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> Satire > Ich räumte Steine aus dem Weg
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Bücher Satire
Buch Leseprobe Ich räumte Steine aus dem Weg, Edgar van der Sel
Edgar van der Sel

Ich räumte Steine aus dem Weg


und dann überrollten sie mich.

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Es geschah an einem Montagmorgen. Ich lag neben Alice im nachtwarmen Bett und lauschte den Sätzen, die sie mit leiser, noch bebender Stimme sprach, beobachtete ihr Gesicht, die Röte ihrer Wangen und ihre Augen, die matt leuchteten. Ich war am Abend zuvor aus Deutschland gekommen, jetzt war Holland für fünf Tage meine Heimat, und zum Auftakt liebten wir uns – wie immer. Alice hatte Vergnügen am Liebesspiel, des Aktes wegen, sie war eine selbstbewusste, intelligente und attraktive Frau. Wir waren ein Paar und doch wieder nicht, weil … Es klingelte Sturm. Alice sprang auf, zog ihren seidenen Morgenrock über. „Halb acht, wer kann das sein?“ Im langen Wandspiegel beobachtete ich, wie sie nervös durch ihr volles Haar strich. Wieder klingelte es wie verrückt. Einen Moment lang atmete ich nicht. Dann wälzte ich mich auf die Seite und stand in geduckter Haltung auf. Ich lauschte jedem Atemzug, während ich mit eingezogenem Kopf zum Fenster schlich. Alice presste eine Schulter gegen die Wand, bewegte ihren Kopf ein klein wenig nach vorne, gerade genug, um durch das Fenster zwei Männer zu entdecken, die im Fliederbusch lauerten. Normalerweise war ich schnell von Begriff, doch in diesem Moment begriff ich gar nichts. Ich wollte mich gerade darüber amüsieren, da klingelte es so unbarmherzig schrill, dass Alice die Finger gegen ihre Schläfen drückte und begann, sie zu massieren. „Das ist unerträglich. Ich mache auf!“ Alice war eine mutige Frau. Sie hatte keine Angst, jung zu sterben. Aber ich. „Alice, bleib hier!“, rief ich, zog mir hastig eine Hose über und wünschte, der Lärm würde aufhören. Da geschah es. Ein Schrei füllte das Haus, den Vorplatz, mein Inneres. Ich dachte zuerst, es wäre ein räuberischer Überfall. Aber es war ein dumpfer,empörender Schrei. Es war Alice, die sich gegen die Haustür stemmte, die von einem Männerfuß blockiert wurde. Ich war aus dem Schlafzimmer getreten und rannte jetzt die Treppe hinunter. Etwa in der Mitte blieb ich stehen. Ein langer, dürrer Mann war zuerst in die Wohnung gekommen, dann sein Begleiter, glatzköpfig und grimmig schauend wie er. Ich erinnere mich an laute Schritte und sich überschlagende Stimmen, und dann war das Haus voll mit mindestens zwölf Mann, die im Busch und vor der Tür nicht mitgezählt. „Es geht um 1,8 Millionen“, sagte der Glatzköpfige und hielt einen Ausweis in die Luft. Gulden oder D-Mark, dachte ich und für einen Augenblick fand ich mein Gleichgewicht wieder. Dann aber sah ich den Triumph in seinem Blick und wusste, ich saß in der Falle. Ich roch meine Angst. Es war ein Geruch aus Unverständnis, Verzweiflung und Zorn. Wieso 1,8 Millionen? Um was ging es eigentlich? „Kriminalpolizei“, raunte Alice. Gerade hatte ich sie noch geliebt und jetzt zitterte sie – nicht aus Begehren, ihre Nerven lagen blank. „Wir packen hier alles ein und dann kommen Sie mit!“, rief eine Stimme. „Können wir uns nicht was anziehen?“, fragte ich, mir fiel nichts anderes ein, nur mein nackter Oberkörper und die Hose, die offen stand. Der Lange machte eine Handbewegung nach oben und orderte zwei Männer ab, um uns zu begleiten. Ich stand schon wieder unten, jetzt mit geschlossener Hose, weißem Hemd und Krawatte, da kam Alice die Treppe herunter, ordnete mit einer Hand ihre flüchtig zugeknöpfte Bluse, nestelte an ihrem Kostüm und stellte sich neben mich. Vor einer Glasvitrine stehend, die mein Gesicht widerspiegelte, hatte ich plötzlich das Gefühl, mein Leben wäre verloren. Ich war umringt von Menschen und fühlte mich so einsam, wie niemals zuvor.


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