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Von Alibi zu Alibi
Als meine Freundin letzten Donnerstag von ihrem ausgedehnten Einkaufsbummel
zurückkehrte, fand sie mich im Wohnzimmersessel mit einer roten, brennenden Silvesterrakete
im Mund.Mit den Worten ‘Um Gottes Willen, spinnst Du?' riss sie mir
den Explosionskörper aus dem Schlund und warf ihn ins Aquarium,noch bevor ich
sie daran hindern konnte.„Um ein Haar hättest du dich selbst in die Luft gesprengt,
sind jetzt auch noch deine letzten grauen Zellen dahingegangen? Wenn ich nicht
gekommen wäre, dann lägen jetzt deine Fetzen auf dem neuen Teppich."
„Natürlich, dies war auch meine Absicht, und ein bisschen Sauerei hätte dem ganzen
einen theatralischen Abgang gegeben."
„Aber warum? Was ist denn passiert, während ich einkaufen war?"
„Du hättest mich ohnehin umgebracht, da wollte ich es gleich selbst machen. Kurz
und schmerzlos und ohne lange Folterqualen."
„Willst du mir nun endlich sagen, was los ist. Hast du schon wieder meine Kontoauszüge
über das Haushaltsgeld angesehen?"
Bevor ich nun meiner Freundin schildere, was mich zu diesem drastischen Schritt
bewegt hat, möchte ich dem geneigten Leser eine kleine Einleitung ins Geschehen
geben. Es war Mittwoch Abend, ich war alleine im Kino und Susanna war diesmal
dran mit dem Frühjahrsputz und wollte mich deshalb aus dem Haus haben.Nachmittags
war ich gemütlich im Biergarten und abends, wie schon bekannt im Kino.
Die Vorstellung musste bereits geraume Zeit zu Ende gewesen sein, als ich erwachte.
Ich schlenderte verschlafen aus der Lichtspielhalle und kletterte beinahe einer vor
der Kasse gebückten Blondine auf den Rücken.„Haben Sie etwas verloren?", erkundigte
ich mich bei dem,zugegeben, knackigen Po.Dessen Besitzerin drehte sich darauf
hin zu mir um und lächelte verkrampft. „Ich brauche dringend eine Kinokarte
und eine leere Tüte Popcorn, zur Not geht auch eine leere Eiskonfektschachtel."
„Eine alte Kinokarte und eine leere Konfektschachtel?", wunderte ich mich,„Wollen
Sie meine haben?", fragte ich hilfsbereit. ""Haben Sie eine? Ja bitte, geben Sie sie
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mir, Sie helfen mir damit aus einer peinlichen Verlegenheit. Ich erkläre es Ihnen",
sagte sie, und dies war auch nötig.„Also, zuerst müssen Sie wissen, dass mein Mann
ziemlich eifersüchtig ist, natürlich zu Unrecht."
„Natürlich", nickte ich leicht ungläubig.
„Jedenfalls glaubt er, ich war mit einer Freundin im Kino... war ich aber natürlich
nicht... zufällig traf ich auf dem Weg zum Kino einen alten Schulkameraden. Um
alte Erinnerungen aufzufrischen gingen wir in ein ... äh ... in ein Lokal, um zu essen.
Jedenfalls muss ich jetzt meinem Mann erklären, warum ich so spät nach Hause
komme. Ich werde die Kinokarte also wie zufällig auf den Tisch legen und die Eiskonfektschachtel
versehentlich neben den Papierkorb werfen. Sie verstehen?", hauchte
sie mit schelmischem Lächeln. Ich verstand und händigte ihr daher meine zerknüllte
Kinokarte und die beinahe leere Popcorntüte aus.„Sie sind einfach Spitze", jauchzte
sie wahrheitsgemäß und griff nach dem Corpus Delicti.Ungeschickt wie Frauen nun
mal sind, ließ sie sich die Karte von einem Windstoß aus den Händen reißen und
letzterer die Karte aufwirbelnd mit sich zog.„Um Gottes Willen", schlug sie die Hände
über den Kopf, „mein Mann wird mir wieder wochenlang eine Szene machen.
Womöglich haut er mir eine... aber daran will ich erst gar nicht denken".Ob Sie es
glauben oder nicht, auch Satiriker haben ein Herz.Meist schwarz, aber dennoch.Und
kein menschliches Wesen, geschweige denn ein Mann, wäre bei diesem verzweifelten
Anblick nicht schwach geworden und hätte alles daran getan, dem seelischen
Wrack zu helfen.Was blieb mir also übrig, dem ausgerissenen Kino-Billet nachzuhechten.
Natürlich ist es nicht einfach, mit Sonntagsausgehschuhen wie ein Verrückter
übers nasse Gras zu rennen.Bei einem Hackenschlag verlor ich den matschigen Boden
unter den Füßen und es streckte mich der Länge nach ins feuchte Gras.Meine Hose
war mit braunen und grünen Flecken übersäht, als hätte ich mich, wie in meiner
Jugendzeit, mit einer Konkubine über die Wiese gewälzt. Freudestrahlend und tropfnass
brachte ich der guten Frau ihr eingefangenes Alibi.
„Sie haben mir das Leben gerettet", küsste sie mich vor Freude auf die Wange, „Sie
haben mich gerettet."
„Aber nicht doch.Hier nehmen Sie mein Taschentuch und wischen Sie sich ihr Makeup
zurecht, nicht dass sich Ihr Mann noch wundert, dass Sie aus einer Komödie mit
tränenden Augen nach Hause kommen."
Ich schob mein Taschentuch wieder ein und machte mich auf den Heimweg. Bisher
eine ganz harmlose Geschichte, beinahe rührend.
Die gleiche Geschichte hatte ich meiner Freundin erzählt...
„Siehst du, Susanna", nahm ich den gesponnenen Faden wieder auf „so kommt es,
dass der Anzug voller Flecken ist, dass mein Taschentuch Make-up-Flecken hat,mein
Hemdkragen Lippenstift und ich nicht mal eine Kinokarte habe, was mein Alibi
bestätigen würde." Ich blickte sie mit treuen Dackelaugen an, als wäre ich die Unschuld in Person.„Du hast dich toll verhalten", sagte sie mit Hoffnung auf die gleiche Hilfe
in einer ähnlichen Situation, „ich bin stolz auf dich."
Mit einem weiteren Kuss und einem hinterlistigen Grinsen fischte ich die Feuerwerkskörper-
Attrappe aus dem Aquarium und schlenderte in Richtung Garage.Was
bin ich doch für ein ... wie sagt man ... genau ... hilfsbereiter Mensch. Eine treue
Seele durch und durch.Niemals würde ich jemanden in meine Alibis hineinziehen,
wie diese treulosen Weiber...
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Mit der Sorgsamkeit eines arabischen Chirurgen machte er einen Silikonabdruck der
Revolverkugel, die er vorher in eine alte Matratze gejagt hatte. Aus dem gummiartigen
Negativ baute er eine Form, wie zum Guss von Zinnsoldaten. Genau, wie er
es in seiner Jugend immer für den männlichen Teil seiner Schulklasse getan hatte.
Er platzierte die Form, nachdem er selbige mit destilliertem Wasser befüllt hatte, in
das Gefrierfach seines alten Kühlschrankes und stellte die höchstmögliche Kühlstufe
ein.
Und wenn die eisige Revolverkugel erst einmal genug gekühlt sein würde, würde er
sie wieder in die lauernde Patronenhülse einsetzen.Wenn dann die glasklare Kugel
erst seine Gattin - wie ein Armbrustpfeil einen Apfel - durchbohren würde, würden
die Ballistiker des Gerichts nichts als eine wässrige Pfütze H2O vorfinden.Und
selbst Sherlock Holmes wäre es nicht mehr möglich, anhand dieser veränderten Tatsachen,
die todbringende Kugel dem richtigen Revolver zuzuordnen,welche zu diesem
Zeitpunkt längst am Grunde des Gardasees ruhen würde.
Vor einigen Tagen hatte er bereits versucht, sie mit Zyanit zu vergiften, aber seine
Frau hasste den Mandelgeschmack in seinen Rezepten. Außerdem tat er gut daran,
sich anders zu entscheiden.
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