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Reiseberichte
Buch Leseprobe Wandersehnsucht reißt mir am Herzen, Lino Battiston
Lino Battiston

Wandersehnsucht reißt mir am Herzen


Ausgewählte Wandergeschichten

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Zu diesem Buch

Obwohl ich seit vielen Jahren im südlichen Frankreich unterwegs bin, um mich in der Kunst des Wanderns zu üben, muss ich gestehen, dass es mir bisher noch nie in den Sinn gekommen ist, zu Fuß den Mont Ventoux zu besteigen. Vielleicht liegt es daran, dass dieser markante und mystische Gigant zum El Dorado, sogar zur Pilgerstätte des Radsports geworden ist, während ich mich lieber auf Schusters Rappen fortbewege. Trotzdem hat der Berg sehr viel mit Wandern zu tun. Bereits im Jahre 1336 hat der italienische Dichter und Humanist Francesco Petrarca nur wegen des Naturerlebnisses und aus einem inneren Bedürfnis heraus den Gipfel zusammen mit seinem Bruder erklommen. »Heute habe ich den höchsten Berg der Gegend, den man nicht ohne Grund Ventosus, den »Windigen« nennt, bestiegen. Dabei trieb mich allein der Wunsch, diesen ungewöhnlich hohen Ort einmal mit eigenen Augen zu sehen.« Mit diesen Worten beginnt die Niederschrift, in der er tief bewegt über seine Erkenntnisse und die innere Ein-kehr auf dem Gipfel berichtet. So gilt Petrarca als erster Wanderer, der aus Sehnsucht auf der Suche nach sich selbst, einen Berg bestieg. Hermann Hesse beschreibt die Sehnsucht nach Glück und Erfüllung so: »Wandersehnsucht reißt mir am Herzen, wenn ich Bäume höre, die abends im Wind rauschen. Hört man still und lange zu, so zeigt auch die Wandersehnsucht ihren Kern und Sinn. Sie ist nicht Fortlaufenwollen vor dem Leid, wie es schien. Sie führt nach Hause.« In diesem Büchlein sind, neben meinen eigenen, ausgewählte Wandergeschichten, Gedichte und Zitate unterschiedlicher Schriftsteller und Dichter zusammengestellt, die (fast) alle eines gemeinsam haben: Die Sehnsucht zu Wandern!



Südfranzösischer Herbst

Es ist Oktober. Wie an jedem Morgen fahre ich in das nächste Dorf, um Baguettes zu kaufen. Der Frühnebel liegt noch tief in den Olivenbäumen und Weinfeldern, geheimnisvoll und still, aber man spürt schon, dass ein neuer Tag die Nacht verdrängt. Und dann kommt bald die Stelle, an der ich immer am Straßenrand anhalte, für kurze Zeit aussteige, um in Richtung Osten zu blicken. Diesmal habe ich Glück. Fast gespenstig wirkt der Mont Ventoux, dessen Gipfel über den Nebelschwaden sichtbar wird und auf der Südseite wie schneebedeckt erscheint. Der Himmel färbt sich rötlich, gelb und blauviolett. Dann steigt die Sonne beinahe unwirklich, aber unaufhaltsam, langsam hinter dem Berg hervor. Noch sehe ich nur einen kleinen Teil von ihr, doch kurze Zeit später zeigt sie ihre volle Größe und ich fühle die unvorstellbare Energie, die von ihr ausgeht. Ich atme tief die würzige Luft, die hier nach Thymian, Majoran, Rosmarin und wildem Lavendel schmeckt, schließe die Augen, tanke die ersten wärmenden Strahlen und denke, dass es wieder ein guter Tag wird. Bald verfliegen die letzten Nebelschwaden, die wie kleine Seen ausschauen, aus den Tälern. Die Sonne entfaltet nun ihre volle Kraft und strahlt auf die bunte Herbstwelt der südlichen Côte du Vivarais, der Schwelle zur Provence. Zeit, die Wanderschuhe zu schnüren.

Jagdzeit

Die große Leidenschaft der Franzosen für das Jagen rührt wohl noch von der Französischen Revolution her. Das Jagdrecht, das nur dem Adel vorbehalten war, wurde nach der Revolution allen Bürgern zugestanden. Seither haben die meisten Franzosen in den ländlichen Gegenden ihr Gewehr im Schrank und bringen es an den Wochenenden auch regelmäßig zum Einsatz. Zwar kann ich persönlich die Begeisterung für die Jagd nicht teilen, doch muss ich den hiesigen Weinbauern zugestehen, dass sie das Anwachsen der regionalen Wildschweinpopulation eindämmen, um den erheblichen Schaden, die ganze Wildschweinrotten an ihren Weinfeldern anrichten, zu begrenzen. Und dabei möchte ich auch nicht verschweigen, dass ich einen »Sanglier-Braten«, zubereitet von Jean-Pierre, dem Koch eines Restaurants in der Nähe, nur ungern verschmähe. Und dann sieht man sie, sonntagmorgens, mit Geländefahrzeugen, roten Kappen und roten Jacken, begleitet von edlen Jagdhunden und bewaffnet mit großkalibrigen Gewehren auf die Pirsch gehen. So geschehen an einem Morgen, als ich zu einer Wanderung in die Schluchten der Ardèche aufgebrochen war. Am einzigen Ein- und Ausstieg in der Gegend, um in die Tiefe und an das Wildwasser zu gelangen, hatten sich mehrere dieser »Roten«, Gewehr im Arm, ungeduldig hin und her trippelnd, postiert. Jagdhunde waren nicht zu sehen. Nach Austausch eines freundlichen »Bonjour« , begann ich meinen Abstieg. Der schmale, steile und steinige Weg setzt gutes Schuhwerk voraus. Etwa 20 Minuten später, die Hälfte der Strecke hatte ich schon hinter mir, hörte ich auf einmal lautes Hundegebell. Sogleich stellte sich bei mir das ungute Gefühl ein, das einen beschleicht, wenn man plötzlich erkennt, zwischen Jäger und Treiber geraten zu sein. Das näher kommende Gebell entfachte in mir sofort den Wunsch, schnellstens den schmalen Pfad zu verlassen. Das war nicht einfach. Links die steile Felswand, rechts unwegsames, sehr stark abfallendes Gelände bis tief hinab zum reißenden Fluss Ardèche. Rettung bot nur eine enge Nische, die sich eine kleine, knorrige Eiche für ihren spärlichen Wuchs ausgesucht hatte. Schutz suchend klammerte ich mich an ihr fest, hoch über dem Abgrund. Kurze Zeit später rannte, zum Greifen nahe, mit einer für mich überraschenden Schnelligkeit, ein Wildschwein an mir vorbei den Pfad hinauf, von dem ich gerade hergekommen war. Der Geruch von Todesangst lag förmlich in der Luft. Dicht hinterher verfolgte eine Meute kläffender, aus dem Maul triefende Jagdhunde das Borstenvieh. Mich völlig ignorierend hetzten sie vorbei, der Fährte des Schweins folgend. Nachdem sich mein Puls wieder normalisiert hatte, löste ich mich von der schützenden Eiche, froh, der Gefahr entkommen zu sein. Und dann kamen die Treiber, drei an der Zahl, keuchend, schweißgebadet und fluchend den steilen Pfad hinauf gekraxelt. Ich krallte mich ein weiteres Mal an die kleine Eiche, um sie vorbeizulassen. Ein Bauch-an-Bauch- Kontakt mit ihnen war während des Passierens fast unumgänglich. Dreimal vernahm ich ein röchelndes »Bonjour et merci« und ich antwortete mit »De rien, au revoir«. Als sie vorbei waren, setzte ich meinen Abstieg fort. Kurze Zeit später hörte ich plötzlich von oberhalb her in schneller Folge peng, peng, peng und ich wusste sofort, was geschehen war.

Wenige Tage später war ich mit ein paar Freunden in den Gorges de l’Ardèche flussabwärts unterwegs. Begleitet vom Rauschen des Flusses führte uns ein sehr abwechslungsreicher, manchmal aber auch beschwerlicher Weg durch diese atemberaubende, wilde, bizarre und einzigartige Schlucht mit ihren 200 bis 300 m hohen Felswänden. Ein pures Naturerlebnis. Als wir irgendwann nahe des Flussbettes auf ein kleines Plateau trafen, das bis zu einer Steilwand reichte, lag plötzlich vor unseren Füßen ein verendetes Wildschwein im geronnenen Blut. Das arme Tier, dachte ich bei mir, ist wohl während einer Treibjagd etwas vom Weg abgekommen. So oder so in den Tod getrieben macht es eigentlich keinen Unterschied. Nur landete es diesmal nicht als nach Kräutern der Provence duftender und mit Rotwein der Côtes du Vivarais verfeinerter Wildschweinbraten auf den Tellern der hiesigen Restaurants. Etliches Getier labte sich gierig an dem Kadaver. Welch ein Festschmaus. Angeekelt machten wir uns schnell wieder auf die Socken. Auf- und abwandernd, aber immer nahe am Flussbett, quälten wir uns streckenweise über schlecht zu gehende Geröllfelder, zwängten uns zwischen engen Felsblöcken hindurch oder überstiegen Baumstämme, die von nachtaktiven Bibern gefällt worden waren. Ein schattiges Plätzchen zur kurzen Rast fanden wir unter einem Felsüberhang. Dort bot sich eine gute Gelegenheit, die eindrucksvollen Felsformationen auf der gegenüberliegenden Seite zu beobachten. Wir ließen unsere Blicke schweifen, entdeckten in den Felsnischen verwilderte Bergziegen und in den Steilhängen mutige Kletterer, die sich von oben abseilten, um dann wieder emporzuklettern. Am anderen Ufer erspähten wir einen Graureiher, der majestätisch auf einem Felsblock hockte. Dieser markante Vogel war vermutlich auf Forellenjagd. Am späten Nachmittag erreichten wir endlich die Ruinen von La Maladrerie des Templiers, eine der wichtigsten historischen Stätten im Naturschutzpark Gorges de l’Ardèche. Gelegen in einer Flussschleife, ranken sich um die alten Gemäuer der Tempelritter viele Legenden und Spekulationen. So sollen hier im 14. Jahrhundert Leprakranke isoliert worden sein. Wie auch immer. Wir vertrieben zunächst einmal laut trampelnd und schreiend die Aspisvipern, die man hier gelegentlich zu Gesicht bekommt. Zur letzten Rast vor dem beschwerlichen Aufstieg aus der Schlucht hockten wir uns auf eine verfallene Mauer. Gekräftigt durch Salami, Baguette und Rotwein aus der Plastikflasche – ein Schelm hatte plötzlich dieses edle Getränk aus seinem Rucksack gefischt – machten wir uns wieder auf den Weg. Nach fast 300 m Anstieg und vielen vergossenen Schweißperlen hatten wir die Schlucht endlich hinter uns gelassen. Zum Ausruhen war keine Zeit mehr. Die Sonne stand schon tief am Horizont und bis zum Dörfchen Le Garn, unserem Zielort, war noch eine gute Stunde zu laufen. Der Weg führte zunächst durch niederes Buschwerk und dann durch ein Eichenwäldchen bis hin zu einer kleinen Lichtung, die uns eine weite Aussicht nach Osten präsentierte. Und da stand er plötzlich vor uns, greifbar nahe, obwohl über 60 km entfernt, seine Heiligkeit der Mont Ventoux, das Wahrzeichen der Provence. Die weiße Krone, angestrahlt von der untergehenden Sonne, zeigte göttlich in den blauen Abendhimmel, was noch kontrastreich durch die dunklen Wolkenschwaden im Hintergrund verstärkt wurde. Der 1912 m hohe Gigant wurde wohl zurecht bereits von den Kelten als heiliger Berg verehrt. Wir hatten den richtigen Zeitpunkt erwischt, denn schon nach kurzer Zeit war die Krone verblasst. Ein kühler Wind piff eine geheimnisvolle Melodie, während wir uns eilig auf den Heimweg machten. Die Sonne bestrahlte nur noch ein paar Wölkchen hoch am Himmel, als wir das malerische Le Garn erreichten.

Lino Battiston


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