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> Satire > Das große Margaretha-Main-Buch 1
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Buch Leseprobe Das große Margaretha-Main-Buch 1, Margaretha Main
Margaretha Main

Das große Margaretha-Main-Buch 1


Lustige Geschichten für Jung und Alt

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Nach einigen Abenden in der Fahrschule und etlichen ausgefüllten Testbö-gen, war endlich der Tag der Führerscheinprüfung angebrochen. Walburga und ich hatten kräftig gepaukt, um ja alles richtig zu machen. Denn das einzige, was wir nicht wollten, war durchfallen und noch länger auf das Moped fahren verzichten. Wir fuhren mit den Fahrrädern zur Fahrschule und harrten der Dinge, die da auf uns zukommen mochten. Etwa zwanzig Leute waren zur Prüfung erschienen und alle redeten aufgeregt durcheinander. Zwei Frauen, die die Prüfung für den Autoführerschein machen wollten, standen in einer Ecke und hielten sich gegenseitig im Arm. Die eine heulte sogar. Na, das kann ja noch heiter werden, dachte ich so bei mir. Wenn Erwachsene schon heulen müssen. Endlich kam unser Herr Blohm und öffnete die Tür. Er ging hinein und alle folgten ihm in den Raum. Jeder nahm auf seinem Stammplatz Platz und Herr Blohm stellte sich wie immer vorn neben seiner Tafel auf. „So, Leute, jetzt wird es ernst. Wir machen zuerst die Prüfung für die Klassen vier und fünf. Die anderen gehen bitte noch mal nach draußen. Unser Prüfer, der gleich hier erscheinen wird, möchte, dass jeder für sich allein an einem Tisch sitzt und das geht nur, wenn wir Gruppen bilden. Nun kriegt euch wieder ein. Der hat noch keinem den Kopf abgerissen. Ich habe damals auch bei ihm Prüfung gemacht und ihr seht, mein Kopf ist immer noch da, wo er hingehört. Also, Kopf hoch! Wir kriegen das schon hin.” Bedröppelt standen die meisten auf und verließen den Raum. Wir wurden so verteilt, dass wir keine Chance zum Abschreiben bekamen. Nach endlo-sen Stunden – es waren natürlich nur höchstens zehn Minuten – kam endlich der Prüfer. Er begrüßte uns freundlich, ging durch die Reihen und verteilte die Fragebögen. Sofort stürzte ich mich auf den Bogen. Bis auf ein oder zwei Fragen, wusste ich alle Antworten sofort. Die, die ich nicht sofort wusste, ließ ich erst mal bis zum Schluss übrig und kreuzte die anderen Antworten an. Danach befasste ich mich wieder mit den übrig gebliebenen Fragen und konnte auch diese nach kurzem Überlegen lösen. Walburga war auch schon fertig und so standen wir auf, gaben unsere Zettel ab und verließen leise den Raum, da andere noch mit ihren Bögen be-schäftigt waren. Draußen gesellten wir uns zu den anderen und wurden sofort bestürmt. Einer der dort wartenden Männer hopste immer von einem Bein aufs andere und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Er bot uns auch eine an und da wir ja nun schon ziemlich erwachsen waren, griffen wir zu. Er gab uns Feuer und wir pafften freudig vor uns hin. Die Erwachsenen Raucher atmeten, im Gegensatz zu uns, den Rauch der Zigarette richtig ein. Das musste ich auch mal probieren. Was die konnten, konnte ich na-türlich schon lange. Ich zog also an der Zigarette und atmete ein. Eine heiße Keule schlug mir im Halse runter und traf meine Lunge völlig unvorbereitet. Ja, damals gab es noch keine Light-Zigaretten. Damals wa-ren die noch alle ohne Filter und mit einem gar fürchterlichen Kraut ausge-stopft. Als der Keulenschlag meine Lunge erreicht hatte, wurde mir nur noch schlecht. Für einen Moment wurde mir sogar schwarz vor Augen und ich taumelte. Walburga ging es auch nicht anders und so fielen wir uns gegen-seitig in die Arme, um nicht lang hinzuschlagen. Die Kippen schmissen wir sofort weg und so nach und nach kam wieder Leben in unsere malträtierten Körper. Nee, nee, das mussten wir nicht ha-ben. Wie die anderen das den ganzen Tag aushielten, war uns ein Rätsel. Dann erschien der Fahrlehrer und bat uns hinein. Mit leichtem Wiege-schritt folgten wir seiner Aufforderung und setzten uns auf unsere Stühle. Er uns, dass nur zwei seiner Prüflinge durchgefallen seien. Mir rutschte das Herz in die nicht vorhandene Hose. Jetzt war ich durchge-fallen. Das war die Strafe für meine Raucherei. Und wieder überkam mich eine Welle der Übelkeit. Der Prüfer saß vorn am Tisch und blätterte geschäftig in seinen Unterlagen. Dann rief er die Leute auf, die bestanden hatten. Die mussten zu ihm nach vorn gehen und durften ihren nagelneuen Führerschein in Empfang neh-men. Der erste stand auf und ging nach vorn; der zweite hinterher; dann der dritte und der vierte. Ich versuchte eine Reihenfolge auszumachen. Das ging aber nicht, da die Leute nicht alphabetisch aufgerufen wurden. Wal-burga war an der Reihe. Auch sie erhielt ihren Führerschein und kam freu-destrahlend zurück. „Margaretha Main!” „Margaretha Main, bitte!” Erst jetzt begriff ich, dass er mich meinte. Ich sprang auf und rannte zu seinem Tisch. Mit einem Lächeln überreichte er mir den frisch von ihm unterschriebenen und abgestempelten Führerschein. „Ich finde es toll, dass jetzt auch junge Damen den Führerschein machen. Ich gratuliere dir. Aber, bitte, tu mir einen Gefallen: Fahr dir nicht deinen äußerst hübschen Hals ab, okay?” Ich konnte vor Ergriffenheit nur tonlos nicken. So stand ich da und be-trachtete meinen grauen Lappen. Ein Traum hatte sich erfüllt. „Du darfst dich jetzt wieder setzen.” Ach ja, ich durfte mich wieder setzen. „Hallo, du darfst dich wieder setzen!” Ja, ja, ich durfte mich wieder setzen. „Nun geh schon an deinen Platz. Die anderen wollen auch noch dran.” Mit einem leichten Schubs schickte mich der Prüfer fort. Wie im Traum schwebte ich durch die Reihen und wäre fast an meinem Stuhl vorbeigeschwebt, hätte Walburga mich nicht am Kleid festgehalten. Ich setzte mich und betrachtete meinen Führerschein. Was war das doch für ein schönes Ding. Nein, schön war eigentlich nicht der richtige Aus-druck. Er war himmlisch und auch von himmlischer Farbe. So schön grau. Ich glaubte, noch nie ein so schönes und leuchtendes Grau gesehen zu ha-ben. Nein, ohne Übertreibung: dieses Führerscheingrau war doch wirklich und wahrhaftig die schönste Farbe der Welt. So ein Grau aber auch! Freudestrahlend kam ich nach Haus. Omma war immer noch nicht so rich-tig begeistert. „Kind, datt duo deck blot nich doutfahst. Denn ward eck mien Läim nich mä fru.” „Jaaa, Omma, ich pass schon auf.” Omma zeterte noch eine kleine Weile, rückte dann aber doch die Kohle für ein Moped raus. Sie hatte nicht viel Vertrauen in die Dinger und meinte, dass es wohl besser sei, wenn ich mir ein neues Moped kaufen würde. Bei einem Gebrauchten wusste man ja nie, wer damit wie rumgejuckelt war. Juchhuhu! Ich kriege ein nagelneues Moped. So fuhr ich mit Muttern in die Stadt und wir schauten uns bei einem Händler, der ganz dicht an meinem ehemaligen Schulweg lag, neue Mopeds an. Dort hatte ich mir schon früher oft die Nase an der Schaufensterscheibe platt gedrückt. Eines Tages hatte ich all meinen Mut zusammengenommen, war reingegangen und hatte mir einen Prospekt geholt. Die Frau vom Chef meinte zwar, dass ich als Mäd-chen nie so ein Ding fahren würde, aber trotzdem gab sie mir eines der schönen bunten Blätter mit. Na ja, so bunt waren die damals gar nicht. Aber schwarz und weiß sind ja auch Farben. Wie oft hatte ich mir die tech-nischen Daten durchgelesen und die Bilder angesehen. Komisch fand ich, dass da junge Frauen mit den Mopeds dargestellt waren, fahren taten aber nur Männer diese Mopeds. Ich hatte mir das schönste Bild ausgeschnitten und mir übers Bett gehängt. Immer mal wieder betrachtete ich voller Sehnsucht meinen Traum. Neun-undvierzig Kubikzentimeter und über drei PS. Mein Gott, war das ein Wahnsinn. Und jetzt hatte ich doch glatt die Gelegenheit so ein Ding zu fahren. Wer hätte das gedacht? Muttern und ich ließen uns vom Chef des kleinen Ladens beraten, obwohl ich eigentlich schon alles wusste. Trotzdem wollte ich mir dieses Ritual nicht entgehen lassen und hörte aufmerksam zu. Wer weiß, wie oft ich noch in den Genuss eines neuen Fahrzeuges kommen sollte. Und dann erst diese riesige Farbauswahl. Ich konnte wählen zwischen schwarz/silber oder schwarz/silber. Oder vielleichtg doch lieber schwarz/silber? So wurde von Muttern der Kaufvertrag unterschrieben und somit das na-gelneue schönste Moped der Welt bestellt. „Nein, mitnehmen können sie keins. Die sind alle schon verkauft. Die gehen im Moment weg wie warme Semmeln, aber in ein paar Tagen können sie es abholen.” Aus den paar Tagen wurden zwei Monate, da Produktion und Nachfrage nicht so ganz harmonierten. Nach schier endloser Warterei – mir kam es vor, als wären Jahre vergangen – trudelte endlich die ersehnte Nachricht bei uns ein: Das Moped ist da und kann abgeholt werden. Omma und Muttern wollten unbedingt mit und mir ein paar Tipps mit auf den Weg geben. Sie hatten zwar beide keinen Führerschein und auch noch nie selbst ein Kraftfahrzeug bewegt, meinten aber Ahnung zu haben, da sie ja schon mal Fahrern beim Fahren zugekuckt hatten. Als ich ihnen aber erklärte, dass es Schwierigkeiten mit ihrer Heimreise geben könnte, da der Händler nur abends ausliefern würde, nahmen sie Abstand von ihrem Vor-haben. Mein Angebot, sie einzeln nach Haus zu fahren, lehnten sie dan-kend ab. Es sei wohl besser, wenn ich erst mal allein üben würde. Sie wuss-ten ja nicht, dass ich schon mehrfach mit Beifahrerin unterwegs gewesen war und sogar schon einmal ein Rennen gegen einen Polizeiwagen gewon-nen hatte. Diese Geschichten erzählte ich ihnen lieber nicht, sonst hätte ich meinen Traum ohne Moped weiterträumen können. So fuhr ich also mit dem Bus in die Stadt. Während der ganzen Fahrt war ich so aufgeregt, dass ich kaum still sitzen konnte und Mühe hatte mein Blasenwasser zu kontrollieren. Das hätte mir gerade noch gefehlt, dass ich bei meinem Lieblingsmopedhändler mit einem gelben Fleck im Kleid auf-gelaufen wäre. Ich versuchte mich abzulenken, in dem ich die Bäume zählte. Als mir das irgendwann zu langweilig wurde, versuchte ich diese zu bestimmen. Das ist eine Eiche. Das ist eine Buche, das eine Pappel... Endlich war der Busbahnhof erreicht. Schon zwei Kilometer vorher hatte ich mich in die Tür gestellt, um ja als erste raus zu kommen. „Na, hast woll dein erstes Rangdewu?” Ich war so nervös, dass ich dem Busfahrer nur ein kurzes Lächeln schenkte. Wenn der wüsste. Kaum war die Tür offen, sprang ich auch schon raus, um ja mein erstes Rangdewu mit meinem neuen Moped nicht zu verpassen. Ich hastete über die Straße und rannte die paar Meter bis zum Laden. Um diesen Augenblick des höchsten Glücks auskosten zu können, stellte ich mich noch kurz vor das Schaufenster und genoss die wunderschönen Sekunden der Vorfreude. Das, nein, mein Mo-ped stand drinnen. Ich konnte es genau sehen. Es winkte schon durch die Scheibe. Nun konnte nichts mehr schief gehen. Jetzt war es endlich soweit. Ich drückte die Klinke runter und trat ein. Noch nie hatte eine Türglocke so liebevoll und zärtlich in meinen Ohren geklungen. Noch nie hatte ich das quietschen einer Tür so geliebt, wie in diesem Augenblick des Glücks. Dann stand ich vor ihm, dem schönsten Moped der Welt. Seine wunder-schöne schwarze Farbe strahlte mir entgegen. Das Silber glänzte im Licht der Ladenlampen. Es war von beiden Seiten Liebe auf den ersten Blick. Es schien sich darüber zu freuen, dass es nun mit mir leben konnte. Ich trat näher und streichelte zärtlich über seinen Tank, dann über den Sitz. Ich konnte mein Glück kaum fassen und Tränen liefen mir übers Gesicht. „Nana, wer wird denn hier weinen? So hässlich ist so ein Moped doch nun auch wieder nicht. Aber was kann ich denn für dich tun?” „Ich möchte mein Moped abholen.” „So, so, die junge Dame möchte also ihr Moped abholen. Welches Moped möchtest du denn abholen?” „Das da!” „Das geht aber nicht, junge Dame. Das ist schon verkauft.” Dass mir in dem Moment das Herz stehen blieb, könnt ihr euch ja wohl locker vorstellen. „Aber, ich hatte das doch für mich bestellt.” „So, so, du hattest es also für dich be-stellt?” „Ja, genau das hatte ich. Ihre Frau muss sich doch noch an mich er-innern.” „Meine Frau ist aber nicht da und ich glaube, dass du mich hier anschwindelst.” „Ich schwindele nicht! Warum sollte ich das tun?” „Viel-leicht um einen alten Mann wie mich ein bisschen hochzunehmen und dir einen Spaß mit mir zu machen. Normalerweise kaufen junge Da-men bei mir keine Mopeds, sondern höchstens mal ein Fahrrad.” „In die-sem Fall ist es aber anders. Ich habe hier ein Moped bestellt und möchte es nun endlich mitnehmen.” „Hast du denn überhaupt einen Führerschein?” Ich holte mein schönes graues Papier aus der Handtasche und zeigte es ihm. Da war er doch einigermaßen erstaunt und wurde zusehends freundlicher. „Du alter Esel! Ich habe dir doch von Frl. Main berichtet und dass die mit ihrer Mutter hier war und ein Moped bestellt hat. Nu mach ma hier nich so`n Aufstand und erklär der kleinen lieber die Technik. Kuck nich so blöd un mach hin. Die will doch endlich fahn. Du siehst doch, dass die schon ganz nervös iss.” Die Chefin war gerade reingekommen und stellte ihren Ein-kaufskorb hinter die Ladentheke. Der Chef kuckte einigermaßen blöd aus der Wäsche. Ihm war das wohl ziemlich peinlich. Plötzlich griff er auf den Tresen und nahm einige Papiere zur Hand. Dann erklärte er mir, wo der Zündschlüssel rein gesteckt wird, wie der Kickstar-ter und die Gangschaltung funktionieren. So schalten wir das Licht an und so wieder ab. Es muss Zweitaktgemisch in den Tank, aber darauf achten, dass es sich um ein Mischungsverhältnis von eins zu fünfundzwanzig han-delt. Eins zu fünfundzwanzig heißt: ein Teil Zweitaktöl auf fünfundzwan-zig Teile Benzin. Blablablabla... Das wusste ich doch alles schon längst. Er ließ sich nicht davon abhalten, mir noch weitere Hinweise zu geben. Ich hatte es einigermaßen eilig, da ich ja schon kräftig Reklame für mein neues Moped gemacht hatte. Viele hatten mir nicht geglaubt. Retha kriegt ein neues Moped. Das glaubt doch kein Mensch. War natürlich auch schwer zu glauben, da noch nicht mal mancher Junge ein Moped besaß, ge-schweige denn ein neues. Ich hatte vor, mit meinem neuen Liebling gleich zu unserem Badesee zu fahren und allen zu zeigen, dass meine Geschichte stimmte. Endlich war er mit seinem Vortrag fertig und schob meine neue Errun-genschaft aus dem Laden auf den Bürgersteig. Er sah das Moped mitleidig an, als habe er das schöne Ding jetzt einer Furie übergeben, die nichts weiter im Sinn hatte, als es hinzurichten, kaputtzufahren und schnellstens zu ver-schrotten. Na, der würde sich aber wundern. Pflegen würde ich es und putzen und streicheln. Ja, und ab und zu mal damit fahren. „Ich möchte noch einen Helm kaufen, wenn`s recht ist.” „Ja, junge Dame, das ist wohl auch besser für dich. Als Mädchen würde ich auch immer mit Helm fahren. Man weiß ja nie, was so alles passieren kann. Es wäre ja auch schade um dein schönes Köpfchen.” Blablabla, dachte ich so vor mich hin. Ich weiß ja, dass richtig harte Männer keine Helme brauchen. Was soll die-sen Dickschädeln auch passieren? Da würde ja bei einem Unfall lieber das Straßenpflaster kaputtgehen. Der Klügere gibt halt nach. Nach langem Palaver hatte ich endlich den passenden Helm für mich ge-funden. Sah zwar nicht so richtig gut aus, erschien mir aber doch si-cherer, als barhäuptig durch die Gegend zu fahren. Ehe er wieder einen Vortrag halten konnte, zählte ich ihm das Geld für Moped und Helm auf den Tisch, nahm meine Papiere, drehte mich um, drehte den Zündschlüs-sel, flutete den Vergaser, klappte den Kickstarter heraus, trat auf densel-ben, setzte meinen Helm auf, stellte mich breitbeinig zwischen Tank und Sitz, schob meinen Hintern nach hinten, um auf meinem Rock zu sitzen, zog die Kupplung, legte den ersten Gang ein, gab etwas Gas und brauste, sein er-stauntes Gesicht hinter mir lassend, von dannen. Das mit dem Helm war schon komisch. Einerseits gab er mir ein gutes Si-cherheitsgefühl, andererseits schränkte er die Sicht ein wenig ein. Durch das Sonnenschirmchen sah ich nur ein Stück vom Himmel. Und an die Geschwindigkeit musste ich mich auch erst gewöhnen. Dieses Moped ging etwas schneller ab, als die alten, die ich bis jetzt gefahren hatte. Als ich aus der Stadt raus war, gab ich etwas mehr Gas und beschleunigte auf siebzig Sachen. So schnell war ich bis jetzt noch nie selbst gefahren und es kam mir unheimlich schnell vor. Ich beließ es erst einmal bei diesem Tempo, da das Moped ja noch neu und nicht eingefahren war. Ja, das Ein-fahren gibt es zwar heute auch noch, zumindest sollte man das tun, aber es ist nicht mehr so dramatisch, da die Fertigung im Laufe der Jahrzehnte gro-ße Fortschritte gemacht hat. Damals war das eine kleine Wissenschaft für sich. Bis 500 Kilometer nur sechzig fahren. Bis 1000 Kilometer nur siebzig fahren. Bis 1500 Kilometer nur fünfundsiebzig und erst dann konnte Höchstgeschwindigkeit gefahren werden. Also lag ich mit meinen siebzig Sachen schon fast richtig. Na ja gut, fast fast richtig. Den kleinen Hügel runter musste ich sogar Gas wegnehmen, um den Motor nicht gleich bei der ersten Fahrt zu überdrehen. Endlich kam ich auf dem großen Waldparkplatz an, der einige hundert Meter vor dem See lag. Ich überquerte ihn und hielt vor dem Schlagbaum, der verhindern sollte, dass jeder Hans und Franz in den Wald fuhr, und stieg ab. Nun stand ich neben meinem neuen Moped und versuchte es auf den Ständer zu stellen. Nee, nee, Seitenständer gab es damals noch nicht. Nach etlichen Versuchen – der Göttin sei Dank war niemand in der Nähe – schaffte ich es, mein nagelneues Moped aufzubocken. Ich rüttelte noch ein oder zwei Mal an ihm. Es stand fest und wackelte nicht. Dann ging ich zum Schlagbaum und wuchtete ihn hoch. Das kannte ich schon. Das hatte ich schon öfter gemacht. Als ich den Schlagbaum oben hatte, drehte ich mich um und ging zum Moped zurück. Das hatte leise vor sich hinknatternd auf mich gewartet und freute sich schon darauf, dass es nun endlich weiterge-hen konnte. Ich stieg also wieder auf, lehnte mich zurück, um etwas Schwung zu holen und mit einem kühnen Satz hatte ich das Moped abgebockt. Schon fuhr ich wieder los. Da meine Sicht nach oben eingeschränkt war, sah ich leider nicht, dass der Schlagbaum langsam wieder runter kam. Und als ich dann auf gleicher Höhe mit ihm war, war er dermaßen tief, dass ich an ihm hän-gen blieb. Das Moped ahnte nichts von meinem Missgeschick und fuhr einfach freudestrahlend weiter, also unter mir hindurch. So hing ich eine Weile verdattert auf dem blöden Schlagbaum und sah wie mein schönes neues armes Moped noch ein paar Meter ohne mich weiterfuhr, um dann pendelnd und Haken schlagend zu Boden zu gehen. Scheiße, Scheiße, Scheiße, dachte ich so bei mir. Das ist aber wirklich dumm gelaufen. Ich schwang mich vom Schlagbaum. Was hätte ich auch sonst tun sollen? Ich konnte da drauf ja schlecht übernachten. Dann rannte ich schnellstens zu meinem armen Moped und hob es auf. Der Göttin sei Dank war ihm nicht viel passiert, da es sich auf dem Gras niedergelassen hatte. Allerdings sah der Bremshebel nicht so gut aus. Ich dachte, dass das ja nun wirklich nicht sein muss, dass ich mit einem neuen kaputten Moped am See auftauche. Dann würde ich ja alle Vorurteile gegen Moped fahrende Frauen sofort und voll bestätigen. Was sollte ich jetzt tun? Ich schaute auf meine Uhr. So spät war es noch nicht. Kurz entschlossen hob ich das Moped auf, trat ein paar Mal auf den Kickstarter und fuhr schnellstmöglich zurück zum Händler. Seine Ladentür war schon zugeschlossen. Ich konnte aber noch Licht im Laden sehen. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und klopfte an die Scheibe. Nach mehrmaligem Klopfen kam die Chefin und linste durch die Scheibe. Als sie mich erkannte, schloss sie auf und ließ mich ein. Ich log ihr vor, dass mir das Moped vom Ständer gefallen und nun der Bremshebel krumm sei. Da ich unversehrt war, glaubte sie mir wohl meine Geschichte. Sie sagte, dass ihr Mann nicht mehr da sei, sie mir aber trotzdem solch einen Bremshebel verkaufen könne. Nur für`s Einbauen müsste ich mir eben einen anderen Mechaniker suchen. Vielleicht hätte ich ja einen Verwandten oder Bekann-ten, der das übernehmen könne. Ich sah mir das Teil, das sie mir reichte, einen Augenblick an und beschloss spontan, die Reparatur hier und jetzt und gleich selbst zu erledigen. Ich bat die erstaunt dreinschauende Chefin um einen passenden Schraubenschlüs-sel und um einen Schraubenzieher. Im Grunde genommen musste nur eine einzige Schraube gelöst werden. Ich löste also die Schraube, hakte den Bowdenzug aus, schob den neuen Griff in die richtige Position, hakte den Bowdenzug wieder ein, drehte die Schraube wieder fest und zog die Kon-termutter nach. Fertig! Die Chefin guckte sehr skeptisch. Sie hatte zwar wohl selbst keine Ahnung, fasste aber trotzdem zu und überprüfte den Sitz des Hebels. Als sie merkte, dass alles in Ordnung war, verabschiedete sie sich von mir. Ich konnte al-lerdings aus den Augenwinkeln sehen, dass sie mir nachschaute, als ich wegfuhr. Nun aber schnell zum See zurück, ehe die anderen nach Haus fahren. Diesmal achtete ich sehr genau darauf, dass der blöde Schlagbaum auch wirklich oben blieb und mich nicht wieder auf die Hörner nehmen konnte. Als ich durch war, hielt ich erneut an und holte den Schlagbaum wieder runter. Dann fuhr ich über den kleinen Waldweg zum See. Ein paar waren schon weg, aber ein paar andere waren noch da. Auch sie waren gerade am Packen, hielten aber gespannt inne, als ich am See an-kam. Sofort wurde ich umringt. Einige Mädchen freuten sich mit mir, an-dere brachen sofort in tierischen Neid aus. Am schlimmsten waren die mo-pedlosen Jungen. „Na, Retha, was meinst du, wie lange du dich da im Sat-tel halten kannst? Mädchen sind doch viel zu blöd für so viel Technik. Bla-blabla...” So ließ ich mich eine Weile bestaunen. Dann drehte ich um und fuhr heim. Muttern und Omma saßen schon auf heißen Kohlen. „Kind, wo bleibst du denn nur?” „Ach, der Chef hat mir noch ein paar Tipps gegeben. Und da hat es halt ein bisschen länger gedauert.” „Ist ja auch egal. Hauptsache du bist wieder heile zu Haus.” Von nun an waren mein Moped und ich unzertrennlich. Ob es stürmte oder regnete, die eine ging nie ohne die andere aus dem Haus. Ich taufte sie eines Tages Pedi und hängte ihr zur Namensgebung einen selbst gedrehten Blumenkranz um den Lenker. Sie freute sich sehr und fuhr eine Extrarunde mit mir durch die Gegend.


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