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Reiseberichte
Buch Leseprobe Von huren und gekochten eieren, Manuela Klumpjan
Manuela Klumpjan

Von huren und gekochten eieren


Deutsch-Niederländische Missverständnisse

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Zwischenmenschliches
Es fängt schon mit der Lokalität an. Wenn Mann eine deutsche Frau ins Café einlädt, denkt sie direkt an Kaffee und Kuchen, die leckere Sahnetorte und alte Damen beim Kaffeeklatsch. Da wundert sie sich dann vielleicht doch schon mal, wenn die Einladung für den Abend ausgesprochen wird. Wenn er sie dann noch in einem Bruine Café, also einem braunen Café treffen will, könnte sie an eine rechtsextremistische Gesinnung denken. Doch weit gefehlt! Er will mit ihr nicht in ein Café, sondern in eine Kneipe, und zwar in eine richtig typisch niederländische, wie man sie vor allem in Amsterdam antrifft. Die unzähligen Cafés mit typisch dunkler Einrichtung spiegeln die absolut charakteristische „Amsterdamer Gezelligheid“ wieder – ein Begriff, der eigentlich mehr ein Gefühl ist und nicht treffend ins Deutsche übersetzt werden kann.
Hier trinken die Amsterdamer am späten Nachmittag und am Abend ein oder auch mehrere Bier, genießen ein Schnäpschen dabei. Der in deutschen heißgeliebte Schaum, die Bierkrone auf dem Pils wird jedoch mit einem Gummischaber abgeflitscht, das niederländische Bier ist randvoll, aber auf keinen Fall höher als das Glas selbst. Das gilt auch für das pannebier, wo reichlich Bier fließen wird. Denn das ist das Richtfest. Bruine Cafés sind Treffpunkt, um den neusten Tratsch zusammen mit herrlich aufgebauschten Geschichten und betont traditionellen niederländischen Lebensweisheiten zu verbreiten. Die einzigen Geräusche, die man in den braunen Kneipen vernimmt, sind das Gemurmel der Gäste und das Klirren der Gläser beim Abwasch. Auf Musik wird komplett verzichtet, also ein optimaler Treff-punkt, um sich näher kennenzulernen. Er wird sie dort garantiert aanbidden = anbeten und ihr auch etwas aanbieden, also anbieten, was ja keinen ganz so kleiner Unterschied für Verlauf des Abends macht. Wenn er sie dann als aardig bezeichnet, meint er nicht artig, sonders hübsch, nett und liebenswert. Nennt er sie slim, meint er nicht schlimm oder böse, sondern schlau, pfiffig. Beim Flirten können auch leicht die Begriffe mond, maan und munt verwechselt werden. Spricht er vom mond, meint er den Mund, sagt er munt, geht es um Geld, nämlich die Münze, aber bei maan wird es romantisch in Hinblick auf den Mond. Maand dagegen ist der Monat – vielleicht fürs nächste Treffen?
Schik hat auch nichts mit dem Kleidungsstil zu tun, es bedeutet Vergnügen. In zijn schik zijn = gute Laune haben. Das dürfen Sie dann auch gerne seinen, also signalisieren. Ein sein ist ein Signal. Welche Bedeutung dabei ein etwa von Ihnen ausgestoßenes roddelen hat, ist wohl situationsabhängig. Es kann sowohl freudiges Klatschen bedeuten wie auch gemeines Lästern.
Schick wird im Niederländischen chic geschrieben und gesprochen und bedeutet dann auch schick und elegant. Geschikt heißt in diesem Zusammen-hang aber auch tüchtig und geeignet, aber nicht gesendet. Geschicklichkeit ist handigheid. Manchmal bezeichnet man einen anderen Menschen auch als beleefd, das heißt aber dann nicht belebt, sondern höflich. Er wird ihr sicherlich flatteren, weil sein hart (= Herz) ganz weich ist. Auch wenn er Schmetterlinge in seinem Bauch herumflattern hat – flatteren bedeutet schmeicheln. Flattern ist lichtzinnig zijn, im Sinne von leichtsinnig, flatterhaft. Das sollte man erkennen. Erkennen im Niederländischen bedeutet dagegen nicht erkennen, sondern anerkennen oder auch etwas zugeben. Er wird sicher mal über ihr Haar reden, aber bei seinen Freunden spricht er von haar, nämlich von ihr, aber auch viel-leicht über haar
haar, ihre Haare. Wenn sich beide dann irgendwann näherkommen sind, sollte sie sein leise gemurmeltes, schüchternes Ik hou van jou (gesprochen Ik hau van jau) keineswegs abschrecken. Es bedeutet weder, dass er mal wieder etwas von ihr hören will, und auch nicht, dass er sie hauen wird. Im Gegenteil, etwas Liebevolleres kann er gar nicht sagen, denn das ist die Übersetzung für Ich liebe dich!
Danach kann sie sich dann ruhig trauen, sich zu trouwen, ihn also heiraten. Spricht er von gemeenzaam, will er sie nicht unbedingt dabei haben, sondern vertraulich. Gemeenschappelijk ist hier der richtige Begriff für gemeinsame Aktivitäten. Geschiedenes sollte auch nicht mit scheiding verwechselt werden. Denn geschiedenes ist die Geschichte, die Vergangenheit. Eine scheiding bedeutet dagegen das absolute Ende der Ehe. Da sollte vorher schon einiges geschie-den = geschehen sein, bevor es zu diesem letzten Schritt kommen muss. Da-nach sollte dann aber besser nicht mehr heulen met ihm, also keine gemeinsame Sache mehr mit ihm machen. Sie darf jedoch schreien, also weinen und auch etwas lauter schreeuwen, nämlich schreien! Vielleicht fährt sie aber auch lieber nach Wenen, nach Wien oder nach Keulen = Köln… Gönnen Sie sich lieber ein Glas leckeren wijn, der seit einiger Zeit sogar auch in den Niederlanden angebaut wird.
Aber so weit muss es ja nicht kommen, manchmal sorgen schon Kleinigkeiten für vermeidbare Unstimmigkeiten: Sie könnte eingeschnappt sein, wenn er sie irgendwann mal zärtlich fragt: >>Ben je moe?<< (gesprochen muh). Nein, er bezeichnet sie nicht als Kuh, sondern erkundigt sich nur, ob sie müde ist. Sollte es dann im weiteren Verlauf sogar mal eine schriftliche Einladung geben, darf sie sich nicht über den Begriff uitnodiging wundern. Das ist keine „Ausnötigung“, sondern das Wort für Einladung. Ein vergleichbares Wort für Ausladung, also Absage einer Einladung, gibt es im Niederländischen nicht. Daher sollte man eine Einladung wirklich als etwas ganz Besonderes ansehen. Denn anders als in Deutschland lädt man nicht aus Höflichkeit jemanden ein, sondern nur, weil man es von Herzen will und der Eingeladene somit in den engsten Freundeskreis aufgenommen wird. Wollen Sie selber mal zu einem Fest einladen, achten Sie auf korrekte Schreibweise. Feest ist die Feier, aber veest wäre fatal, das sind die Darmwinde, der Furz.


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