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> Science Fiction > Babylons letzter Wächter
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Science Fiction
Buch Leseprobe Babylons letzter Wächter, Thomas Reich
Thomas Reich

Babylons letzter Wächter



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Als ich aufwachte, fand ich mich in einem
weißen Raum ohne Fenster wieder. Ich
wusste nicht, wie ich hierher gekommen
war, noch meinen Namen. Mein Gedächtnis
war so leer wie dieser Raum. Ich schlug die
Bettdecke zur Seite und versuchte, die
Dimensionen meiner Heimstatt zu
untersuchen. Neben dem bereits erwähnten
Bett besaß ich einen Stuhl, einen Tisch, und
einen Kleiderschrank. Weiß lackiert. Im
Schrank hingen weiße Hosen aus derbem
Baumwollstoff, sowie dazu passende
Hemden. In der Schublade fand ich weiße
Socken und Unterhosen.
Ich begann die Wände abzuschreiten. Ich
schätzte die Weite meiner Schritte und kam
auf ein ungefähres Raummaß von fünf mal
fünf Metern. Ein Zollstock hätte mir das
bestätigt, was ich insgeheim schon wusste:
Der Raum war absolut quadratisch. Ich fand
zwei Türen, von der die eine nur durch die
dünne Linie, die die glatte Wand unterbrach,
zu erkennen war. Sie hatte keinen Griff. Zu
ihrer Rechten hing ein kleiner Kasten an der
Wand, der eine milchige Platte in der Mitte
trug. Als ich neugierig mit der Hand darüber
fuhr, ging ein trübes Leuchten durch das
Glas.
„Fingerabdruck nicht erkannt. Zugang
verweigert.“
Was aber auch hieß, dass der richtige
Fingerabdruck nach draußen führte. Und
dass der Kasten anderen Menschen diente.
Ich war nicht alleine. Ich suchte mit den
Augen die Decke ab, und fand auch Zeichen
für sie. Eine Kamera, die sich mit meinen
Bewegungen drehte. An ihrem Schaft
blinkte ein rotes Lämpchen. Möglicherweise
ein Modell mit Bewegungssensor.
Die andere Tür hatte einen normalen Griff.
Als ich ihn drückte, wurde ich enttäuscht.
Kein Tor zur Freiheit, sondern mein
Badezimmer. Auf der Ablage über dem
Waschbecken standen neutrale weiße
Plastikflaschen. Keine Werbebildchen, kein
Firmenaufdruck. Auf einer stand Shampoo.
Auf der anderen Duschgel. Eine Plastiktube
mit der Aufschrift Zahnpasta. Ich öffnete
den Verschluss, quetschte einen kleinen
weißen Klecks heraus und leckte vorsichtig
daran. Es schmeckte nach Minze. Schien
alles ganz normal zu sein.
Wer war ich? Der Blick in den
Badezimmerspiegel zeigte mir einen Mann
von vielleicht fünfzig Jahren mit
graumeliertem langem Haar. Buschige
Augenbrauen. Hakennase. Volle Lippen.
Wie im Traum berührte ich meine Wange,
befühlte ihre bartstoppelige Oberfläche. Der
Mann im Spiegel tat es mir gleich. Ich sah
einem völlig Fremden in die Augen. Von
mir aus hätte ich alles sein können. Ein
Banker, ein Straßenpenner, ein Politiker, ein
Müllmann. Das Gesicht eine leere Fläche
tausender Lebensentwürfe und
Möglichkeiten. War es denn wirklich
wichtig, wer ich war? Oder sollte ich nicht
die Möglichkeit nutzen, der zu sein, der ich
immer sein wollte? Würde ich bei dem
Versuch nicht wieder zu dem werden, der
ich einst war?


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