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Science Fiction
Buch Leseprobe Mykene-Trilogie, Gerd Hoffmann
Gerd Hoffmann

Mykene-Trilogie



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Prolog

Mykene, Griechenland


Majestätisch thronte das Löwentor auf der Anhöhe und ragte in das Land hinein, umgeben von massiven, uralten Mauern. So stand es nun schon seit über dreitausend Jahren, ungerührt von all den Veränderungen, die die schnelllebige Welt in den letzten Jahrhunderten durchlaufen hatte.
Das Mondlicht fiel durch das gewaltige Tor und beleuchtete hier und da Zeichen und Überreste von einer kürzlich durchgeführten Grabung. Immer noch versuchten von Zeit zu Zeit Forscher, den ehrwürdigen Mauern seine Geheimnisse zu entreißen und in Erfahrung zu bringen, welche Ereignisse letztendlich zum Untergang der mykenischen Hochkultur geführt hatten.
Wäre es den steinernen Zeugnissen möglich gewesen, so hätten sie über diese nutzlosen Versuche der Ausgräber und Archäologen gelacht. Abseits der gewaltigen Mauern konnte man noch immer die Überreste einer untergegangenen Kultur finden, die längst zerfallen und von der Welt fast schon vergessen worden war.
Die äußersten Ränder dieser Bauten waren schon vor Jahrhunderten von der Natur zurückerobert worden und in dem wuchernden Unterholz hätte ein aufmerksamer Lauscher die Geräusche von nachtaktiven Tieren hören können. Vielleicht hätte ihn dann die Tatsache beunruhigt, dass diese Laute von der einen auf die andere Sekunde erstarben. Von weit unterhalb der Erde, aus Bereichen, die bisher von keinem Ausgräber beachtet worden waren, drang ein immer heller werdendes, pulsierendes Licht durch die Büsche und Sträucher an die Oberfläche.
Die vollkommene Stille wurde jäh gestört, als alle Tiere aus dem Gebiet, den das pulsierende Licht bestrich, panisch flohen. Von den Bäumen erhoben sich aufgeregte Vögel, zwitscherten verängstigt und flatterten nervös umher. Das Licht wurde heller und heller. Als ob jemand einen starken Scheinwerfer direkt in den Himmel gerichtet hätte, schoss ein gleißender Lichtstrahl für die Dauer von vielleicht einer Minute steil nach oben. Genauso plötzlich, wie es gekommen war, verschwand das Licht wieder und die Dunkelheit kehrte zurück.


 


Erwachen

Hastings, Nebraska/USA, Martin Barkers Farm


Geblendet blinzelte Martin Barker in die Mittagssonne und strich sich mit einer verzweifelten Geste über die struppigen ergrauten Haare. Was er sah, konnte ihm nicht gefallen. Staubiger, heißer Wind wehte über das Feld und trieb Pflanzenreste vor sich her. Frustriert ging Martin in die Hocke und griff mit einer seiner schwieligen Hände nach einer Ähre, die eigentlich prall gefüllt mit Weizenkörnern sein sollte. Aber bereits unter der leichten Berührung zerfiel die Pflanze buchstäblich zu Staub. Das ganze Feld lag unter einer sandigen Schicht begraben und der Wind wehte ihm diesen Sand in die Augen. Aber es lag nicht nur an den Sandkörnern, dass Martin Barker die Tränen in die Augen traten. Sekundenlang stand er stumm und regungslos auf dem Feld, bevor er sich dieser zeitweiligen Schwäche schämte und sich müde seine Augen rieb. Er musste die Tatsache akzeptieren, dass ein weiterer Teil der Aussaat unwiderruflich verloren war. Nun waren nur noch zwei Felder vorhanden, bei denen er hoffen konnte, im Herbst die Ernte einzubringen. Und diese Ernte würde gerade den Bedarf von ihm und seiner Familie abdecken. Dabei hätte er dringend einen Teil der Erträge verkaufen müssen, um an Geld für unbedingt benötigte Anschaffungen zu kommen. Aber damit konnte er nun nicht mehr rechnen.
Müde wandte er sich um und kletterte wieder in seinen altersschwachen Lastwagen. Die alte Rostlaube würde wohl ein weiteres Jahr durchhalten müssen, denn dieses Jahr würde er für einen Ersatz definitiv kein Geld haben. Er drehte den Schlüssel im Zündschloss und mit einem gequälten Röcheln sprang der alte Motor widerwillig an. Krachend legte Marin Barker den Gang ein und schaukelnd fuhr das Fahrzeug mit ächzenden Stoßdämpfern über den Feldweg in Richtung des Hauptgebäudes.
Der Geruch des Mittagessens drang ihm in die Nase, als Martin die Haustüre hinter sich ins Schloss zog und mit schweren Schritten an den Esstisch trat. Seine beiden Söhne Anthony und William löffelten bereits ihre Suppe in sich hinein. Seine Frau Susan war bei seinem Eintreten an den Herd gegangen, um auch für ihren Mann den Teller zu füllen. Martin blickte mit einer Mischung aus Schuld und Traurigkeit auf ihren Rücken. Was hatten sie doch damals bei ihrer Heirat für Pläne geschmiedet. Sie wollten diese Farm großartig aufbauen und einen ganzen Stall voll Kinder großziehen. Später hatten sie ihren Lebensabend auf einer schattigen Veranda sitzend zubringen und dabei den Arbeitern auf der Farm zusehen wollen. Und weiß Gott, sie hatten hart gearbeitet. Und dennoch hatte es immer nur für das Notwendigste gereicht, nie hatten sie wirklich einmal Rücklagen bilden können. Susan war an der harten, hoffnungslosen Arbeit zerbrochen. Schweigend lebten sie nun nebeneinander her, ohne dass einer dem anderen Mut oder Hoffnung hätte geben können.
Seine beiden Söhne hatten sich auch als Enttäuschung entpuppt. Anthony war ein Kerl wie ein Baum und durchaus in der Lage, mit anzupacken. Aber er war faul und erledigte die ihm aufgetragene Arbeit nur mit halbem Herzen, sodass Martin immer wieder gezwungen war, Anthonys Tätigkeit zu kontrollieren und auszubessern. Zudem verstand sich Anthony überhaupt nicht mit seinem Bruder und er drangsalierte ihn weitaus mehr, als es Geschwister üblicherweise tun. Dies machte das Zusammenleben auf so engem Raum nicht gerade einfacher.
William hingegen war, was die harte Arbeit auf einer Farm anging, nahezu nutzlos. Er war ungeschickt und dank seines Übergewichtes, seiner Unbeweglichkeit und der daraus resultierenden geringeren Leistungsfähigkeit nur für leichte Handlangertätigkeiten zu gebrauchen. Susan hatte mittlerweile wortlos den Teller vor ihren Mann hingestellt und sich wieder auf ihren Platz gesetzt. Martin aß hungrig, als Anthony schließlich das Schweigen am Tisch brach.
»Vater, ich muss nachher in die Stadt fahren und Schindeln für das Dach der Scheune besorgen. Falls es regnen sollte....«
Ein grimmiger Blick von Martin ließ Anthony verstummen.
»Wenn es uns Regen bringen würde, dann würde ich das ganze Dach der Scheune abdecken. Aber ich befürchte, so bald wird es leider keinen Regen geben.«
Martin lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schob den leeren Teller von sich.
»Du kannst heute nicht in die Stadt fahren, ich brauche dich für die Arbeit an den Wasserrohren. Wir haben immer noch nicht alle undichten Stellen gefunden, und wenn wir unsere beiden letzten Felder nicht anständig bewässern, verlieren wir auch dort die Ernte. Dann sind wir endgültig am Ende. William fährt in die Stadt und wird die Schindeln besorgen.«
»War ja klar«, grummelte Anthony mürrisch, »für mich die harte Arbeit und für den fetten Kerl der Ausflug.«
William blickte seinen Bruder wütend an, wagte aber keine Bemerkung anzubringen. Anthonys cholerisches Temperament war auch bei den Freunden seines Bruders berüchtigt. Martin hatte es schon lange aufgegeben, sich in die Zwistigkeiten seiner Söhne einzumischen. Er stieß seinen Stuhl zurück und erhob sich.
»Schluss jetzt. Wir haben keine Zeit für sinnlose Diskussionen. Anthony, du holst das Werkzeug aus dem Schuppen und William, du fährst zu Mr. Hutton und besorgst für ungefähr zwanzig Quadratmeter Schindeln. Du musst ihn davon überzeugen, dir die Schindeln auf Kredit zu verkaufen. Sag ihm, ich käme Ende der Woche vorbei und würde die Rechnung bezahlen. Sieh zu, dass du direkt mit Mr. Hutton sprichst und nicht mit einem seiner Verkäufer. Und geh mit dem Wagen schonend um. Die Kosten für eine Reparatur wäre das Letzte, was wir jetzt gebrauchen können.«


 


Ostküste der USA, PanAm-Flug 416 im Anflug auf den Philadelphia International Airport


Hoch über den Wolken blätterte Miles Tanner, Professor für Archäologie an der Pennsylvania State University in Philadelphia, wieder und wieder seine Unterlagen durch. Was er bei der Ausgrabung in Mykene an Funden freigelegt und was er in bisher unerforschten unterirdischen Räumen noch in situ vorgefunden hatte, war schlicht unfassbar. Es würde die bisherigen Theorien über den Untergang der mykenischen Palastkultur revolutionieren, wenn er erst einmal alle Funde ausgewertet hätte. Er musste einfach Geld beschaffen, um seine Grabungen weiter voranzutreiben. Auch die Universität würde es einsehen müssen und ihm einen zweiten Aufenthalt in Griechenland finanzieren. Bei dem Gedanken an die finanzielle Ausstattung seines Lehrstuhls schloss Tanner die Augen, nahm erschöpft seine Brille ab und strich sich durch sein graues Haar. Wem versuchte er, etwas vorzumachen?
Vor fünfzig oder sechzig Jahren wäre die Finanzierung einer weiteren Ausgrabung kein Problem gewesen. Nicht nach den Ergebnissen, die er von dieser Grabung mit nach Hause brachte. Aber damals wurden Universitäten auch noch mit öffentlichen Geldern gefördert und Fächer wie Archäologie hatten ihre Daseinsberechtigung. Aber schon, als er vor rund dreißig Jahren mit seiner Promotion begann, hatte sich der Staat aus der Finanzierung von Universitäten komplett zurückgezogen und das Feld privaten Firmen überlassen. Überhaupt hatte sich das Schwergewicht immer mehr von staatlichen zu gesponserten Einrichtungen verlagert, und zwar umso stärker, je größer die öffentliche Schuldenlast wurde und je spärlicher die Staatseinnahmen flossen.
Firmen hatten sich immer mehr zu multinationalen Holdings zusammengeschlossen, die sich schon bald erbittert bekämpften und immer stärkeren Einfluss auf die Politik gewannen. Der Kampf der einzelnen Konzerne gegeneinander erinnerte mehr und mehr an regelrechte Kriege und der Trend zur Monopolisierung der Wirtschaft war schließlich unumkehrbar geworden. Mittlerweile hatte sich in den meisten Ländern ein Konzern durchgesetzt, der nicht nur die absolute Führungsposition im wirtschaftlichen Bereich beanspruchte, sondern auch über die Politik im jeweiligen Land bestimmte.
Und hier in den USA saß der wohl mächtigste Konzern von allen, die Trident Holding Corporation. Alle hochrangigen Politiker standen auf ihrer Lohnliste. Selbst der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hatte einen Sitz im Aufsichtsrat und Tanner hätte nicht zu sagen vermocht, welches Amt wohl das Wichtigere war. Jedenfalls war die Lage an der Universität nun so, dass das Budget fast ausschließlich von Trident zur Verfügung gestellt wurde. Die Verantwortlichen des Konzerns wollten dafür verwertbare Resultate von ′ihren′ Studenten und Professoren erhalten.
Fächer wie Archäologie, Literatur oder Geschichte waren in deren Augen nutz- und wertlose Fächer. Wenn Professor Tanner in wenigen Jahren emeritierte, konnte er sicher sein, dass der Lehrstuhl aufgelöst werden würde. Aber den Versuch musste Tanner trotzdem unternehmen. Seine Forschungsergebnisse deuteten auf etwas Besonderes hin, was in Mykene vor dreitausend Jahren passiert war – und was sich seiner Ansicht nach jederzeit wiederholen konnte. Die Nachricht von den seltsamen Lichtern in der letzten Nacht, die er noch auf dem Athener Flughafen erhalten hatte, war nicht gerade geeignet, ihn zu beruhigen. Weitere Untersuchungen waren unbedingt erforderlich. Der Dekan würde das hoffentlich einsehen. Er musste es einfach.


 


Seattle, Washington/USA, AC Theater


»Sam, mach mal voran! Dein Auftritt ist in fünf Minuten. Los los los!«
Sam Byron blickte mit mürrischem Gesicht zur Tür. Konnte dieser Keith eigentlich auch mal etwas sagen, ohne immer direkt Befehle zu bellen? Aber was sollte er machen? Er war auf die lumpigen zwanzig Dollar angewiesen, die er hier für jeden Auftritt bekam. In diesen Tagen lagen die Jobs für einen Mann Mitte der Zwanzig, der weder etwas gelernt noch länger irgendeine Arbeit ausgeübt hatte, leider nicht auf der Straße. Die Zeiten, in denen man angeblich eine Chance gehabt hatte, sich vom Tellerwäscher zum Millionär hochzuarbeiten, die waren lange vorbei.
Heutzutage konnte es höchstens dem Millionär passieren, dass er sich als Tellerwäscher wieder fand. Das ging ganz schnell. Man musste sich nur mit den falschen Leuten anlegen. Aber Sam war weder ein Millionär, noch hatte er auch nur die mindeste Lust, Teller zu spülen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als die Launen seines Chefs zu ertragen. Daher erhob er sich und wollte sich an Keith vorbei aus der Tür schieben, als dieser ihn am Arm festhielt.
»Und Sam, noch eine solche Blamage wie gestern und du kannst dir einen neuen Job suchen! Haben wir uns verstanden?«
Sam unterdrückte sein dringendes Bedürfnis Keith zu sagen, wohin er sich seinen Job schieben konnte. Schließlich war der gestrige Vorfall nicht seine Schuld gewesen. Seine drei Freunde, die ihn bei diesem Auftritt unterstützen sollten, waren nicht erschienen. Somit hatte er notgedrungen drei wildfremde Personen aus dem Publikum auswählen müssen. Und damit hatten seine Probleme angefangen. Denn wenn man einen Hypnotiseur darstellen sollte und nicht die mindeste Ahnung von Hypnose hatte, dann konnte dies mit nicht eingeweihten Versuchsobjekten nur schief gehen. Jetzt stand er wieder hinter dem Vorhang und hoffte inständig, dass ihn seine Freunde nicht erneut im Stich lassen würden. Sam konnte die weibliche Stimme hören, die dem Publikum den nächsten Auftritt ankündigte.
»Meine Damen und Herren, die Bingham Gruppe freut sich, Ihnen nun einen ganz besonders talentierten jungen Mann vorstellen zu können. Er hat bereits Vorstellungen in verschiedenen Großstädten abgeliefert und in all diesen Städten riesige Triumphe gefeiert!«
Sam verzog hinter dem Vorhang das Gesicht und verdrehte die Augen. »Oh Gott Karen«, murmelte er halblaut, »mach es kurz und trage nicht so dick auf.«
»Hier ist Sam Byron!«
Sam war für einen Moment überrascht. Normalerweise hätte er jetzt noch eine längere Abhandlung seiner Fähigkeiten erwartet. Aber gut, so war es ihm auch recht. Der Vorhang ging auf und mit einem strahlenden Lächeln schritt er an Karen vorbei und betrat die Bühne. Der Applaus tröpfelte, während sich Sam schwungvoll verbeugte und zwischendurch den Zuschauerraum nach vertrauten Gesichtern absuchte. Erleichtert atmete er auf, als er seine drei Freunde und Helfer am Rand in der ersten Reihe erblickte. Die Vorstellung konnte beginnen.
»Verehrtes Publikum, da mich die reizende Karen bereits vorgestellt hat, möchte ich sofort mit einer kleinen Demonstration beginnen. Für diese Nummer benötige ich drei Freiwillige. Wer von Ihnen möchte mir assistieren?«
Sam blickte in den Zuschauerraum, als ob er verzweifelt nach Freiwilligen suchen würde.
»Nur keine Scheu. Ich garantiere Ihnen, es ist nicht gefährlich.«
Und als ob er sich gerade erst entschieden hätte, deutete er mit einer einladenden Geste auf seine drei Freunde.
»Gut, wir haben hier drei mutige Freiwillige. Ich bitte um Applaus.«
Sams Nummer war nach dem üblichen altbackenen Schema aufgebaut. Er versetzte seine Freiwilligen in tiefen ′Schlaf′, aus dem er sie mit einem Schnippen seiner Finger aufweckte und sie anschließend allerlei alberne Handlungen durchführen ließ. Sam war heute mit der Leistung seiner Helfer ausgesprochen zufrieden. Sie führten jede seine Anweisungen wortgetreu aus und das Publikum war von der Vorstellung angetan. Schließlich weckte Sam seine Helfer aus der ′Hypnose′ auf, und nachdem sie sich wieder auf ihre Plätze begeben hatten, beendete Sam seinen Auftritt und verbeugte sich unter rauschendem Applaus.
»Gebt euch mal ein wenig Mühe«, sagte Sam halblaut vor sich hin, als das Klatschen langsam schwächer wurde. »Klatscht, bis euch die Hände bluten. Seid mal nicht so faul.«
Zufrieden registrierte Sam, wie der Applaus bei seiner letzten Verbeugung wieder etwas stärker wurde. Mit einem abschließenden Winken in den Saal zog sich Sam hinter den Vorhang zurück und überließ Ben die Bühne. Noch auf dem Weg in die Garderobe hallte ihm das rauschende Klatschen nach. Dafür sollte mir Keith einen Bonus zahlen, dachte er noch, während er die Garderobentür hinter sich schloss.


Sam ließ sich viel Zeit mit dem Umziehen und hing ein wenig seinen Gedanken nach. Er hatte bei Keith noch für vier Wochen Vertrag. Was sollte er danach machen? Auf diesen Betrug, sich als Hypnotiseur auszugeben, hatte er eigentlich keine Lust mehr. Aber wieder als Verkäufer in einem Supermarkt zu arbeiten war auch nicht die reine Freude. Vielleicht sollte er einfach in eine andere Stadt ziehen und sehen, was es dort für Möglichkeiten gab. Die Tür öffnete sich und Keith kam in den Raum.
Von der Bühne her konnte Sam den lauten Applaus hören und er wunderte sich, dass Bens laue Comedy-Nummer so gut ankam. Er fand sie nicht mal ansatzweise komisch und in der Regel war das Publikum seiner Ansicht und bedachte Bens Auftritte häufiger mit Buhrufen.
»Hast du gesehen, wie ich den Zuschauern eingeheizt habe?«, fragte Sam seinen Boss großspurig. »Dafür solltest du mir wirklich einen schönen Bonus zahlen!«
Keith steckte ihm fünfzig Dollar zu, und als er Sams überraschten Blick bemerkte, murmelte er noch etwas von einem wirklich verdienten Bonus. Sam war regelrecht konsterniert. Normalerweise hatte sein Chef einen Igel in der Tasche und Sam hatte nicht erwartet, tatsächlich einen Bonus zu erhalten.
Erneut öffnete sich die Tür und ein sichtlich verwirrter Ben taumelte in die Garderobe, verfolgt von rauschendem Applaus. Sam grinste.
»Na Ben, heute hast du sie aber so richtig von den Sitzen gerissen. Hattest du neue Witze im Programm oder war es nur ein besonders dankbares Publikum? Du solltest es ausnutzen. Keith ist heute in generöser Stimmung.«
Ben schüttelte nur mit entsetzt aufgerissenen Augen den Kopf.
»Sam ... Sam, ich hatte noch gar nicht angefangen. Die Zuschauer ... sie haben seit deinem Abgang noch gar nicht aufgehört zu klatschen.«


Entsetzt stand Sam neben Ben und Keith auf der Bühne. Die Menschen im Zuschauerraum klatschten immer noch wie wild, aber auf ihren Gesichtern zeichnete sich deutlich Verzweiflung ab. Hier und da hatten verschiedene Zuschauer mit dem Applaudieren aufgehört und starrten mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht auf ihre blutenden Hände. Entsetzt stellte Sam fest, dass selbst seine drei Freunde wie besessen applaudierten.
»Hört auf«, rief er halblaut in den Saal. »Um Gottes Willen hört doch auf.«
Und wie auf Kommando stellten die Zuschauer das Klatschen ein. Stöhnend vor Schmerzen und Erschöpfung sackten sie auf den Sitzen in sich zusammen. Manche im Saal weinten fast vor Erleichterung.
»Was zur Hölle war das?«, fragte Keith. »Was um alles in der Welt ist mit den Leuten bloß los?«
Das kann doch nicht an mir gelegen haben, dachte Sam. Das ist doch völlig unmöglich, geradezu lächerlich.


 


Nebraska/USA,
Landstraße zwischen Barkers Farm und Hastings


Vorsichtig und gefühlvoll steuerte William den altersschwachen Lastwagen seines Vaters über die staubige und mit Schlaglöchern übersäte Straße. Das Quietschen der ausgeleierten Stoßdämpfer und die wenig vertrauenerweckenden Geräusche aus dem Motorraum und von den Achsen her ließen William vermuten, dass eine kleine Unvorsichtigkeit den Wagen auseinanderfallen lassen würde. Ein Unfall gäbe seinem Bruder nur weitere Munition in die Hand, ihn zu schikanieren und bei seinem Vater anzuschwärzen.
Er seufzte leise. Wie gerne würde er dieses Leben hinter sich lassen. Er war jetzt zwanzig Jahre alt und früher hatte er sich vorgestellt, dass er in diesem Alter sein erstes Jahr auf dem College verbringen würde. Im Gegensatz zu Anthony hatte er gern die Highschool besucht und seine Noten waren alles andere als schlecht gewesen. Auch seine Mutter hatte ihn in den ersten Jahren bestärkt, seine Ziele zu verfolgen. Aber dann folgte eine Katastrophenernte auf die andere und dadurch schmolzen die geringen Rücklagen dahin, die seine Eltern in besseren Jahren hatten anlegen können. Und so waren schließlich auch die Ersparnisse für das College dahingegangen.
Seit einigen Jahren lebten sie eigentlich nur noch von einem Tag auf den nächsten und ohne jede Hoffnung, dass es einmal wieder besser werden könnte. Das letzte wirklich schöne Ereignis, an das sich William erinnern konnte, war der Urlaub vor sechs Jahren gewesen. Sie hatten ihn zusammen in einer kleinen Hütte an einem Bergsee in Kanada verbracht.
Als wäre es gestern gewesen, konnte William den würzigen Duft der Tannen riechen. Er konnte die leisen Geräusche des kleinen Baches hinter der Hütte hören, das raue Holz der Bank auf der Veranda unter seinen Händen spüren. Wie gerne wäre er jetzt dort und nicht auf dieser staubigen, heißen Landstraße.
Ein heftiger Schwindel durchfuhr William. Er bremste leicht ab, steuerte den Wagen an den Straßenrand, rieb sich mit einer Hand über seine Augen und beugte sich leicht nach vorne. Kopfschmerzen! Wenn er etwas ganz bestimmt nicht gebrauchen konnte, dann wäre dies eine Krankheit. Einen Arztbesuch würde er sich definitiv nicht leisten können. Schließlich fühlte er sich besser und er griff nach dem Lenkrad, um sich wieder aufzurichten und seine Fahrt fortzusetzen.
Aber da war kein Lenkrad!
Und da war auch keine Straße mehr!
Er saß auch nicht mehr in einem Lastwagen, sondern er saß auf einer alten Holzbank und blickte auf einen idyllischen Bergsee, der von Bergtannen gesäumt war. Erneut rieb sich William über seine Augen und schüttelte leicht seinen Kopf, um ihn wieder klar zu bekommen. Doch als er die Augen erneut öffnete, bot sich ihm das gleiche Bild. Verlor er jetzt endgültig den Verstand?
Langsam stand William von der Bank auf und tastete sich zögernd vor in Richtung See. Alles wirkte so real. Die Geräusche, die Gerüche, der weiche Boden unter seinen Füßen, einfach alles. Wie war das möglich? In der einen Sekunde noch in diesem alten Lastwagen und im nächsten Augenblick an dem Platz, den er sich noch kurz vorher in sein Gedächtnis gerufen hatte. Das konnte nur ein Tagtraum sein.
Er ging in die Hocke und tauchte eine Hand in das Wasser des Sees ein. Für einen Traum fühlte sich das Wasser verdammt nass an. Vorsichtig und behutsam schritt er vom See aus auf den angrenzenden Wald zu. Immer noch ungläubig strich er wie in Trance über die Rinde der Bäume, hob Blätter vom Waldboden auf und ließ sie wieder zu Boden gleiten.
Wie lange er diese traumhafte Landschaft durchstreift hatte, hätte er nicht sagen können. Aber plötzlich fiel ihm siedend heiß ein, dass er noch einen Auftrag zu erledigen hatte. Und im nächsten Moment durchzuckte ihn ein eisiger Schreck. Gesetzt den Fall, er war nicht verrückt und befand sich tatsächlich hier in Kanada: Wie kam er eigentlich wieder zurück? Er wusste ja nicht einmal, wie er überhaupt hierhin gekommen war.
Die nächste Stunde verbrachte William damit, laut seine Adresse vor sich hinzusprechen. Er gab Sätze mit dem Inhalt von sich, dass er jetzt bitte schön gerne wieder zu Hause wäre. Aber der einzige Erfolg bestand darin, dass er nun ein leichtes Kratzen in seinem Hals spürte. Entmutigt ließ er sich erneut auf der Bank vor der Hütte nieder. Die Schönheit der Gegend verblasste langsam hinter einer aufsteigenden Furcht.
Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie weit diese Hütte von der nächsten Ortschaft entfernt war. Diese Strecke würde er ohne Ausrüstung nie im Leben zurücklegen können. Allmählich wurde es auch dunkel und in Kanada war es deutlich kühler als in Nebraska. Daher begann er auch langsam, in seinem dünnen Hemd zu frieren. Wehmütig blickte er auf die Hütte und dachte an den großen Wohnraum mit dem prasselnden Kaminfeuer, vor dem er sich damals so gerne aufgehalten hatte. Wie gerne würde er jetzt...
Diesmal geschah es ohne Schwindelgefühl. Ein freudiger Schreck durchzuckte William, als er sich auf einmal in einem Raum befand. Es war zwar ziemlich dunkel, aber er erkannte dennoch sofort den Wohnraum der Hütte. William fragte sich, ob es wirklich so einfach funktionierte. Reichte es tatsächlich, sich den Ort bildlich vorzustellen, zu dem er wollte? Unwillkürlich musste er über sich selber lachen. Es klang zu absurd. Aber was hatte er zu verlieren? Also schloss er etwas übertrieben die Augen, dachte an den Lastwagen und wiederholte wohl ein halbes Dutzend Mal im Geiste die Worte: »Ich will wieder zu meinem Fahrzeug.«
Nichts. Er spürte nichts. Entmutigt öffnete er schließlich seine Augen ... und bemerkte zu seiner großen Erleichterung, dass er sich tatsächlich wieder im Wagen befand. Kopfschüttelnd betätigte er den Anlasser und lenkte das Fahrzeug erneut auf die Straße in Richtung Hastings. Die Geschichte würde ihm absolut niemand glauben. Allerdings würde er sie auch garantiert niemandem erzählen.


 


Yankton, South Dakota/USA, Kricksteins Diner


Unwillig warf Joyce Rutherford den Schwamm in den Putzeimer und strich sich die Haare aus dem Gesicht. So weit hatte sie es also gebracht in ihren dreiundzwanzig Lebensjahren: Servicekraft in einem armseligen Schnellimbiss in der Einöde an einer kleinen Nebenstraße. Mit der Sondererlaubnis, am Ende eines langen Arbeitstages noch die widerlichen Überreste mindestens ebenso widerlicher Gäste von den Tischen zu entfernen. Angeekelt blickte sie auf die Speisereste, mit denen sie sich schon seit einigen Minuten abmühte. Dafür würde sie wahrscheinlich Sprengstoff brauchen, dachte sie nur sarkastisch. Frustriert ließ sie sich für eine kurze Pause auf einem dieser unbequemen Holzstühle nieder. Was hatte sie nicht für Träume gehabt. In der Highschool eines der beliebtesten Mädchen, Cheerleader und alles, was so dazugehörte. Aber dann war sie auf ihrem Lebensweg irgendwann falsch abgebogen. Während ihre alten Schulkameraden fast alle zumindest brauchbare Jobs hatten oder auf das College gingen, kämpfte sie hier mit den Hinterlassenschaften alter Hinterwäldler. Nein, das Leben war irgendwie nicht gerecht. Ein lautes Klopfen an der Eingangstür riss Joyce aus ihren Überlegungen.
»Es ist geschlossen!«, brüllte sie nur in Richtung Eingang.
Aber erneut wurde geklopft.
»Miss, würden sie bitte kurz öffnen? Wir waren heute bei Ihnen zum Lunch und mein Freund hier hat etwas vergessen. Bitte Miss, nur ganz kurz, wir sind auch sofort wieder weg.«
Mit einem unterdrückten Fluch griff Joyce hinter die Theke und holte den Schlüssel für die Vordertür hervor. Und erneut ertönte das Klopfen.
»Einen Moment Geduld!«, gab Joyce nicht besonders freundlich von sich. »Ich bin ja schon unterwegs.«
Unwillig rammte sie den Schlüssel in das Schloss und öffnete die Tür. Ein eisiger Schreck durchfuhr sie, als der erste der beiden Männer hereinstürmte, ihren Arm brutal auf den Rücken drehte und ihr sein Messer an die Kehle drückte.
»Keinen Ton will ich von dir hören, Lady, oder ich schlitze dir deinen schönen Hals auf.«
Joyce wimmerte vor Schmerzen. »Bitte, tun Sie mir nichts, bitte!«
Der zweite Verbrecher machte sich vorne an der Kasse zu schaffen und warf schließlich wütend einige Flaschen von der Theke, die klirrend am Boden zersprangen.
»Pike, hier ist kein einziger Cent in der Kasse!«
Joyce spürte, wie sich der Griff um ihren Arm noch verstärkte und das Messer in ihren Hals schnitt.
»Wenn du nicht willst, dass sich mein Kumpel ein wenig mit dir amüsiert, dann verrätst du uns besser, wo der Zaster ist!«
Joyce spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.
»Bitte, hier ist kein Geld. Mein Chef nimmt immer alle Einnahmen des Tages mit. Sie müssen mir glauben. Tun Sie mir bitte nichts!«
Für ein paar Sekunden glaubte Joyce, dass ihr Flehen geholfen hätte. Dann stieß sie Pike auf den Boden.
»Hier Danny, sie gehört dir. Viel Vergnügen und lass mir noch etwas übrig.«
Danny kam wieder hinter dem Tresen hervor und mit lüsternem, gierigem Blick näherte er sich Joyce, die ihn entsetzt anstarrte und rücklings von ihm wegzukriechen versuchte.
»Nein, lassen Sie mich, bitte, gehen Sie einfach. Ich werde auch nichts verraten. Nein! NEIN!«
Danny war immer näher gekommen und Pike hatte sich rittlings auf einem Stuhl niedergelassen und besah sich die Szene mit höhnischem Lächeln. Doch mit ihrem Letzten verzweifelten ′Nein′ geschah etwas, was sich Joyce nicht erklären konnte. Sie sah noch die anfängliche Irritation der beiden Verbrecher, die nur Sekundenbruchteile später in panisches Entsetzen umschlug. An das Folgende konnte sich Joyce später nur noch wie an eine albtraumhafte Sequenz erinnern.
Wie Feuerbälle in die Körper der beiden Männer einschlugen, sodass diese sofort in hellen Flammen standen, einige Sekunden vor Schmerzen schreiend panisch durch den Gastraum taumelten und schließlich zusammenbrachen. Wie weitere Feuerbälle Tische, Stühle, Wände, Gardinen und Tischdecken in Brand steckten, wie Flaschen durch die gigantische Hitze explodierten und wie der Stahl des Tresens schmolz. Panisch kämpfte sich Joyce auf die Füße und stolperte mit vor das Gesicht geschlagenen Händen durch die Flammen in Richtung Eingangstür. Mühsam schleppte sie sich aus dem Umfeld des lichterloh brennenden Gebäudes, bevor sie schließlich ohnmächtig auf dem Asphalt zusammenbrach.


Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Sie erwachte durch laute Rufe und Sirenen ganz in ihrer Nähe. Um sie herum loderten riesige Flammen in den Nachthimmel. Durch deren Züngeln hindurch konnte sie eine Anzahl von Feuerwehrleuten erkennen, die mit Wasser und Löschschaum die Feuersbrunst zu ersticken versuchten. Aber es sah nicht so aus, als hätten sie auch nur ansatzweise damit Erfolg, da die Flammen nicht kleiner oder dunkler wurden. Joyce stemmte sich vom Boden hoch und blickte sich entsetzt um. Das Feuer hatte sie komplett eingeschlossen. Von einer Panikattacke geschüttelt sprang sie auf ihre Beine.
»Helft mir! Helft mir doch bitte!«, schrie sie angsterfüllt den Feuerwehrmännern durch die Flammenwand zu. Tränen schossen in ihre Augen. Sie wollte nicht sterben. Verzweifelt suchte sie nach einem Ausweg, nach irgendetwas, was ihr helfen oder sie schützen konnte.
Aber da war nichts. Sie hatte nur den kleinen Bereich zur Verfügung, den das Feuer aus irgendeinem Grund noch ausgespart hatte. Durch die Feuersbrunst sah sie, wie Feuerwehrmänner ihre Anstrengungen verdoppelten und jeden Wasserstrahl auf eine Stelle in der Flammenwand konzentrierten. So wollten die Männer ihr einen Sprung durch eine kurzzeitige Lücke ermöglichen. Aber das Wasser schien zu verdampfen, bevor es auch nur den kleinsten Effekt bewirken konnte. Joyce versagten angesichts des sicheren Todes die Nerven. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und brach weinend in die Knie.
»Bitte helft mir«, schluchzte sie, »bitte, das Feuer soll verschwinden. Bitte.«
Plötzlich hörte sie, wie Männer Befehle brüllten und sie spürte, wie sie hochgehoben und eilig zu einem Krankenwagen getragen wurde. Sie konnte überhaupt nicht begreifen, was da mit ihr geschah. Sie wusste nur, dass sie nicht mehr in dieser Flammenhölle gefangen war. Als sie auf einer Trage lag, führte sie erst einmal die eine Tätigkeit durch, die sie schon seit dem Angriff der beiden Schweinehunde erledigen wollte. Sie drehte sich zur Seite und übergab sich.


 


»Miss.... Miss.... Tut mir leid, aber ich muss mit Ihnen reden.«
Erschöpft schlug Joyce die Augen auf. War sie wieder ohnmächtig geworden? Ein vielleicht dreißigjähriger Mann in der Uniform eines Sheriffs saß neben ihrer Trage und betrachtete sie mit einem Ausdruck, der nicht besonders wohlwollend war.
»Was wollen Sie von mir? Ich hatte einen wirklich schlimmen Tag und will nur nach Hause.«
Joyce war nicht gerade in der Stimmung, ein freundliches Gespräch zu führen. Sie war mit ihren Nerven völlig am Ende.
»Miss Rutherford, mein Name ist Lance Trevor, Deputy-Sheriff, und es geht um den Brand des Imbisses, in dem Sie angestellt sind. Die Feuerwehrmänner haben in den verkohlten Trümmern die, nun ja, die sterblichen Überreste zweier Personen gefunden. Und ich würde jetzt gerne von Ihnen erfahren, wer diese Menschen waren und wie der Brand überhaupt ausgebrochen ist.«
Joyce erzählte ihm die Geschichte und der Gesichtsausdruck des Sheriffs wurde von Minute zu Minute skeptischer. Schließlich warf er einen abschließenden Blick auf seine Notizen und auf Joyce.
»Also, Miss Rutherford, Sie wollen mir tatsächlich erzählen, dass Sie aus einem lichterloh brennenden Gebäude geflohen sind. Darf ich Sie darauf hinweisen, dass Ihre Kleidung nicht einmal einen Rußfleck aufweist? Sie haben laut Aussage der Ärzte am ganzen Körper nicht einmal eine kleine Brandblase oder eine Hautrötung davongetragen! Ich sage Ihnen, wie ich das sehe. Sie haben den Imbiss von außen in Brand gesteckt und haben die beiden Menschen ermordet oder zumindest deren Tod in Kauf genommen.«
Joyce blickte den Sheriff fassungslos an.
»Wieso hätte ich ... ich habe nichts in Brand gesteckt. Und ... und was war mit dem Brand vor dem Imbiss?«
Trevor überflog die Aussage des Einsatzleiters. So richtig schlau war er nicht daraus geworden.
»Darum werde ich mich noch kümmern, Miss Rutherford. Aber vorerst interessiert mich hauptsächlich der Brand im Imbiss, weil dort Menschen zu Schaden gekommen sind. Derzeit würde ich darauf tippen, dass Sie sich an ihrem Vorgesetzten rächen wollten und deshalb das Feuer gelegt haben. Ich habe mit Mr. Krickstein telefoniert. Wenn man seinen Aussagen Glauben schenken darf – und ich habe zurzeit keinen Grund, es nicht zu tun – dann haben Sie sich ja nicht unbedingt besonders gut mit ihm verstanden. Er stand wohl schon mehrmals kurz davor, Sie zu entlassen. Schon aus diesem Grund bin ich ziemlich sicher, dass meine Vermutung bezüglich des Tathergangs nicht sonderlich weit von der Wahrheit abweicht. Miss Rutherford, ich muss Sie daher unter dem Verdacht der Brandstiftung mit Todesfolge verhaften und auf das Revier mitnehmen.«


 


Probieren geht über studieren

Philadelphia, Pennsylvania/USA, City Hospital


Den ersten Tag ihres praktischen Jahres im Medizinstudium hatte sich Maryse Abernathy eigentlich etwas anders vorgestellt. Irgendwie heldenhafter. In ihren ziemlich fantasievollen Tagträumen hatte sie sich Seite an Seite mit gut aussehenden Ärzten um das Leben von tapferen und ebenfalls gut aussehenden Patienten kämpfen gesehen. Nun, die Illusion wurde ihr bereits in der ersten Stunde geraubt, als sie mit zwei gestressten Pflegern einen übergewichtigen und etwas arg streng riechenden, volltrunkenen Mann bändigen musste. Dieser kaum zu bändigende Kerl hatte ihr quasi zur Begrüßung gleich mal den Kittel vollgekotzt. Und während sie noch überrascht auf die Bescherung geblickt hatte und abgelenkt war, hatte ihr der wild um sich schlagende Bastard zusätzlich als weiteren Willkommensgruß eine ordentliche Ohrfeige verpasst.
So hatte sie die erste Stunde damit zugebracht, sich einen neuen Kittel zu besorgen und außerdem ihre linke Wange mit einem Eisbeutel zu kühlen. Nun, wenigstens waren die Schmerzen in ihrer Wange nach kurzer Zeit vergangen und so konnte sie sich wieder mit vollem Einsatz ihrem neuen Job widmen: Dem Reinigen der Zimmer, denn leider hatte das Krankenhaus den Vertrag mit der alten Reinigungsfirma letzte Woche gekündigt und die neue Firma begann ihren Dienst erst nächsten Monat.
So bewegte sie sich also mit ihrem Mopp durch die Flure und Zimmer. Sie wich dabei den hin und her eilenden Schwestern, Pflegern und Ärzten aus und träumte wieder von der heldenhaften, überaus fähigen und immer gut gelaunten Ärztin Dr. Abernathy, die mit vollem Einsatz ihre Patienten heilen würde.
»Miss, bitte, passen Sie doch etwas auf. Ich habe bereits heute Morgen geduscht.«
Maryse wurde puterrot, als sie sah, was sie angerichtet hatte. Bei ihrer Tagträumerei hatte sie nicht darauf geachtet, wohin sie den Eimer mit dem Wischwasser steuerte und so einen Arzt hinterrücks gerammt. Dessen Hose war nun von den Knien abwärts mit Wasser durchtränkt.
»Oh ... Entschuldigung ... Ich habe nicht ... Ich wusste nicht ...«
Der Arzt schmunzelte leicht und Maryse atmete unwillkürlich etwas auf, während der Arzt ihr Namensschild zu entziffern versuchte.
»Schon gut, Miss ... Abernathy. Sie haben heute Ihren ersten Tag?«
Maryse nickte stumm.
»Gut. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit nur gerade auf dieses Licht neben der Zimmertür richten. Wenn Sie also vor der Tür stehen, und sehen das rote Licht dann bedeutet dies, dass Sie nur in absolut dringenden Notfällen das Zimmer betreten dürfen. Und mich mit Ihrem Mopp zu bearbeiten fällt nicht unter das, was wir als Notfall bezeichnen.«
Maryse nickte erneut und blickte den Arzt, der auf etwas zu warten schien, nur stumm an.
»Äh, Miss Abernathy, würden Sie dann jetzt bitte den Raum wieder verlassen?«
Die angehende heldenhafte Ärztin lief zum wiederholten Mal rot an, murmelte eine Entschuldigung und sah zu, dass sie aus dem Raum herauskam.


 


Maryse war heilfroh, dass der weitere Vormittag ohne größere Katastrophen vorüberging. Vorsichtig balancierte sie in der Kantine ihr Tablett mit dem nicht ganz einfach zu identifizierendem Mittagessen zu einem freien Platz. Sie ließ sich auf den Stuhl nieder und sah sich dem Arzt gegenüber, den sie am Vormittag im wahrsten Sinne des Wortes nass gemacht hatte. Immerhin, er grüßte sie freundlich, grinste und deutete dabei auf ihren Becher mit Mineralwasser.
»Ich hoffe, Sie wollen dieses Wasser trinken.«
Maryse lief – schon wieder – rot an und stammelte erneut eine Entschuldigung.
Der Arzt lachte nur gutmütig.
»Bitte Miss, das war doch nur ein Scherz. Was meinen Sie, was ich in meiner ersten Zeit hier alles angestellt habe. Aus dem Grunde lässt man die angehenden Ärzte ja auch nicht sofort auf die Patienten los. Mein Name ist übrigens Dr. Jones, aber Sie können mich auch ruhig Dean nennen. Das machen hier eigentlich alle und ich komme mir dann nicht so alt vor.«
»Maryse. Mein Name ist Maryse«, stellte sich nun auch die Studentin vor. Im nun entstehenden Gespräch erfuhr Maryse, dass Dean seit drei Jahren als Assistenzarzt angestellt war. Er hatte an der gleichen Universität wie sie studiert und in seiner ersten Woche während der Mittagspause sein Tablett über den Oberarzt ausgeleert.
»Du siehst«, lachte Dean, »da kann dein kleiner Fauxpas nicht mal ansatzweise mithalten.«
»Na, die Woche ist ja noch lange nicht vorbei. Da kann noch allerhand passieren«, gab Maryse nur zurück und blickte gleichzeitig auf ihre Uhr.
»So, jetzt muss ich aber wieder zu meinem geliebten Mopp. Der vermisst mich bestimmt schon.«
Sie wollte gerade ihr Tablett wegbringen, als Dean ihr einen Vorschlag machte.
»Wenn du willst, kannst du mich heute Nachmittag auf meiner Visite begleiten. So bekommst du einen ersten Einblick in die tägliche Routinearbeit. Dein Mopp wird auch erst einmal ohne dich auskommen können. Was hältst du davon? Nachher um zwei Uhr?«
Maryse strahlte und freudig stimmte sie zu.


 


Die Visite führte Maryse drastisch vor Augen, was unter einer Dreiklassenmedizin zu verstehen war. Konnte man seinen Krankenhausaufenthalt nicht privat bezahlen, hing die Güte der Behandlung davon ab, wie wertvoll die Arbeitskraft der betreffenden Person im wirtschaftlichen Bereich eingestuft wurde. Mittlerweile arbeitete der weitaus größte Teil der abhängig Beschäftigten in einem Unternehmen, welches auf irgendeine Art und Weise mit dem nahezu allmächtigen Trident-Konzern verbunden war. So entschied die Farbe der Angestelltenkarte über den ′Wert′ der jeweiligen Person. Je dunkler die Farbe war, desto höher stand der Angestellte in der Hierarchie und desto aufwendiger durfte auch seine Behandlung sein.
Maryse hatte sich über so etwas bisher nie Gedanken machen müssen. Sie war Studentin an einer angesehenen Universität und ihre Eltern waren beide hier in Philadelphia in der Zweigniederlassung von Trident in leitenden Positionen beschäftigt. Nun bekam sie zum ersten Mal zu sehen, wie es Menschen erging, die von diesem Konzern als ′unwichtig′ eingestuft wurden.
Schockiert stand sie in der ′gelben Station′, wie Dr. Jones mit grimmigem Unterton die Etage genannt hatte, bevor er die Tür eines Zimmers öffnete. Das Zimmer war früher vielleicht für vier Betten ausgelegt gewesen, aber irgendwelche Leute schienen der Ansicht gewesen zu sein, dass durchaus noch für vier weitere Krankenbetten Platz vorhanden wäre. Alle Betten waren belegt. Manche Patienten lagen einfach nur apathisch in ihren vor Schmutz starrenden Laken, andere waren bei Bewusstsein und wimmerten vor Schmerzen. Dean warf einen prüfenden Blick auf Maryse und sah, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, als sie das Elend betrachtete.
»Ja Maryse«, sagte Dean leise, »das ist die Realität in der heutigen Zeit. Wenn du dir eine anständige Behandlung nicht leisten kannst, dann landest du an Plätzen wie diesen. Nur ab und zu kommen Pfleger und Schwestern, um zumindest die grundlegende Betreuung durchzuführen. Und dreimal am Tag bringen sie das Essen und räumen es dann später wieder ab und es ist ihnen egal, ob das Essen angerührt wurde oder nicht. Ich bin der einzige Arzt, den diese Menschen hier zu sehen bekommen. Und wenn mein Oberarzt erfahren würde, dass ich mich hier unten herumtreibe, bekäme ich einen Verweis in meine Akte. Hier in dieser Etage geht dann von Zeit zu Zeit ein Pfleger durch und prüft nach, wer gestorben ist. Dann wird wieder ein Bett frei.«
»Ich helfe dir dabei, Dean. Ich kann ja in meiner freien Zeit die Medikamente verteilen und auch die Spritzen geben, wenn du mich anlernst.«
Maryse sah eine Chance, tatsächlich helfen zu können, aber Dean schüttelte nur betrübt den Kopf.
»Maryse, ich habe fast nichts, was ich den Menschen hier geben kann. Das Wenige, was ich hier bei mir habe, ist alles, was ich unter der Hand aus den Vorräten mitnehmen konnte. Offiziell sind für diesen Bereich des Krankenhauses keinerlei Medikamente vorgesehen. Und wenn man mich dabei erwischt wie ich Medizin für diese Station abzweige, dann verliere ich garantiert meine Stelle. So sieht es aus.«
Die junge Frau war wie vor den Kopf gestoßen.
»Aber das ist doch barbarisch. Man kann doch diese Menschen nicht so leiden lassen.«
Dean lachte nur bitter.
»Hier geht alles nach streng wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Kein wirtschaftlicher Nutzen, keine Medikamente. Alles ist hier wohlkalkuliert.«
Stumm verfolgte Maryse in der nächsten Stunde, wie Dean von Bett zu Bett ging und denjenigen, die es am meisten benötigten, etwas von seinem kleinen Vorrat an Medikamenten zuteilte. Mit einer schmerzstillenden Spritze versuchte er, besonders leidenden Patienten zumindest für kurze Zeit Linderung zu verschaffen. Für diejenigen, für die er nichts tun konnte, hatte er immer ein tröstendes oder aufmunterndes Wort übrig. Maryse schüttelte unterdessen die Betten auf, leerte die Beutel der Blasenkatheter und holte mehr als einmal Menschen aus ihren Exkrementen heraus.
Nachdem Dean und sie ihren Gang durch die Etage beendet hatten, war Maryse physisch und psychisch am Ende. Als sie und Dean in der Kantine bei einer Tasse Kaffee zusammensaßen, vermochte sie kaum die Tasse zu ihrem Mund zu führen, so sehr zitterten ihre Hände. Dean sah sie prüfend an.
»Ich nehme an, du möchtest dies morgen nicht unbedingt wiederholen?«
Maryse setzte die Tasse hart auf den Unterteller und knurrte grimmig.
»Und ob ich das möchte. Und wenn mir das irgendeiner von diesen Ärzten hier verbieten will, dann trete ich ihm in seine du-weißt-schon-wohin.«
Dean lächelte und nahm noch einen Schluck aus seiner Tasse. Er hatte sich in ihr nicht getäuscht.


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