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Bücher Satire
Buch Leseprobe Magische Elternrealität, Rega Kerner
Rega Kerner

Magische Elternrealität


Weihnachten und Ostern mit Kind

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Novelle1: Glaubenskrieg der Nikoläuse


 


Piet hing über der Reling und fütterte die Fische. Alle Jahre wieder wurde ihm speiübel, sobald die ′Pakjesboot 12′ in Spanien ablegte und dieses Leid dauerte endlose Tage an, bis zur Ankunft in Holland. Es blieb ihm ein Rätsel, warum sein Chef in Himmels Namen auf die Überfahrt mit diesem elenden Kutter bestand. Es gab doch Flugzeuge, bereits eine gefühlte Ewigkeit lang. »Ach, nach drei Stündchen klimatisierter Reise bei ausgezeichneter Verköstigung landen in Amsterdam-Schiphol, vom politischen Komitee auf rotem Teppich begrüßt, das wäre mal fortschrittlich!«, jammerte er und unterdrückte den nächsten Würgereiz.


 


Sinterklaas trat lächelnd neben seinen schwarzen, momentan eher grünen Gehilfen, lüftete umständlich die goldverzierte Bischofsrobe und pinkelte über Bord. »Na, zwarte Piet, gaat het? Jetzt hast du es ja bald wieder überstanden«, zwinkerte er verständnisvoll, dabei auf ein paar historische Windmühlen weisend, die seit Jahrhunderten nicht weit von ihrem Zielhafen mit den Flügeln klapperten.



Am Ufer unter der ersten Windmühle spielte ein zierliches, blondes Mädchen, warf einen Stein in die Wellen, beobachtete den Verlauf der Kringel bis die Bugwelle des Schiffes diese auflöste und riss entsetzt die Augen auf: »Der Mann da auf dem Wasser macht seinen Rock auf!«


Ihre Mutter schrak aus Grübeleien, wie sie den Süßigkeitenkonsum dieser Adventszeit beschränken könnte, hoch. Sie sah weder Mann noch Schiff, zog ihre Tochter aber sicherheitshalber am Ärmel zum Auto: »Es wird kalt. Komm, steig wieder ein, wir müssen noch ein ganzes Stück fahren bis wir in Deutschland sind.«


Auf der Autobahn lehnte die Mutter sich fast entspannt zurück, der Pflichtbesuch beim holländischen Kindsvater war wieder geschafft, übermorgen Abend nur nicht vergessen die Nikolaus-Stiefel rauszustellen, danach könnte sie sich auf den nahenden Weihnachtsstress besinnen.



Die spitzen, niedrigen Dächer Hollands fegten unter dem Schimmel des Sinterklaas dahin, ängstlich hinter dem Sattel kauernd, umklammerte Piet die Taille des Reiters. Die Seefahrt war schrecklich, aber dieses gehetzte Gefliege hasste er noch mehr. Insgeheim hoffte er darum, dass die Niederländer ihn endlich aus seinem Amt entlassen würden, auch wenn ihn die Gründe der seit 2013 engagiert darüber diskutierenden Erdenbürger eher amüsierten. Denn Piet empfand seine eigene Hautfarbe keineswegs als diskriminierend, wie sollte er auch. Dass er nicht mehr böse sein durfte schon eher. Bis in die siebziger Jahre erwartete man von ihm die Rute, er war eine Respektsperson wie es sich für Heiligenbegleitungen gehörte, um dem Guten die Drecksarbeit abzunehmen. Aber plötzlich wurde er zum lächelnden Dienstleister degradiert. Diese ständige Nettigkeit, egal was die Rotzlöffel anstellten, war ganz schön anstrengend und raubte ihm irgendwie den inneren Daseinszweck. Und jetzt ging es ihm auch noch an die Farbe. Wer war er schon noch. Ein aufgeputzter Sackträger?


Sinterklaas warf seinem Mitreiter einen mahnenden Blick über die Schulter zu: »Jetzt drück mich doch nicht so, du fällst schon nicht runter, ich kann ja kaum atmen!« Dabei achtete er einen Moment nicht auf den sie umgebenden, scheinbar freien Luftraum. Man sollte sich nie von ruhiger Verkehrslage einlullen lassen, oft ist es die Ruhe vor dem Sturm.


 


»Achtung!«, brüllte Piet noch, als er den leuchtenden Stern im Augenwinkel auf sie zurasen sah. Jener Stern, der dreizackig die Spitze des riesigen Schlittens mit den acht wildgewordenen Rentieren zierte, welcher von links hinter den Dächern der deutschen Grenze aufstieg und auf direkten Kollisionskurs ging. Sinterklaas riss am Zügel und dem Schimmel fast die Zähne heraus, um sich mit einem riesigen Satz zu retten, der sie ein paar Kilometer über die Grenze nach Deutschland katapultierte.


Durch dieses Notmanöver verhinderte er glücklicherweise die Vernichtung zweier Heiliger, nur einen Sack Süßigkeiten fetzte die Kufe des Schlittens von seiner Satteltasche. Kleine, runde, braune Kekse rieselten wie harte Geschosse zur Erde nieder.



Es hagelte Pepernotjes. Holländische Pfeffernüsse. Die Mutter erwachte von blauen Flecken übersät, rieb sich die schmerzenden Stellen und schüttelte verwirrt die Kekskrümel von ihrer Bettdecke. Kurz meinte sie, ein weißes Pferd mit zwei Reitern würde vorm Fenster vorbei segeln, schob diese Halluzination aber auf halbschlafende Nachwirkungen des Gesprächs vom Vorabend. Denn ihre fünfjährige, aufgeweckte Tochter hatte beim Abendbrot wieder mit ausschweifender Phantasie geglänzt: »Mama, ich hab den Penis von Sinterklaas gesehen!«


Verständlicherweise rutschte der Mutter spontan etwas Speise in den falschen Hals. Sie hieß übrigens Maria. Das ist jetzt aber wirklich ein ganz dummer Zufall, ihre Eltern konnten doch nicht ahnen, dass sie mal in einer Weihnachtsgeschichte auftreten müsste. Noch weniger, dass sie eines Tages gezwungen wäre sich mit Geschlechtsteilen von Heiligen zu beschäftigen. »Ich weiß nicht ob Sinterklaas einen … hat«, hüstelte sie verlegen das Brotstückchen aus der Luftröhre.


»Alle Männer haben einen Penis, das hast du selbst gesagt!«


»Jaja, stimmt schon. Aber der Nikolaus ist ja mehr so ein bisschen heilig«, setzte Maria sich der Gefahr aus, genau zu erklären, was unheilig wäre. Dieser Kelch ging glücklicherweise an ihr vorüber: »Ob der deutsche Nikolaus einen hat weiß ich auch nicht, aber den vom holländischen Nikolaus hab ich gesehen!«, beharrte das Kind trotzig, die Mutter hatte jene Bemerkung am menschenleeren Strand natürlich nicht ernst genommen und längst vergessen.


»Aber Tomke, gibt es denn nicht nur einen Nikolaus?«, versuchte sie das Gespräch auf jugendfreies Terrain zu lotsen. Ohne zu lügen und ohne zu ahnen, welch inneren Krieg sie mit dieser Frage lostrat.


»Nein, einer allein kann es nicht allen Kindern besorgen. In Holland kommt ja der Sinterklaas, den haben wir bei Papa in der Stadt gesehen. Der ist viel reicher, genauso wie Papa und alle anderen Holländer. Der hat nämlich ein Pferd und ein Boot und einen Angestellten und viel mehr richtige Geschenke und viel goldenere Klamotten an. Der deutsche Nikolaus kommt ja nur mit dem alten Schlitten und Süßigkeiten«, trumpfte Tomke mit mehr Erinnerung auf, als die Mutter vermutet hatte. Sie war doch erst zwei gewesen, als sie einmalig dem traditionellen Einzug des Sinterklaas beigewohnt hatten, kurz vor der Trennung vom holländischen Kindsvater und der Rückkehr nach Deutschland. Allerdings schob die Menge sie damals zufällig so dicht heran, dass die Kleine dem Apfelschimmel über die weichen Nüstern streichen konnte, vielleicht hatte das so tiefen Eindruck hinterlassen. Mütter sind naturgemäß stolz, was ihre Sprösslinge sich alles merken können: »Was weißt du denn noch am meisten vom Sinterklaas?«


»Alles. Ich hab den Hengst gestreichelt und seinen Penis gesehen.«


»Jetzt iss auf, es ist spät«, bestimmte die Mutter nicht mehr ganz so stolz sondern streng.


 


Dieses Abendbrotgespräch wird fortgesetzt, fürchtete die schlaftrunkene Maria nun und wunderte sich erneut über ihre kleinen Hämatome. Sie öffnete das Fenster, atmete die beruhigend kalte Winterluft und fixierte einen hellen, zappelnden Punkt am Himmel. Ließ sie sich von dem Kind so verrückt machen, dass sie besagten Hengst fliegen sah? Und was war das für ein rotbrauner Fleck, der um die Sterne kreiste? Sie beschloss sich in einem Traum zu befinden, verriegelte hastig das Fenster, sammelte jede Menge Pepernotjes vom Boden, setzte sich auf den Bettrand und aß sie alle, alle tapfer auf. Nur zur Sicherheit, damit es morgen früh keine Beweise geben könnte, die gegen einen Traum sprächen.



Der Schimmel knirschte mit den schmerzenden Zähnen, Piet fluchte seinen Schreck heraus: »Typisch! Immer die mit dem Stern und eingebauter Vorfahrt!!«


»Aber, aber, Piet«, rügte Sinterklaas: »Ausgerechnet von dir hätte ich solche Vorurteile nicht erwartet.«


Obwohl er selbst ebenso tüchtig aufgebracht war. Diese deutsche Karnevalsfigur mit Pelzkragen hatte schon in der Vorbereitungszeit zum Fest Streit gesucht. Beim Äpfelpflücken schnappte er ihm die besten Exemplare vor der heiligen Nase weg, einmal hätte er ihn gar fast vom Baum geschubst. Als Sinterklaas endlich mit gefüllten Apfelsäcken zu seinem Pferd zurück kehrte, hatten die gierigen Rentiere ihm alles Heu weggefressen, mangels eigenem, so eine Achtlosigkeit! Was seine Abreise noch mehr verzögerte, da er den hungrigen Schimmel nun mit Äpfeln füttern und entsprechend neue pflücken musste. Dabei wusste der deutsche Nikolaus ganz genau, dass die holländischen Kinder ihren Sinterklaas bereits am fünften Dezember, also einen Tag früher erwarteten. Wenn einer Recht auf Eile hatte, dann ja wohl er! Jetzt kreuzte der plumpe Rotmantel schon wieder seine Strecke und brachte sie damit nicht nur alle in Gefahr, sondern ihn auch noch ein ganzes Stück vom Weg ab. Aber Wut zu zeigen wäre nicht standesgemäß, als heiliger Mann hatte er sich in Gelassenheit zu hüllen.


»Ist doch wahr«, schimpfte Piet stattdessen für ihn weiter: »Nimmt uns einfach die Vorfahrt. Denkt, er wäre was Besseres. Was will der überhaupt hier. Der soll in sein eigenes Land fliegen!«, vergaß er geflissentlich, dass er selbst gerade erst aus Spanien angereist und seine moralische sowie ethnische Herkunft derzeit mehr als umstritten war. Vielleicht lag es aber genau daran. Wenn ein ganzes Land debattierte, ob die eigene Existenz noch zeitgemäß sei, konnte das schon eine Existenzkrise auslösen. Was, wenn die Niederländer ihn nicht in die wohlverdiente Rente schickten, um sich vom Verdacht einer rassistischen Tradition zu befreien, sondern auf die Vorschläge eingingen ihn künftig auch in blauer, roter, gelber und grüner Hautfarbe auftreten zu lassen? Besonders grün war ihm zuwider, das hatte wohl etwas mit Fischen zu tun.


 


Der Nikolaus hörte jedes Wort, derweil er einen Bogen um den Orion schlug um seine Rentiere zu bändigen. Er kehrte zum Unfallort zurück und nuschelte: »Die Biester sind mir durchgegangen.«


»Hä? War das eine Entschuldigung? Hab ich was gehört? Nee, hast du was gehört?«, boxte Piet dem Sinterklaas auffordernd in die Seite.


»Lass gut sein, Piet. Immerhin begeht er keine Unfallflucht.« »Ist doch nix passiert«, stellte der Nikolaus mehr fest als zu fragen.


»Nix passiert? Ein Sack Pepernotjes ist weg!«, schrie Piet hysterisch, als wäre der heilige Gral gestohlen.


»Könnte euch ein paar Walnüsse dafür abgeben«, brummelte der Dicke.


»Ich sagte nicht Walnotjes, sondern Pepernotjes! Pe-per-not-jes!! Das sind kleine, knackige Pfeffernüsse. Walnüsse haben wir selbst genug.«


»Hab ich nicht an Bord. Lebkuchen?«


»Ach. Soll ich den Kindern mit euren Riesenlebkuchen Beulen an den Kopf werfen? Du hast wohl ´nen A… «


»Piet!!«, fiel Sinterklaas ihm scharf ins Wort um den Fluch zu verhindern: »Friede auf Erden.«


»Dafür müssten wir endlich auf Erden landen«, bemerkte Piet schnippisch und schnippte einen Fussel von der Schulter des heiligen Reiters, welcher wie eine winzige Schneeflocke hinab auf die Dächer schwebte.


»Entsorgt euren Dreck in eurem eigenen Land«, flutschte dem Nikolaus heraus, während er der fallenden Faser nachsah. Das hatte er jetzt gar nicht so gemeint, aber dieses Geschimpfe des dunklen Gesellen konnte einen ja total anstecken.


»Was weiß ich, über welchem Land wir gerade sind? Du hast uns doch total vom Kurs abgebracht«, fauchte Piet zurück.


»Da drüben geht soeben die Sonne auf, das dürfte selbst dir zur Orientierung reichen.«


»Was soll das heißen, selbst mir? Wie? Denkst du, ich bin blöd? Spielst du etwa auf meine Hautfarbe an?«


»Deine Farbe ist mir doch sternschnuppe. Aber wenn du so anfängst - diese uralten Klamotten … schon ziemlich weiblich. Jetzt so im Morgenrot betrachtet, ist dir der Glitzer und Pomp nicht peinlich?«, traf der Nikolaus zielgerade eine von Piets tiefsten Wunden.


»Das ist der Gipfel der Unverschämtheiten! Jetzt bin ich auch noch weibisch, oder gar schwul?«


»Was ist daran unverschämt? Hast du nicht nur was gegen bestimmte Fahrzeugarten, sondern auch noch gegen Homosexuelle? Und frauenfeindlich? Wohl vergessen, dass du selbst zu einer Randgruppe gehörst?«


»Nach deinen Worten bin ich wohl Teil so ziemlich jeder Randgruppe. Sei bloß vorsichtig, denk an die Vergangenheit deiner Landsleute.«


»Was du auch bist, du bist sowieso bald weg«, bewies der Nikolaus, dass er über internationale Entwicklungen durchaus auf dem Laufenden war. Man sollte die Konkurrenz im Auge behalten.


»Seid ihr fertig? Ich will auch weg. Wir haben heute bekanntermaßen noch einiges vor«, suchte Sinterklaas vergeblich zwischen die Streithähne zu kommen.


»Nicht, bevor die Schadensersatzfrage geklärt ist! Der Dicke muss büßen!«, beharrte Piet, jetzt ernstlich in seinem Ego verletzt: »Der Himmel gehört ihm nicht allein.«


Sinterklaas lockerte betreten die Zügel. Er fühlte sich an seinem einzigen Arbeitstag im Jahr nicht befugt auszusprechen, wem der Himmel gehört. Es war der fünfte Dezember, ein kühler Morgenwind zog auf und die Kinder warteten auf ihn. Das Pferd trippelte ungeduldig auf einer Wolke herum, die acht Rentiere ließen reglos die Köpfe hängen, nur ihre Ohren folgten den Stimmen. Vielleicht dachten sie beschämt an gestohlenes Heu oder fühlten sich schuldig am Zusammenstoß, auf jeden Fall war es besser sich raus zu halten. Als Herde wartete man brisante Themen bekanntlich ab und folgte dem Sieger. Der Schimmel schloss aus dem Schweigen der Rentiere, dass er völlig allein war und darum nichts ausrichten könnte. Die Wolke löste sich unter seinen Hufen auf und ihm war, als verlöre er allen Boden unter den Füßen.



»Gibt es in jedem Land einen anderen Nikolaus?«, wollte Tomke gleich beim Frühstück ihre Kenntnisse über deutsches und holländisches Brauchtum erweitern, sprich globalisieren. Maria schmierte ein Marmeladenbrot und erinnerte sich dumpf, dass die Festivitäten bereits in verschiedenen Regionen Deutschlands stark voneinander abwichen. Es gab doch so allerlei Figuren, die sie nie verstanden hatte, allen voran Knecht Ruprecht, danach die Krampen und der Rüpelz, Hans Muff oder Hans Trapp, Pelznickel, Butzenbercht und wie sie alle hießen. Von anderen Ländern hatte sie diesbezüglich noch weniger Ahnung. Sie biss sich auf die Lippen und vermied tunlichst, die Anzahl der beteiligten Nikoläuse nebst Gehilfen weiter zu erhöhen …


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