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Bücher Satire
Buch Leseprobe Hotel Zeitsprung, Tony Butterfly
Tony Butterfly

Hotel Zeitsprung


Fontane bis Goethe

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KAPITEL 1


Alles fing mit einem harmlos klingenden Stellenangebot an.


Hotel Zeitsprung sucht eine vertrauenswürdige Person mit starkem Charakter und ganz besonderen Eigenschaften …


Damals hatte ich noch keine Ahnung, welche ganz besonderen Eigenschaften genau gemeint waren, aber es gab keinen Zweifel: Die Anzeige war an mich persönlich gerichtet. Meiner schriftlichen Bewerbung, die ich dank Google innerhalb von drei Minuten verfasst und verschickt hatte, folgte prompt eine Einladung zu einem persönlichen Treffen. Das Gespräch selbst lief wie von mir erwartet: bestens. Zuerst bat mich der Personalchef, ihm kurz meinen akademischen und beruflichen Werdegang vorzustellen. Zum Glück war ich perfekt darauf vorbereitet und konnte ihm die wichtigsten Stationen meiner Karriere von einer Kopie des Lebenslaufes vorlesen: vom Medizinstudium in Harvard bis zu meiner Promotion in Psychologie in Paris, die ich beide zur selben Zeit gemacht hatte. Danach erzählte ich ihm von meinem Fronteinsatz als Armeeoffizier in Kabul, mit besonderer Betonung auf dem Tag, als ich völlig auf mich allein gestellt ein ganzes Dorf voller Kleinkinder befreit hatte. Zudem erwähnte ich, dass es mir gelungen war, innerhalb von fünf Minuten und nur durch gutes Zureden sämtliche Talibankämpfer davon zu überzeugen, ihre radikalen Ansichten aufzugeben. Leider schien der Personalchef an stetig zunehmenden Kopfschmerzen zu leiden, da er sich während meiner Erzählungen immer öfter an den Kopf fasste. Ich war kaum damit fertig, von meinem nächsten Einsatz bei Ärzte ohne Grenzen in Nigeria zu berichten, als er mich bat, damit aufzuhören.


»Bitte, Herr … Max Mustermann, haben Sie nun echte Hotelerfahrungen, so wie Sie es in Ihrem Lebenslauf aufgeführt haben, oder nicht?«


Max Mustermann? Wer ist … oh! Vielleicht hatte ich meine Google-Bewerbung doch etwas zu voreilig abgeschickt und vergessen, die eine oder andere Stelle zu ändern. Ich schaute auf die Kopie vor mir, auf der aber mein richtiger Name stand. Plötzlich machte es bei mir Klick, und ich bemerkte, dass der Lebenslauf, den ich bis jetzt vorgelesen hatte, für eine frühere Bewerbung als Präsident beim Roten Kreuz verfasst worden war.


»Natürlich habe ich Erfahrungen im Hotelwesen«, antwortete ich schließlich meinem zukünftigen Kollegen und nannte ihm ein paar konkrete Beispiele. So erzählte ich ihm, wie amused Queen Mum war, als ich sie in einem kleinen Londoner Hostel betreute, oder wie mich Nelson Mandela in einer Rede auf einem internationalen Kongress in Dubai als außergewöhnliches Beispiel für Toleranz und hohe Leistungsbereitschaft in meinem Job an der Rezeption hervorhob. Als Beweis seiner Anerkennung hatte mir Letzterer sogar eine Einladung zur Premiere seines damals neuesten Films Robin Hood versprochen, in dem er an der Seite von Kevin Costner kämpfte. Da ich jedoch merkte, dass die Kopfschmerzen des Personalchefs wieder zunahmen, verzichtete ich auf weitere Beispiele. Wahrscheinlich war seine Migräne auch der Grund dafür, dass er immer öfter auf seine Uhr schaute. Dann fragte er mich, ob es mir denn wenigstens Spaß mache, mich auch um sehr ausgefallene Kunden zu kümmern, und ob ich bereit sei, dafür die Extra-Meile zu gehen. Für diese Antwort musste ich nicht lange überlegen.


»Um ganz ehrlich zu sein, leide ich an einer starken Schienbeinentzündung in beiden Beinen, aber wenn du willst, bin ich gern bereit, für Kunden eine Extra-Stunde zu schlafen.«


Wie erwartet, schienen dem Mann meine Antworten sehr gut zu gefallen, da er sie mit interessant kommentierte. Zudem musste ich ihn auch persönlich stark beeindruckt haben. Das konnte ich klar an dem Mitgefühl erkennen, das er mir gegenüber entwickelt hatte, zum Beispiel, als er mich fragte, ob ich die Beinschmerzen seit demselben Moment verspürte, in dem ich die Taliban friedlich zum Umdenken überredet hatte. Obwohl ich ihm kurz zuvor noch das Du angeboten hatte, war er weiter beim Sie geblieben. Aber was soll’s, ich bin nicht nachtragend und hatte ihm die Unaufmerksamkeit schnell verziehen. Zumindest hegte er keine Zweifel mehr an meiner Eignung als neuer Rezeptionschef. Er schien von meinen Fähigkeiten sogar so überzeugt zu sein, dass er es als unnötig empfand, meine kostbare Zeit mit weiteren Fragen von seiner Liste zu verschwenden. Das hatte mich schon etwas stolz gemacht. Er bedankte sich bei mir dafür, dass ich ihm die Entscheidung so leicht gemacht hätte, wodurch er schneller zu seiner eigenen Geburtstagfeier kommen würde.


Zum Abschluss erwähnte er nur noch, dass der Interviewprozess mit anderen Kandidaten fortgeführt werden müsse und dass die endgültige Entscheidung noch einige Zeit in Anspruch nehmen werde, weshalb er mir riet, mich jetzt schon auf andere Stellen zu bewerben. Ich dankte ihm für seine Fürsorge, versicherte ihm aber, dass mir das Warten ohne Arbeit nichts ausmache. Außerdem betonte ich nochmals, wie perfekt ich in das Team passe, da ich selbst gern langsam arbeite. 


 


KAPITEL 2


 


Frauen.


Das Problem mit ihnen ist, dass sie einen zuerst mit ihren geheimnisvollen Reizen anziehen bis sie sich früher oder später als Katastrophe entpuppen; die Büchse der Pandora in Massenanfertigung, in die man lieber nicht zu tief hineinschaut. Ständig nerven sie einen; hast du mir überhaupt zugehört, du kannst auch mal was machen oder der Klassiker: Such dir mal gefälligst einen Job. Doch da mein Englisch noch nie das allerbeste war, konnte ich mit solchen Fremdwörtern wie Job wenig anfangen. Um die Tage bis zu meinem Arbeitsbeginn im Hotel sinnvoll zu überbrücken, gab ich trotzdem ein paar wenigen Frauen eine Chance, mich zu treffen. Was diese Frauen vom großen Rest unterschied, war, dass sie meine Einladung auf einen Drink auch annahmen – alle beide.


Man sollte meinen, dass ein solch überdurchschnittlich gut aussehender Alleskönner wie ich mit seiner stets bescheidenen Art der perfekte Traummann für alle Frauen sei. Aber irgendwie scheinen die meisten Damen blind zu sein. Obwohl ich beiden Verabredungen entspannt mitteilte, dass ich bereits einen Job in Aussicht hätte und nur noch auf die offizielle Zustimmung wartete, sagten sie mir, dass ich erst dann wiederkommen solle, wenn es so weit wäre. Was für eine misstrauische Unsitte, dabei hätte ich ihnen das Geld für mein Essen vielleicht sogar irgendwann zurückgezahlt.


Es war einfach unmöglich, einer Frau etwas recht zu machen. Dabei sollte alles ganz einfach sein. Alles was ich vom Leben wollte, war, eine Frau zu finden die gut zu mir passte und mich nicht aufgrund von solchen Kleinigkeiten wie der, dass ich keine Zeit zum Arbeiten hatte, zurückwies.


Nach einigen Monaten des geduldigen Wartens entschloss ich mich dann doch nach dem Beginn meiner neuen Arbeit zu erkundigen. Ich begab mich zurück zum Hotel und fragte nach meinem Freund, mit dem ich mich im Bewerbungsgespräch so gut verstanden hatte. Da erfuhr ich, dass der freundliche Mann am Tag seines Geburtstags in einen Unfall verwickelt war – mit für ihn leider tödlichem Ausgang. Angeblich habe er beim Verlassen des Hotels noch über Leute geschimpft, die seine kostbare Zeit verschwendeten. Ich war natürlich schockiert, von seinem tragischen Tod zu erfahren, aber wenigstens kannte ich jetzt den Grund für die noch ausgebliebene Zusage. Nachdem ich der Empfangsdame mein Bedauern ausgedrückt hatte, erzählte ich ihr, dass sich der verstorbene Personalchef persönlich für mich einsetzen wollte, nachdem er mich als perfekten Kandidaten für die zu besetzende Stelle erkannt habe.


»Hat er sie denn auch mit all unseren Besonderheiten im Haus vertraut gemacht und Sie über unsere sehr speziellen Gäste aufgeklärt?«, fragte mich die Frau an der Rezeption.


»Aber selbstverständlich hat er das, bis ins kleinste Detail!« Natürlich war mir bewusst, dass der Verstorbene vergessen hatte, mir genaueres über die Stelle zu erzählen. Jedoch verbot mir mein Anstand, einem Toten seine Fehler vorzuhalten oder ihn vor noch lebenden Kollegen zu kritisieren.


»Wenn das so ist und Sie schon alles über uns wissen, dann hätte ich da vielleicht was für Sie. Wie es der Zufall will, hat der Nachtdienst soeben seine Stelle zum Wochenende gekündigt. Wenn Sie interessiert sind, könnten Sie ab nächster Woche gern in der Nachtschicht anfangen.«


Der Gedanke, die Nachtschicht zu übernehmen, störte mich wenig; ob ich nun zu Hause schlafen würde oder im Hotel, war mir ziemlich egal. Ich nahm das Angebot an und fühlte mich bereit für alles, was da kommen sollte –fast alles. 


 


KAPITEL 3


 


Ich erinnere mich noch genau an meinen allerersten Arbeitstag im Hotel – es kommt mir so vor, als wäre es erst gestern gewesen. Es war an einem Donnerstag … nein, Moment … ich glaube eher, an einem Freitag … also gut, es könnte vielleicht auch ein Mittwoch gewesen sein. Auf jeden Fall hatte ich mich an dem Abend pünktlich um zehn Uhr an der Rezeption eingefunden. Das Hotel war leer, was mich nicht weiter wunderte. Es lag so versteckt im Wald, dass sich kaum ein normaler Tourist dorthin verirren würde. Und je weniger Gäste kämen, desto mehr Zeit hätte ich für mich. Das Wetter war an diesem Abend aufsehenerregend. In immer kürzer werdenden Abständen bemerkte ich Blitze und Donner über dem Wald, bis ich beide fast zur selben Sekunde wahrnahm. Kurz darauf erblickte ich auch noch ein Einhorn, das auf einem Regenbogen durch die Nacht ritt. Das hatte ich jedoch schon des Öfteren beobachtet, meistens an Tagen, an denen ich mich mit selbst gemachtem Tee verwöhnt hatte. Was ich bis dahin aber noch nicht kannte, war das Erscheinen einer Fata Morgana. In diesem Fall eine Fata Morgana in männlicher Gestalt, die den Hoteleingang betrat und sogar die Fähigkeit hatte, sprechen zu können. Ich fragte den unerwarteten Gast höflichst nach seinem Namen. Doch alles, was ich verstand, war so etwas wie »Von Tane«.


»Woher Sie kommen, ist mir eigentlich egal«, erwiderte ich, »ich hätte einfach nur gerne Ihren Namen gewusst.«


Er schien nicht der Hellste zu sein und schaute mich ungläubig an. Wahrscheinlich ein Ausländer, der kein Deutsch versteht, was auch seine bizarre, museumsreife Kleidung erklären würde. So fragte ich ihn erneut, und schön langsam, sodass er mich verstand: »Was … ist … Ihr … Name?«


Starrköpfig bestand der Gast auf derselben Antwort wie zuvor.


»Oh, ich verstehe, der Herr ist ein Adliger. Dafür, dass sie behaupten, aus guter Familie zu sein, hätten sie sich wenigstens normale Sachen leisten können.«


Scheinbar genervt zog der Mann einen Stift und ein Blatt Papier aus meiner Hand und schrieb seinen Namen in kaum lesbarer Schrift darauf: Theodor Fontane.


Okay, der Name sei ihm verziehen, schließlich konnte er ja nichts dafür. Obwohl der merkwürdige Gast erst zur späten Stunde eintraf, zeigte er keinerlei Müdigkeit. Stattdessen blickte er sich nach allen Seiten um, fast wie eine Nachteule, die zu tief in ein mit Red Bull gefülltes Glas geschaut hatte.


Oh, jetzt fällt es mir wieder ein: Mein erster Arbeitstag war ein Montag gewesen. Zum Glück lässt mich meine Erinnerung niemals im Stich. Es war auch kein normaler Montag. Um genau zu sein, war es Tag eins nach dem gewonnen WM Finale in Brasilien. Eine Reportage auf der Großbildleinwand im Foyer zeigte noch einmal die Höhepunkte der vergangenen vier Wochen, einschließlich eines längeren Interviews mit dem Star des Fußballturniers. Mein sichtlich irritierter Gast fragte mich, aus welchem Grund der Mann auf der Leinwand Leder um seine Hände gewickelt hatte, wenn doch am azurblauen Himmel die Sonne hell erstrahlte und der Schweiß von seiner Stirn tropfe. Mann, dachte ich, der Typ weiß aber auch gar nichts.


»Das ist Manuel Neuer und das um seine Hände sind normale Torwarthandschuhe. Das tragen alle Tormänner im Fußball, ganz egal, wie heiß es ist.«


»Wer ist Manuel Neuer?«, fragte der Gast neugierig. Ich schaute dem Mann ungläubig ins Gesicht.


Könnte er wirklich so naiv sein, nach so legendären Wochen einen Mann wie Manuel Neuer nicht zu kennen? Dann blickte ich erneut auf seine altmodischen Klamotten. Vielleicht war er ja aus einer Siedlung der Amish entflohen; vielleicht war er auch einer, der sein ganzes Leben in einer Bibliothek verbrachte oder sich auf Dauer in einem verstaubten Museum versteckte. Ich hatte keine Ahnung, wie solche Möchtegern-Historiker unter sich redeten, aber ich wusste, dass ich etwas an meiner Sprache ändern müsste, damit er mich zumindest teilweise verstand. Und da ich sonst während meiner Nachtschicht nichts zu tun hatte, fing ich an, ihm die Sage eines Deutschen Helden zu vermitteln. 


 


KAPITEL 4


 


Wie ein abstrakter Künstler, der seine drei Pinselstriche als wertvolle Kunst zu verkaufen versucht, hob ich mein Kinn und verzog mein Gesicht, um so beim Sprechen noch poetischer zu wirken.


 


»Manuel Neuer war unser bester Mann,


aushielt er, bis er’s Finale gewann,


er hat uns gerettet, er trägt die Kron‘,


er hielt alles sicher, uns‘re Liebe sein Lohn.


Manuel Neuer.


 


Wie Spiderman fliegt er durch’s Deutsche Tor,


sogar Ronaldo verzweifelt, in Salvador.


Für Portugiesen ein echtes Waterloo -


die Deutschen aber sind frei und froh,


und all die Fans mit Kindern und Frau’n


in Träumen schon das Finale schau’n,


und plaudernd an Manuel Neuer heran,


tritt alles: »Wie weit noch, unser bester Tormann?«


Der schaut nach vorn und in die Rund:


»Noch fünf Spiele ... wenn alle gesund.«


 


Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -


da klingelt’s aus Ghana, zweimal ein Schrei.


»Verdammt!« war es, was da erklang,


ein Qualm aus der Deutschen Kabine drang,


erst Qualm, dann Flammen lichterloh,


und noch vier Spiele bis zum Endspiel in Rio.


 


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