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Reiseberichte
Buch Leseprobe Wenn das jeder machen würde, Dieter Franke
Dieter Franke

Wenn das jeder machen würde



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Karibikküste Honduras


Die Fahrgäste des Reisebusses wurden vor dem Einsteigen von einer Sicherheitskraft mit Metalldetektor nach Waffen abgesucht. Teo konnte beobachten, dass vor der Abfahrt dem Fahrer und einem mitfahrenden Marshall, Pistolen ausgehändigt wurden. Der offizielle Sicherheitsangestellte der Firma, der die Sicherheitskontrolle beim Einsteigen durchgeführt hatte, trug eine schussbereite Schnellfeuerwaffe und Pistolen.


Der Bus fuhr nonstop von Tegucigalpa, durch ganz Honduras, bis an die Küste der Karibik. Nur einmal, an einem großen, gesicherten Rastplatz mit Restaurants und Kantinen, konnten die Fahrgäste sich erfrischen und etwas essen. Beim Einsteigen kam wieder der Metalldetektor zum Einsatz.


In Tela nahm Teo ein Taxi, das ihn zu Mannis Weinstube brachte, wo das aus Deutschland arrangierte Rendezvous zur vereinbarten Zeit stattfand. Ein nicht so ganz selbstverständlicher Vorgang des Zusammenspiels nationaler und internationaler Reiseanschlüsse.


Der Freund hatte Teo ein Zimmer besorgt, das er aber schon bald gegen eine kleine möblierte Wohnung in der Wohnanlage bei Doña Isabel tauschte. Nach dem Einzug wurde das Ereignis in Mannis Weinstube gefeiert. Dann war in seinem Kopf ein fragwürdiger Ehrgeiz entstanden.


Teo schwamm in der warmen Meeresdünung der Karibik. Eine leichte Strömung unterstützte ihn in seiner Anstrengung, sein neues Zuhause, bei Doña Isabel, schwimmend zu erreichen. Manni von der Weinstube hatte gemeint, da sei eine Strömung in seiner Richtung. Trotzdem musste er kräftig schwimmen. Sein neues Zuhause war fast zwei Kilometer von Mannis Weinstube entfernt, wenn man am Strand entlang ging. Aber Teos Gedanke war gewesen, geradlinig durch die Bucht zu schwimmen, um die Biegung des Sandstrandes abzukürzen und dort zu landen, wo sich sein neues Zuhause befand. Das war eigentlich kein abwegiger Gedanke.


So hatte er sich am Strand bei Mannis Weinstube, in die Brandung gestürzt und war ins tiefere Wasser hinaus geschwommen. Er konnte da draußen, wo er schwamm, das Rauschen der sich überschlagenden Wellen am Strand nicht mehr hören. Die Lichter vom Strand und der Straße dahinter und auch die hellen Sterne, die sich tanzend in der Dünung widerspiegelten, gaben genügend Licht, sodass er sich in der Dunkelheit orientieren konnte. Auf halber Strecke nach seinem neuen Zuhause musste er einen ausgedienten, langsam verrottenden, Anlegesteg passieren. Der ragte hundert Meter weit ins Meer hinaus. Daran wollte er großräumig außen vorbei schwimmen. Solch vermodernder Holzanleger verbarg manch spitzes Objekt kurz unter der Wasseroberfläche, was ihm hätte gefährlich werden können. Teo schwamm noch ein Stück weiter raus, als er auf der Höhe des Anlegers angekommen war.


Seine Schuhe und sein Portemonnaie waren in Mannis Gewahrsam geblieben. Bekleidet nur mit Hemd und Hose hatte Teo die Weinstube verlassen. Das Abwegige seines Gedankens war, und das machte das Problem aus, dass er sich überhaupt noch nicht in der Gegend auskannte. So verfehlte er sein Ziel. Ein paar Hundert Meter dahinter, prügelten ihn die kräftigen, schnell aufeinanderfolgenden Brecher, unsanft auf den Strand.


Danach folgte eine sechsstündige Odyssee durch die nächtlichen Dünen und Vororte von Tela. Teo suchte nach dem Weg, der ihn vom Strand zu der kleinen Wohnanlage von Doña Isabel führen würde. Aber auf der Suche danach, führte ihn sein Irrweg durch schlafende Vororte und er verlief sich immer weiter. Klar, dass seine „vierbeinigen Freunde“ ihm auf den Fersen waren und ihn kräftig verbellten.


Als es hell wurde konnte Teo sich besser orientieren und fand zum Strand zurück. Von da konnte man in der Ferne, den sich außer Betrieb befindlichen Anlegesteg erkennen. Er hatte mindestens einen Kilometer zu weit nach seiner Bleibe gesucht.


Später erzählte er Manni von seinem Missgeschick. Manni meinte, dass er Glück gehabt hätte und keinen bösen Bandidos begegnet sei. Wahrscheinlich war es schon zu spät und niemand war mehr unterwegs gewesen. Die Strände und die Gegend außerhalb der Hotelanlagen seien brandgefährlich, besonders im Dunkeln. Er solle immer wachsam sein, zu jeder Tageszeit, legte Manni ihm nah.


Früher seien die bösen Buben so frech gewesen, schon am hellichten Tage Touristen an den Stränden, sogar am Hauptstrand unterhalb der Promenade, auszurauben. Das sei natürlich geschäftsschädigend für die Betreiber der Hotels und Restaurants gewesen. Weil die Kundschaft wegblieb, taten sich die Betreiber zusammen und verhandelten vertraulich mit ihren Freunden und Helfern. Die Jungs in Blau wussten von den bösen Buben und wer sie waren. Von einer Woche auf die andere, gab es die bösen Buben nicht mehr. Auch heutzutage sei man mit Kriminellen nicht zimperlich, wusste Manni zu berichten.


Seit geraumer Zeit gab es in Tela Touristenpolizei, die am Tage durch die Stadt und am Strand entlangpatrouillierte, mit umgehängter Maschinenpistole. Die hatten aber vor Sonnenuntergang Feierabend und danach keine Befugnis mehr, ihre Arbeit als Banditenjäger auszuüben, erzählte Manni.


Die Statistik registrierte trotzdem weniger Überfälle seit Einführung der Touristenpolizei in Tela. Das konnte man im jährlich erscheinenden Touristenführer lesen. In dem Touristenführer, wie auch in Reiseführern wurde davor gewarnt, dass es keine gute Idee sei, abends oder nachts durch menschenleere Straßen oder an den Stränden spazieren zu gehen.


Das mit den Straßen sah Teo ein, das mit den Stränden sah er ein bisschen anders. Er konnte auf drei Wegen nach Hause gehen. Die Hauptstraße entlang über die alte Brücke oder die neue zweispurige, menschenleere Avenue über die neue Brücke. Die dritte Möglichkeit führte am Strand entlang. Die ersten zwei Möglichkeiten schloss Teo für sich aus, weil man da in die Falle geraten konnte, die erst vor einem und beim Umdrehen, hinter einem zuschnappen würde. Gegen diese Art von Falle hatte er schon in Johannisburg in Afrika auf seinen nächtlichen „Sprints“ von der Arbeit nach Hause, kein Konzept gehabt. Den Weg am Strand entlang fand Teo geradezu ideal. Er war ein guter Schwimmer, und wenn immer ihm jemand auflauern sollte, würde er im Meer verschwinden. Das war geprobt worden. In seiner ganzen Zeit in Tela gab es nur einen Ernstfall.


Teo saß vor der Weinstube von Manni. Auf der anderen Straßenseite tummelte sich eine Handvoll jugendlicher Einheimischer auf Fahrrädern. Die wiederholte Fragerei, ob sie ein Getränk haben könnten, musste Teo ablehnen. Schließlich hatte er keinen „Dukatenesel“. Als er zum Strand runterging, um sich auf den Heimweg zu machen, waren noch zwei Jugendliche auf der anderen Straßenseite. Teo vermutete, dass sie sein Verlassen des Lokals weitergemeldet hatten. Wie immer führte sein Weg am Hauptstrand entlang, an dessen Ende ein Fluss zu durchwaten war. Danach kam ein Strandabschnitt, der besondere Aufmerksamkeit erforderte. Der war oberhalb zur Straße hin von einem dichten Palmenhain gesäumt und von der Avenue drang nur spärlich Licht durch. Das war der Abschnitt, wo Teo ganz nahe am Wasser, durch die auslaufenden Wellen langmarschierte. Plötzlich stockte er und sah zehn Meter vor sich zwei Gestalten mit Macheten in den Händen stehen. Die waren aus der Deckung des Palmenhaines gekommen und stellten sich ihm in den Weg. Teo machte seine Routinebewegungen. Gegenstand, wie Einkaufstasche oder sonst etwas Sperriges, womit man nicht schwimmen konnte, fallen lassen. In diesem Fall hatte Teo eine Regenjacke dabei, die fallengelassen wurde. Dann streifte er seine Schlappsandalen über die Hände, sodass die Halteriemen derselben auf dem Handrücken Halt fanden. Die Sandalensohle kam so auf der Handfläche bis über den Puls in Position. Ein äußerst effektiver „Turbo-Schwimm-Antrieb“ beim Freistil. Es vergrößert die Schaufelfläche der Hand um das Doppelte.


Nicht ohne den Bandidos zugerufen zu haben, dass ihre Mühe zwecklos sei, rannte er in sein tosendes, rettendes Element und schwamm davon nach Hause. Im weiten Bogen wurde wieder um den alten Anleger herumgeschwommen.


Teo hatte über die lange Zeit, die er schon in Tela verbracht hatte, beobachten können, dass die Einheimischen durch die Bank des Schwimmens nicht mächtig waren. Von einigen abgesehen, die sich eben über Wasser halten konnten. Außerdem hätten sie Angst vor Haien, erzählte Manni, die aber so nah an der Küste kaum vorkamen. Letztlich konnte man mit Macheten auch nicht wirklich effektiv schwimmen. So rechnete er bei seinem Ausweichmanöver nicht mit Verfolgung.


Außer diesem einen unfreiwilligen Mal nach Hause schwimmen zu müssen, hatte Teo die Strecke von Mannis Bar bis zu seiner Wohnanlage schon zwei Mal freiwillig absolviert. Die Stelle, wo er sich an den Strand spülen lassen musste, war ihm inzwischen bekannt. Von dort war seine Wohnanlage nur hundert Meter entfernt.


Die Übergriffe der Bandidos schienen nicht nur auf Touristen beschränkt zu sein. Ein Mal machte er mit Ana Patrizia im hellen Sonnenschein einen Strandspaziergang. Als die beiden das Strandeinzugsgebiet der letzten Hotelanlage des Städtchens verließen, stoppte sie und nahm Teos Hand. Ab hier wolle sie nicht mehr weiter gehen, bemerkte sie und zog ihn an der Hand zurück. Dort, außerhalb der Stadt, sei es ihr zu gefährlich. So drehten sie um und gingen wieder zurück auf den verhältnismäßig sicheren Strandabschnitten.


Ana Patrizia, eine Einheimische, hatte Teo in der kleinen Strand Bar am Hauptstrand kennengelernt, wo die Tische und Stühle direkt im Sand platziert waren. Sie war hinter der Bar tätig und die zwei trafen sich manchmal zum Spanisch lernen, wenn sie frei hatte.


Die kleine Wohnanlage, in der Teo wohnte, lag direkt hinter der letzten Strandhotelanlage im Westen des Städtchens. Um zum Einkaufen ins Zentrum von Tela zu gelangen, ging er immer den Weg am Strand entlang. Schöner, frischer und sonniger konnte man seinen Weg in die Stadt ja gar nicht gestalten, als durch die auslaufenden Wellen entlangzuspazieren. Bei Sonne wie bei warmen Regen brachte das gute Laune.


Es gab ausgeglichene Perioden, wenn die Sonne viel schien und es ab und an auch mal kräftig regnete. Das Wasser des Tela Sees lief dann in gemäßigter Strömung unter der alten und der neuen Brücke durch, ab ins Meer. Der Strand um die Ablaufstelle des Sees änderte ständig sein Aussehen. Bei wenig oder gar keinem Regen schlängelte sich manchmal nur ein Bach hunderte von Metern durch den Sand, um irgendwo im Meer zu verschwinden. Bei und nach starkem Regen bahnten sich beachtliche Wassermassen mit starker Strömung einen direkten Weg vom See durch den Strand ins Meer. Dieses Gewässer musste Teo jeden Tag zweimal überwinden. Einmal am Tage und einmal im Dunkeln. Solange das Wasser beim Überqueren nur knapp bis unter die Hüfte ging und Teo beide Hände freihatte zum balancieren, war das Durchwaten keine Schwierigkeit. Bei größeren Regenmassen und in der Regenzeit blieb ihm nichts anderes übrig, als eben die Brücke zu benutzen. Dafür musste er aber erst vom Strand weg, auf die Straße gehen.


Am Anfang wusste Teo noch nicht, wie stark die Strömung nach einem Regen anwachsen konnte. Er ging an einem Abend, nachdem es am Nachmittag wolkenbruchartig geregnet hatte, mit zwei Einkaufstüten am Strand nach Hause. Seine lange Hose hatte er auch ausgezogen und obenauf in eine Einkaufstüte gelegt. Teo registrierte erst, wie stark die Strömung war, als er mit beiden Einkaufstüten im Arm, einfach weggespült wurde. Natürlich fielen ihm die Tüten aus dem Arm, die er schnellstens wieder einzufangen suchte, was ihm auch gelang. Aber die Tüten waren offen und der halbe Inhalt schwamm davon. Auch seine Hose, worin sich Hausschlüssel und Geld befanden. Es gelang ihm einen Salatkopf, Möhren, einen Milchkarton und einiges andere aus dem Wasser zu fischen. Die Strömung machte beim Eintreten ins Meer eine strudelförmige Bewegung und spülte einiges zurück an den Strand. Seine Hose und ein paar andere Kleinigkeiten waren aber von den Fluten entführt. Von da an begegnete er dem ablaufenden Wassern mit mehr Respekt. Eine Woche später fand er in der Nähe der Stelle des Missgeschicks seine Hose wieder. Die lag am Strand, halb von Sand bedeckt. Schlüssel und Geld waren noch drin.


In der Regenzeit war der Ablauf des Tela Sees so breit, wie die Brücken lang waren, und erinnerte eher an einen schnell dahin fließenden Fluss. Der hatte sich ein breites Bett geradewegs durch den Strand zum Meer gespült. Zum Durchwaten war er nun zu tief. Wollte man ihn am Strand überqueren, musste man sich schon bemühen, hindurchzuschwimmen.


An stürmischen, regnerischen Tagen schien das Meer in Wut zu geraten. Es verformte und verwüstete den Strand mit brüllenden und gischtgekrönten Riesenwellen. Die brachen sich mit schäumendem Getöse gleich dutzendfach hintereinander. Bei Sturm war eine Menge Treibgut in den Fluten und der Strand war auf seiner vollen Breite mit Treibholz, Baumstämmen, Wasserpflanzen und Plastikmüll bedeckt. Die Strandreinigungskräfte der Hotelanlagen und der Stadt, waren immer wieder dabei, die Strände von diesem Treibgut zu befreien. Die Strände der Hotelanlagen wurden jeden Tag gesäubert. Die städtisch kontrollierten Strände blieben schon mal bis zum nächsten Unwetter unangetastet. Es sollte sich wohl ein bisschen mehr ansammeln, damit sich das Aufräumen auch lohne.


Es bereitete Teo Vergnügen, nur mit Hemd und Shorts bekleidet, im strömenden, warmen Regen seine Strandstrecke abzulaufen. Bei tosender Meeresaktivität erkundete er, wie denn die Naturgewalten letzte Nacht den Strand wieder aufs Neue zugerichtet und verformt hatten.


Teos kleine Strandbar hatte immer geöffnet. Die Stühle und Tische unter dem, auf vier Stützen stehenden Palmenwedeldach wurden in einer Ecke aufgestapelt, wenn der Strand überspült wurde. Lange nach einem Sturm waren die Wellen noch so hoch, dass die Wellenausläufer über die ganze Breite des Strandes bis hin zur Bar strömten. So kam es vor, dass die eine oder andere Kokosnuss herangespült und Teo und vielleicht noch einem anderen Gast zu Füßen gelegt wurde.


Bei solch einem Wellengang war es schlicht unmöglich, im Meer schwimmen zu gehen. Selbst bei sonnigem Wetter mit starkem Wind war es Teo einmal nicht gelungen, die „Armada“ von mannshohen Wellen zu überwinden. Um ins tiefe Wasser zu gelangen, wo man schwimmen konnte, musste er die in kurzen Abständen auf ihn eindreschenden Wellen hinter sich bringen. Es ging auch eigentlich nicht ums Überwinden der Wellen, es ging ums Unterdurchtauchen. Zum Überwinden oder hinüber springen waren sie zu hoch und zu steil und brachen zu schnell. Beim Unterdurchtauchen ließen sie ihm keine Zeit zum Aufstehen, Luft und neuen Schwung holen, um in die nächste Welle hineinzutauchen. Sie folgten zu kurz und zu steil hintereinander. So wurde Teo immer wieder von den steilen Wellen umgestoßen, bevor er sich für den nächsten Tauchsprung gerüstet hatte. Er war noch nicht einmal halb durch das Brandungsfeld hindurch gekommen, das ihn vom tiefen Wasser trennte, als er den Kampf als verloren ansah. Er trat den Rückzug an. Bei jeder „schadenfrohen“ Welle, die auf ihn zukam, musste er sich in die Hucke setzen, um nicht noch mehr verprügelt zu werden. Schließlich befand er sich im flachen Wasser, wo er sich schnell umdrehen und auf den Strand laufen konnte.


 


Manni hatte sein Weinstube aufgegeben und war mit seiner einheimischen Freundin in ihr Heimatdorf gezogen, wo sie ein Haus stehen hatte. Teo besuchte die beiden öfter. Das Dorf lag an der Hauptstrecke zur Stadt La Ceiba, wo alle Stunde ein Bus fuhr. Teo und Manni verstanden sich gut und konnten stundenlang im Garten sitzen und über Gott und die Welt reden.


Manni war ein netter, langhaariger Typ mit Haaren bis über die Schultern. Er war viel in der Welt herumgekommen und nun hatte es ihn hierher verschlagen. Bei seinem letzten Abflug von Deutschland hatte er „Stand-by-Roulette“ gespielt. Auf dem Flughafen hatte er nicht auf eine Maschine mit bestimmtem Ziel gewartet, sondern auf die nächste, die flog und auf der ein Platz frei geworden war. Die nächste Maschine war nach Mexiko geflogen und Manni war dabei gewesen.


Das war schon ein paar Jahre her und inzwischen hatte der Wind des Lebens ihn an die karibische Hondurasküste geweht. Manni wollte nicht mehr zurück. Er hatte eine bescheidene Rente, die ihm seine Schwester überwies.


„Warum willst du nicht mehr zurück?“, fragte Teo.


Manni druckste ein bisschen rum, dann klagte er Teo sein Leid: „Hör zu, Teo, du kennst dich ja mit der Materie aus. Immer wenn ich von langen Reisen aus der Welt zurück nach Deutschland kam, haben sich ein Teil meiner Freunde, Bekannte und Verwandte komisch, merkwürdig, ja, gar abweisend mir gegenüber benommen. Als wenn ich nicht mehr Manni gewesen wäre. Dabei war ich noch genauso Manni wie immer. Nur weil meine Reisen sich immer weiter und über längere Zeiträume erstreckten, habe ich vielleicht den Rahmen ihrer Vorstellungen, was ein Normalbürger machen darf, gesprengt.


‚Wenn das jeder machen würde!’, hat mal ein Bekannter zu mir gesagt. So richtig vorwurfsvoll. Als wenn ich asozial wäre und anderen auf der Tasche läge. Dabei spart das Sozialamt sogar noch die Zuschüsse, die ich kriegen würde, wenn ich in Deutschland wäre.


Also, für den Typ bin ich kein Normalbürger mehr, kein Manni mehr. Aus dem Rahmen gefallen. Außerhalb seiner Verständniswelt.


Ich lebe nun mal ein individuelles Leben, was nichts mit asozial zu tun hat. Ein langweiliges, gesellschaftskonformes Leben liegt mir nicht.


Der hat mir auch vorgeworfen, dass ich mich doch nur meiner Verantwortung entziehen will. So ein Klops. Meiner früheren Verantwortung bin ich längst enthoben. Die hat sich jetzt hierher verlagert.


Und weißt du was? Der Spinner braucht selbst für nichts Verantwortung zu übernehmen. Der hat weder Arbeit, noch Familie und lebt allein. Kriegt Geld vom Staat, womit der Verantwortung für ihn übernimmt.


Dann hat mir mal vor langer Zeit ein ehemaliger Freund eine komische Frage gestellt. Vor was ich denn weglaufe, hat er mich auf einen meiner Besuche in Deutschland gefragt 


Ja, vor was läuft man denn weg, wenn man ein ungescholtener Bürger ist, Zeit hat und auf Reisen geht?


Ich kann mir vorstellen, dass viele vor der langweiligen Eintönigkeit zu Hause weglaufen. Vielleicht auch, weil ihnen das Wetter auf den Geist geht und ihr Gemüt betrübt. Viele hauen sicher ab, weil sie aus den Mauern, die sie umgeben, endlich mal ausbrechen müssen.


Mich hat das Fernweh und die Abenteuerlust nach draußen gezogen. Millionen andere gehen auf Reisen, um fremde Länder Menschen und Kulturen zu erkunden. Bildet ja auch und erweitert den Horizont. Weitere scheuen keine Mühe, um in den abgelegenen Gegenden dieser Erde die Schönheit der Landschaften zu sehen und zu erleben. Die brauchen die prickelnde Atmosphäre und Fremdartigkeit, die sie nur vor Ort erleben können. Im Sessel vorm Fernseher kriegt man das nicht mit.


Wie schon erwähnt, der hauptsächliche Grund scheint der zu sein, aus seiner gewohnten Umgebung herauszukommen, um sich in einem anderen Klima aufzuhalten und etwas anderes zu sehen als nur den beschränkten Raum, der einen zu Hause umgibt.


Wenn also einer solch komische Frage stellt, sollte er selbst einmal ‚weglaufen’, damit der Kopf zum Überlegen frei wird.


Siehst du, die sind mir gegenüber alle komisch geworden. Ich weiß nicht, was die alle haben. Deswegen habe ich keine Lust mehr zurück.“


„Was du da erzählst, hab ich auch schon erlebt“, bekundete Teo. „Als wenn man ihnen etwas getan hätte.“


„Habe ich vielleicht auch“, erzählte Manni weiter. „Ich habe sie im Stich gelassen, bin einfach ausgestiegen aus dem sicheren Boot der sesshaften Solidargemeinschaft und davon geschwommen. Verrat! Ich habe sie enttäuscht oder überrascht. Ich weiß nicht, was der Grund ist, dass einige sich so sonderbar verhalten. Vielleicht Neid oder Missgunst? Was meinst du dazu?“


„Kann schon sein, ich weiß es auch nicht“, gestand Teo. „Ich habe aber auch einige Freunde und Bekannte, die begeistert sind, dass da einer der ihren ist, der ihnen vormacht, wie man seinen engen Rahmen sprengen kann und ein freiheitlicheres und unabhängigeres Leben führt. Außerdem gibt es noch einen ganzen Schwung von Leuten, die kein Interesse am Reisen haben und lieber zu Hause bleiben“, hielt Teo dagegen.


„Schon möglich“, grübelte Manni vor sich hin.


„Aber das Desinteresse am Reisen, kann auch noch andere Hintergründe haben. Da kann nämlich ein Sicherheitsbedürfnis hinter der vermeintlichen Interesselosigkeit stecken.


Der Schlüssel zum Weltenbummeln, speziell für Minderbemittelte, die sich keine Versicherungen leisten können, ist Risikobereitschaft.


Bei den Desinteressierten mag bewusst oder eher unbewusst das Sicherheitsbedürfnis überwiegen. Schon die gewohnte Umgebung, in der man wohnt, vermittelt eine gewisse Sicherheit: Keine fremden oder fremdartigen Menschen. Keine fremden Sprachen, Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten. Keine andersartige Mentalität oder unverständliches Gebaren. Kein ungewohntes Klima, keine heimtückischen Krankheiten oder fremdartige Insekten und Getier. Außer den Sicherheiten, die die gewohnte Umgebung bietet, beinhaltet das Sicherheitsbedürfnis noch allerlei Versicherungen, die abgeschlossen wurden. Man geht zu Ärzten, zu denen man Vertrauen hat und sich sicher fühlt. Man wohnt in einer Wohnung, in der man sich sicher fühlt und so was alles. Sich von diesen vertrauten Dingen zu entfernen, um andere Länder zu erkunden, hieße ja, Risiken einzugehen. Da ist eine Hemmschwelle. Aber, na klar, hast du sicher recht, dass ein Teil bodenständig ist und kein Interesse am Reisen hat.“


Manni machte Teo und sich ein kaltes Bier auf und fragte ihn: „Hast du schon mal Geschichten über deine Reiserei geschrieben?“


Teo verneinte. „Nee, du?“


„Ja“ sagte Manni. „Früher mal, für meine Freunde und Verwandten. Einige haben das mit Begeisterung gelesen. Andere waren nicht sonderlich interessiert mit ihren Alltagssorgen. Da waren aber auch Einige, die absolut nichts davon wissen wollten. Die schienen Angst zu haben, vielleicht Dinge aus den Geschichten zu erfahren, die sie mir nie zugetraut hätten. Mit dem Lesen der Geschichten hätten sie ihr altes Bild von mir revidieren müssen. Und das wollten sie wohl nicht. Deswegen ließen sie es lieber.“


„Meinst du?“, fragte Teo.


„Na klar“, meinte Manni, „war doch einfacher. So konnten sie mich weiterhin unterschätzen. Scheint doch sowieso an der Tagesordnung zu sein, dass alle sich gegenseitig unterschätzen!“


Teo nickte: „Da kannst du recht haben.“


Manni hob den Zeigefinger: „Ist ja alles nur eine Vermutung von mir. Muss ja nicht so sein, aber möglich!“


 


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