammenfasste: »Das Gehirn unseres Schützlings erlitt keinen gravierenden Schaden — mit einer Ausnahme.«


Seine Artgenossen blickten betrübt.


»Leider arbeitet sein Kurzzeitgedächtnis nicht mehr korrekt«, fuhr er fort und ein Schatten huschte über sein ebenmäßiges Gesicht. »In zwei Stunden lassen wir ihn aufwachen. Wir reden mit ihm und stellen das Ausmaß der Schädigung fest.«


Die Shemurer, wie sich diese Menschen bezeichneten, beherrschten Jesus Sprache, also Aramäisch, außerdem Griechisch und Latein.


Die Engel saßen um 17:20 Uhr dem auferstandenen Jesus im Wohnraum des Hauses von Shara Bhala gegenüber. Bharo und Dholor wohnten daneben in identischen Gebäuden. Der Mann aus Nazareth hatte geduscht und trug gleichartige Kleidung, wie er sie vor seiner Verhaftung in Jerusalem getragen hatte. Vor ihm standen eine Schale mit dampfender Fleischbrühe, ein Teller mit Brei und ein Glas Fruchtsaft. Er aß mit bedächtigen Bewegungen. Danach blickte er seinen Rettern in die Augen und stellte mit leiser Stimme zahlreiche Fragen. Mit ebenso leisen Stimmen antworteten die Engel und befragten ihn anschließend ihrerseits.


Nach zwei Stunden stand das Ausmaß der Gedächtnislücken fest. Jesus von Galiläa konnte sich an die Ereignisse der letzten sieben, acht Monate nur bruchstückhaft erinnern. Die Geschehnisse von der Stunde seiner Verhaftung an blieben in der Schwärze des Vergessens, eventuell für immer.


Er hob eine Hand. »Die Erinnerung an meine Mission, die Menschen auf den rechten Weg zu führen, sitzt noch in meinem Gedächtnis. Schemenhaft ziehen einige meiner Jünger an meinem inneren Auge vorbei — doch weitermachen?« Er zuckte mit den Schultern und blickte mit seinen schwarzbraunen Augen reihum seine Retter an. »Weitermachen, das traue ich mir nicht zu — das kann ich nicht mehr. Viel — zu viel Wirrwarr — zu viele Lücken in meinem Kopf.« Er strich sich über die Stirn.


Bharo Pholox ergriff die Hände von Jesus. »Schade, sehr schade. Wir setzten große Hoffnungen in dich. Unsere Landsleute verfolgten deinen Lebensweg vom Tag deiner Geburt an. Sie und wir sahen in dir den Erlöser, der mit seiner Lehre und seinen Taten dem furchtbaren Treiben der Herrschenden und vieler Menschen ein Ende bereiten sollte.« Er seufzte, trank einen Schluck Wasser und fuhr fort: »Doch es gibt noch Hoffnung. Meines Wissens kann man die Schädigungen mit Übungen, Geduld und mit unseren Heilmitteln teilweise, eventuell sogar komplett, beheben.« Er zuckte mit den Schultern, sein Flügelschlag steigerte sich. »Allerdings werden wir erst in etwa zwei Jahren feststellen, ob die Maßnahmen wirkten«, fügte er hinzu.


Schweigen lastete im Raum.


Dholor Shomar strich sich durchs weizenblonde Haar, beugte sich vor und fixierte Jesus mit seinen rauchblauen Augen. »Morgen essen wir früh zu Mittag. Danach fliegst du mit uns nach Galiläa. Deine Jünger wissen, an welchen Ort sie sich begeben sollen. Du sprichst zu ihnen und forderst sie auf, deine Mission fortzusetzen.«


Ein Lächeln überzog das Gesicht des Heilsbringers der Menschheit. »Ihr müsst mir sagen, was ich reden soll und ich will üben, bis ich die Worte beherrsche.«


Dholor nickte. »Keine Sorge, während des Fluges übe ich mit dir. Es handelt sich nur um ein paar Sätze, deinen letzten Auftrag an deine Jünger.«


Jesus von Nazareth lächelte. »Ich danke euch für meine Rettung und für eure Mühen. Gott, der Allmächtige, wird euch alles vergelten.« Er trank von seinem Saft und deutete auf die Flügel seines Gegenübers. »Seid ihr wahrhaftige Engel, die Gott zur Erde sandte?«


Shara Bhala schüttelte den Kopf und lachte — engelhaft. »Nein, wir sehen nur aus, wie Erdenmenschen sich Engel vorstellen. Ich werde dir in den nächsten Tagen unsere Geschichte erzählen. Du brauchst jetzt deine Ruhe, du musst viel schlafen, denn nur im Schlaf regeneriert dein Gehirn.«


Bharo schob Jesus eine hellblaue Tablette hin. »Schluck dieses Heilmittel mit Wasser. Es unterstützt die Heilungskräfte deines Körpers.«


Der Nazarener tat es.


 


                        4


Mit charakteristischer Geräuschkulisse stieg am nächsten Tag gegen 12:00 Uhr der Großgleiter in das Blau des mesopotamischen Himmels. Shara winkte.


Dholor saß mit Jesus im viersitzigen Fond. Mit Erstaunen im Gesicht sah sich dieser in der Kabine um. Er berührte das Glasset und das weiche Kunstleder seines Kontursessels, der sich perfekt seinem Körper angepasst hatte. Mit interessierten Blicken musterte er die unter ihm vorbeigleitende Landschaft. Erst 1900 Jahre später würde der nächste Mensch eine Luftreise unternehmen.


Jesus übte die wenigen Sätze, die er nachher sprechen sollte.


Am frühen Nachmittag senkte sich das Himmelsgefährt hinter Strauchwerk und übermannshohen Felsen auf die abgerundete Kuppe des Berges in Galiläa. Zischend schwang die Tür nach oben und Jesus stieg aus. Er drehte sich um, bedachte Dholor mit seinem unnachahmlich gütigen Blick und lächelte. »Hoffentlich schaffe ich das.«


»Aber sicher, du kannst das.«


Jesus von Nazareth nickte, strich durch sein schulterlang wallendes dunkelbraunes Haar und entfernte sich. Er umrundete die Felsformation, durchquerte das Buschwerk und schritt 200 Meter den flachen Hang hinab zu einer ebenen Stelle.


Minuten später erschienen elf seiner Jünger. Sie sahen ihn und beteten ihn an; einige aber zweifelten. Jesus trat vor, hob beide Hände und sprach mit seiner warmen und tiefen Stimme zu ihnen: »Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Darum geht hin und macht alle Völker zu Jüngern, indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu halten, was ich euch aufgetragen habe. Seht, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.«


 


                         5


Am nächsten Tag schlief Jesus die meiste Zeit.


Nach dem Frühstück tags darauf fasste Shara einen Arm des Mannes aus Nazareth und sagte: »Komm, ich zeige dir unser Tal. Es misst 4.000 Schritte in der Länge und maximal 3.000 in der Breite.«


Sie durchquerten eine mit Obstbäumen bestandene Wiese, Gemüsegärten und überquerten den Bach, in dem klares Wasser murmelte. Sie umrundeten ein Feld mit sprießendem Getreide und schritten unter blühenden Bäumen zu dem Gebäude, in dem das Krankenzimmer lag.


»In diesem Bau befinden sich Werkstätten und Technikräume«, erklärte die Engelsfrau. »Im Verlauf der nächsten Tage zeigt und erläutert dir Bharo alles. Wenn du möchtest, kannst du dort arbeiten.«


Jesus lächelte. Freude stand in seinen tiefgründigen Augen. »Ich interessiere mich besonders für das Zimmermannshandwerk, ein Erbe meines Vaters.«


Sie schlenderten in nördliche Richtung durch Kräuter- und Gemüsegärten, hinter denen vier identische Steinhäuser standen. Die mit Steinplatten gedeckten Dächer dreier Gebäude wiesen Schäden auf. Eine Schar Hühner stob gackernd davon.


Shara erläuterte: »Die ungepflegten Bauten stehen leer, einer beherbergt unseren Viehstall. Im anderen Haus wohnt eine Familie mit zwei halbwüchsigen Kindern. Sie stammt aus einem benachbarten Dorf. Die Frau und der Mann kümmern sich um die Anpflanzungen und das Vieh.«


Jesus nickte. »Ich will sie bei der Arbeit unterstützen und ihnen und den Bewohnern ihres Dorfes die Botschaft des Herrn überbringen — wenn ich dazu wieder fähig bin.«


Die beiden Menschen spazierten an einem Getreidefeld entlang weiter nach Norden. Sanft bewegten sich Sharas Flügel. 200 Schritte vor einer aufragenden Felswand am Ende des Tals blieben sie stehen. Vor ihnen ragte ein Baum auf, dessen Stammhöhe ungefähr fünf Meter betrug, und dessen Krone eine fast regelmäßige Halbkugelform aufwies. Unregelmäßig angeordnete handlange weiße Flecken bedeckten die rissige olivenfarbene Rinde. Dem Stamm entsprangen sechs Äste, die in einer Vielzahl von Zweigen endeten. Spatelförmige hellgrüne Blätter mit weißen Härchen bewegten sich im Wind. In einigem Abstand stand links ein gleichartiger Baum.


Shara deutete darauf und erklärte: »Sie weisen ein Alter von 400 Jahren auf. In etwa 100 Jahren sterben sie ab. Meine Vorfahren brachten in Kübeln zehn Bäumchen aus ihrer Heimat mit und pflanzten sie in einem benachbarten Tal. Wir erzählen dir heute Abend diese und unsere Geschichte.«


Sie ging zu einem herabhängenden Ast, streckte sich, wobei Jesus ihren ansehnlichen Busen bewundern konnte, und pflückte eine der apfelgroßen violett schimmernden Früchte. »Ein ausgewachsener Baum trägt rund 200 Stück. Hier kann man sie von Mitte April bis Ende Mai ernten.«


Mühelos brach sie die fleischige Frucht entzwei und entnahm ihr den drei Zentimeter durchmessenden Stein, der einer Walnuss glich. Saft lief über ihre feingliedrigen Hände.


Jesus deutete darauf. »Diese Bäume wachsen auch in meiner Heimat. Die Leute pressen die Früchte aus und trinken den Saft. Er soll vor Krankheiten schützen.«


Lächelnd nickte der Engel. »Genau. Wir und die Bewohner der umliegenden Dörfer trinken ihn ebenfalls. Er stärkt die Abwehrkräfte des Körpers und enthält lebenswichtige Substanzen. Wir nennen sie Vitamine, Mineralien und Spurenelemente. Man vermehrt die Bäume, indem man die Fruchtsteine eine Handbreite tief in den Boden steckt. Sie gedeihen nur in heißen und trockenen Gebieten bis zu einer Höhe von 1.200 Metern.«


Shara Bhala hielt den Stein hoch. »Sein eigentliches Geheimnis verbirgt sich im Innern. Dort befindet sich ein hellbrauner Kern, rund und weich. Wir trocknen die Kerne und zermahlen sie zu Pulver. Danach kommt dieses in eine Maschine — ich zeige sie dir später — die eine vorgegebene Menge zu Tabletten presst. Ab dem Alter von fünf Jahren nimmt man sie in dreimonatigen Abständen ein. Sie schützen vor Krankheiten aller Art und verhindern Alterserscheinungen, zum Beispiel Gedächtnisverlust.«


Sie lächelte und zeigte ihre Perlen ähnelnden schneeweißen Zähne. »Daher nennen wir diese Gewächse Lebensbäume. Mein Volk fand sie bisher nur in unserer Heimat.«


Das friedvolle Gesicht von Jesus leuchtete auf. »Gott sandte euch mit diesen segensreichen Bäumen zur Erde und er hält schützend seine Hände über mich und über euch. Wenn ich also dieses Tabletten einnehme, dann kann ich bald wieder klar denken — oder?«


Traurigkeit in Sharas hellhäutigem Gesicht. Sie fasste ihn an den Schultern und blickte ihm tief in die sanftmütigen Augen. »Leider nein, Jesus. Das Pulver verhindert nur die Krankheiten und Gebrechen, heilen kann es sie nicht.«


Sie kehrten zurück, beobachtet von einem Greifvogel, der im Blau des Himmels schwebte.


 


                         6


In der Abenddämmerung nahmen die vier Menschen ihr Essen auf der überdachten Terrasse von Shara Bhalas Haus ein. Im Nachbarhaus lebte der 28-jährige Bharo Pholox zusammen mit Jesus. Jedes Gebäude besaß zwei Schlafzimmer mit angrenzendem Bad, zwei Wohnräume, eine großzügig bemessene Küche, eine Vorratskammer und einen Arbeitsraum.


Zum Abendessen gab es gegrillte Hähnchen, verschiedene Gemüse und frisch gebackenes Brot. Man trank kühles Brunnenwasser und Saft der Früchte der Lebensbäume.


Dunkelheit senkte sich auf die Landschaft. Der Mann aus Nazareth erschrak — auf der Terrasse und in den Häusern schaltete sich eine anheimelnde Beleuchtung ein. Er sah sich irritiert um. »Wunder auf Wunder«, meinte er und blickte mit fragendem Gesichtsausdruck seine Retter an. »Wie gelang es euch, das Licht der Sonne einzufangen?«


Dholor lachte und zeigte perfekte Zähne. »Für dich ein Wunder, für uns Alltag.« Er deutete halbhoch in die Nacht. »Auf der Kuppe eines hohen Felsens stehen drei ausladende Gebilde, die dem Lauf der Sonne folgen, deren Licht einfangen und in etwas umwandeln, das wir Energie nennen. Diese reist durch die Luft und trifft auf einen Empfänger auf dem Dach des großen Hauses. Dort leiten wir sie mit einem Kabel, das einem dünnen Strick ähnelt, in Behälter und sammeln sie dort, ähnlich wie man Regenwasser in einer Tonne sammelt. Bei Bedarf rufen wir das gesammelte Sonnenlicht ab.«


Jesus runzelte die Stirn. Bharo trank zwei Schlucke Saft. »Sorge dich nicht. In den nächsten Tagen zeigen und erklären wir dir alles.«


Der Mann Gottes nickte nur.


Shara fasste eine seiner feingliedrigen Hände und sah ihm mit zärtlichen Blicken ihrer malvenfarbenen Augen ins Gesicht. »Wir entstammen dem Volk der Shemurer und kommen von einem Planeten, den wir SHEMUR nennen«, begann sie zu erläutern. »Dieser Planet ähnelt der Erde, doch er befindet sich ungeheuer weit von hier entfernt, so weit, dass sich kein Erdenmensch diese Strecke vorstellen kann.«


Bharo zeigte in den sternenübersäten Nachthimmel, in dem die Sichel des Mondes schwamm. Er und Dholor erklärten dem Nazarener die Begriffe Sterne und Sonnen, Planeten und Monde. Sie schilderten mit verständlichen Worten die Geschichte ihres Volkes und die Errungenschaften ihrer Zivilisation.


Jesus deutete auf Sharas Flügel. »Damit könnt ihr also nicht fliegen?«


Glockenreines Lachen. Goldlocken hüpften. »Wir brauchen sie, um zu atmen. Wir zeigen dir demnächst auf dem großen Spiegel im Krankenzimmer, wie sie funktionieren.«


Bharo räusperte sich und trank zwei Schlucke Wasser. »Unser Volk begann vor über 3000 Jahren mit Riesenschiffen das Weltall zu erkunden«, erzählte er in seiner bedächtigen Art. »Ein Erkundungsschiff, mit 80 Frauen und 76 Männern an Bord, erlitt nach zehn Monaten Fahrt durch die Unendlichkeit schwere Schäden. Wie von einem gewaltigen Sturm verschlagen, strandete es in der Nähe der hiesigen Sonne. Die Besatzung stellte fest, dass sie die Schäden nicht beheben konnte. Sie entdeckte die Erde und nach 20-monatiger Reise ließ sie ihr Schiff hoch über diesem Landstrich schweben. Das geschah vor etwa 1000 Jahren. Zu jener Zeit herrschten hier die Assyrer.«


Jesus riss die Augen auf. »Bereits so lange halten sich eure Landsleute in dieser Gegend auf? Kein Wunder, dass man wegen eurer Größe, der Flügel und der Goldhaare auch in der Vergangenheit des Öfteren von Engeln redete.«


Dholor nickte lachend und setzte die Erzählung seines Artgenossen fort: »Die Hälfte der Frauen und Männer stieg vom Himmel herab und siedelte sich in Babylon an. Sie traten als Boten der Götter auf. Die an Bord Gebliebenen landeten Monate später in diesem Tal. Aus mitgebrachten Bauteilen errichteten sie Häuser. An Bord des Schiffes befanden sich Getreide- und Gemüsesamen, ebenso Kerne von Obstsorten. Die Shemurer vermehrten sich. Bis auf vier Paare, die hier zurückblieben, zogen Jahre danach die übrigen nach Assur und Ninive. Die meisten der Schiffbrüchigen vermischten sich mit der einheimischen Bevölkerung. Kinder entsprangen diesen Beziehungen. Die Eingeborenen bezeichneten sie als Halbgötter.«


Shara erzählte weiter: »Diese Kinder wiesen ebenfalls Flügel auf, allerdings deutlich kleinere und ohne Funktion. Die folgende Generation besaß verkümmerte Flügelreste. Danach tauchten sie nur noch als eine knöcherne Verwachsung zwischen den Schulterblättern auf.«


Erkenntnis zog über Jesus hellbraunes Gesicht. Seine Augen leuchteten auf und er rieb sich die scharf geschnittene Nase. Mit seiner Rechten griff er sich in den Nacken. »Ich erinnere mich, dass meine Mutter mir in meiner Kindheit sagte, ich hätte Gottes Zeichen zwischen den Schulterblättern.« Der von den Toten Auferstandene wirkte aufgeregt. »Sie segnete mich und meinte, dass ich eines Tages Bedeutsames zum Wohle der Menschen vollbringen werde.« Er schien erschüttert.


Shara fasste ihn an einer Hand. In ihrem Gesicht stand Weichheit und in ihren Augen Liebe. »Jesus von Nazareth, dein Urgroßvater war ein reinrassiger Artgenosse von uns.«


Mit einer majestätisch wirkenden Bewegung nahm er sein Glas und trank mehrere Schlucke Fruchtsaft. Er setzte das Trinkgefäß ab, hob die Arme und richtete die geöffneten Hände auf seine Gegenüber. Mit leiser Stimme, in der jedoch Kraft und Anmut schwebten, sagte er: »Ich rufe den Segen Gottes auf euch herab und bitte ihn, euch immer zu beschützen. Ich weiß jetzt, dass der Allmächtige die Shemurer zur Erde führte, um einen ihrer Nachkommen zu beauftragen, die Menschen aus der Finsternis zu führen und ihre Seelen zu retten.«


»Wunderbar — geradezu göttlich formuliert«, flüsterte Shara. Tränen liefen über ihre Wangen. »Ich will, dass du mich morgen taufst.«


Feuchtes Schimmern in den Augen der außerirdischen Männer. Jeder hob eine Hand. Mit belegten Stimmen sagten sie wie aus einem Mund: »Du musst auch uns morgen taufen.«


Jesus nickte: »So soll es geschehen.«


Shara wischte sich die Tränen weg und blickte in die sanftmütigen Augen des Erdenmenschen. »Vor acht Jahren zogen wir mit den hier verbliebenen Shemurer nach Babylon. Wir drei kehrten vor vier Jahren ins Tal zurück. Das städtische Leben gefiel uns nicht.« Ihre Flügel bewegten sich heftiger. Sie trank von ihrem Wasser und fuhr fort: »Und jetzt verrate ich dir das größte Geheimnis unseres Volkes. An Bord des Schiffes befanden sich in einem abgesicherten Raum, den die Besatzung nicht öffnen konnte, in Holzbottichen die Bäume des Lebens. Nachdem feststand, dass die Schiffbrüchigen nicht mehr in ihre Heimat zurück konnten und nachdem sie die Erde erreicht hatten, öffneten die Maschinen des Schiffes den Raum mit den inzwischen sechsjährigen Lebensbäumen. Doch diese zehn Bäume weisen eine besondere Eigenschaft auf, eine fantastische Eigenschaft. Nimmt man die vorgeschriebene Menge des Pulvers der inneren Kerne in genau definierten Zeitabständen ein, verhindert es nicht nur alle Krankheiten, sondern — sondern es ermöglicht auch ein langes Leben. Die Droge des Lebensbaums verlängert das Leben eines Menschen um mehr als das Dreifache seiner persönlichen Lebenserwartung.«


Jesus riss die Augen auf und schluckte. »Ein wahrhaft göttliches Geschenk«, meinte er schließlich.


Die Shemurerfrau nickte. »Diese lebensverlängernde Eigenschaft der inneren Kerne entdeckten unsere Artgenossen erst 800 Jahre nach dem Erkennen der krankheitsverhinderten Wirkung. Allerdings verfügen nur die Früchte weniger Bäume, die auf SHEMUR in einem Tal in 900 Meter Höhe wachsen, über diese wunderbare Eigenschaft. Es gelang zwar, diese Lebensbäume außerhalb des Tales zu vermehren, jedoch wiesen deren Kerne nur die gleichen Eigenschaften wie die der übrigen Bäume auf, also ohne Lebensverlängerung. Die Gründe hierfür entdeckten zwei Wissenschaftler, die im Dienst des 2. Erhabenen Gaspor standen, erst Jahre später. Man erlaubte ihnen die Einnahme der Droge des Lebens, unter der Voraussetzung und Androhung der Todesstrafe, Stillschweigen über ihr Wissen zu bewahren. Bis zum heutigen Tag kennen nur die elf Erhabenen Gaspore die Ursache der Lebensverlängerung. Zum Zeitpunkt der Abreise der Schiffbrüchigen wuchsen in dem vorhin erwähnten Tal 500 Lebensbäume. Wie du inzwischen weißt, trägt jeder Baum im Jahr durchschnittlich 200 Früchte. Dies bedeutet, dass die Anzahl der Menschen, die in den Genuss der Lebensverlängerung kommen können, niemals umfangreiche Zahlen erreichen kann.«


Shara lächelte und trank zwei Schlucke.


Bharo setzte die Geschichte fort: »Die Empfehlung, wer die Droge verwenden darf, geht von unserer Großen Völkervertretung aus, danach fällt die Oberste Kaste der 33 Suffeten die Entscheidung — wir erklärten dir vorhin diese Einrichtungen. Drei Viertel von ihnen müssen zustimmen.«


Shara erhob sich, verschwand im Wohnraum und kehrte kurz danach zurück. Sie setzte sich, legte eine grüne Metallschachtel in die Tischmitte und klappte sie auf.


Jesus spähte hinein. In der Schachtel lagen vier braune Tabletten, etwa fünf Millimeter durchmessend.


Eine zarte Röte überzog das Gesicht der Shemurerfrau, sie schien aufgeregt. »Vor drei Wochen vollendete ich mein 25. Lebensjahr. Ab diesem Alter darf man die Droge des Lebens einnehmen.« Sie deutete auf ihre Artgenossen und fuhr fort: »Diese beiden nehmen sie bereits. Wir können auf der Erde erfahrungsgemäß ein Alter von rund 250 Jahren erreichen. In unserer Heimat wären es 300.«


»Warum erlaubte man euren Vorfahren und euch die Einnahme?«, wollte Jesus wissen.


Dholor übernahm die Antwort. »Wie du weißt, öffnete sich der Raum mit den Bäumen erst nachdem feststand, dass die Schiffbrüchigen auf der Erde überleben können. Gleichzeitig teilte die Maschine an Bord ihnen das Geheimnis der Lebensbäume und die Einnahmevorschrift mit. Danach sandte die Besatzung einen Notruf ab. Doch da die Erde unvorstellbar weit von unserem Sternenreich entfernt liegt, und der Notruf nur sehr, sehr langsam reist, trifft er ungefähr 2000 Jahre nach seinem Start am Rand unseres Einflussbereiches ein. Nach seiner Ankunft schickt man ein Rettungsschiff auf den Weg. Durch die Einnahme der Lebensdroge wollen unsere Verantwortlichen sicherstellen, dass man die Nachkommen der Gestrandeten auffindet. Wir kennen zwei Fälle, in denen solch eine Rettung funktionierte. Allerdings lebten die Nachfahren dieser Schiffbrüchigen auf Planeten, die keine eingeborenen Menschen aufwiesen.«


Jesus nickte und meinte: »Also kommt die Rettung für euch, vielmehr für eure Nachkommen, in 1000 Jahren.«


Die Engel sahen sich mit betrübten Mienen an. Shara schüttelte den Kopf. »Leider wird das nicht funktionieren. Wir drei sind die letzten reinrassigen Shemurer auf der Erde.«


Stille.


»Traurig, sehr traurig«, sagte Jesus mit leiser Stimme und sein Gesicht floss über vor Liebe. »Gottes Handlungen sind unergründlich und sein Wille geschehe.« Er räusperte sich und fragte: »Wo befindet sich euer Himmelsschiff?«


Dholor übernahm die Antwort. »Die zweite Generation der Gestrandeten ließ das Schiff ins Meer stürzen.«


Jesus nickte nur.


Shara gab sich einen Ruck und deutete auf die Tabletten. »Wir beschlossen, dass auch du die Droge des Lebens einnimmst. Du bist vermutlich der einzige Mensch auf dieser Welt, der verdient, ein langes und beschwerdefreies Leben zu genießen. Du sollst nach deiner Genesung zu den Menschen gehen und ihnen das Licht der Erkenntnis und den Frieden bringen. Dein Wirken wird erfolgreicher, als alles Handeln der Kaiser, der Könige und aller Regierenden. Wir werden dich mithilfe unserer Maschinen beschützen.«


Jesus von Nazareth riss die Augen auf. »Ihr seid und bleibt für mich die Engel, die Gott auf die Welt sandte, um alle Menschen vor der Finsternis zu bewahren. Ich danke dem Herrn dafür und nehme euer Geschenk an.«


Die Shemurerfrau Shara Bhala, der Engel aus den Tiefen des Weltraums, schob Jesus, dem Heilsbringer, zwei Tabletten hin. »Schlucke sie mit einem Glas Wasser, ich tue es ebenfalls. In fünf Tagen, etwa zur gleichen Zeit, müssen wir zwei weitere einnehmen und in vier Wochen die nächsten beiden. Drei und zehn Monate später folgt je eine. Danach sage ich dir, wie wir weitermachen müssen, man muss sich genau an die Einnahmevorschrift halten.«


Die beiden Menschen von verschiedenen Planeten schluckten die Droge des Lebens.


 


                         7


Nach dem Frühstück am folgenden Tag taufte Jesus die Shemurer mit dem Bachwasser im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.


Da der Bach nur im Winter Wasser führte, hatten die Männer mehrere Meter von ihren Häusern entfernt einen Brunnen gebohrt, eine Pumpe und Schläuche installiert, um die Gebäude zu versorgen. Ein Teil des Wassers floss in den Bach, sodass man immer über Wasser für Vieh und Pflanzungen verfügte.


Nach der Taufe erklärten Shara und Bharo dem Nazarener mit einfachen Worten im Technikgebäude die Funktionen der Computer. Jesus deutete mit verblüfft wirkendem Gesichtsausdruck auf einen 40-Zoll-Monitor, über den die Aufnahmen eines Dorfes zogen. »Dieser Spiegel zeigt also die Bilder, die eure kleine, runde Maschine sieht, die für uns Menschen unsichtbar am Himmel schwebt.« Bewunderung schwang in seiner Stimme.


Der Shemurer nickte. »Du verdankst diesem Himmelsauge dein Leben«, erklärte er. »Leider kann es nicht in Gebäude sehen und keine Stimmen auffangen. Daher erfuhren wir nichts über deine Verurteilung. Wir beobachteten zwar, wie man dich in das Haus führte, ahnten allerdings nicht, dass dieser Hohlkopf Pontius Pilatus derart rasch auf deine Kreuzigung drängte.«


Shara nickte und berührte Jesus am Oberarm. »Da wir aber inzwischen die grausamen Herrscher der Länder kennen, vermuteten wir Schreckliches und hatten bereits vor Wochen den LifeRobot montiert. Bharo und Dholor zogen ihre weißen Engelsgewänder an und flogen nach Jerusalem, Gott sei Dank noch rechtzeitig.«


Jesus segnete die Computer.


Die Wochen verliefen geruhsam. Zusammen mit dem Bauern kümmerten sich alle um die neugeborenen Haustiere und die Anpflanzungen. Shara bewunderte den Nazarener, der die Arbeiten mit anmutigen und majestätisch wirkenden Bewegungen erledigte.


Dholor zeigte Jesus die Zimmermannswerkstatt und erklärte ihm die Benutzung der Holzbearbeitungsmaschinen und der Werkzeuge. Der Sohn eines Zimmermanns gab sich begeistert. »Hier will ich einen Teil meiner Zeit zubringen und Nützliches herstellen«, rief er und lachte, ein göttliches Lachen, wie es dem Shemurer schien. Er zeigte Jesus in einem Raum die vier Superhochleistungsakkus, welche die tagsüber nicht benötigte Energie der Solarpanels speicherten. Der Mann aus Galiläa verstand offenbar nicht alles, doch er sagte: »Hier also sammelt ihr das Sonnenlicht, das unsichtbar in dem Ding an der Mastspitze ankommt, um es am Abend aus diesen Kästen herauszulassen und damit unser Leben zu erleichtern.«


Dholor strahlte. »Treffend formuliert. Du verstehst es, Unerklärliches verständlich darzustellen. Kein Wunder, dass du so erfolgreich den Gottesauftrag deinen Landsleuten nahe bringen konntest.«


Aus dem Dach des Technikgebäudes ragte ein fünf Meter hoher Mast, dessen Einrichtung die vom Abstrahlblock der Solarzellen übertragene Energie auffing.


 


15 Tage danach äußerte Jesus den Wunsch, ein kleines Gotteshaus zu bauen. Mit Begeisterung machten sich alle an die Arbeit. Die shemurischen Männer schnitten mit zwei speziellen Desintegratoren, DI-Strahler genannt, die benötigten Kalksteine aus dem nahe gelegenen Steinbruch.


Das Schneidewerkzeug, das man auch als Waffe benutzen konnte, besaß ein voluminöses Griffstück, in dem sich ein SH-Akku befand. Zwei faustdicke Energieerzeuger schlossen sich darüber an. Ein daumendicker, 15 Zentimeter langer Lauf endete in einem acht Zentimeter messenden konischen Gitter. Die Elektronik verdrillte innerhalb des silbrig schimmernden Gitters berührungslos zwei dünne unterschiedliche Energiestrahlen, die drei Millimeter nach dem Austreten aus der Spitze miteinander verschmolzen. Auf diese Weise entstand ein zwei Millimeter starker rosa leuchtender Energiestrahl, der sich bis Fingerdicke einstellen ließ. Beim Auftreffen auf jedwedes Material trennte der Strahl dessen Molekularstruktur auf und löste die Moleküle in ihre Atome auf. Die maximale Reichweite betrug innerhalb der Atmosphäre 40 Meter, ein effektives Werkzeug.


Mit dem Gleiter transportierten die Shemurer die Steine zur Baustelle, die 30 Schritte südlich des Technikgebäudes zwischen Obstbäumen lag.


Jesus und der Bauer halfen beim Mauern des neun Meter langen Hauses. Bharo schnitt in die Seitenwände jeweils drei schmale Fenster. In der sechs Meter breiten Stirnseite befand sich die Türöffnung. Mit Unterstützung von Dholor hatte Jesus das Dachgebälk gefertigt. Zusammen mit dem Einheimischen deckte der Nazarener das Dach mit rechteckig zugeschnittenen Kalksteinplatten. Den Fußboden legten sie ebenfalls damit aus. Sie zimmerten die Tür, den einfachen Altar und sechs zweisitzige Bänke.


 


Nach der Segnung des Gotteshauses musterte der Religionsgründer stirnrunzelnd den Altar, den Shara mit einem weißen Tuch verhüllt hatte. In einer tönernen Vase steckte ein Lebensbaumzweig, der einzige Altarschmuck.


Die Shemurer standen neben ihm. Obwohl es sich um einen schlichten Raum mit unverputzten Wänden handelte, schien er eine gewisse Erhabenheit auszustrahlen, mit Worten nicht zu erklären. Daneben gab die Anwesenheit des von den Toten Auferstandenen dem Raum eine fast göttliche Präsenz.


Jesus deutete auf den Altar und sagte in seiner anmutigen Art: »Ich will dort ein Licht hinstellen, das Tag und Nacht brennt. Es soll die Menschen wissen lassen, dass man Gott in diesem Haus immer sprechen kann.« Er wandte sich seinen Rettern zu und fuhr fort: »Außerdem möchte ich ein Symbol, das ich segne und auf dem Altar und über der Eingangstür anbringen will, auf dass ein jeder in diesem Haus die Stätte des Glaubens und die Anwesenheit des Herrn erkennt.«


Shara nickte und fasste Jesus Hand. »Lass uns in Ruhe darüber nachdenken.«


Dholor legte am nächsten Tag ein Kabel durch die Rückwand des Gotteshauses. Er nahm ein bruchsicheres Trinkglas und bohrte seitlich ein Loch. Danach verklebte er auf dem Glasboden eine rote LED, schloss sie an und stellte das Glas auf den Altar. Roter Schimmer erzeugte ein geheimnisvoll wirkendes Licht.


Jesus zeigte sich begeistert und segnete es.


 


Jeden Morgen nach dem Frühstück versammelten sich alle im Haus Gottes, auch die Bauernfamilie. Zunächst betete jeder ein paar Minuten vor sich hin, danach sprach Jesus mit seiner warmen und doch kräftigen Stimme immer ein paar tiefgründige Sätze. Am Sabbat predigte er einmal von Nächstenliebe, ein anders Mal führte er Gleichnisse auf oder prangerte die Sünden der Menschen an. Jedoch wies er stets daraufhin, dass Gott den Sündern vergeben werde, falls sie Reue empfanden. Nach Ende des Gottesdienstes segnete er seine Schäfchen.


Die Bauern sprachen wie Jesus Aramäisch.


Zwei Wochen nach Fertigstellung des Gotteshauses taufte Jesus die Bauernfamilie am Bach.


 


Am frühen Abend eines milden Tages Ende Dezember des Jahres 30 (ich verwende ab jetzt die Zeitrechnung, die man natürlich erst viel später einführte), stürzte ein freudestrahlender Bharo in Sharas Haus.


»Wird Zeit, dass du kommst«, meinte Dholor, der mit Jesus den Tisch deckte. »Shara bringt gleich das Essen.«


Der Neuankömmling nickte nur.


Zum Nachtisch verzehrte man Früchte. Bharo nahm sein MediPad, das er mitgebracht hatte, und das unseren Tablets ähnelte. Er berührte ein Icon und ein brillantes 3-D-Bild erschien. Er strich diagonal darüber, und wie von Zauberhand erhob es sich ein paar Millimeter und dehnte sich auf 50 mal 30 Zentimeter aus.


Jesus fragte: »Was willst du uns in diesem Spiegel zeigen?«


Bharo strahlte. »Deine Jünger, die fleißig deinen Auftrag in die Tat umsetzen, und deine Anhänger erkoren ein Symbol ihres Glaubens, sieh selbst.« Er drehte das MediPad so, dass jeder die Aufzeichnung verfolgen konnte.


Mit erstaunten Mienen erblickten alle einen Mann, der auf einem Dorfplatz offensichtlich zu einer Gruppe Menschen sprach. In einer Hand hielt er ein unterarmlanges hölzernes Kreuz und deutete ab und zu darauf.


Friede zog über Jesus Gesicht, sein Blick verklärte sich und mit leiser Stimme sagte er: »Meine Jünger erkoren das Kreuz, an dem ich starb, zum Symbol des wahren Glaubens. In seinem Zeichen werden sie den Menschen predigen und sie auf den rechten Weg führen. Ich glaube jetzt, dass ich nicht umsonst starb, und dass unter diesem Symbol meine Lehre ihren Siegeszug antreten wird.«


Am nächsten Tag zimmerte Jesus zwei 1,30 Meter hohe Kreuze. Er segnete sie und brachte eines über der Tür des Gotteshauses und das andere auf dem Altar an.


Danach versammelten sich alle und feierten zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte unter dem Zeichen des Kreuzes einen Gottesdienst.


 


                        8


Ende Juli des Jahres 31 erlebte das Haus Gottes eine weitere Premiere.


Der Erdenmann Jesus von Nazareth heiratete die Shemurerfrau Shara Bhala, die letzte ihrer Art auf der Erde. Eine Stunde vor dem Mittagessen fanden sich alle im Gotteshaus ein. Die Shemurer hatten ihre schneeweißen Engelsgewänder, die einer Toga ähnelten, angelegt. Jesus trug eine saubere Zimmermannskluft. Die Bauernfamilie, in ihren besten Kleidern, hatte sich die Haare gewaschen.


Sharas Gewand, wie auch das ihrer Artgenossen, endete eine Handbreit über den Knien. Jesus bewunderte ihre endlos wirkenden wohlgeformten Beine. Der Bräutigam setzte seiner angehenden Ehefrau einen Myrtenkranz auf den goldgelockten Kopf. Zarte Röte überflog ihre Wangen. Jesus nahm die Hände seiner Braut und mit seiner warmen Stimme sprach er die Worte, die eine jüdische Ehe besiegelten. Auf seinem Gesicht zeichnete sich überfließende Liebe ab.


Dholor trat hinzu und überreichte jedem einen selbst gefertigten schmalen Goldring. »Streift diesen Ring über den Finger eures Partners«, sagte er mit feierlich klingender Stimme. »Es handelt sich um eine Zeremonie aus unserer Heimat. Die Ringe dokumentieren nach außen eure Zusammengehörigkeit.«


Jesus strahlte. »Eine wunderbare Zeremonie.«


Die Brautleute steiften sich gegenseitig die Ringe über.


»Und jetzt müsst ihr euch küssen«, rief Bharo.


Mit rosa Flecken auf den Wangen taten sie es. Danach küsste Jesus seine Frau auf die Spitze ihrer kleinen Nase, die er stets mit süß bezeichnete.


Shara nahm die Hände ihres Angetrauten in die ihren. Zärtlichkeit überschwemmte ihr ebenmäßiges Gesicht und Liebe ließ ihre malvenfarbenen Augen erstrahlen. Sie flüsterte: »Du bist ein leidenschaftlicher und zarter Mann, wie ich ihn mir wünschte. Ich liebe dich, so wie du aussiehst und wie du dich anfühlst. Ich liebe alles, was du bist und was du je sein wirst. Ich liebe dein Lachen. Ich liebe die Dinge, die du weißt und die du sagst. Ich liebe dich so, dass ich mein langes Leben dazu brauche, um es dir zu sagen.«


Tränen schimmerten in ihren Augen.


Jesus von Nazareth stellte sich auf die Zehenspitzen, umfasste ihr Gesicht und küsste sie auf Stirn und Lippen. »Und mein Herz fließt über vor Liebe zu meinem Engel, der vom Himmel herabstieg und mich rettete. Ich will dich lieben bis zum Ende aller Tage.«


 


Dholor hatte mit seinem VidCom, das einem Smartphone ähnelte, die Trauung gefilmt.


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