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Science Fiction
Buch Leseprobe Sternenfall (Sammelband 1-4), Rüdiger Zuber
Rüdiger Zuber

Sternenfall (Sammelband 1-4)


Ein Reisender zwischen den Welten

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Luna, Mare Imbrium
21. März 2049 – 10:49 Mondzeit


 


»Niemals hätte ich für möglich gehalten, dass ich diesen Anblick so bald satthaben würde«, murrte Marek und zog die Mundwinkel nach unten. Leicht nach vorne gebeugt stand er neben dem Fahrersessel und stützte sich mit einer Hand auf der Rückenlehne ab. Die Stirn in eine Reihe tiefer Falten gelegt, starrte er durch die mit einer feinen Staubschicht überzogene Frontscheibe des Rovers. Sein Blick verlor sich irgendwo in der unendlich erscheinenden Weite des Mare Imbriums, der zweitgrößten Tiefebene des Erdtrabanten. »Eintöniges grau in grau, den ganzen lieben Tag lang, Woche für Woche, Monat für Monat immer das Gleiche«, beschwerte er sich weiter. »Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, ob ich diese Trostlosigkeit noch länger ertragen kann - und sei es auch nur für eine Stunde!«


»Wenn du dich noch ein wenig weiter bücken und den Blick nach oben richten würdest, könntest du die Sterne sehen«, schlug sein Partner Rodrigo vor, ohne den Blick von der Strecke abzuwenden. »Eine gemütliche Ausfahrt im Licht der Sterne. Was könntest du dir mehr wünschen?«


Rodrigo hielt sich eine Hand vor den Mund und unterdrückte ein Gähnen. Seit mehreren Stunden steuerte er den Rover nun ununterbrochen und es fiel ihm zunehmend schwerer, wach zu bleiben und seine ganze Konzentration auf das Fahren zu richten. Angesichts der Umstände war das kaum überraschend. Wie an den vorhergehenden Tagen waren sie auch an diesem Tag Dutzende Kilometer über flachen Beckenboden aus einer immergleichen Mischung von Sand und dem einen oder anderen Brocken Mondgestein gefahren. Das zwar leise, aber allgegenwärtige und einschläfernd gleichmäßige Surren des Elektromotors tat sein Übriges, um das Gefühl endloser Monotonie noch zu unterstreichen. Davon abgesehen konnte man es kaum als aufregend bezeichnen, stur geradeaus zu fahren - sah man von den vereinzelten Kurskorrekturen ab, die einmal alle paar Stunden nötig wurden. Aber selbst diese waren kaum der Rede wert. Seit fast einer Woche ging das jeden Tag so und ein Ende kam nicht in Sicht – mit Ausnahme der Montes Alpes, die sich stets in unerreichbarer Ferne zu halten schienen. Die Gebirgszüge markierten das Ziel und gleichzeitig auch den Wendepunkt dieses Ausflugs - und damit die ungefähre Hälfte des Weges.


»Toll«, erwiderte Marek schließlich wenig beeindruckt. »Und auf der ewig langen Rückfahrt werden wir dann nur noch die Erde sehen. Stimmt′s?« Er sprach die Worte verächtlich aus, es lag keine Vorfreude in ihnen.


»Ja, so ist es!«, bestätigte Rodrigo übertrieben fröhlich, um gleich darauf wieder ernst zu werden. »Irgendwie hast du schon recht«, gab er nach einer Weile zu. »Ein klein wenig mehr Vielfalt könnte dem Landschaftsbild beileibe nicht schaden.« Er wandte sich zu Marek um und lächelte breit. »Vielleicht ein sanft geschwungener Sandhügel hier und da, ein ausgetrocknetes Flussbett oder ein frisch ausgehobener Meteoritenkrater ...«


Statt Rodrigo einer Antwort zu würdigen, stieß Marek einen verdrießlichen Seufzer aus und wandte sich ab. Schon den ganzen Tag über war er in dieser mürrischen Laune gewesen. Resigniert ließ sich der Tscheche in den abgenutzten Sessel vor der Kommunikationsanlage fallen, die er tagein tagaus besetzte. Besser gesagt versuchte er, sich schwungvoll reinfallen zu lassen. Aber der Versuch misslang. Er schrie auf und ruderte mit den Armen. Im letzten Moment bekam er die Sitzfläche des Sessels zu fassen, sonst wäre er um ein Haar kopfüber ins Heck des Rovers abgedriftet.


»Do prdele! Hajzl ...«, stieß Marek eine Reihe deftiger Flüche auf Tschechisch aus. Rodrigo verstand die Sprache zwar nicht, aber die Worte waren in diesem Fall unwichtig. Die Bedeutung dieser Tirade war auch ohne Sprachkenntnisse unschwer zu erraten.


»Alles in Ordnung bei dir?«, erkundigte sich Rodrigo. Er unterdrückte ein Grinsen und gab sich alle Mühe, das Spektakel zu ignorieren, das sein Partner hinter seinem Rücken veranstaltete.


»Verdammt! Wegen der niedrigen Schwerkraft kann man sich nicht mal richtig in den Sessel schmeißen ...«, schimpfte Marek erbost, als er sich einigermaßen beruhigt und seinen Platz eingenommen hatte. Seine Stimme klang seltsam dumpf und undeutlich. Der Helm seines Raumanzugs war zugefallen und eingerastet. Marek klappte ihn geräuschvoll wieder auf und schob ihn nach hinten, bevor er mit geschlossenen Augen mehrmals tief durchatmete, um sich zu beruhigen.


»Wenn dir der Mond so sehr zum Halse heraushängt, warum bist du dann überhaupt hergekommen?«, fragte Rodrigo betont beiläufig, während er den Rover auf knapp über zwanzig Stundenkilometer beschleunigte. Das Fahrzeug quittierte das Manöver mit einem hörbaren Anstieg der Motorlautstärke. Es klang jetzt wie eine aufgebrachte Biene, die in einem Korb eingesperrt worden war.


Zwar sprach Rodrigo es nicht laut aus, aber die Langeweile und fehlende Abwechslung machten ihm genauso schwer zu schaffen wie seinem Partner. Wenn zwei Menschen tagelang in einem solch beengten Fahrzeug eingeschlossen waren, war es nur allzu verständlich, wenn sie von Zeit zu Zeit kurz davor standen, durchzudrehen. Ganz zu Schweigen von der Tatsache, dass sie nur eine winzige Pritsche zur Verfügung hatten. Es blieb ihnen daher gar nichts anderes übrig, als abwechselnd darauf zu schlafen. Der jeweils andere musste mit dem harten Boden vorliebnehmen. Essen und Trinken kamen aus Tuben und Flaschen und schmeckten wenig besser als Zahnpasta, alle menschlichen Bedürfnisse mussten innerhalb der Anzüge verrichtet werden. Egal, wie stark und charakterfest man auch war, irgendwann zehrten solche Dinge unweigerlich an den Nerven.


»Nun, ich ...«, setzte Marek zu einer Erklärung an, wurde aber von einem lauten Warnsignal unterbrochen.


»Und schon wieder ist eine Stunde vergangen«, sagte Rodrigo mit einem schiefen Lächeln, während Marek wortlos die Funkübertragung aktivierte. »Luna Basis Zwei«, rief Rodrigo laut und deutlich. »Hier spricht Rover Drei aus dem Mare Imbrium. Bitte melden.«


Als von der Basis keine Antwort erfolgte, wiederholte er den Ruf, die Stimme etwas lauter als zuvor: »Luna Basis Zwei, hier Rover Drei, bitte meldet euch.«


»Luna Basis Zwei hier. Empfangen euch, die Übertragung ist aber leider extrem undeutlich. Bitte wiederholen. Wer spricht da?«


»Rodrigo hier, Rover drei«, wiederholte Rodrigo noch lauter, er schrie jetzt beinahe. Was sollte das? Er hatte keine Störungen in der Übertragung bemerkt. Das Signal war klar und deutlich, eigentlich wie immer. Verzerrungen oder Unterbrechungen waren jedenfalls keine auszumachen.


»Rodrigo wer?«


Unwillkürlich ballte Rodrigo die Hände zu Fäusten. So ein verdammter Mist! Und wieder war er blindlings in die Falle getappt. War man nicht mal in der Abgeschiedenheit des Mondes vor dem Spott gefeit? »Rodriguez«, knurrte er und rümpfte die Nase. Er wusste nur zu genau, was als Nächstes folgen würde.


»Rrrodrrrigo Rrrodrrriguez im Rrroverrr drrrei«, plärrte die Stimme aus dem Lautsprecher und rollte dabei jedes einzelne R wie eine Maschinengewehrsalve. »Du warst echt Mamas Liebling, was, Rrrodrrrigo?«


»Hallo Victor«, erwiderte Rodrigo frostig. »Mir war nicht bewusst, dass deine Schicht bereits angefangen hat.«


»Aber, aber ... ich könnte meinen Lieblings-Spanier doch nicht im Stich lassen«, ertönte die prompte Antwort. Victor Stachura war der einzige Pole im Luna-Team und offizieller Kommunikationsexperte von Luna Zwei, der europäischen Basis auf dem Mond. Hinter seinem Rücken nannte ihn ein jeder nur Frankenstein. Weniger, weil er den Vornamen des berühmten Doktors teilte, sondern vielmehr aufgrund der frappierenden Ähnlichkeit mit dem Monster, das sein berüchtigter Namensvetter erschaffen hatte – einschließlich der überaus markanten Frisur. Nichtsdestotrotz war Victor Rodrigos direkter Vorgesetzter und offizieller Leiter der fünf Roverteams, die vor wenigen Tagen aufgebrochen waren, um das Mare Imbrium zu erkunden.


Zu den Aufgaben der Teams gehörte es, jeden Quadratmeter der Mondoberfläche genauestens zu kartographieren und mittels speziellen, neu entwickelten Tiefenscannern nach Bodenschätzen und größeren Rohstoffvorkommen zu suchen. Dazu gehörten auch regelmäßige Entnahmen von Boden- und Gesteinsproben und die Suche nach einem geeigneten Platz für die neue Mondbasis, die die Europäer mit den Asiaten, den Russen und den Amerikanern bauen wollten. Ein prestigeträchtiges Gemeinschaftsprojekt aller raumfahrenden Nationen, ein Symbol für den Frieden zwischen den Völkern. Keiner der Astronauten wollte so recht daran glauben, dass das Unternehmen ein Erfolg oder überhaupt realisiert werden würde. Andererseits fragte sie niemand nach ihrer Meinung.


»Und, wie ist es euch in der letzten Stunde so ergangen?«, wollte Victor wissen.


»Keine ungewöhnlichen Vorkommnisse«, meldete Rodrigo kurz und knapp. »Befinden uns exakt innerhalb des Zeitplans und nehmen weiterhin direkten Kurs auf die Montes Alpes.« Er wollte das Gespräch mit Victor so schnell hinter sich bringen wie irgend möglich. In einer Stunde mussten sie sich planmäßig wieder melden und dann ging der Spott von vorne los. In diesem Punkt war Victor wie ein kleines Kind. Er konnte ein und denselben Witz gut und gerne hundertmal machen. Und sich dann jedes Mal so köstlich darüber amüsieren wie beim ersten Mal.


»Na gut«, Victor klang leicht enttäuscht. »Dann hören wir uns in einer Stunde wieder. Viel Erfolg noch, Rrrrrodrrigo! Luna Zwei out.«


»Rover Drei out«, stieß Rodrigo zwischen den Zähnen hervor und unterbrach die Verbindung, bevor Victor die Gelegenheit dazu bekam, noch etwas hinzuzufügen. Um sich abzureagieren, jagte er den Rover bis in den roten Bereich hoch, der bei etwa dreißig Stundenkilometern begann. Der Elektromotor sirrte unangenehm, lange durfte Rodrigo dieses Tempo nicht aufrechterhalten. Mit einem kurzen Blick auf die Anzeigen vergewisserte er sich, dass die Batterien voll aufgeladen waren und alle Solarzellen ordnungsgemäß funktionierten. Ohne Energie mehrere Hundert Kilometer von der Basis entfernt liegen zu bleiben, wäre sicherlich kein Spaß. Ganz zu schweigen von dem Spott, den sie danach über sich ergehen lassen müssten, wenn sie von einem der anderen Teams abgeschleppt werden mussten.


»Man sollte meinen, dass ihm dieser blöde Witz irgendwann langweilig werden würde«, meinte Marek nach einer Weile düsteren Schweigens und schaute Rodrigo mitleidig an. Wie Victor war auch Marek Kysely als Kommunikationsspezialist nach Luna gekommen. Charakterlich hingegen war der Tscheche das genaue Gegenteil des Polen. Zurückhaltend und ernst, mit einer fast schon depressiven Neigung. Das erinnerte Rodrigo an etwas.


»Vorhin wolltest du mir mehr darüber erzählen, was du eigentlich auf dem Mond zu suchen hast«, sagte er und drehte sich zu Marek um.


»Das Gleiche wie alle anderen, vermute ich.« Der Tscheche seufzte und legte den Kopf in den Nacken. »Schon als Kind habe ich jeden Abend in den Sternenhimmel geschaut und mich gefragt, wie es wohl sein würde, eines Tages auf dem Mond zu leben. Seit ich denken kann, hat er immer eine gewaltige Faszination auf mich ausgeübt.«


»Erging mir ganz genauso«, fügte Rodrigo leise hinzu. »Und vielen anderen auch.«


»Ja, aber im Gegensatz zu den meisten anderen hörte es bei mir nicht auf, als ich erwachsen wurde. Und als ich meinen Eltern irgendwann erzählt habe, dass ich Astronaut werden will, wenn ich groß bin, haben sie mich ausgelacht und mir auf die Schulter geklopft. Keiner wollte glauben, dass es mir wirklich ernst damit war. Aber das hat mich nicht entmutigt.« Er schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe mein Vorhaben niemals aus den Augen verloren. Nach dem Abschluss habe ich mich gleich an der Prager Universität beworben, um mich sofort nach erfolgreich absolviertem Studium für das Raumfahrtprogramm einzuschreiben. An der Akademie in Prag haben sie uns Absolventen den Mund erst recht wässrig gemacht. Eine europäische Basis auf dem Mond, die Chance, echte Pionierarbeit zu leisten.« Er schnaubte. »Damals habe ich noch an die Werbung geglaubt. Ein Abenteuer, wie es nie zuvor eines gegeben hat. Das sollte uns anspornen, unser Bestes zu geben. Damals hieß es, von jedem Mitgliedsstaat Europas würden nur die besten ein oder zwei Bewerber ausgewählt – wenn überhaupt.«


»Das übliche Blabla eben«, warf Rodrigo dazwischen.


»Genau, das übliche Blabla. Aber mein Ziel schien erstmals zum Greifen nah. Einmal im Leben wollte ich mich wie Neil Armstrong fühlen, wollte an etwas wirklich Großartigem teilhaben. Etwas, das womöglich in die Geschichtsbücher eingehen würde, aber wie so viele andere bin ich leider nur auf geschicktes Marketing reingefallen ...«


»Die letzte Grenze, das große Abenteuer!« Rodrigo lachte leise.


Auch Marek lächelte, obwohl man ganz genau hinsehen musste, um es zwischen all den Stoppeln erkennen zu können. »Das Größte, wie man uns glauben machen wollte. Ich gehe jede Wette ein, dass es bald mehr Touristen auf dem Mond gibt als Astronauten. So viel dazu ...«


»Hey, warum beschwerst du dich eigentlich? Du hast dir deinen Kindheitstraum erfüllt: Seit mehreren Monaten lebst du jetzt schon auf dem Mond.«


»Ja, stimmt schon. Aber es ist nicht annähernd so spannend oder glorreich, wie ich es mir als Kind ausgemalt hatte - oder wie man es uns an der Akademie weismachen wollte. Hat dich etwa jemand vorgewarnt, dass man tagelang verschwitzt in stinkenden Raumanzügen ausharren muss, während man in einer engen Blechkiste rumsitzt, verdammte Karten erstellt und hin und wieder nach draußen geht, um einen Steinbrocken einzusammeln?«


»Nein«, sagte Rodrigo. »Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich dafür viele Freiwillige gemeldet hätten.«


»Eben«, sagte Marek und nickte energisch. »Aber jetzt sind wir nun mal hier und die einzigen klaren Gedanken in meinem Kopf drehen sich um eine heiße Dusche und eine eisgekühlte Flasche Budweiser Bier.« Er rieb mit seiner Hand über das Kinn mit den wild sprießenden Bartstoppeln, was eine Reihe unangenehmer Kratzgeräusche zur Folge hatte.


»Der Duft des Mondes«, sagte Rodrigo mit einem Augenzwinkern und atmete tief ein. »Erinnert etwas an Moschus, findest du nicht auch?«


»Wenn es so schlimm ist, dann klapp eben deinen Helm zu«, erwiderte Marek pikiert, aber nicht ganz ernst.


»Wie bitte?« Rodrigo legte entrüstet eine Hand auf seinen Mund. »Ich soll also den kostbaren und lebenswichtigen Sauerstoff meines Anzugs opfern, nur weil man Partner es an der nötigen Hygiene mangeln lässt? Das kann ich nun wirklich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren!«


»Scherzkeks«, erwiderte Marek trocken, musste letztendlich aber doch lachen.


»Weißt du, Marek, letztendlich geht es ja nicht nur um das Kartographieren«, meinte Rodrigo ernsthaft. »Immerhin sollen wir auch eine Reihe äußerst wichtiger Gesteins- und Staubproben einsammeln. Und mit etwas Glück stoßen wir auf eine Goldader. Dann stecken wir einfach unseren Claim ab und müssen in unserem ganzen Leben nie wieder einen Tag arbeiten.«


»Als ob eine Drohne diese stupide Arbeit nicht auch genauso gut erledigen könnte wie wir.« Marek schnaubte abfällig. »Jetzt mal Scherz beiseite«, sagte er. »Man fragt sich doch, wofür automatisierte Drohnen erfunden wurden, wenn die Arbeiten dann trotz alldem von uns Menschen ausgeführt werden müssen. Außerdem glaube ich sowieso nicht daran, dass wir irgendwas Ungewöhnliches finden werden. Also, wozu das Ganze?«


»Drohnen sind teuer und ihre Elektronik reagiert äußerst empfindlich auf den Mondstaub. Wenn das Sonnenlicht auf den Mondboden trifft, werden durch die ultraviolette Strahlung Elektronen freigesetzt, die die Staubteilchen an der Oberfläche elektrostatisch aufladen, was wiederum dazu führt, dass sie an Raumanzügen, dem Rover und insbesondere an den Drohnen haften bleiben. Sie dringen in jede noch so kleine Ritze ein.«


»Stell dir vor, das weiß sogar ich«, erwiderte Marek. »An der Akademie habe ich auch hin und wieder den Unterricht verfolgt, weißt du?«


»Na dann dürfte dir ja hinlänglich bekannt sein, wie aufwendig und langwierig sich Wartungsarbeiten an Drohnen auf dem Mond gestalten. Dementgegen sind Menschen deutlich günstiger und leichter zu ersetzen noch dazu. Die alte Regel gilt eben noch immer: Je simpler die Technik, desto billiger und robuster ist sie.«


»So war es schon immer in der Geschichte der Menschheit«, sagte Marek düster. Sein Oberkörper sackte zusammen und er starrte missmutig auf seine Kommunikationsanlage.


»Ach, denk dir doch nichts dabei. Bei uns in Madrid lief es damals genauso ab. Wir haben ... Mierda! Felsformation voraus«, rief Rodrigo plötzlich und trat kräftig auf die Bremse. Der Rover, dessen Geschwindigkeitsanzeige immer noch im roten Bereich war, geriet ins Schlittern und das Heck brach aus. Rodrigo riss das Lenkrad ruckartig herum und versuchte gegenzulenken, dann beschleunigte er erneut, bis er das Fahrzeug insoweit im Griff hatte, dass es nicht mehr Gefahr lief, sich zu überschlagen. Innerlich verfluchte er sich dafür, dass er so abgelenkt gewesen war. Derartige Unachtsamkeiten durfte man sich auf dem Mond nicht erlauben, nicht selten kosteten sie einen das Leben. Nicht umsonst hieß es, der Mond wäre eine herbe Geliebte:


Luna verzieh nicht den kleinsten Fehler.


»Kurskorrektur fünfzehn Grad Nord-Nord-Ost«, teilte ihm Marek mit ruhiger Stimme mit. Rodrigo wünschte sich zum wiederholten Male, ebensolche Nerven aus Stahl zu haben wie der Tscheche. Sogar wenn Lebensgefahr drohte, war dieser die Ruhe selbst. Als ob in solchen Momenten in seinem Inneren ein Schalter umgelegt würde, der Angst und störende Emotionen unterdrückte.


Gestatten: Marek. Marek, der eiskalte Roboter.


Wie passend, dachte sich Rodrigo insgeheim. Wo doch das Wort Roboter seinen Ursprung im Tschechischen hatte und übersetzt so viel wie Zwangsarbeit bedeutete. Aber das sprach er natürlich nicht laut aus.


»Die Formation vor uns hat einen Durchmesser von mehreren Kilometern«, fuhr Marek in sachlichem Tonfall fort. »Uns bleibt keine andere Wahl, als sie zu umfahren. In etwa drei Kilometern müssten wir unseren ursprünglichen Kurs wieder aufnehmen können.«


»Hätte diese Formation bei der Planung unserer Route nicht jemandem auffallen müssen?«, schimpfte Rodrigo lauthals, um den Schreck zu überspielen, der ihm immer noch fest in den Gliedern saß.


Marek zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Aber dafür sind wir ja da. Um die Mondkrater zu erkunden und verlässliche Karten zu erstellen. Beim nächsten Mal kann uns das nicht mehr passieren, dann sind alle Hindernisse in der Datenbank des Navis eingespeichert.«


»Wir sollten der Basis Bescheid geben, dass wir ein Stück weit vom vorgegebenen Kurs abweichen mussten«, schlug Rodrigo vor und schaute unglücklich drein.


»Soll ich das dieses Mal für dich übernehmen?«, fragte Marek.


Rodrigo nickte erleichtert. »Oh ja, bitte, tu das für mich. Sag ... sag Victor, dass ich gerade mit dem Rover und dem Navi beschäftigt bin und deswegen nicht mit ihm reden kann. So was in der Art ...«


»Mhm.« Marek fuhr mit seinem Zeigefinger über das Touch-Display und wollte die Frequenz einstellen, da hielt er plötzlich mitten in der Bewegung inne. Er tippte sein Headset an und lauschte mit offenem Mund.


»Das ist aber höchst seltsam«, murmelte er nach einer Weile und verfiel gleich wieder im Schweigen.


Rodrigo bremste bis unter Schrittgeschwindigkeit ab. Als der Rover nur noch langsam dahin rollte, wandte er sich seinem Partner zu. »Was ist denn los? Probleme mit dem Funk?«


Marek schüttelte vehement den Kopf und runzelte die Stirn. »Hör mal«, mit einem Antippen des Bildschirms legte er das Audiosignal auf das interne Lautsprechersystem.


»Was ist das?«, fragte Rodrigo, nachdem er das Fahrzeug zu vollem Halt gebracht hatte. Ein leises Knacksen ertönte aus den Lautsprechern, ansonsten war aber alles ruhig.


Der Tscheche erhob den Zeigefinger und drehte vorsichtig am Frequenzregler. Statt dem Knacksen war nun statisches Rauschen zu hören, erst ganz leise, dann stetig lauter werdend.


»Ach, das.« Rodrigo winkte ab. »Klingt für mich wie ganz normales kosmisches Hintergrundrauschen.«


»Nun, das wäre eine mögliche Erklärung«, sagte Marek nachdenklich, »aber in diesem Fall trifft sie wohl nicht zu. Das hier könnte alles Mögliche sein, aber ganz bestimmt ist es kein gewöhnliches Hintergrundrauschen. Es folgt einem sich ständig wiederholenden Wellenmuster. Und dieses wiederkehrende Knacksen, das du schon mehrere Male gehört hast, wiederholt sich in einem Abstand von exakt 8,56 Sekunden. Und zwar mit hundertprozentiger Genauigkeit. Sei still und hör genau hin!«


Rodrigo hielt den Atem an und lauschte. Dann nickte er. Er hatte es auch gehört.


»Ein regelmäßiger Impuls, wie von einem Signalgeber oder einer Boje.«


»Willst du damit sagen, dass das Rauschen und dieses Knackgeräusch nicht natürlichen Ursprungs sind?«, hakte Rodrigo ungläubig nach.


»So ist es«, bestätigte Marek grimmig. »Sieh dir doch nur das Frequenzmuster auf dem Bildschirm an. Ganz eindeutig handelt es sich dabei um kein natürliches Signal. Nichts in der Natur ist so perfekt und regelmäßig. Und bis auf eine hundertstel Sekunde genau!«


»Vielleicht spielt uns eines der anderen Teams einen geschmacklosen Streich«, schlug Rodrigo als Erklärung vor. »Vince und Freddy im Rover Vier. So einen Unfug würde ich den beiden durchaus zutrauen ...«


»Aber sie befinden sich doch in einem ganz anderen Sektor als wir.«


»Mag sein, aber vielleicht haben sie sich ja verfahren.« Rodrigo wollte den Motor erneut starten und weiterfahren. Als er Mareks nachdenklichen Gesichtsausdruck bemerkte, ließ er es bleiben. Der Tscheche war voll konzentriert und drehte vorsichtig an den Reglern des Kommunikationssystems, modifizierte nacheinander verschiedene Parameter. Nach einer Weile lehnte er sich zurück. Zum ersten Mal seit Tagen wirkte er zufrieden mit sich und dem Universum.


»Zuerst habe ich das kosmische Hintergrundgeräusch rausgefiltert«, erklärte Marek, ohne den Bildschirm für einen Augenblick aus den Augen zu lassen. »Die Signalstärke ist sehr schwach, die Übertragung habe ich eigentlich durch puren Zufall entdeckt. Nach den Werten zu urteilen muss sie ganz aus der Nähe kommen.« Er deutete auf die Anzeige. »Höchstens zwei bis drei Kilometer in leicht südöstlicher Richtung. Wenn du langsam fährst, müsste es mir eigentlich gelingen, dich zum Ausgangspunkt des Signals zu lotsen.«


»Na dann los, worauf warten wir noch?«, rief Rodrigo aufgeregt und startete den Motor.


»Und was ist mit Luna Basis? Sollten wir nicht ...?«


»Das hat noch Zeit, unsere Stunde ist längst nicht vorbei«, wischte Rodrigo Mareks Einwand hinfort, ohne einen Moment darüber nachzudenken. »Wir sehen uns doch nur kurz dort um, danach können wir ganz regulär eine Statusmeldung an Luna Basis absetzen ...«


»Na, wenn das keinen Ärger gibt ...«, erwiderte Marek leise, erhob aber keine weiteren Einwände.


Aber Rodrigo hörte ihm sowieso nicht mehr zu. Er wollte gar nicht auf ihn hören. Stattdessen beschleunigte er den Rover und folgte den Anweisungen des Tschechen. In etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit fuhren sie in einer Art Zickzack-Kurs auf die Quelle des unerklärlichen Signals zu.


»Stop«, rief Marek plötzlich und lauschte. Nach einer Weile nickte er und legte das Headset ab. »Genau hier müsste der Ausgangspunkt der Übertragung sein. An dieser Stelle sind meine Messwerte der Signalstärke am höchsten!«


»Bist du dir da ganz sicher?« Rodrigo warf Marek einen skeptischen Blick zu.


»Ja, ich bin mir ganz sicher«, sagte Marek bestimmt. »Das Signal muss von genau hier kommen!«


»Okay, dann schalte ich mal alle Scheinwerfer auf Maximum.« Rodrigo fuhr mit der Hand über das Touch-Panel und alle Lampen des Rovers flammten hell auf. Sie tauchten die nähere Umgebung in strahlend weißes Licht. Rodrigo und Marek standen von ihren Sitzen auf und schauten gespannt erst durch die große Frontscheibe, danach durch die winzigen Seitenfenster.


Nach einer Weile erfolglosen Suchens blickten sie sich gegenseitig enttäuscht an. Außer grauem Mondstaub und Gesteinsbrocken gab es hier auch nicht mehr zu entdecken als überall sonst.


»Aber warum gibt es dann nichts zu sehen?«, fragte Rodrigo, nachdem er das Flutlicht wieder abgeschaltet hatte. Es klang frustriert.


»Woher soll ich das denn wissen?«, gab Marek mürrisch zurück. »Aber wir sind auf jeden Fall am richtigen Ort, die Messergebnisse sind eindeutig ...«


»Bereite die Druckschleuse vor, ich werde mich draußen umsehen und ein wenig im Sand spielen gehen. Vielleicht finde ich ja auf diese Weise etwas heraus.« Rodrigo ließ den Kopf hängen. »Ich befürchte nur, den Staub werde ich danach nie wieder aus dem Anzug bekommen ...«


Er wollte gerade den Helm des Raumanzugs zuklappen, da hielt Marek ihn auf.


»Warte noch, Rodrigo. Ich denke, dein Spaziergang wird gar nicht nötig sein.« Während der Spanier seinen Anzug für den Außeneinsatz vorbereitet hatte, war Marek vom Radarsubsystem zum Tiefenscanner gewechselt und hatte den Intensiv-Scan einmal durchlaufen lassen. Stück für Stück baute sich das Ergebnis jetzt auf dem Bildschirm auf. »Das System ist dazu gedacht, nach Rohstoffen im Untergrund zu suchen. Und jetzt sieh dir das an ...«, hauchte Marek tonlos.


Rodrigos Blick folgte Mareks ausgestreckter Hand bis zum Bildschirm. Selbst ohne Vergrößerung waren darauf die riesigen, schattenhaften Umrisse eines Objektes zu sehen. Von der Form her war es einem Vogel mit ausgebreiteten Flügeln erstaunlich ähnlich. Rodrigo stockte der Atem, Marek erging es kaum besser. Das seltsame Gebilde befand sich mehrere Meter tief unter der Mondoberfläche, verborgen unter einer tonnenschweren Schicht aus Mondstaub.


Und der Rover stand unmittelbar darüber.


»Was zum Teufel ist das?«, flüsterte Rodrigo mit weit aufgerissenen Augen. Er klang gleichzeitig schockiert und beeindruckt.


»Ich habe keine Ahnung«, erwiderte Marek nicht minder ehrfürchtig. Er legte seine zitternde Hand auf den Bildschirm. »Was immer es auch sein mag – es ... es ist gewaltig!«


»Oh ja, das ist es«, sagte Rodrigo tonlos. »Und wir haben es gefunden!«


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