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Science Fiction
Buch Leseprobe Projekt Optarmis 2, Gerd Hoffmann
Gerd Hoffmann

Projekt Optarmis 2


Eugenoi

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Prolog


 


13. September 2026
New Brunswick / Kanada
Wald in der Nähe von Edmunston


 


Im September kann es in der Provinz New Brunswick auch tagsüber bereits recht frisch werden, zumal wenn die Sonne schon tief am Horizont steht. Dennoch ließ der halbwüchsige Junge, der hinter einem gefällten Baum auf einer Mischung aus Blättern, Moos und kleinen Zweigen lag, kein Anzeichen erkennen, dass er frieren würde. Mit wachen Sinnen beobachtete er seine Umgebung und reagierte auf jedes Geräusch, das nicht vollkommen natürlichen Ursprungs zu sein schien. Mit seiner Tarnkleidung, den Blättern auf seinem Helm und der Tarnfarbe im Gesicht, verschmolz er fast mit dem Gelände. Selbst ein aufmerksamer Spaziergänger hätte den Jungen nur durch Zufall entdeckt und auch nur dann, wenn er besonders auf Personen in diesem Teil des riesigen Waldes geachtet hätte.


Doch in dieser Gegend bestand kaum die Gefahr, dass sich Spaziergänger oder Waldarbeiter hierhin verirren würden. Seit fast zwei Stunden lag der Junge nun schon auf der Lauer, sein Gewehr im Anschlag, und wartete darauf, dass sich etwas ereignen würde.


Da! Ein Geräusch, keine hundert Schritte von ihm entfernt! Ein kleines Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, als er mit seinem rechten Auge über Kimme und Korn das Ziel anvisierte, das jeden Augenblick in sein Sichtfeld treten müsste. Und da kam auch schon seine Beute. Der Junge war fast enttäuscht. Es war zu einfach. Das Mädchen, das er aufs Korn nahm, spazierte völlig sorglos vor seine Mündung.


Langsam krümmte sich sein Zeigefinger und berührte schon den Abzug, als er an drei Stellen auf seinem Rücken heftigen Druckschmerz verspürte. Gleichzeitig fühlte er, wie die dünne Jacke an diesen Stellen feucht wurde. Er schloss die Augen und verwünschte sich. Wie hatte er nur so unvernünftig sein können?


»Das war es, Antoinette«, rief eine Stimme hinter ihm lachend. »Du kannst herkommen. Pierre ist uns wie ein Gimpel in die Falle gegangen!«
Fluchend rappelte sich der Junge vom Waldboden auf und fuhr sich mit einer Hand, so weit er kam, über den Rücken.
»Musstest du wirklich dreimal abdrücken, Etienne?«, fuhr er den immer noch lachenden Jungen an. »Du weißt doch, wie schwer die Farbe aus den Sachen herausgeht.«
»Ja, aber darum können sich du, Yves und Josi kümmern. Denn Ihr habt verloren und dürft nun eine Woche lang die Hausarbeit machen!«


Antoinette stand nun ebenfalls feixend neben Etienne, während Pierre sich immer noch leise murrend über den Rücken strich. Gutmütig wuschelte ihm das Mädchen durch die Haare.
»Mach dir nichts draus. Nächste Woche bekommst du ja eine Revanche.«
»Jetzt ab nach Hause!«, rief Pierre. »Der, der zuletzt am Haus ist, ist eine lahme Ente!«


Mit einer fantastischen Geschwindigkeit sprintete der Junge in den Wald hinein, direkt gefolgt von seinen beiden Freunden.


 


Nur ungefähr drei Meilen entfernt stand ein urwüchsiges, großes Blockhaus mitten auf einer Lichtung. Um das Haus herum war ein sorgsam gepflegter Garten angelegt und ein großer, überdachter Schuppen beherbergte neben allerlei Gerätschaften auch mehrere große Holzstapel. Ein winziger Bruchteil dieser Holzstapel brannte soeben im Kamin des Blockhauses.


In dem urgemütlich eingerichteten Hauptzimmer war der Boden mit dicken Fellen bedeckt. Die Möbel waren einfach, aber solide und keineswegs unbequem, wie der junge Mann, der lang ausgestreckt auf dem Sofa lag, bestätigt hätte. Eine ebenfalls anwesende junge Frau saß in einem Ohrensessel und las in einem Buch. Ein scharfer Beobachter hätte aus der vorhandenen Ähnlichkeit auf eine Verwandtschaft zwischen den beiden getippt und damit richtig gelegen. Cid und Jessica waren zweieiige Zwillinge.


»Hättest du gedacht, dass wir es einmal so gemütlich haben würden?«, brach der junge Mann das Schweigen.
»Nein, aber ich genieße es, solange es andauert.«
Jessica schlug gerade eine neue Seite in ihrem Buch auf, als sie kurz aufhorchte.
»Unsere Ruhe und der Frieden sind gleich vorbei. Die Rasselbande kommt zurück.«


Die junge Frau sollte recht behalten. Nicht einmal eine Minute später konnten sie lautes Stimmengewirr vor der Tür hören, die direkt danach krachend aufflog.
»Das war nicht fair! Du hast mich abgedrängt!«, lamentierte Antoinette und beschwerte sich lautstark.
»Du hast verloren«, triumphierte Pierre. »Deshalb hilfst du mir jetzt beim Abwasch!«
»Jaja, ist ja schon gut«, gab sich das Mädchen geschlagen.
»Ich seh mal nach meinen Kaninchen«, rief Etienne und war im nächsten Moment auch schon wieder verschwunden, während sich Pierre und Antoinette in die Küche begaben.


Cid konnte ein Lachen nicht mehr unterdrücken.
»Gezüchtete und hochtrainierte Killermaschinen kümmern sich um den Abwasch und füttern Kaninchen. Ob sich das Ascension so vorgestellt hat?«»Bestimmt nicht«, grinste Jessica. »Aber hast du dir Pierres Jacke angesehen? Wir hätten Ihnen nicht das Paintball-Set kaufen dürfen. Die Farbe geht doch nie wieder aus der Kleidung raus.«


Cid winkte nur ab und machte es sich wieder auf dem Sofa bequem. Jessica hatte gerade wieder ihr Buch zum Lesen hochgenommen, als die Tür ein weiteres Mal aufflog. Frederik Huston betrat mit einem Stapel Zeitungen den Raum. Eine davon hatte er aufgeschlagen und legte sie Cid auf den Bauch, der den Mann nur fragend anblickte.
»Ich habe den Artikel eingerahmt, der für euch von Interesse sein dürfte.«


Cid nahm die Zeitung, überflog den Ausschnitt und ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht.
»Hör dir das an, Jess! Polizisten haben gestern in der Bronx in einem lang verlassenen Gebäudekomplex die Überreste eines Menschen gefunden. Der Tote wurde als der weltweit bekannte Humanbiologe Professor Henrik Bergström identifiziert. Laut unseren Informationen hat man Bergström zu Tode gefoltert. Wir berichten, wenn wir etwas Genaueres über die Hintergründe seines Todes in Erfahrung bringen konnten.«


»Hat doch tatsächlich irgendjemand unseren Frankenstein erwischt«, kommentierte Jessica die Nachricht. »Ich weine ihm bestimmt keine Träne nach. Wenn du mich nicht daran gehindert hättest, dann hätte ich ihn selbst so zugerichtet.«
»Ob jemand von Ascension ihn erledigt hat?«, mutmaßte Cid.
»Ich würde fast auf Carla tippen«, äußerte nun auch Huston seine Vermutung. »Sie war auf Ascension nicht gut zu sprechen, und als ich einmal nur Bergströms Namen erwähnt habe, ist sie mir fast an die Gurgel gegangen.«
»Mich würde ja vielmehr interessieren, wer oder was Carla eigentlich ist«, sinnierte Cid. »Nach deinen Berichten und nach dem, wie sie mit den Wachen im Lager umgesprungen ist, könnte sie fast eine von uns sein.«
Jessica zuckte nur gleichmütig mit den Schultern.
»Vielleicht gibt es noch eine Zuchtlinie, von der wir nichts wissen. Aber egal, wenn sie tatsächlich Bergström erledigt hat, dann werde ich ihr einen ausgeben, sollten wir ihr noch einmal begegnen.«


 


Kapitel 1


 


16. Oktober 2026
Washington D.C./USA
Kapitol, Nordflügel


 


Den ganzen Tag lang waren die Türen zu dem Konferenzzimmer in diesem Bereich des Kapitols geschlossen gewesen. Es waren keine Beobachter und ganz besonders keine Journalisten zu dieser Marathonsitzung zugelassen worden. Jetzt, am späten Nachmittag, öffneten sich endlich die Türen. Der Mann, der als Erster den Raum verließ, schien beinahe auf der Flucht zu sein, so einen abgehetzten Eindruck machte er. Seine Hände zitterten, während er seine Aktentasche auf einem Stuhl abstellte und sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn abwischte.


Einer der Sitzungsteilnehmer, die nach ihm den Saal verlassen hatten, trat zu ihm hin.
»Das ist doch gar nicht mal schlecht gelaufen, Shavoni. Ich habe mich gewundert, wie sehr Patterson Sie geschont hat.«
»Geschont?«
Shavoni konnte kaum glauben, was er da eben gehört hatte.
»Patterson hat Ascension als verbrecherische Organisation bezeichnet und mich als einen skrupellosen Menschen, der auch einen Mengele eingestellt hätte. Das ist eine merkwürdige Art, jemanden zu schonen, Senator!«
Senator Callahan lachte in der Art, die seine Wähler so an ihm liebten und an der er mit seinen Beratern schwer gearbeitet hatte.
»Sie sollten Patterson mal erleben, wenn er auf dem Kriegspfad ist. Während der Sitzung heute war ich der felsenfesten Überzeugung, dass Ascension unseren ehrenfesten Senator geschmiert hat, so lammfromm war er.«
Shavoni wischte sich noch einmal mit dem Taschentuch über die Stirn, bevor er es wieder wegsteckte.
»Trotzdem fühle ich mich so, als ob ich durch den Fleischwolf gedreht worden wäre.«
Callahan zuckte nur mit den Schultern.
»Sie konnten wohl kaum einen Orden erwarten. Immerhin handelt es sich beim Gegenstand der Untersuchung um den Vorwurf Menschenversuche. Und wenn nicht bereits früher unsere Armee sich der Dienste dieser entstandenen Kreaturen bedient hätte, dann bin ich mir sicher, würde Ascension jetzt dem Pöbel draußen zum Fraß vorgeworfen werden.«


Die kalte Schärfe in Callahans Stimme ließ Shavoni frösteln. Sein eigenes Schicksal stand auf Messers Schneide. Zu gern würde Ascensions Aufsichtsrat ihn, Shavoni, als alleinigen Sündenbock nutzen. Dies war ihm nur zu klar. Im Grunde war Callahan seine einzige Chance, aus dieser Angelegenheit mit heiler Haut herauszukommen, doch er fragte sich, inwieweit er dem Mann trauen konnte.
»Nun machen Sie sich keine Sorgen, Shavoni«, versuchte der Senator Trost zu spenden. »Ich habe ein kleines Treffen arrangiert, das Ihre und Ascensions Probleme nicht nur löst, sondern uns allen auch ganz neue Möglichkeiten eröffnet.«


 


Washington D.C./USA
Hotel Hillside


 


Shavoni betrat das Foyer des Hotels, zu dem ihn Callahan bestellt hatte, mit gemischten Gefühlen.


Diese konspirativen Treffen gefielen ihm von Mal zu Mal weniger.


Was auch immer der Senator plante, Shavoni hatte seine Zweifel, ob dies von weiter oben gedeckt war. Callahan war ehrgeizig, was für sich genommen kein Fehler war. Doch sein Ehrgeiz schien auch den Einsatz zweifelhafter Mittel zu rechtfertigen.


 


Das Hotel war nicht viel mehr als eine Absteige und so wurde er auch von keinem Portier daran gehindert, in das zweite Stockwerk hinaufzusteigen. Vor dem Zimmer 203 holte er noch einmal tief Luft, bevor er klopfte.
»Herein!«
Shavoni betrat nach der Aufforderung den kleinen Raum. Die abgewohnte Einrichtung ließ das Hotel in keinem besseren Licht erscheinen. Senator Callahan lehnte an der gegenüberliegenden Wand. Auf der Sitzgarnitur hatten zwei Männer platzgenommen, deren ganzer Habitus Shavoni sofort an Armeeangehörige denken ließ.


»Worüber wollten Sie mit mir reden, Senator?«, erkundigte sich Shavoni möglichst gelassen. »Und wer sind die Gentlemen?«
»Die Gentlemen sind hier, um uns bei Ihrem Problem zu helfen. Sie wissen schon, bei dem Problem mit den kleinen Monstern, die Ihnen ausgebüxt sind!«
Für einen Moment musste Shavoni an Keaton denken, der damals von Callahan Ascension zur Verfügung gestellt worden war, um den Schlamassel in Seattle in den Griff zu bekommen. Stattdessen waren die Probleme nur noch größer geworden, daher war Shavoni auch jetzt mehr als skeptisch.
»Ich glaube nicht, dass wir noch mehr Personen in diese Angelegenheit hineinziehen sollten«, begann er vorsichtig, wurde aber von Callahan ziemlich rüde unterbrochen.


»Ich denke nicht, dass dies in Ihre Entscheidungs-befugnis fällt! Wir können es uns nicht leisten, derartig gefährliche Kreaturen unkontrolliert in der Welt herumspazieren zu lassen.«
»Wir tun unser Möglichstes, sie aufzuspüren, aber bisher...«
Shavoni konnte seine Verteidigung nicht vollständig ausführen.
»Ihr Möglichstes ist aber nicht genug«, unterbrach ihn der Senator. »Es wird Zeit, dass wir auf die Ressourcen zurückgreifen, die unser Land zu bieten hat. Ich habe in den letzten Jahren ein Netzwerk aufgebaut, das es uns ermöglichen wird, jeden einzelnen dieser Eugenoi aufzuspüren.«
»Ascension wird Sie selbstverständlich mit allem unterstützen, was Sie benötigen«, beeilte sich Shavoni, seine Kooperationsbereitschaft zu zeigen.
Callahan lächelte faunisch.
»Da bin ich mir sicher, zumal Ihr Arbeitgeber noch im Verdacht steht, Menschenversuche ermöglicht zu haben. Er steht mehr oder weniger mit dem Rücken zur Wand, denn wer weiß, wie lange sich dies noch unter den Teppich kehren lässt.«
Shavoni hatte das dringende Bedürfnis, sich wieder über die Stirn zu wischen. Callahan sah ihm das Unbehagen nur zu deutlich an.
»Keine Sorge, Shavoni! Niemand von uns hat auch nur das geringste Interesse daran, Ascension zerschlagen zu sehen. Wir wissen schließlich alle, was wir an diesem Konzern haben.«
Vor allem was die reichhaltigen Spenden angeht, dachte Shavoni angewidert.
»Major Perez′ Stab hat in meinem Auftrag etwas ausgearbeitet, was Ascension in hellerem Licht dastehen lassen wird. Würden Sie unseren Gast bitte einweihen?«
Perez heftete seine stechend-blauen Augen auf Shavonis Gestalt.
»Die Sache ist ganz einfach«, schnarrte der Mann. »Ascension hat lebensunfähige Frühgeburten mit völlig neuartigen Behandlungsmethoden vor dem Tod bewahrt. Die Eltern waren allesamt Personen, deren schwerer Drogenkonsum und sonstige Probleme die adäquate Nachbehandlung der Kinder nicht anvertraut werden konnte. Daher verblieben sie in der Obhut der behandelnden Ärzte. Eine verbrecherische Organisation hat diese Eugenoi entführt und versteckt sie nun. Bedingt durch die erhebliche Gefahr, die von diesen Kindern ausgeht, müssen sie wieder in Ascensions Obhut überführt werden.«
»Und das soll irgendjemand glauben? Wird denn niemand nach den rechtlichen Grundlagen fragen, nach denen man die Kinder ihren leiblichen Eltern entzogen hat?«, zweifelte Shavoni.
»Es wird unsere Aufgabe sein, dies glaubwürdig an die Öffentlichkeit zu bringen, wenn es an der Zeit ist. Seien Sie versichert, dass man uns glauben wird! Sie können darauf vertrauen, dass unsere Anwälte schon etwas gebastelt haben, was Ascension und dem Staat das Recht zu diesem Vorgehen gegeben hat. Wer sollte denn dagegen klagen? Die Eltern, denen überhaupt nicht bewusst ist, dass ausgerechnet ihre Kinder nun als Eugenoi durch die Welt ziehen? Das wird nicht geschehen, glauben Sie mir. Wenn wir diese Geschichte verkauft haben, dann steht Ascension als Wohltäter da und wir haben Hunderte von Spitzeln, die für uns die Eugenoi aufspüren werden. Vor Ihren Agenten konnten sie sich vielleicht verstecken, aber vor der ganzen Bevölkerung wohl kaum. Jeder gewinnt, wie Sie sehen.«
»Und wann wollen Sie diese Aktion starten?«


»Wenn wir der Meinung sind, dass wir mit unseren Mitteln nicht mehr weiterkommen«, führte der Senator aus. »Zunächst sollten wir es nicht an die große Glocke hängen. Haben wir die Eugenoi aber in unserem Gewahrsam, dann werden wir diese Geschichte an die Presse lancieren. So oder so, Ascension steht danach mit blütenweißer Weste da.«
Shavoni strich sich durch die Haare. Wenn dies funktionieren würde, dann wären Vorstand und Aufsichtsrat von Ascension aus dem Gröbsten heraus. Die drohende Anklage wegen Menschenversuche und Kindesraub wäre vom Tisch. Nun wartete Shavoni auf den Preis, den all dies kosten würde.
»Ascension wäre dann aus dem Schneider, aber dafür würden wir gerne auch eine Gegenleistung bekommen«, fuhr Callahan zu Shavonis geringer Überraschung fort. »Die Eugenoi werden dann unter die Obhut des Militärs gegeben und stehen auch nur noch einer Spezialeinheit der Armee zur Verfügung. Keine obskuren Geschäfte mehr mit irgendwelchen Privatpersonen, keine Verwendung dieser Kreaturen, ohne dass dies ausdrücklich genehmigt wurde.«
Shavoni konnte ein Lächeln kaum unterdrücken. »Glauben Sie wirklich, die Eugenoi würden sich bei der Armee anders verhalten, als bei uns? Sie sind aus unserem Lager geflohen. Warum sollten sie ausgerechnet der Armee gegenüber loyal sein?«
»Sie werden keine andere Wahl haben. Ich schlage vor, Sie begeben sich nun wieder zurück nach Phoenix und überlassen alles Weitere uns, Mr. Shavoni. Wir werden uns mit Ihnen in Verbindung setzen, sobald wir die Eugenoi in Gewahrsam haben.«
Callahan gab Shavoni flüchtig die Hand, bevor er sich dem Major und dessen Begleiter zuwandte.


Der Ascension-Vorstand stand noch für einen Moment unschlüssig im Raum, bevor er sich zögernd zur Tür umdrehte und das Zimmer verließ.
Auf der Straße vor dem Hotel atmete er erst einmal tief durch. Die ganze Geschichte kam ihm etwas sonderbar vor. Wieso hatte sich Callahan mit ihm an einem solchen Ort getroffen? Shavoni wurde das Gefühl nicht los, dass der Senator sein eigenes Süppchen kochte.


 


Sioux Falls, South Dakota/USA


Pub Heaven’s Gate


 


Der Pub in einer etwas schmuddeligen Ecke der Stadt hatte auch schon bessere Zeiten gesehen. Vergilbte Fotos an den Wänden zeigten Prominente aus längst vergangenen Tagen, die in diesem Lokal mal zu Gast gewesen waren. Wenn ein Gast den Fehler machte und den müden alten Wirt auf diese Fotos ansprach, dann wurde der mit einer elendig langen Geschichte voll Selbstmitleid belohnt.


Trotz der gleißenden Mittagssonne im Freien war das Innere der Bar in ein Zwielicht getaucht. Die wenigen Glühbirnen, die in den schmutzigen Lampenschirmen glimmten, schafften es nicht, den Pub in ein freundlicheres Licht zu tauchen. Vielleicht war es auch ganz gut so, dass die Gäste nicht die Sauberkeit der Gläser überprüfen konnten, in die der Wirt die Getränke einfüllte.


Wie fast immer um die Mittagszeit war die Bar nahezu leer. Nur in einem besonders düsteren Winkel hatte sich ein Mann auf einen Schemel zurückgezogen und war über den Tisch zusammengesackt. Es war schwer zu sagen, ob dieser Gast noch vom gestrigen Abend übrig geblieben war, oder sich erst ab dem Morgen hatte volllaufen lassen.


Bei dem einzigen anderen Gast handelte es sich um eine junge Frau, die seit zwei Stunden am Tresen saß. Seitdem sie in der Bar erschienen war, hatte sie nichts weiter getan, als an ihrer Cola zu nippen. Der Wirt hatte anfangs versucht, mit ihr ein Gespräch anzufangen, aber sie hatte ihn derartig kalt angesehen, dass er diesen Versuch schleunigst aufgegeben hatte. So hatte er sich an das andere Ende der Theke begeben und döste ein wenig vor sich hin.
Das Klappern an der Eingangstür ließ ihn aufhorchen. Kundschaft! Drei Personen betraten den Pub und beim Anblick der Männer verzog der Wirt säuerlich das Gesicht. An diesen Gästen würde er kein Geld verdienen können, dies sah er mit dem Blick des Kenners.


Zwei der Neuankömmlinge blieben neben der Tür stehen und beobachteten ihren Kollegen, der direkt den Platz neben der Frau ansteuerte und sich auf den Barhocker setzte.
»Wir haben nach dir gesucht«, schnarrte der Mann in einem unangenehmen Tonfall.
»Und jetzt habt Ihr mich gefunden«, kam die kühle Replik aus dem Mund der Frau. »Soll mich das jetzt stolz machen, dass ich so gefragt bin?«
»Mr. McKenzie ist es nicht gewohnt, dass man seine Aufforderungen ignoriert.«
»Dann hat er ja jetzt etwas Neues gelernt. Er kennt den Preis, den ich verlange, wenn ich eine Aufgabe übernehme. Wenn er ihn bezahlen will, so werde ich mir seinen Vorschlag anhören und dann entscheiden, ob ich den Auftrag annehme. Wenn er den Betrag noch nicht hinblättern will, dann sollten du und deine beiden Riesenbabys an der Tür besser verschwinden, bevor es meine gute Laune tut.«
Fast ungläubig drehte sich der Mann zu seinen beiden Kumpanen um, bevor er in eine bellende Lache ausbrach.
»Du hast Humor, Täubchen, das muss ich schon sagen. Doch nun haben wir uns erst einmal genug amüsiert und ich würde vorschlagen, dass du jetzt hübsch artig mit zu unserem Wagen kommst.«
Mit einem schmierigen Grinsen legte der Mann seine Hand auf den Oberschenkel der Frau.
»Ansonsten ...«
Was er auch noch der Frau androhen wollte - er kam nicht dazu, es auszuführen. Er sah die Faust gar nicht kommen, die genau auf seiner Nase einschlug. Durch die Wucht des Schlages wurde er von seinem Sitzplatz katapultiert, riss im Fallen drei weitere Hocker mit sich um und landete halb betäubt auf dem Boden. Das Blut aus der gebrochenen Nase strömte ihm über den Anzug, während er noch gar nicht begriffen hatte, was da gerade passiert war. Die Frau hatte sich nicht mehr weiter um diesen Gegner gekümmert, sondern in einer fließenden und atemberaubend schnellen Bewegung den frei gewordenen Barhocker gegriffen. Bevor einer der beiden Männer neben der Tür registriert hatte, was ihrem Kumpan zugestoßen war, hatte sie auch schon den Hocker dem linken der beiden Türsteher an den Kopf geworfen. Ohne auch nur einen Schrei ausstoßen zu können, sackte er schwer betäubt und mit blutüberströmtem Gesicht an der Wand zusammen.
Wie gelähmt hatte der letzte noch aufrecht stehende Mann mit offenem Mund auf die Szenerie gestarrt. Nun endlich kehrte das Leben in ihn zurück, aber es war längst zu spät. Seine Gegnerin war bereits in Windeseile auf ihn zugesprintet und trat ihm aus vollem Lauf in den Unterleib. Das Wasser schoss dem Mann in die Augen, während er in die Knie brach, den Mund zu einem stummen Schrei aufgerissen. Ein harter Schlag, der ihn genau an der Schläfe traf, schickte ihn endgültig in das Land der Träume.
Ohne große Eile ging die Frau zurück an die Theke, an der sich ihr erster Gegner unterdessen wieder hochgerappelt hatte. Mit einem verächtlichen Grinsen auf den Lippen legte sie ihre Hand wie eine eiserne Klammer in seinen Nacken. Sie zog ihn etwas zu sich heran und brachte ihren Mund ganz dicht an sein Ohr.
»Sag McKenzie, dass sich mein gefordertes Honorar nach dieser Aktion um fünfzig Prozent erhöht hat. Sag ihm ferner, dass er keine Möchtegernschläger schicken soll, wenn er etwas von mir will. Und sollte mir einer von euch drei Figuren noch einmal über den Weg laufen, dann wird es nicht mehr so glimpflich für euch abgehen! Und mein Name ist Carla, nicht Täubchen! Hast du alles verstanden?«
»Ja ja, ich habe es kapiert, ich habe es verstanden!«, jammerte und wand sich ihr Gegner in dem Klammergriff.
»Braver Junge!«, spottete sie verächtlich, bevor sie den Kopf des Mannes mit voller Wucht auf den Rand des Tresens hämmerte.
Wie vom Blitz getroffen, brach er zusammen und verdreckte den Boden mit seinem Blut. Sie untersuchte die Jackentaschen des bewusstlosen Mannes, förderte eine Brieftasche ans Tageslicht, entnahm das Geld und warf die Börse achtlos auf den Fußboden. Einen Teil des Geldes warf sie dem Wirt zu, der dem ganzen Treiben mit stoischer Gelassenheit zugesehen hatte.
»Hier! Für die Unordnung, die die Herrschaften gemacht haben, und für meine Cola. Rest ist Trinkgeld.«
Ohne sich noch einmal umzusehen, verließ Carla den Pub.


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