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Science Fiction
Buch Leseprobe Der Bote, Gerd Hoffmann
Gerd Hoffmann

Der Bote



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Prolog

»Habt Ihr alles dabei? Taschenlampe? Wasser? Pflaster?«
Wie ein kleiner Soldat kontrollierte Michael die Inhalte der Rucksäcke seiner Freunde. Seine Art kam nicht von ungefähr, denn sein Vater war tatsächlich Sergeant bei der Army und etwas war von dessen Art auf den Zwölfjährigen abgefärbt.
Äußerlich gelassen ließen Michaels gleichaltrige Freunde Sean und Alan diese Inspektion über sich ergehen. Sie kannten schließlich die Marotten ihres Freundes. Zudem stand heute etwas auf ihrem Programm, was ihre Gedanken deutlich mehr in Anspruch nahm als Michaels kleiner Kontrollfimmel. Besonders Alan, der Ängstlichste der drei Jungen, konnte seinen Blick kaum von den alten, abbruchreifen Gebäuden abwenden, die hinter einem löchrigen Maschendrahtzaun emporragten.
Etliche Male waren sie nun schon auf dem alten, leer stehenden Fabrikgelände gewesen. Doch bisher hatten sie sich nur in den über der Erde liegenden Gebäudeteilen herumgetrieben und sich dabei abwechselnd als Goldgräber, Entdecker oder Archäologen gefühlt. Schon dies war immer spannend und abenteuerlich gewesen - nicht zuletzt wegen der überall am Zaun angebrachten Schilder, die im strengen Tonfall das Betreten des Geländes verboten. An manchen Gebäuden war zusätzlich ein Warnschild mit einem Totenkopf angebracht, das vor der Baufälligkeit des jeweiligen Gebäudes eindringlich warnte. Diese Schilder jagten den Jugendlichen immer einen Extraschauer über den Rücken.
Das alles zusammen war aber nicht der Grund, warum heute alle drei Jungen besonders nervös waren. Nein, heute wollten sie zum ersten Mal auch die Räume erkunden, die unter der Erdoberfläche lagen. Daher kontrollierte Michael auch penibel die Funktionsfähigkeit der Taschenlampen.
»Ich habe auch ein Seil mitgebracht«, verkündete Sean mit Stolz in der Stimme, während er das ziemlich mitgenommene Utensil aus seinem Rucksack zog.
»Gute Idee«, fand Michael, der endlich seine Rucksackkontrolle abgeschlossen hatte. »Dann lasst uns aufbrechen.«
Entschlossen schritt Michael auf das Loch in der Umzäunung zu, das sie immer für den Einstieg auf das Gelände benutzten. Ein wenig zögerlicher folgten ihm seine Freunde. Sie zwängten sich durch den schmalen Spalt, kletterten über das Geröll, die herumliegenden Eisenträger und sonstiges Gerümpel. Schließlich standen sie vor dem Eingang des Gebäudes, welches früher wohl das Hauptgebäude des Komplexes gewesen war. Hier hatten sie sich immer die meiste Zeit herumgetrieben. Mit den zerschlagenen Fensterscheiben und der schief in den verrosteten Angeln hängenden Tür machte das Bauwerk einen gespenstischen Eindruck. Es fröstelte die Jungen jedes Mal aufs Neue, wenn sie durch die Tür in das Gebäude traten. Wenn es dann noch wie heute ein wolkiger, windiger Tag war, dann erwartete Alan jede Sekunde, von einem Geist oder einem Zombie am Kragen gepackt zu werden. Bei jeder Böe pfiff der Wind durch die leeren Fensterhöhlen und verlieh ihrem Abenteuer eine zusätzliche Note, auf die alle drei Jungen gerne verzichtet hätten. Natürlich hätte das keiner von ihnen vor den anderen zugegeben.
»Dort vorne ist es«, flüsterte Michael so leise, als hätte er Angst, dass ihn jemand hören würde, der nicht zu ihrer Gruppe gehörte.
Im Gänsemarsch schlichen die Abenteurer zu der Treppe, die in die unteren Stockwerke führte. Der Abgang war mit ein paar Brettern gesichert und neben dem Warnschild mit dem Totenkopf war noch eine Tafel angebracht, die eindringlich vor dem Betreten der unteren Etagen warnte. Mit zur Schau getragener Entschlossenheit riss Michael die bereits morschen Bretter vom Eingang zum Treppenschacht fort und schaltete seine Taschenlampe ein.
Vorsichtig tasteten sie sich über die rutschigen, unebenen Treppenstufen in das Untergeschoss. Die Lichtkegel aus ihren Taschenlampen tauchten die dunklen Gänge in ein flackerndes Licht, in denen die Jungen alte Schränke und Büromöbel erkennen konnten, die hier achtlos abgestellt worden waren. Hin und wieder hörten sie das verärgerte Fiepen einer Ratte, die vor der plötzlichen Helligkeit vor ihnen floh.
Alan schreckte jedes Mal aufs Neue zusammen. Er mochte keine Tiere und dreckige, pelzige, mit Krankheitskeimen übersäte Nager schon gleich gar nicht.
»Wir sollten uns aufteilen«, schlug Michael vor. »Ich gehe weiter den Gang entlang, Sean nimmt sich die Räume auf der linken Seite und Alan die auf der rechten Seite vor.«
»Wonach suchen wir hier eigentlich?«, äußerte Alan nun laut die Frage, über die er schon die ganze Zeit grübelte.
Es war eine Sache, in den oberen Räumen sich als mutiger Archäologe zu geben. Aber hier unten? Wer weiß, was für komische Viecher sich außer Ratten noch hier herumtrieben. Selbst Indiana Jones mochte keine Schlangen.
»Nach etwas Interessantem«, kam Michaels wenig erhellende Auskunft.
Da sich Sean bereits aufgemacht hatte, seine Räume näher zu untersuchen, seufzte Alan nur leise auf und begab sich ebenfalls an seine Aufgabe.


Vorsichtig tastete sich Alan im diffusen Licht seiner Taschenlampe von Raum zu Raum. In den meisten Zimmern gab es nichts, was sein Interesse weckte. Hier und da standen alte Schreibtische und schadhafte Bürostühle herum und ab und zu gab es Aktenschränke. An denen machte sich Alan mit aller gebotenen Vorsicht zu schaffen, immer der Gefahr gewärtig, dass ihm ein widerliches Tier ins Gesicht springen würde. Doch bisher hatte er nur Staub und einige Fetzen Papier gefunden.
Vorsichtig schob er die angelehnte Tür zum nächsten Zimmer auf. Das Knarren zerrte an seinen Nerven, die ohnehin schon zum Zerreißen gespannt waren. Dieser Raum war etwas größer als die vorigen Zimmer. Alan konnte eine Dartscheibe erkennen, die an der Wand hing. Außerdem gab es dort eine Tischtennisplatte, die aber von irgendjemandem zerschlagen worden war. Sie war jedenfalls in der Mitte durchgebrochen und die Eisenrohre, die als Standfüße gedient hatten, waren von der Platte abgerissen worden.
Ein scharrendes Geräusch ließ ihn herumwirbeln. Was war das gewesen? Mit klopfendem Herzen lauschte der Junge in die Stille und ließ den Lichtkegel seiner Taschenlampe durch den Raum tanzen.
Da! Schon wieder das Geräusch. Es klang fast wie Schritte, als ob sich jemand im Nebenraum befinden würde.
»Sean? Michael? Seid Ihr das?«, rief er in die Dunkelheit.
Keine Antwort. Nur wieder dieses Scharren. Wahrscheinlich nur Michael, der ihn veralbern wollte, dachte sich Alan, während er sich auf die Tür zubewegte. Wer sollte denn sonst hier unten sein. Dennoch konnte er das Zittern seiner Hand nicht unterdrücken, als er die Hand auf die Klinke legte und die Tür öffnete.
Kaum hatte Alan die Tür aufgestoßen, begann er zu schreien. Er schrie, wie er noch nie in seinem Leben geschrien hatte und er spürte nicht, wie sich seine Blase entleerte und der Inhalt warm an seinen Beinen hinunterlief. Ein Totenschädel, ein erleuchteter Totenschädel grinste ihn höhnisch an und ließ ein krächzendes Lachen hören.
Alan stolperte rückwärts, immer noch wie von Sinnen seinen Schrecken und seine Angst hinausbrüllend. Er stolperte über die Eisenrohre der Tischtennisplatte und fiel mitten in den Trümmerhaufen der Platte hinein.
»Tu mir nichts!«, jammerte Alan und tastete nach seiner Taschenlampe, die ihm während des Sturzes entfallen war. »Bitte tu mir nichts!«
Noch während er um Gnade flehte, hörte er ein Lachen. Ein ihm nur zu bekanntes Lachen. Das Blut schoss ihm vor Scham und Ärger ins Gesicht.
»Michael, du Arschloch!«, brüllte er erneut, aber diesmal vor Zorn. »Du dämliches, blödes, krankes Arschloch!«
Michael wollte immer noch schier platzen vor lauter Lachen und je wütender Alan wurde, desto mehr musste Michael lachen.
»Du fällst aber auch auf alles herein«, japste Michael. »Sogar auf diesen künstlichen Schädel.«
»Dich möchte ich mal sehen, wenn ich so etwas mit dir abziehen würde«, zischte Alan, der sich nur langsam wieder beruhigte. »Woher hast du überhaupt dieses Ding?«
»Hinten war wohl so etwas wie ein Krankenzimmer. Da lag ein altes, künstliches Skelett herum.«
Alan betrachtete prüfend den Schädel. »Woher weißt du denn, dass er künstlich ist.«
Sogar in dem Schein der Taschenlampen sah Alan mit Befriedigung, wie Michael etwas bleicher wurde und seine Fröhlichkeit verschwand.
»Wir sollten Sean suchen«, murmelte er nur noch, während er angeekelt den Schädel fallen ließ.
Doch noch bevor sie den Raum verlassen konnten, hörten sie Seans Schrei durch das Gebäude hallen.
»Sean!«, stieß Michael hervor, bevor er und Alan eilends das Zimmer verließen.
Sie folgten Seans Schluchzen und Wimmern durch die dunklen Gänge.
»Sean! Wo bist du?«, rief Michael, als sein Freund für einen Moment verstummt war.
»Ich bin hier! Es tut so weh! Beeilt euch doch!«, kam eine Stimme wimmernd aus einem der angrenzenden Räume.
Michael stürmte voran und wäre fast in ein tiefes Loch gestürzt, wenn er es nicht im letzten Moment im Tageslicht gesehen hätte. Alan, der kurz nach Michael das Zimmer betreten hatte, blickte verwundert zur Decke, von wo das Tageslicht in den Raum fiel. Etwas oder jemand hatte eine quadratmetergroße Öffnung in den Boden des Erdgeschosses geschlagen. Die Öffnung im Fußboden des Kellers war deutlich größer. Michael kniete sich an den Rand des Kraters und leuchtete nach unten.
»Sean, bist du verletzt? Was ist passiert?«
»Mein Bein! Mein Bein tut so weh!«, kam Seans Stimme schmerzverzerrt aus dem Loch. »Ich wollte sehen, was hier unten im Loch ist und bin hineingefallen. Holt mich hier raus!«
Michael blickte Alan an und der begriff, was Michael ihm sagen wollte. Sie konnten ihren verletzten Freund unmöglich mit einem brüchigen Seil nach oben ziehen. Sie würden Hilfe brauchen.
»Sean, wir müssen Hilfe holen. Alleine bekommen wir dich nie nach oben. Wir beeilen uns, versprochen!«
»Bitte geht nicht beide fort!«, flehte Sean. »Ich habe ... ich will nicht alleine bleiben.«
Alan nickte Michael zu. »Geh du. Ich bleibe hier bei Sean.«
Michael schlug Alan leicht auf die Schulter. »Ich komme so schnell zurück, wie ich kann«, rief er seinem verletzten Freund zu, bevor er sich auf den Weg machte.
Für eine Weile war es ruhig, bis auf Seans schmerzhaftes Stöhnen. Alan hatte derweil den Krater ausgeleuchtet, in dem sein Freund lag.
»Was ist das denn für ein Ding?«, fragte er schließlich, als der Lichtkegel seiner Taschenlampe auf ein quaderförmiges Teil fiel.


Zwei Stunden sind eine lange Zeit, wenn man verletzt in einer tiefen Grube liegt. Alan hatte sein Möglichstes getan, um Sean, so gut es ging, von seinen Schmerzen abzulenken. Dennoch hatten beide Jungen aufgeatmet, als Michael endlich zurückgekehrt war und Hilfe mitgebracht hatte. Zum Glück hatte Michael daran gedacht, dem Arzt Seans Lage zu beschreiben, sodass dieser das richtige Rettungsgerät organisiert hatte. Im Gebäude war der Arzt, Dr. Melter, in die Grube hinuntergeklettert, hatte Sean zwei schmerzstillende Spritzen verabreicht und ihn für den Transport ins Krankenhaus vorbereitet.
»In Ordnung. Zieht ihn hoch, aber vorsichtig!«
Dr. Melter stabilisierte die Trage, auf der er Sean festgeschnallt hatte, solange er sie noch erreichen konnte, während Feuerwehrmänner sie langsam nach oben zogen. Die Männer gingen dabei mit größtmöglicher Behutsamkeit vor, um dem Jungen nicht zusätzliche Schmerzen oder gar Verletzungen zu verursachen. Melter hatte seinen Patienten zwar mit starken Schmerzmitteln ruhiggestellt, aber man konnte nicht vorsichtig genug sein.
Der County Sheriff beobachtete, wie die Sanitäter den Jungen auf der Trage in Richtung Ausgang trugen. Der Fahrer des Rettungswagens leuchtete ihnen mit einer extrastarken Taschenlampe den Weg.
»Ihr folgt den Sanitätern und wartet oben an meinem Wagen auf mich!«, befahl der Sheriff Alan und Michael, die mit schuldbewussten Mienen dem Abtransport ihres Freundes zusahen.
Ziemlich niedergeschlagen folgten die beiden dem Befehl des Sheriffs. Kopfschüttelnd sah der Officer den Jungen nach, die wie zwei zum Tode Verurteilte der Trage folgten.
»Jungens«, knurrte der Mann nur, bevor er sich dem Arzt zuwandte, der soeben wieder aus dem Loch kletterte. »Kommen Sie, ich bringe Sie nach draußen.«
Nachdenklich blickte der Arzt noch einmal in das Loch. »Sie sollten besser Ihre Vorgesetzten informieren, dass die sich das hier mal ansehen.«
»Weil sich ein Junge das Bein beim herumtreiben gebrochen hat?«, fragte der Sheriff verwundert.
»Nein, sondern weil da unten etwas im Loch liegt, was nicht hierhin gehört.«
Der Arzt deutete auf das Loch in der Decke. »Dieses Ding scheint mit großer Wucht hier eingeschlagen zu sein. Vielleicht ist es aus einem Flugzeug gefallen.«
Misstrauisch spähte der Sheriff in Richtung des Objekts.
»Halten Sie es für gefährlich, Doktor?«
»Nein, Officer. Aber es könnte ja sein, dass es jemand vermisst. Auch wenn es schon recht lange hier zu liegen scheint, wenn ich das nach der Staubschicht beurteilen müsste.«


Jill

Die junge Frau saß gelangweilt im Behandlungszimmer und sah sich zum wiederholten Male die einfallslosen Bilder an den Wänden an. Irgendein Möchtegernkünstler hatte es anscheinend geschafft, einem der Ärzte die Erlaubnis zu entlocken, seine Machwerke im Warte- und Untersuchungsbereich auszustellen. Abstrakte Malerei gepaart mit einem eher zweifelhaften Talent. Die Frau schüttelte es ein wenig, während sie sich die abenteuerlichen Farbkombinationen ansah. Es ging fast etwas Hypnotisches von diesen gemalten Scheußlichkeiten aus.
»Gefallen Ihnen die Bilder, Jill?«
Die Frau schrak ein wenig zusammen. Sie hatte den Arzt überhaupt nicht bemerkt, der aus dem Nebenraum zu ihr gekommen war.
»Die hat mein Neffe gemalt«, fuhr der Mediziner fort, bevor Jill antworten konnte. »Er will nächstes Jahr sein Kunststudium beginnen.«
Viel Glück dabei, dachte die Frau nur mitleidig. Sie suchte nach Worten, um weder den Arzt beziehungsweise seinen Verwandten zu beleidigen, noch Zuflucht zu einer plumpen Lüge zu nehmen.
»Ja, die Bilder haben etwas ... wie soll ich sagen ... etwas Besonderes. Sie sind ... es steckt bestimmt viel Arbeit da drin.«
Sie atmete ein wenig auf, als der Doktor nicht weiter auf ihre Bemerkung einging und sich stattdessen mit ihren Untersuchungsergebnissen befasste. Ein paar Mal nickte er nur befriedigt und schnaubte anerkennend und geräuschvoll die Luft aus seiner Nase, eine Marotte, die Jill schon an ihrem Mediziner kannte.
»Jill, ich kann Ihnen nur zu Ihrer Gesundheit gratulieren«, wandte sich der Mann schließlich an seine Patientin. »Wenn all meine Patienten in Ihrer Verfassung wären, dann müsste ich meine Praxis schließen. Alle Werte sind im idealen Bereich und es gibt auch nicht die geringste Kleinigkeit, die irgendeinen Anlass zur Sorge geben könnte.«
Jill senkte für einen Moment ihren Kopf und betrachtete eingehend ihre in der Luft baumelnden Füße, bevor sie reagierte.
»Das erklärt aber nicht, warum ... also, warum ich nicht schwanger werde. Mein Mann und ich, wir ... nun, wir versuchen es jetzt schon ziemlich lange ... und intensiv, das kann ich Ihnen versichern.«
Die Frau kam sich albern vor, dass ihr dieses Thema vor ihrem Arzt so peinlich war. Der Doktor hingegen blätterte nur erneut in den Unterlagen, als würde er sich daraus irgendwelche Antworten erhoffen.
»Ich kann Ihnen nur sagen, dass Sie aus medizinischer Sicht vollkommen gesund sind, Jill. Vielleicht liegt es ja auch an Ihrem Mann. Hat er sich mal untersuchen lassen?«
Die Frau zuckte nur bedauernd mit den Schultern, während sie von der Untersuchungsliege aufstand.
»Er hat ja ein Kind aus seiner ersten Ehe. An ihm kann es also nicht liegen.«
»Wie alt ist Ihr Stiefsohn jetzt? Zwölf? Dreizehn?«
»Zwölf.«
»Zwölf Jahre sind eine lange Zeitspanne. In der Zwischenzeit kann es durchaus zu Problemen gekommen sein, ohne dass Ihr Mann etwas davon gemerkt hätte.«
Der Arzt ging an einen der allgegenwärtigen Computer, suchte ein wenig in einer Datenbank und schrieb etwas auf einen Zettel, den er Jill überreichte.
»Sagen Sie Ihrem Mann einen schönen Gruß von mir. Überreden Sie ihn, dass er sich von meiner Sprechstundenhilfe einen Termin geben lässt.«
Ein wenig skeptisch las die Frau die Notiz, bevor sie ihn in ihrer Tasche verstaute.
»Das sollte weder Ihnen noch Ihrem Mann peinlich sein«, versicherte der Arzt mit Nachdruck. »Wenn Sie sich den Untersuchungen unterziehen, dann wird er es ja wohl auch können. Gleiches Recht für alle«, setzte er noch schmunzelnd hinzu.
»Danke, Dr. Stone. Ich werde einen günstigen Zeitpunkt abwarten, bevor ich das Thema zur Sprache bringe.«
Jill verabschiedete sich und zog ihre Jacke an. Bevor sie das Zimmer verließ, drehte sie sich noch einmal zu ihrem Arzt um.
»Kann es nicht auch an meiner Arbeit im Institut liegen?«
Der Mann schüttelte bedächtig den Kopf, während er erneut einen Blick in ihre Unterlagen warf.
»Eigentlich nicht. Die Untersuchung hat ja nichts ergeben, was auf solche gesundheitlichen Probleme hinweisen würde. Wo arbeiten Sie noch einmal?«
»Im astrophysikalischen Institut der Universität.«
»Dort kommen Sie ja wohl kaum mit gefährlichen Stoffen oder auch radioaktiver Strahlung in Kontakt, oder?«
Jill verneinte.
»Nun, dann sehe ich auch keinerlei Risikofaktoren. Es sei denn, Sie halten ein paar kleine grüne Männchen gefangen, von denen ich nichts weiß.«
Jill lachte ein wenig über den bemühten Scherz ihres Arztes, bevor sie endgültig den Untersuchungsraum verließ. Vor der Tür warf sie noch einmal einen Blick auf den Zettel, bevor sie ihn mit einem kleinen Seufzer zurück in ihre Tasche steckte. Heute Abend würde sie mit Dan darüber sprechen, nahm sie sich vor. Ganz sicher. Heute Abend.


Ihre Tätigkeit an der Universität, wenn sie nicht gerade an ihrer Dissertation arbeitete, war langweilig. Eigentlich sollte sie ihren Vorgesetzten bei dessen Forschungen unterstützen und wurde in den Personalakten der Uni als wissenschaftliche Assistentin geführt. Stattdessen wurde sie als billige Bürokraft und Botin missbraucht.
Missvergnügt blickte sie auf den Papierstapel, den man ihr während ihres Arztbesuches auf den Tisch gelegt hatte. Die übliche Arbeit: vervielfältigen, zusammenheften, verteilen. Seufzend schnappte sie sich den Stapel und ging über den Flur in den Kopierraum. Unangenehme Tätigkeiten schob sie nie vor sich her.
»... ich sage dir, ich könnte stundenlang am Himmel Ausschau halten. Einfach nur mit dem Teleskop in die Unendlichkeit des Alls blicken. Man fühlt sich so klein, so winzig und doch so erhaben, weil man fühlt, dass man irgendwie dazugehört. Ich sage mir immer: Ich bin ein Teil dieses riesigen Universums.«
Jill konnte nur mühsam ein Lächeln unterdrücken, während sie den Kopierer in Gang setzte. Sie mochte diesen Dr. Hendrik Johansson, auch wenn sie seine naive, fast schon kindliche Schwärmerei für das Weltall nicht teilte. Vielleicht war sie dafür einfach zu rational und hin und wieder, wenn sie ihm zuhörte, beneidete sie ihn um seine Weltsicht. Aber mit seiner übersprudelnden Begeisterung stand Hendrik sogar hier an der Universität ziemlich allein.
Sie meinte das Aufatmen seines Gesprächspartners zu erkennen, als dieser von einem Assistenten ans Telefon gerufen wurde.
»Hast du dich wieder in Ekstase geredet, Hendrik?«, fragte sie ihren Kollegen mit einem spöttisch gefärbten Ton. »Weißt du eigentlich, dass du schon der Schrecken des Instituts bist?«
Mit einem schuldbewussten Lächeln stellte sich der Mann neben sie an den Kopierer.
»Ich weiß, es geht einfach mit mir durch. Ich glaube nämlich, dass ich gestern einen ganz neuen Planeten um CX-636 entdeckt habe. Verstehst du? Bisher gab es keinen Grund zur Annahme, dass CX-636 Mittelpunkt eines Sonnensystems sein könnte.«
»Hat dir denn ein kleines grünes Männchen zugewunken?«
Es war nicht das erste Mal, dass Jill ihren Kollegen mit diesem Thema ein wenig aufzog.
»Ich erwarte nicht, außerirdisches Leben aufzuspüren. Nicht mit solcher Ausrüstung und auch nicht mit dieser Vorgehensweise.«
»Ich dachte immer, das wäre dein eigentliches Ziel, wenn du dir ständig die Nächte um die Ohren schlägst und mit dem Teleskop den Himmel absuchst.«
»Natürlich ist es mein Traum, fremde Lebensformen auf anderen Planeten zu entdecken«, gab Hendrik zu. »Reizt es dich denn nicht, die Gewissheit zu erhalten, dass wir nicht allein im Weltall sind?«
»Mir reichen schon die Verrückten auf der Erde«, erwiderte Jill nicht ganz ernst. »Aliens in unserer netten Stadt? Ohne Kenntnisse der Verkehrsregeln? Ich verzichte dankend auf diese Erfahrung.«
Aber Hendrik war bereits wieder in seinem Element. Seine Augen leuchteten regelrecht auf, als er weiter von den Möglichkeiten schwärmte, die er sich von einer solchen Kontaktaufnahme versprach.
»Stell dir doch nur mal vor, was wir die fremden Besucher alles fragen könnten.«
»Immer vorausgesetzt, sie verstehen uns und wir verstehen sie«, warf Jill ein, aber Hendrik ging über den Einwand nonchalant hinweg.
»Wir könnten sie über alles ausfragen. Wir könnten uns bei ihnen nach den Geheimnissen des Universums erkundigen, die für uns noch völlig unverständlich sind und die wir vielleicht mit unseren Mitteln nie werden erforschen können. Das Rätsel der interstellaren Reise, schwarze Löcher, Wurmlöcher, andere bewohnte Welten ...«
Lachend unterbrach Jill seinen begeisterten Vortrag.
»Warum glauben die Alienbegeisterten immer so fest daran, dass uns die Außerirdischen all diese Antworten geben könnten? Vielleicht wissen die ja gar nicht so viel mehr als wir.«
»Wenn diese Wesen quer durch das Weltall zu uns finden würden, dann wüssten sie auch bestimmt mehr als wir«, antwortete Hendrik beinahe feierlich.
»Du bist ein hoffnungsloser Alienromantiker. Ich habe nicht gewusst, dass es so etwas gibt, bis ich dich kennengelernt habe. Dennoch: Warnt uns nicht ein Mann wie Stephen Hawking vor dem Versuch der Kontaktaufnahme mit Außerirdischen? Er meint, dass wir uns lieber nicht wünschen sollten, mit einer technologisch himmelweit überlegenen Spezies in Kontakt zu kommen, weil sie uns als minderwertig ansehen würden.«
Hendrik winkte nur ab.
»Eine aggressive Art würde nicht lange genug überleben, um die Schwierigkeiten der Raumfahrt zu meistern. Sie würde sich längst vorher ausgerottet haben.«
»Dann hat die Menschheit ja wohl eher schlechte Aussichten, irgendwann einmal durch das All zu fliegen«, bemerkte Jill trocken, und der junge Mann stimmte ihr lachend zu.
»Da hast du wohl leider recht. Wie wär’s? Falls du dich von deiner aufopfernden Arbeit des Kopierens losreißen kannst, gebe ich dir einen Kaffee in der Kantine aus.«
Betrübt sah Jill auf den riesigen Stapel, der noch auf das Kopieren und anschließende Heften wartete.
»Tut mir leid, Hendrik, aber mein Boss will das hier bis heute Nachmittag verteilt haben. Und ich bin ohnehin schon spät dran.«
»Dann vielleicht ...«
Der Mann kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden, denn just in diesem Augenblick unterbrach ihn ein Assistent aus seiner Abteilung.
»Dr. Johansson, wie gut, dass ich Sie hier finde. Sie möchten bitte sofort zu Professor Breitscheid in das Labor XI kommen.«
»Nicht nur du hast Vorgesetzte, Jill«, seufzte Hendrik und verabschiedete sich von seiner Arbeitskollegin.
Lächelnd sah ihm die Frau nach, während sie ein weiteres Papierpaket in den Kopierer einlegte.


 


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