Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Science Fiction > Mars 1029 NZ
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Science Fiction
Buch Leseprobe Mars 1029 NZ, Frank Bruckner
Frank Bruckner

Mars 1029 NZ



Bewertung:
(26)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
191
Dieses Buch jetzt kaufen bei:
Drucken Empfehlen

 


 


Alexander Norton sitzt mit verschränkten Händen auf der Kante eines rötlichen Granitblocks, in dessen Vertiefung auf der Oberseite eine Matratze eingelegt ist. Nortons Augen sind geschlossen und seine Lider flattern. Wie in Trance wippt er mit dem Oberkörper langsam vor und zurück. Genau ein Jahr verbringt er nun in dieser Zelle des Hochsicherheitsgefängnisses Pickering, achtzig Meter unter der Oberfläche des gleichnamigen Marskraters. Acht Quadratmeter Bewegungsfreiheit stehen ihm zur Verfügung. Das Licht ist den ganzen Tag über eingeschaltet und lässt sich auch in der Nacht nur dimmen. Die Belüftung in der Decke säuselt leise und wedelt eine trockene Luft in die Zelle. Einmal in der Woche wird Norton von zwei Wärtern in Hand- und Fußschellen zu einem der Duschräume begleitet. Dort findet er in einem Fach einen neuen, orangefarbenen Einweg-Overall vor und, nach Ankündigung und Aushändigung seiner Bettwäsche, neue Bezüge für seine Schlafstätte, die grundsätzlich verblichen, steif und kratzig sind.


Ein Jahr Pickering schlug das Triangel-Konzerngericht ihm ins Gesicht, gefolgt von acht Jahren offenem Vollzug in Europa, ohne die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung auf Bewährung. Den härtesten Teil seiner Strafe hat er heute hinter sich gebracht, doch es hat ihn viel gekostet. Die ersten Wochen in der Isolation waren schmerzvoll. Wie ein gehetztes Tier lief er in der Zelle auf und ab, fünf Schritte zu der Tür mit dem gelöcherten Sichtschlitz aus Panzerglas, fünf Schritte zurück zur nackten Wand. Schon wegen Kleinigkeiten verlor er die Beherrschung und versank in zügellose Raserei. Wenn eine Scheibe Brot zu wenig auf dem Essenstablett war, ein Päckchen Margarine fehlte, die Post nicht kam. Wie von Sinnen bearbeitete er die massive Metalltür mit donnernden Tritten, brüllte seine Wut und seine Frustration gegen die weißen Granitquader der Wände. Dann wieder war er so niedergeschlagen, dass er tagelang durchschlief. Nach jedem Erwachen blickte er mit hängenden Lidern in der kargen Zelle umher und empfand eine so übermächtige Müdigkeit und Erschöpfung, dass ihm die Augen gleich wieder zufielen. Die Mahlzeiten vor der Essensklappe in der Tür rührte er nicht an, was ihn auszehrte und noch schläfriger machte. Es dauerte Wochen, sich auf die neue Situation einzustellen und auch dann wurde es nicht viel besser. Er begann zu trainieren. In die Hocke, vornüber auf die Hände, drei Liegestützen, wieder in die Hocke und auf die Beine. Eintausend mal, zehntausend mal. Stundenlange Gänge, fünf Schritte von der Tür zur Wand, fünf Schritte zurück von der Wand zur Tür. Jeden Tag reinigte er gründlich seine Zelle und tauchte ab in seine Fantasie, versetzte sich in die obskursten Situationen, führte Gespräche mit fiktiven Personen, verlieh seinen Gefühlen Ausdruck mit Mimik und Gestik. Er träumte sich zurück in ein Leben mit attraktiven Frauen, lebte an wundervollen Orten und als angesehene Persönlichkeit. Vieles davon spielte auf New Heaven, unter einer blauen Himmelskuppel, wo er an feinsandigen Stränden mit seinen Geliebten und bunten Schirmchen in exotischen Drinks auf die schönen Seiten des Lebens anstieß.


Am heutigen Tage soll Schluss sein mit den Fantastereien, trotz des unterschwelligen Gefühles, dass diese geistigen Deformationen ihm noch lange Zeit erhalten bleiben werden. Nach einem Jahr der Isolationshaft geht es zurück in ein richtiges Leben, wenn auch in ein beschränktes. Er wird wieder unter Menschen leben, kann sich in den Kuppeln des offenen Vollzuges frei bewegen, seine Ernährung selbst bestimmen, sich den Kopf zudröhnen und sich um die Gunst des anderen Geschlechtes bemühen. Nach einem Jahr des strengen Entzuges am besten gleich alles auf einmal. Im Laufe des Tages wird er nach Europa überstellt, doch hält sich seine Freude darüber in Grenzen. Zu tief haben sich Einsamkeit und Tristesse in sein Innerstes geschnitten.


Mit halb geschlossenen Augen schaut Norton zu dem Monitor in der gegenüberliegenden Wand. Darunter befindet sich ein kleiner, quadratischer Tisch, rechts daneben ein Stuhl. Beide sind aus Metall und fest im Boden verankert. Links von ihm, neben der Zellentür, ragen ein Waschbecken und eine Toilette silbern glänzend aus der Wand hervor. Ungeachtet aller Putzanstrengungen verströmt die Sitzschüssel zuweilen einen wenig behaglichen Geruch in der Zelle. Nortons Habseligkeiten stapeln sich peinlich geordnet in Vertiefungen von Wand und Bett. Unterwäsche, Hygieneartikel, Handtücher, Briefe, Bilder und einige Bücher. Sauber aufgereiht, das Blaue neben das Blaue, das Rote neben das Rote, die Bücher Kante auf Kante. Solche Kleinigkeiten sind ihm zu einem Lebensinhalt geworden und halfen dabei, die langsam dahinstreichende Zeit zu füllen.


Auf dem Bildschirm des Monitors ist, trotz der eingetrockneten Hinterlassenschaften von Nortons Mahlzeiten auf seiner Sicherheitsscheibe, eine Frau in fortgeschrittenem Alter zu erkennen. Sie trägt eine weiße, hochgeschlossene Bluse, darüber einen schwarzen Blazer. Keinerlei auflockernde Accessoires wie Ringe oder Anstecker. Lediglich eine Brille mit einem schwarzen Gestell hängt an einer Kette um ihren Hals. Mit streng zurückgekämmten Haar und Zornesfalten im Gesicht predigt sie mehrmals am Tag Lektionen über den Wert von sozialem Verhalten in der Gesellschaft herunter.


„Nutzen Sie die Zeit Ihrer Inhaftierung, um in sich zu gehen und als besserer Mensch in unsere wertebasierte Gesellschaft zurückzukehren. Entdecken Sie Ihren Glauben an unsere gerechte und soziale Gemeinde, die sich durch Zusammenarbeit und Kameradschaft, durch eine vertraute und verbundene Seelengemeinschaft auszeichnet.“


Das Wohl anderer Menschen als wichtig erachten und bereitwillig sein, im Sinne der Gemeinschaft etwas zu opfern, sei es Energie, Zeit oder Geld. Körperliche und verbale Wutanfälle unterbinden, weil sie ein Zeichen von mentaler Schwäche sind. Sich mit sozialen Umgangsformen nach vorhandenen Normen und Werten richten. Endlose Vorträge über die gesellschaftlichen und persönlichen Nachteile von Egoismus, Gier, Neid und Intoleranz, gefolgt von Stress- und Aggressionsbewältigungskursen. Die Texte kennt Norton beinahe auswendig, was wohl auch der Sinn der ständigen Berieselung sein dürfte. Je öfter auf einen Nagel geschlagen wird, desto tiefer dringt er ein.


Norton empfindet lediglich Verachtung für diese Manipulationen. Es erinnert ihn an die Konditionierung von Tieren, deren einziger Lebenszweck es ist, für ihre Besitzer einen Nutzen zu erfüllen. Die Welt dort draußen ist nicht gerecht und schon gar nicht humanistisch, das weiß er tief in seinem Herzen. Die Menschen müssen zum Vorteil einer selbsternannten Elite funktionieren, auch das weiß er genau, denn er gehörte einst selbst zu dieser Oberschicht und hat sich oft genug mit seinen betuchten Freunden über den Pöbel lustig gemacht. Das niedere Volk wird zu ungebildeten Arbeitsrobotern herangezogen, die ihre Lebenssituation kritiklos akzeptieren und mit inniger Sehnsucht ihren kleinen Begierden hinterherlaufen. Eine umfassende Ausbildung ihres Geistes wird ihnen an den Schulen verwehrt.


Zum Abschluss der Vorträge ermahnt die Grauhaarige stets, den Anweisungen der Wärter folge zu leisten und sich verträglich zu benehmen. Die Disziplinarmaßnahmen bei Fehlverhalten schildert sie mit einem unverhohlenen Genuss in ihren Zügen. Entzug von Vergünstigungen wie Büchern und abwechslungsreicher Ernährung oder die Beendigung von brieflichen Kontakten mit Angehörigen und Freunden, bis hin zu Zwangsjacken, Fixierung an Bodenklammern in Dunkelkammern und Elektroschocks. Den Ton der Übertragungen während der Einflüsterungen kann Norton weder begrenzen noch abschalten. Er quillt nasal aus einer vergitterten Öffnung, rechts oben von ihm in der Wand. Zwischen den Belehrungen werden ausgewählte Nachrichten und Naturfilme gesendet.


Norton reibt eine juckende Stelle unter dem neuromuskulären Schocker an seinem rechten Handgelenk. Die Haut ist gerötet und scheint sich zwischen Brennen, Kribbeln und Juckreiz nicht entscheiden zu können. Die letzte Dröhnung, wie Norton es bezeichnet, hat ihm Wise von der Morgenschicht verpasst. Mit Halbsekunden-Schocks gibt der sich nach all den Beleidigungen ihm gegenüber gar nicht mehr ab. Und ein paar lächerliche Muskelkontraktionen durch die eine Million Volt beeindrucken Norton schon lange nicht mehr. Er empfindet ein unwiderstehliches Bedürfnis, Wise zu diesen erbosten Bestrafungen zu provozieren. Norton will den Schmerz spüren, den er in seinem Inneren trägt. Und der kalkgesichtige Wise ist ihm so unsympathisch, dass er es genießt, ihn zu beschämen und seine Gefühle zu verletzen. Die zermürbende Langeweile scheint ihn ebenfalls zu dieser Handlungsweise zu treiben. Er steht unter einer permanenten Anspannung, die einen Weg zur Entladung finden muss und seine Möglichkeiten sind begrenzt. Die Überlagerung der körpereigenen Impulse durch den elektrischen Viehtreiber, das Verkrampfen der Muskulatur, das unkontrollierte Zittern und die anhaltenden Schmerzen, die der Tortur unweigerlich folgen, erinnern Norton daran, dass er noch am Leben ist.


Ein metallisches Schleifen von der Zellentür her, das mit einem Knall endet, reißt Norton aus seiner Teilnahmslosigkeit. Die Beobachtungsklappe hinter der Glasscheibe wurde aufgeschlagen.


„Häftling Norton.“ Hinter der schmalen Sichtklappe flackern Pintrys unruhige Augen. Seine bassige Stimme ist unverkennbar. „Aufstehen und an die Wand.“


Norton erhebt sich von seinem Bett und stellt sich mit dem Gesicht zur Tür an die gegenüberliegende Wand.


„Häftling Alexander Norton“, sagt er. „Identifikationsnummer P 7256.“


„Ausziehen, Arme nach oben und umdrehen“, sagt Pintry.


„Jawohl, Sir.“


Norton entkleidet sich und stellt sich, die Hände auf dem Kopf, mit dem Gesicht zur Wand. Die übliche Prozedur vor jedem Verlassen der Zelle, um ihn auf unerlaubte Gegenstände am Körper zu untersuchen. Dieser erniedrigende und stets wiederkehrende Vorgang kostet ihn immer noch erhebliche Überwindung.


„Beine spreizen und bücken.“


Norton stellt die Füße auseinander und beugt sich hinunter.


„Arschbacken auseinander.“


Mit beiden Händen greift sich Norton an das Gesäß und fügt sich der erwünschten Prozedur.


„In Ordnung. Anziehen, Hände auf den Rücken und zurück zur Tür“, donnert Pintry mit rollenden Basstönen.


Norton streift Unterhose, Shirt und den Einteiler über, schlüpft in die Latschen. Bei Pintry verzichtet er auf Spielereien. Er ist ein kaltblütiger Soziopath und schickt Norton bei der geringsten Verärgerung mit einem sechs Sekunden langen Elektroschock auf den Boden. Zwei oder drei Sekunden findet Norton ganz in Ordnung. Trotz der unangenehmen Effekte fühlt er sich nach einer solchen Bestrafung entspannter, ja fast ein wenig heiter, als wäre ihm ein schwerer Steinkragen vom Hals entfernt worden. Nach sechs Sekunden jedoch scheint sein Kopf sich aufzublähen und beinahe zu platzen. Er kann nicht mehr scharf sehen, sein Gleichgewicht nicht mehr halten und er verliert die Orientierung. Pintry dagegen scheint nur auf eine Gelegenheit zu warten, ihn mit dem Viehtreiber zu kitzeln, wie er es mit grimmigem Lächeln zuweilen umschreibt. Hier unten ist er Gott und Teufel in einer Person und ist offenbar niemandem gegenüber zur Rechenschaft verpflichtet.


Er hat sich in seiner Jugend mehrfach für eine Ausbildung als Law beworben, soviel konnte Norton bislang in Erfahrung bringen. Und müsste Norton raten, würde er sagen, die Ablehnungen resultierten nicht aus Pintrys überlegenen geistigen Fähigkeiten. Zum Gefängniswärter allerdings reichte es noch oder, wie Pintry es gerne formuliert, zum Schweinetreiber. Dass er mit Norton einen kriminellen Law vor sich hat, scheint seine Aggression ihm gegenüber noch zu steigern.


Norton legt die Hände hinter den Rücken und geht rückwärts auf die Handschellenklappe zu. Er kennt die Prozedur zur Genüge. Vor der geöffneten Klappe bleibt er stehen und streckt seine Hände hindurch. Metall schließt sich kalt um seine Handgelenke. Er hört das Ratschen der Handschellen.


„Auf die Knie“, bollert Pintry.


Norton zieht die Hände aus der Klappe und sinkt herab auf den Boden.


„607 aufmachen“, hört er Pintrys gedämpften Ton durch die Schellenklappe.


Zwei Riegel schnappen. Norton kann deutlich hören, dass sie oben und unten in der massiven Stahltür liegen. Die Tür wird nach außen aufgezogen. Die Schellen einer kurzen Fessel schließen sich um seine Fußgelenke.


„Aufstehen“, sagt eine neue, raue Stimme, die nach Hernandez klingt. Ein muskelbepackter Hüne mit zerfurchtem Gesicht, dem man anmerken kann, dass seine Grobheit nicht gekünstelt ist und seiner Natur entspricht. Norton erhebt sich und dreht sich herum. Vor ihm steht Pintry, ein wenig untersetzt, aber nicht fett und mehr als einen Kopf kleiner als Norton. Rechts und links von Pintry stehen Hernandez und Bates. Alle drei tragen Schutzwesten und Handschuhe. Pintry hebt eine Hand nach oben und wedelt mit dem Auslöser des Schockers.


„Keine Schwierigkeiten, Norton, du wirst es bereuen“, sagt er mit einem gekünstelten Grinsen im Gesicht, dem der Wunsch nach einer peinigenden Handlung zu entnehmen ist.


„Keine Schwierigkeiten, Sir“, erwidert Norton. Noch eine Stunde und er hat diesen Albtraum endgültig hinter sich. Hinauf zur Oberfläche, einsteigen in eine Gleitbahn und eine kurze Fahrt nach Europa. Beim Betreten des Bahnsteigs ist Pintry nicht mehr zuständig. Norton werden ein dutzend Steine vom Herzen fallen und die Beklemmung in seiner Brust wird einer lange ersehnten Gemütserleichterung weichen.


„Heraustreten und an die Wand.“


Die Schließer treten nach rechts und links in den Gang und beobachten Norton aufmerksam. Er passiert den fünfzig Zentimeter starken Rahmen der Tür und geht vorwärts, bis Nase und Bauch die Wand berühren.


„Gut gemacht“, sagt Pintry lächelnd. „Willst an deinem letzten Tag keinen Ärger mehr haben, was?“ Er drückt auf den roten Knopf des Auslösers. Zwei Sekunden, drei Sekunden. Norton krampft am ganzen Körper und geht langsam auf die Knie. Sein Gesicht rutscht an der rauen Wand herab und hinterlässt eine Speichelspur. Pintry beugt sich zu ihm hinunter.


„Du wirst mir fehlen“, sagt er. „Arschlöcher wie dich haben wir hier nicht oft. Die meisten scheißen sich vor Angst in die Hosen.“ Gelächter hinter Nortons Rücken. Er beißt die Zähne zusammen, erhebt sich ungelenk, lehnt erschöpft die Stirn an die Wand.


Pintry bewegt sich nah an ihn heran und hebt den Kopf.


„Die Welt ist ungerecht“, flüstert er Norton ins Ohr und drückt ihm etwas in die Hand, das sich wie Papier anfühlt.


„Deine Unterlagen. Cashcard, Arbeitsanforderung, Wohnungszuweisung, die Com-Nummer deines Vollzugshelfers, was man in Europa so braucht.“


Pintry zögert einen Moment lang, als läge ihm noch etwas auf der Zunge, dass er loswerden will. Doch dann bewegt er sich zurück.


„Was ist mit meinem persönlichen Eigentum?“, fragt Norton leise.


„Mit deinem persönlichen Eigentum?“ Pintry lacht spöttisch. „Das wird dir sicher irgendwann zugestellt, was sonst?“


Die Schließer packen Norton rechts und links an den Unterarmen, ziehen sie zurück und nach oben. Der Schmerz des Hochreißens und der Druck von ihren Händen auf seine Schulter pressen Norton in eine gebeugte Haltung.


„Vorwärts zum Fahrstuhl“, sagt Pintry. Norton wird nach vorn gedrückt. Mit der kurzen Kette zwischen den Füßen stolpert er mehr als er läuft. Immer wieder macht er kurze Hüpfer und ist kurz davor, zu fallen. Er tut sein Bestes, um auf den Beinen zu bleiben, denn bei einem Sturz werden Bates und Hernandez ihm ohne Rücksicht auf Verluste die Arme verdrehen, um ihn wieder aufzurichten.


Der Gang ist hell, sauber und breit. Auf beiden Seiten reihen sich blaue Türen mit großen, weißen Nummern aneinander. 608, 609, 610. Neben jeder Tür hängt ein Bild des einsitzenden Häftlings, darunter ein Schreiben mit Informationen über Delikte, Geistesverfassung und Erkrankungen. Rechts daneben ist eine Liste zum Quittieren der Kontrollen für die Wärter platziert.


Norton wird in den sich öffnenden Fahrstuhl bugsiert. Die Fahrt verbringt er in tief gebückter Haltung, so kräftig werden seine Arme nach oben gezogen. Er blickt auf Pintrys glänzende Lederschuhe und muss sich ein Grinsen verkneifen. Echte Lederschuhe sieht man nicht oft, aber diese sind so blank poliert, als kämen sie frisch aus einem Laden. Und Pintry wippt mit einem Fuß, als würde er in der Stille der Kabine dem Rhythmus einer imaginären Musik folgen.


Der Fahrstuhl kommt zum Stillstand und öffnet sich. Direkt vor ihnen, an einem kurzen Bahnsteig, befinden sich die offenen Türen einer gelben Gleitbahn. Hernandez und Bates greifen Norton ruppig unter die Arme, schleifen ihn in die Bahn und drücken ihn im Rückraum des Abteils auf eine Sitzbank. Bei dem rabiaten Gezerre fällt Norton der Umschlag mit den Papieren aus der Hand. Hernandez blickt ihn giftig an, dann auf den Umschlag am Boden. Er hebt ihn mit verzogenem Mund auf und schiebt ihn Norton grinsend zwischen die Zähne, was auch bei Pintry und Bates für Erheiterung sorgt, die auf den Seitenbänken des Abteils Platz genommen haben.


Auf dem Sitz neben Pintry erkennt Norton die gelbe, von Pickering gestellte Reisetasche mit seiner Gefangenennummer, P7256, die er bei einem hoch gesicherten Besuch in seiner Wohnung packen durfte. Jede Kleinigkeit, die er verstaute, wurde dabei genau begutachtet oder von vornherein abgelehnt. Medikamente, Hygieneartikel, Bücher und Bilder waren erlaubt. Er durfte die Tasche auch nur zur Hälfte füllen, weil alles, was er Leib trug, ebenfalls noch hineinpassen musste. Ausgehändigt bekam er in der Zelle jedoch nur einen Teil der für ihn wichtigen Utensilien.


Wenn er in seinem zugewiesenen Wohnraum angekommen ist, wird er die Bilder nach ein paar Gläsern Alkohol hervorziehen und sich an die guten Zeiten in seinem Leben erinnern. An das vorzügliche Essen, die Partys, den Pool in seinem Haus und vor allem an seine köstlichen Affären mit Grazien, Schönheiten und eingeschüchterten Frauen, die er sich einfach genommen hat.


„Immer schön darauf aufpassen“, sagt Hernandez spöttisch beim Abwenden und ein schadenfrohes Gelächter begleitet seine Schritte, als er sich zu Pintry und Bates setzt.


Die Tür des Abteils schließt sich und die Gleitbahn ruckt an. Die Beschleunigung ist so hoch, dass Norton in den Sitz gedrückt wird. Sein Kopf fühlt sich an wie eine leere Blase. Mit trockenem Mund beißt er auf den Umschlag und schaut zu den Schließern hinüber, die ein Gespräch über das bevorstehende Hover-Ball-Spiel der Victoria Giants gegen die Arkansas Jumper führen. Sie finden den linken Wide-Receaver Momodou ihrer Giants zu behäbig und unbeholfen. Es fehle ihm an Sprungkraft und seine erbärmliche Auge-Hand-Koordination hätte bereits jetzt alle Chancen auf den Marstitel zunichtegemacht.


Norton wendet den Blick ab und schaut aus einem der Fenster hinaus. Durch die Innenbeleuchtung sieht er die Schemen kantiger Felsen am Fenster vorbeihuschen. Das monotone Flimmern erweckt in ihm den Eindruck, dass die Zeit stehengeblieben wäre. Eine sanfte Müdigkeit überfällt ihn und seine Schultern sinken herab. Die letzten Minuten erscheinen ihm wie eine kleine Ewigkeit. Nur noch ein paar Atemzüge, sagt er sich, nur noch ein paar Atemzüge, dann sieht meine Welt ganz anders aus.


Nach wenigen Minuten fahren sie in die hell erleuchtete Station von Europa ein. Die Gleitbahn stoppt am Ende des Bahnsteigs, ein Stück weit hinter der Zone für die wartenden Passagiere. Pintry und seine Begleiter sind sofort hellwach und springen auf.


„Aufstehen und vor der Tür niederknien“, donnert Pintry.


Norton folgt der Aufforderung, den Umschlag noch immer zwischen den Zähnen. Durch die Scheiben sieht er die roten Wände der Gleitbahnstation. Auf einer Bank an der Wand sitzt ein Schwarzer mit einer Rastafari-Mütze, unter der lange Dreadlocks hervorquellen. Er trägt ein weites, buntes Shirt und eine blau gemusterte Aladinhose, mit der er aussieht, als würde er einen weiten Rock tragen. Rechts, vor einem Pfeiler, erkennt Norton ein umschlungenes Pärchen in Latex Catsuit. Der Mann mit den kurzen Haaren schillert in metallic-blau. Die atemberaubende Blondine ist in ein bodenlanges Kleid mit weit ausgeschnittenen Schultern gehüllt, das sich eng an ihren schlanken Körper schmiegt. Ihre Wimpern glitzern. Heiß schießt eine fast vergessene Erregung durch Nortons Blutbahnen. Es ist so verdammt lang her, dass er …


Wie vom Blitz getroffen jagen eine Million Volt durch seinen Körper. Norton beißt krampfend auf den Umschlag in seinem Mund. Drei Sekunden, vier Sekunden, fünf, sechs. Er fällt vornüber gegen die Gleittür des Abteils, rutscht krampfend zu Boden und schlägt zuckend mit dem Hinterkopf gegen die Tür.


„Ein kleines Abschiedsgeschenk“, dröhnt Pintrys Stimme in seinen Ohren. Nortons ist unfähig, sich zu bewegen, als die Fesseln und der Schocker von geübten Händen entfernt werden. Er wird angehoben und auf den Bahnsteig geschleift. Die Reisetasche klatscht neben ihm auf den Boden. Nortons Lider flattern. Er hat ein sich drehendes Mosaik aus wirren Farbklecksen vor den Augen, das ihm wie ein misslungenes Werk der abstrakten Malerei erscheint. Weit öffnet er den Mund, um die verkrampften Muskeln des Kiefers zu entspannen. Der Umschlag fällt zu Boden. Speichel läuft Norton aus dem Mundwinkel, Tränen rollen über Nasenflügel und Wange. Ein gelber Fleck in seinem Augenwinkel bewegt sich lautlos von ihm fort und verschwindet.


Der Rasta auf der Bank erhebt sich und läuft auf ihn zu. Norton greift nach der Tasche und zieht sie an sich wie einen Schatz, den er nicht verlieren darf. Er sieht das schemenhafte Gesicht des Rastafari über sich.


„Alexander Norton?“, fragt der Schwarze.


„Ja.“ Norton erkennt seine eigene Stimme nicht. Sie klingt rau und zittert.


Der Rasta legt eine rotes Couvert auf die Tasche und verschwindet aus Nortons Sichtbereich. Mehrmals kneift Norton die Augen zusammen. Seine Sehschärfe kehrt langsam zurück. Er setzt sich auf und greift mit zitternden Fingern in das unverschlossene Couvert. Es befinden sich zwei Schreiben darin und ein Shuttle-Ticket in dem unverwechselbaren, weiß und blau gestreiftem Muster. Zielort, in fett gedruckten, schwarzen Buchstaben, ist die Raumstation im Orbit.


 


 


 


 


 


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2026 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 1 secs