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> Satire > Es hat ja keiner behauptet,
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Bücher Satire
Buch Leseprobe Es hat ja keiner behauptet, , Jochen Zuber
Jochen Zuber

Es hat ja keiner behauptet,


das Leben sei einfach!

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Kürzlich, ich war gut gelaunt und erfreute mich bester Gesundheit, bat mich meine Frau, nach der Arbeit noch kurz ein paar Kleinigkeiten einkaufen zu gehen. Sie liege gerade so schön in der Sonne und könne nicht weg. Wie gesagt, ich war gut gelaunt, der Supermarkt lag mehr oder minder auf dem Weg nach Hause und ich könnte mir dann ja auch gleich noch eine Kleinigkeit für mich besorgen. Also ergänzte ich den telefonisch übermittelten Einkaufszettel, der bereits Essig, Öl, Brötchen, Butter und Mineralwasser enthielt, um die Position Fruchtgummi.


 


Der Einkauf würde nicht viel meiner Zeit in Anspruch nehmen, schließlich ging ich nicht zum ersten Mal dort einkaufen und wusste schon, wo alles zu finden war. Allerdings musste ich dann feststellen, dass ich wohl doch schon eine Weile nicht mehr hier war. Aus dem übersichtlichen Supermarkt um die Ecke, war inzwischen ein Konsumtempel erster Güte geworden. Aber das schreckte mich natürlich nicht ab, schließlich war ich ja gut gelaunt und außer der Größe wird sich ja kaum etwas verändert haben, dachte ich. Als ich vor dem Betreten des Lebensmittelbereiches einen Kompass, einen Peilsender und eine Leuchtrakete erhielt, war ich dann aber doch etwas überrascht. Möglicherweise war das Gebäude doch recht großzügig erweitert worden. Ich verstaute mein Survival-Pack, legte das Klett-Armband an, das mich über eine extrem reißfeste Sicherungsleine mit dem Einkaufswagen verband und machte mich auf den Weg, die paar Sachen zusammen zu suchen, die ich einkaufen sollte.


 


Offensichtlich funktioniert der uns Männern angeborene Orientierungssinn in der freien Wildbahn wesentlich besser als umgeben von meterhohen Lebensmittelmauern. Ich verlief mich, aktivierte den Peilsender und wartete in einer Schlucht aus Mehl und Backmischungen auf einen Führer. Nach 15 Minuten kam ein junger Mann auf einem Elektroroller um die Ecke geschossen. Gegen eine geringe Gebühr wurde ich auf die Hauptstraße gebracht und kostenlos vor der Gasse mit den Videospielen gewarnt. Auf meine Frage nach dem Essig und Öl-Regal erhielt ich einen Wink Richtung Nord-Osten und erntete ein herzhaftes Lachen.


 


Kennen Sie das Gefühl, wenn man sich umdreht und unerwartet vor dem Empire State Building steht? So ging es mir als ich nach weiteren 30 Minuten Fußweg den Essig fand. Mein Helfer hatte nicht wegen meiner Ahnungslosigkeit gelacht, sondern wegen des Ausdrucks 'Regal'. Ich stand nämlich vor der Essig und Öl Abteilung. Regal um Regal reihte sich aneinander. Hin Essig, zurück Öl. Ich konnte es nicht fassen. Leider war ich inzwischen einige Kilometer von der nächsten Antenne entfernt oder die Signale vermochten nicht bis zum Boden der Schluchten vorzudringen. Ich war also auf mich allein gestellt und konnte meine Frau nicht um präzisere Anweisungen zum Thema Essig bitten. Vollwürz-Essig oder lieber milden Rotweinessig. Bio- oder klar? Mit Kräutern oder leicht gesalzen? Fruchtig, also Apfel oder Himbeere? Oder doch lieber eine der 15 verschiedenen Balsamico-Sorten? Und wenn ja, rot oder weiß?.


 


Um nicht unverrichteter Dinge abzuziehen, begab ich mich in die Mitte des Regals, nahm eine Münze in die Hand, drehte mich mit geschlossenen Augen mehrfach um die eigene Achse und warf die Münze. Weil ich das Wagensicherungsband vergessen hatte, brach ich mir dabei zwar fast das Handgelenk, die Auswahl des Essigs war danach aber ein Leichtes. Ich dachte mir eine Zahl zwischen 1 und 10 aus, griff auf der Münze stehend in die entsprechende Etage und wuchtete einen 15 Liter Gastro-Kanister Essig für Essiggurken in meinen Wagen. Um an das Öl zu kommen, bezahlte ich einen Passanten dafür, ohne Fragen eine Flasche aus dem Regal zu nehmen. Distelöl mit Bärlauch-Aroma. Warum nicht?


 


Butter, das ist gut. Das ist einfach, da kann nix passieren. Das dachte ich auch noch, als am Eingang des Kühlprodukte-Kontinents ein offensichtlich schneeblinder Kunde gerade von Sanitätern in eine Alu-Decke eingerollte wurde. Vermutlich unter anderem, um den Passanten den Anblick erfrorener Gliedmaßen zu ersparen. Erst als ich nahe genug dran war und das Opfer etwas murmeln hörte, wurde ich nervös. "Halbfettstufe, streichweich, Sauerrahm, leicht gesalzen, Olivengeschmack, Kräuteraroma, Deutsche oder Irische, zum Braten und Backen". Der arme Kerl konnte sich kaum beruhigen. Ich lieh mir von einem Schaulustigen für eine Minute das Fernglas, taxierte die ungefähre Entfernung zum Butterberg, rannte ins ewige Eis, griff blind nach einem der kalten Pakete und rannte zurück in die Wärme, ohne einen Blick zurück zu werfen. Nicht nur vor Kälte fröstelnd legte ich eine Rolle Kräuterbutter für Grillfisch in den Einkaufswagen und machte mich auf den Weg zur Kasse.


 


Auf dem Beschleunigungsstreifen zur Kassenbahn ließ mir eine Frau erschreckt den Vortritt. Möglicherweise hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits einen etwas wirren Blick. Nach 10 Minuten Fahrt, kurz vor der Ausfahrt 'Schnellkasse' bog ich auf einen Rastplatz ein, ging kurz pinkeln, was durch den an mich gebundenen Einkaufswagen ebenfalls ein unvergessliches Erlebnis wurde, und entnahm einem Wandplan, dass ich über die Süßwaren-Abteilung ebenfalls zur Kasse gelangen konnte. Trotz eines bisher recht unreligiösen Lebens, sank ich kurze Zeit später auf die Knie, um Gott dafür zu danken, dass er aus der Masse der sauren Bohnen, Kirschohrringe, Lakritz-Vampire und Schaum-Erdbeeren ausgerechnet meine geliebten Cola-Flaschen ausgesucht hatte, um sie im Rahmen einer Sonderaktion auf einem separaten Display anzubieten. Was machte es da schon aus, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits seit zwei Monaten abgelaufen war? Hihihi, ist doch egal ...


 


Ich frühstückte recht günstig in der Schlange an der Kasse und dachte somit glücklicherweise daran, dass ich auch noch Brötchen kaufen musste. Die Mini-Bäckerei kam mir geradezu lächerlich klein vor und mit dem triumphalen Wissen um die Vorliebe meiner Frau für Körner-Brötchen, ging ich auf die Theke zu. "Vier-, Fünf-, Sechs- oder doch lieber Vollkorn? Siebenkorn sind aus. Aber wir haben auch noch Wellness und Fitness!" Ich winkte erschöpft ab, kaufte die letzte Laugenstange und nahm den Bus zu meinem Auto. Als ich vom Sitz hoch- und zur Tür gerissen wurde, rettete mich der Busfahrer vor dem sicheren Tod in dem er das Band von meinem Handgelenk schnitt.


 


Nachdem ich auf den Kauf von Mineralwasser verzichtet hatte, weil der Hof des Getränkemarktes von den LKW vierzehn verschiedener Mineralwasserlieferanten zugeparkt war, kam ich wie im Delirium zu Hause an, küsste meine Frau und legte meine Einkäufe auf den Tisch. Als sie mich fragte, ob ich noch nicht einmal so etwas einfaches wie einkaufen erledigen könne, legte sich ein gnädiges Schwarz auf meine Sinne und ich wachte hier in diesem gepolsterten Raum auf. Gleich bekomme ich wieder diese kleinen bunten Tabletten. Ich bin gut gelaunt!


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