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Science Fiction
Buch Leseprobe CoEvolution, M.J. Colletti
M.J. Colletti

CoEvolution


Zwischen den Zeiten

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COEVOLUTION


 


 


 


 


Zwischen den Zeiten


 


 


Roman


 


 


 


von M.J. Colletti


 


 


1. Auflage März 2017


 


 


Alle Rechte vorbehalten.


Unbefugte Nutzung, etwa wie Vervielfältigung, Verbreitung,


Übertragung oder Nachdruck, auch Auszugsweise,


nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.


Personen und Handlungen sind frei erfunden,


etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden


Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.


 


 


 


Coevolution


Zwischen den Zeiten


 


Copyright © Giusy Lo Coco


 


Alle Rechte vorbehalten


 


Lektorat und Korrektorat: Julia Schwaminger


 


Cover Foto: Pixabay


Cover Design: Giusy Lo Coco


 


E-Mail giusy.lococo@yahoo.de


Homepage: www.m-j-colletti-giusy-lococo.de


 


 


Widmung


 


Für Antonino, Giulia und Alex.


 


Die beste Familie der Welt


 


 


 


 


Kapitel 1

 


Alex


 


Insel im Atlantischen Ozean


25 km nordwestlich von Basseterre


2046


 


Obwohl Alex leicht bekleidet ist, läuft ihm der Schweiß den Körper hinab als wäre er gerade aus der Sauna gekommen. Dabei kann er sich kaum erinnern, wann er das letzte Mal so ein Ding auch nur gesehen hat. Der unbelebte Parkplatz vor dem Institut für Virologie und Stammzellenforschung ist durch den wütenden Orkan und den unablässigen Regen beinahe vollständig überschwemmt. Wenigstens sitzen er und Charlie im Trockenen, denkt Alex und blickt gedankenverloren auf den düsteren Parkplatz.


Acht Jahre! Eine verflucht lange Zeit, in der fast die komplette Weltbevölkerung ausgelöscht wurde. Er denkt inzwischen oft darüber nach, ob die Entscheidungen, die er in seinem Leben getroffen hat, immer die Richtigen waren. Wie die, sich einer Organisation von zusammengewürfelten Soldaten und Söldnern anzuschließen, anstatt sich mit seinem Bruder, Charlie, irgendwo abzusetzen, fern von dieser ganzen Scheiße. Es kommt Alex wie eine verdammte Ewigkeit vor, seit er unbekümmert durch die Straßen spazieren konnte, ohne hinter jeder Ecke einen Irren zu vermuten, der an seine Eingeweide will. Es ist nur ein von Gott verlassener Planet übrig geblieben, auf dem ein paar Unglückselige ihr Dasein fristen, immer auf der Hut, um nicht die nächsten Infizierten zu werden.


Mit der freien Hand fährt sich Alex über das schweißnasse Gesicht, die andere umklammert die Smith & Wesson, die schussbereit auf seinem Schoß liegt. Wenn der Plan ohne Komplikationen verläuft, wird er sie nicht benutzen müssen. Munition wird ohnehin nur sparsam verwendet und dann auch nur, wenn es keine Alternative gibt. Spare in der Zeit, dann hast du in der Not, ist seine Devise. Allerdings ist ihm nicht klar, wie die Not noch größer werden sollte.


Immer wieder wirft er einen finsteren Blick nach draußen, wartet, dass die Zielperson endlich aus dem Institut kommt. Wie er dieses Drecksloch hasst. Der Sturm und diese unerträglich schwüle Hitze sind wahrscheinlich die Retourkutsche für sein großes Maul. Alles eine Frage des Karmas, würde seine Mutter sagen, wäre sie noch am Leben. Alex klappt die Sonnenblende herunter und zieht ein verblasstes Foto aus der Schutztasche. Er sieht sich die Frau darauf noch einmal an.


Daria Kubik. Schwarze Haare, braune Augen, 170 cm. Die Akte, die er am Abend zuvor angesehen hat, enthält noch mehr Informationen über sie. Geboren in Berlin, Deutschland, am 23.11.2012. Mit ihren vierunddreißig Jahren ist sie die jüngste Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Virologie. Nicht, dass es noch viele von dieser Spezies gibt. Das ist auch gut so, denn seiner Meinung nach verdanken sie diese Scheiße genau diesen Ausgeburten der Hölle. Der Akte zufolge tötete Kubiks Vater ihre Mutter, nachdem er am Aggressive Gene Virus erkrankt war. Auch ihr Ehemann überlebte den Sturm der Infizierten nicht.


Alle hoffen jetzt auf den Impfstoff, den diese Frau und ihr Team entwickeln. Wenn man den Quellen vertrauen darf, steht sie kurz vor einem Durchbruch, was die Rettung der restlichen Menschen auf diesem verdammten Planeten bedeuten würde. Dass diese Information wirklich stimmt, bezweifelt Alex. Die Welt ist im Arsch, da gibt es nichts, was sie tun könnten.


Müde reibt er sich die Augen. Marc und er hätten das Saufen gestern wohl lieber sein lassen sollen. Aber nach Jahren der Abstinenz waren die zwei Flaschen Wodka einfach zu verlockend. Nachdem sie die Pullen vernichtet hatten, verbrachten sie die halbe Nacht kotzend über der Reling. Sie waren nicht einmal mehr in der Lage, die leeren Flaschen verschwinden zu lassen, die Marc aus der Speisekammer geklaut hat. Geweckt wurde Alex dafür heute Morgen mit einem gebührenden Tritt in die Magengrube und einem Eimer voll mit kaltem Meerwasser. Ganz großes Kino. Marc wurde dazu verdonnert, die Fäkalientanks, die an diesem Tag geleert werden sollten, zu reinigen. Alex konnte seine Würgegeräusche bis an Deck hören. O Mann, der General war sowas von angepisst. Den Tritt hat er mehr als verdient. Nur gut, dass er für diesen Einsatz eingeplant war, sonst würde er seinem Kameraden jetzt Gesellschaft leisten.


Alex erinnert sich noch genau an den Tag, an dem der ganze Scheiß seinen Lauf nahm. Marc und er waren gemeinsam in Afrika stationiert, als die Nachricht eines ausgerufenen Ausnahmezustandes die Runde machte. Bis auf ein paar wenige wurden alle nach Hause geschickt. Völliger Schwachsinn, eine strategisch wichtige Position aufzugeben, nur weil im eigenen Land ein paar Aufständische Unruhe stiften. Zumindest war das sein erster Gedanke. Menschen waren schon immer gierig und begingen Morde, egal, ob es dabei um Diamanten oder ein paar Schuhe ging. Deshalb war es nicht ungewöhnlich, dass die Anzahl der Toten anstieg, mehr Verrückte in Klapsmühlen eingeliefert wurden und der nette Nachbar von nebenan seine Kinder erst brutal enthauptete und dann verspeiste. Aber es ging nicht mehr bloß um Materielles, das wurde ihm klar, als sie vom Militärflughafen in Panzer verfrachtet und in die Stadt befördert wurden. Was er dort sah, lässt ihn heute noch erschaudern. Die Kacke war sowas von am Dampfen.


 


 


Kapitel 2

 


Daria


 


Insel im Atlantischen Ozean, 25 km nordwestlich von Basseterre


(Institut für Virologie und Stammzellenforschung)


 


Zur selben Zeit


 


Es ist still im Aufenthaltsraum. Mit beiden Händen hält Daria eine Tasse Tee fest, während sie nachdenklich aus dem Fenster blickt. Man hört weder den Wind, der draußen wie ein Orkan über die Insel fegt, noch den Regen, der gegen das Panzerglas peitscht. Es wirkt fast schon surreal, wie sich die riesigen Palmen durch den Sturm zur Seite biegen als wären sie dünne Grashalme. Wenn das so weitergeht, wird bald die ganze Insel kahl wie ein frisch gemähter Rasen sein, denkt Daria sarkastisch. Die Ruhe legt sich wie Balsam um ihre erschöpfte Seele. Nach achtzehn Stunden im Labor ist es eine Wohltat, nichts außer dem eigenen Atem zu hören.


Vor nicht allzu langer Zeit gefiel ihr der Gedanke an ein Leben auf einer kleinen Insel oder in einem Ort direkt an der Nordseeküste. Sie hatte sich mit Tom sogar schon über Grundstückspreise und zum Verkauf stehende Häuser informiert. Durch die Erfindung einer neuartigen Software hatte er genug Geld für eine Anzahlung verdient. Sie hatten sich vorgenommen, Berlin irgendwann zu verlassen. Wenn sie zusammen alt geworden wären, hätten sie sich zurückgezogen von Wissenschaft, Aktienmarkt und Metropole. Sie sah sich mit ihrem Ehemann schon auf einer kleinen Terrassenschaukel sitzen, während sie den Anblick des Sonnenuntergangs und eine Flasche Rotwein aus dem Weingut ihres Vaters genießen. Von ihrem Strandhäuschen hätten sie die Wellen und die tanzenden Lichter der Schiffe auf dem Ozean beobachten können. Ja, sie hätten all dies tun können. Hätten dies, hätten das. Ein Traum, der wie ein zwei Wochen alter Luftballon in sich zusammengefallen ist.


Daria nippt an dem Tee, der immer noch zu heiß ist, um ihn trinken zu können. Tee! Eines der Dinge, die extrem rar geworden sind, wie so vieles. Kaum zu fassen, dass vor wenigen Jahren Honig im Tee eine Selbstverständlichkeit war. Mittlerweile trinkt sie den Tee ungesüßt. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Abgesehen vom Wetter scheint es fast so, als wäre die Welt noch in Ordnung. Zumindest bis man die Sicherheitstür im Labor passiert. Daria wirft einen flüchtigen Blick auf die silberne Uhr an ihrem Handgelenk. Als Tom sie ihr vor acht Jahren zu ihrem sechsundzwanzigsten Geburtstag schenkte, wusste sie noch nicht, dass sie den Rest ihres Lebens ohne ihn verbringen würde. Die Uhr erinnert sie nun immer daran, was einmal war und was nie wieder sein würde.


 


Auf dem Weg zum Labor atmet sie noch einmal tief durch. Seit drei Jahren arbeitet Daria im Institut, aber an den Geruch kann sie sich noch immer nicht gewöhnen. Sie bleibt vor einer Schutzschleuse stehen. Wie gewohnt tippt sie den Code in das Tastensystem neben der Tür, legt den Daumen auf die Fläche für den Fingerabdruck und blickt anschließend in den Iris-Scanner.


»Willkommen, Doktor Kubik.« KISSS, das Künstlich-Intelligente-Sprach-und-Schutz-System, begrüßt sie mit sanfter Stimme.


»Sind die anderen schon da?«, fragt Daria.


»Claris Bennett, Doktor Fred Henderson und Professor Doktor Patrick Dupont haben das Labor vor elf Minuten betreten«, antwortet KISSS.


Der Zugang zur Schleuse wird geöffnet. Wie üblich stellt sich Daria in die Mitte der vorgezeichneten Fläche und wartet. Das Labor ist mit der biologischen Schutzstufe 4 ausgestattet und mehrfach gesichert. Zusätzlich zu Fingerabdruck, Sicherheitscode und Iris-Scan gelangt man nur nach einem vollständigen Körperscan in die Laboratorien. Dies schließt die Gefahr aus, dass Unbefugte, die mit anderen Erregern infiziert sein könnten, diese ins Labor einschleppen. Darüber hinaus wird im Falle eines möglichen Ausbruchs einer Infektion im Inneren das komplette Labor automatisch abgeriegelt. KISSS wurde programmiert, in solchen Situationen ein Nervengift durch das Belüftungssystem zu schleusen. Jeder, der sich dann noch im Labor befindet, ist innerhalb weniger Minuten tot. Daria traut Computern nicht und stets begleitet sie ein unbehagliches Gefühl, wenn sie das Labor betritt.


»Vital- und Gehirnfunktionen werden gescannt. Bitte warten Sie, bis die Überprüfung abgeschlossen ist.«


Der hochfrequente, unsichtbare Strahl, der aus einer kleinen Öffnung kommt und jede Zelle ihres Körpers kontrolliert, gleitet von ihren Füßen hinauf zu ihrem Kopf. Ein zeitraubendes, aber leider notwendiges Prozedere.


»Scan durchgeführt. Vitalfunktionen im grünen Bereich. Gehirnfunktionen im grünen Bereich. Zutritt gewährt, Doktor Kubik.«


Kurz darauf öffnet sich die Tür, die direkt in die Hölle führt. Der beißende Geruch von Exkrementen und verwesendem Fleisch kommt ihr entgegen. Sie weiß nicht, seit wann sie der Anblick dieser Kreaturen kaltlässt, aber sie weiß, dass sie sich an den Gestank wohl nie gewöhnen wird. Unmenschliche Schreie erklingen aus der Hochsicherheitszelle. Damit die Schreie nicht nach außen dringen, gibt es keine Luftschächte in den Zellen der Infizierten. Sauerstoff wird durch die Labore in die Zellen zu- und von dort wieder abgeführt. Welch ein Glück, dass das Virus nicht durch die Luft übertragen wird, denkt Daria zynisch.


»Objekt 474 ist bereit für den nächsten Impfstoff«, teilt ihr Fred mit, als sie durch die Schleuse kommt.


Die anderen zwei Mitarbeiter, Claris Bennett und Patrick Dupont, wirken angespannt. Völlig zu Recht. Objekt 474 ist das letzte Exemplar im Institut. Wenn nicht bald Nachschub eintrifft, müssen weitere Experimente warten. Die dadurch verlorene Zeit würde Menschenleben kosten.


»Also, meine Lieben, dann lasst Dornröschen in einen tiefen Schlaf sinken und drückt die Daumen«, befiehlt sie.


Fred stellt sich vor sie. »Welchen hättest du denn gerne? Den?«, er hält den Daumen seiner linken Hand hoch, »oder den hier?«, grinst er und wedelt mit der rechten Hand vor ihrem Gesicht herum. Wo früher einmal sein Daumen war, ragt nur noch der Rest eines amputierten Fingers hervor. Daria schmunzelt, während sie sich in einen Schutzanzug zwängt. »Ist mir völlig egal.«, erwidert sie belustigt. Fred ist schlank, fast etwas zu dünn, und den schwarzen Humor hat er vermutlich seiner englischen Abstammung zu verdanken. Daria mag den vierzigjährigen Allgemeinmediziner, er bringt Schwung in das triste Leben hier im Institut. Mit Wissenschaft hat er nicht viel am Hut, aber seine Hilfe ist dennoch unbezahlbar. Daria ist sich sicher, dass das Team ohne ihn längst die Hoffnung verloren hätte. Außerdem kümmert er sich um medizinische Belange wie Pulsmessungen oder die Überwachung von Vitalfunktionen während der Testphasen. Dadurch kann sich Daria voll und ganz dem wissenschaftlichen Aspekt widmen.


Claris bindet sich die hellbraunen Haare zu einem Pferdeschwanz und schlüpft dann ebenfalls in einen der Schutzanzüge. »Übrigens, ich habe gestern Bekanntschaft mit einem Affen gemacht. Als ich in die Unterkunft kam, saß er einfach auf der Treppe«, erzählt sie verträumt.


»Ein Affe?«, fragt Daria desinteressiert.


»Ja, ein Junges. Ich weiß, dass der Rat keine Tiere duldet, aber ihr habt gesagt, dass das Virus nur Menschen befällt, oder?«


Patrick holt die Ampullen mit dem Impfstoff aus dem Kühlgerät. »Affen tun so etwas in der Regel nicht, es sein denn, du hättest ihn gefüttert. Hast du?«, fragt er augenzwinkernd.


Claris schaut ertappt zu Boden. »Nein, nein, eigentlich nicht«, murmelt sie und zieht den Reißverschluss des Schutzanzuges nach oben. Das Team beobachtet sie amüsiert.


Als sie bemerkt, dass sie beobachtet wird, stemmt sie empört die Hände auf ihre Hüften. »Ja, okay. Vielleicht, und nur vielleicht, habe ich ihm ein Stück von dem Eiweißriegel gegeben, den ich noch in der Hosentasche hatte. Na und, was ist schon dabei.«


»Schluss jetzt, Kinder, wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns«, ermahnt Daria ihr Team. Sofort setzt sich Claris in Bewegung. Daria sorgt dafür, dass die Riemen fest am Tisch verankert sind, bevor das Objekt aus der Zelle geholt wird. Niemand möchte, dass sich die Infizierte während der Untersuchung von den Fesseln befreit, sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten und sie zu Bewusstsein kommen.


»Claris, sieh zu, dass du diesmal dem Carfentanyl nicht zu viel Halothan beimischst. Wir haben nicht mehr so viel davon. Und wer sollte es jetzt noch herstellen?«, bittet Fred die zierliche Assistentin. Claris nickt, steckt den kleinen Schlauch in die Öffnung an der Außenwand und verschraubt das Gewinde. Eine eigenartige Mischung aus Vorfreude und Mitleid füllt den Raum. Daria weiß, dass der Impfstoff nur für diejenigen bestimmt ist, die noch nicht infiziert sind. Die durch das Virus verursachten Schäden sind irreparabel. Also selbst wenn sie es schaffen, die Ausbreitung zu stoppen, existiert es weiterhin im Körper der Erkrankten.


Mit äußerster Sorgfalt positioniert Patrick das Elektroenzephalogramm neben dem OP-Tisch, um während der nächsten Phase die Hirnströme von Objekt 474 zu messen. Patrick ist etwa einen Kopf größer als Daria und wiegt nicht mehr als siebzig Kilo. Die Nahrungsknappheit hinterlässt bei jedem seine Spuren. Mit geschätzten fünfzig Jahren ist ihr Kollege Patrick der älteste, aber auch erfahrenste in ihrem Team. Patrick war vor Ausbruch des Virus in einem renommierten Labor für Stammzellenforschung tätig. Warum der Rat nicht ihm die Leitung des Instituts übertragen, sondern ihr selbst übergeben hat, kann Daria sich nicht erklären. Er wäre zweifellos die vernünftigere Wahl gewesen.


»Konntest du heute Nacht etwas schlafen?«, erkundigt sich Professor Dupont bei Daria, während er das EEG an das Stromnetz anschließt. Sie zuckt gleichgültig mit den Schultern. »Ich bin nicht in die Unterkunft gefahren.«


Darias Freund und Kollege umrundet den Tisch, legt seine Hand väterlich auf ihre Schulter und sagt: »Qui se couche tôt et se lève tôt est en bonne santé, rich et intelligent.«


»Französisch war noch nie meine Sprache, Patrick. Kannst du das wiederholen?. Und zwar so, dass ich es verstehe«, bittet sie ihn.


Patrick grinst und wiederholt: «Frühes Zubettgehen und frühes Aufstehen machen gesund, reich und klug. Das hat meine Mutter immer zu mir gesagt. Ich meine damit, dass du dir Zeit und eine Ruhepause gönnen musst. Dann kannst du deine Gedanken besser ordnen und verstehen. Das Gehirn, meine Liebe, ist eine Maschine, die von Zeit zu Zeit abgeschaltet und gewartet werden muss.« Diesen Ratschlag würde sie vermutlich befolgen, säße da nicht so ein Teufel auf ihrer Schulter und würde ihren Kopf ständig mit neuen Fragen füllen, auf die sie keine Antworten hat.


»Danke, Patrick. Ich versuche es«, antwortet sie und beschäftigt sich weiter mit den Gurten am OP-Tisch.


Beim letzten Versuch wiesen die elektrischen Impulse des Objektes noch immer eine absurd hohe Aktivität auf. Wie ein nicht enden wollender epileptischer Anfall greift das Virus das Gehirn an. Das Zerebral der Infizierten ist dann nicht mehr zu gebrauchen. Zu dieser Erkenntnis gelangte Daria, nachdem man den ersten Infizierten lebend gefangen nahm. Während das infizierte Gehirn auf Hochtouren läuft, fällt der Rest des Körpers in eine Art Ruhephase. Sämtliche Organfunktionen sind auf ein Minimum reduziert. Die Atmung wird für das menschliche Auge so gut wie unsichtbar, als wären die Infizierten tot. Allerdings sind ihre Sinne dafür stark ausgeprägt, vor allem Gehör- und Geruchssinn. Etwa zwei Wochen nach der Infektion versagen die Organe fast vollständig, nur die Lunge setzt ihre Arbeit fort. Das ist auch der Grund für den bestialischen Gestank, den sie danach verströmen. Das Gehirn arbeitet zwar noch mehr oder weniger und sendet Impulse an den Körper, aber diese Kreaturen sind nichts weiter als Marionetten des Virus. Daria begreift auch nach acht Jahren der Forschung nicht, wie so etwas möglich sein kann.


Patrick sieht konzentriert auf die Uhr. Ein Jaulen ist aus der Zelle zu hören. Fred schaut zur Tür. »Sie scheint irgendwie nicht gut drauf zu sein.«


»Ich glaube, sie weiß, was jetzt kommt«, sagt Claris.


Patrick schnappt sich den Kopfschutz. »Die wissen gar nichts, liebe Claris. Das ist auch gut so.«


Ein Schrei erfüllt das Labor. Darias Nackenhaare stellen sich auf. Mehrmals kracht etwas gegen die Tür. Kratzende Geräusche entlang der Metallwand zwingen sie, sich die Ohren zuzuhalten. Dann ein Poltern, das an Faustschläge erinnert, gefolgt von immer leiser werdenden Rufen.


Daria und ihr Team warten ein paar Minuten. Als aus dem Raum keine Laute mehr zu hören sind, dreht Claris das Gemisch wieder herunter. Daria setzt den an einen Astronautenhelm erinnernden Kopfschutz auf und gibt Fred dann ein Zeichen. Wenige Sekunden später öffnet sich die Zelle automatisch. Daria hat diese Arbeit schon Hunderte Male durchgeführt, und trotzdem bleibt immer eine Spur Unsicherheit zurück. Früher hat man die Infizierten wochenlang auf eine Trage gefesselt. Durch die heftige Reibung zersetzte sich jedoch die Haut in den ersten zwei Wochen, da sie in dieser Phase noch recht anfällig für äußere Einflüsse ist. Dadurch war das Team gezwungen, die Objekte ungesichert in die Zellen zu sperren und nur bei Bedarf zu narkotisieren.


Wachsam tritt Daria ein Stück in die Zelle. Das, was früher einmal ein Mensch gewesen war, liegt nun bewusstlos auf dem Boden. Fred steht mit einem Betäubungsgewehr hoch konzentriert hinter ihr. Seit dem letzten Vorfall, bei dem ein Wachmann gebissen wurde, weigern sich die Sicherheitskräfte, auch nur einen Fuß in das Labor zu setzen. Es befinden sich nur vier Schutzanzüge im Institut und diese sind für die Ärzte und deren Assistentin vorgesehen. Nachvollziehbar also, dass sie draußen warten und nur bei Bedarf einschreiten.


»Claris«, flüstert Daria der Assistentin zu und streckt die behandschuhten Finger aus der Tür, ohne den Blick von der Infizierten abzuwenden. Claris reicht ihr ein Stück rohes Fleisch eines Nagetiers. Die Insel ist von diversen Nagetierarten geradezu übersät. Daria wirft das Fleisch geschickt in die Nähe der Kreatur, die einst eine Frau gewesen war. Sie rührt sich nicht. Anfänglich dachte man, die Infizierten wären nicht in der Lage, irgendetwas zu begreifen. Das stimmt in gewisser Weise. Sie sprechen nicht, sondern geben nur groteske Laute von sich. Ihre Instinkte sind aber stark ausgeprägt, vor allem, wenn es um Blut und Fleisch geht. Sie können gar nicht anders, als darauf zu reagieren. Daher weiß Daria, dass dieses Exemplar vollständig außer Gefecht gesetzt ist.


 


Die Infizierte liegt auf dem OP-Tisch. Arme und Beine sind mit Gurten am Tisch befestigt.


»Zwölf Tage nach Verabreichung des zweiten Impfstoffs wurde keine Besserung festgestellt«, diktiert Daria dem Sprach-System. Sie schiebt eine Lupe über ihre Augen und beugt sich ein Stück vor. »Depigmentierung schreitet weiter voran. Dafür weist die Epidermis eine erhöhte Resistenz gegen äußerliche Reize auf. Je länger das Virus im Wirt verbleibt, umso widerstandsfähiger wird der Körper.«


Patrick wirft Daria einen besorgten Blick zu. »Sieh dir mal die Zähne an.« Er zeigt auf den halb offenen Mund der Infizierten.


Mit ihren Fingern, die immer noch in dicken Handschuhen stecken, schiebt Daria die Lippen der Frau ein Stück zurück. Claris rückt näher an den Tisch, gefolgt von Fred.


»Was ist damit?«, fragt die Assistentin neugierig.


»Es scheint, als wären einige ihrer Zähne durch andere, neue ersetzt worden«, antwortet Daria erstaunt.


»Wie bei einem Kind?«


»Eher nicht. Menschen verfügen lediglich über zwei Sätze. Diese hier hatte bereits beide. Außerdem sehen sie wie … Fangzähne aus.«


»Was denkst du?« fragt Fred.


Daria richtet sich auf. In ihrem Kopf arbeitet es. Bei keinem Infiziertem zeigte sich bis jetzt eine Veränderung des Gebisses, selbst nach mehreren Monaten nicht. Dass diese Frau nach drei Wochen Anzeichen einer Mutation aufweist, beunruhigt sie umso mehr.


»Ich weiß nicht. Darüber mache ich mir Gedanken, sobald wir die Testphase beendet haben. Patrick, bitte injiziere Objekt 474 den Impfstoff. Danach sehen wir weiter.«


 


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