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Road to Mandalay


von Jens Freyler

reiseberichte
ISBN13-Nummer:
9783937274393
Ausstattung:
Paperback, 176 Seiten, fast 50 Farbbilder
Preis:
16,8 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
traveldiary.de
Leseprobe

Es ist alles Gold, was glänzt!

Bambambambadadambambam bambambambadadambambam bambedam. Unweigerlich hängt die Melodie von Robbie Williams in meinem Kopf, begleitet von den Klängen brausen wir durch die Nacht. Inzwischen ist es vollkommen dunkel, Claudia schläft auf der Rückbank, wir sind auf die Hauptroute eingebogen, sind auf der „Road to Mandalay".

Hätte ich nicht gerade dieses Stück unserer Route bei Tageslicht sehen müssen? Doch gerade die Nacht macht den Abschnitt beeindruckender, als ich es je erwartet hätte. Nur selten kommen uns zwei Lichtpunkte entgegen, verwandeln sich in Scheinwerferkegel, fallen zurück auf Standlicht und passieren uns. Ab und zu überholen wir ein Motorrad, eine Frau im Reitersitz auf dem Sozius, ein Kind auf dem Arm. Die Blicke der Beifahrerinnen dringen in unser Auto ein, sehen vielleicht im Aufblinken der Leuchtdiode das Gesicht eines Weißen vorbeihuschen. Wir fahren durch Ortschaften, die keine Straßenbeleuchtung haben, Menschen sind in der Dunkelheit auf den Straßen unterwegs, Kinder spielen Fußball, den Ball mehr erahnend als sehend, Kerzenlicht hier und da. Die Schwärze der Nacht wird manchmal aufgehellt vom angestrahlten Gold einer Pagode abseits der Straße, andere liegen im Dunkel, elektrische Lichterketten zeichnen den Eindruck eines Weihnachtsbaumes in den Nachthimmel.

„Bist Du okay?", frage ich Ye Lwin.
„Okay okay!"
„Oder brauchst Du eine Pause?"
„Willst Du eine Pause machen?", erwidert er.
„Wenn Du eine machen möchtest, machen wir gerne eine!"
Es ist nicht leicht, Ye Lwin davon abzubringen, nur für uns da zu sein. Er ist der Fahrer, er muss arbeiten, er muss wach und fit sein. Ich kann jederzeit die Augen schließen oder auch mit offenen Augen träumen.
„Teashop?"
„Teashop klingt gut", bestätige ich.
Wir halten am Straßenrand, setzen uns vor ein Straßencafé. Trotz der Dunkelheit lebt der Ort. Wie immer stehen Trinkschälchen und eine Thermoskanne heißes Wasser auf dem Tisch, Tee bekommen wir jedoch separat, jeder eine Tasse dampfenden Wassers und ein Päckchen Hi-Tea Teamix, ein fertig abgemischtes Pulver aus Tee, Zucker und Milch. Dazu werden Schalen mit selbst gemachten und abgepackten Süßigkeiten und auch Trockenfisch auf den Tisch gestellt. Hat Ye Lwin das bestellt? Nein, typisch für burmesische Teashops, werden Leckereien einfach auf den Tisch gestellt und nach Verzehr abgerechnet. Ich probiere hier was und da was, weder Ye Lwin noch Claudia greifen zu. Und als wir zahlen, zählt die Wirtin genau auf, was alles von ihren Schalen gegessen wurde - und trotzdem bleibt die Rechnung mit 1.100 Kyat unglaublich niedrig.

Ye Lwin klemmt sich wieder hinters Steuer, Claudia legt sich wieder auf die Rückbank, ich lasse Blicke und Gedanken schweifen. Mir kommt die Route so vor, wie die Postkarten, die vor einigen Jahren mal Mode waren. „Road to Mandalay by night" könnte man auf ein Stück schwarze Nacht schreiben.

Vor Kyaukse kommen neue Eindrücke hinzu, die sich in mein Gehirn einprägen.
„Everything I touched was golden
everything I love got broken
on the road to Mandalay"
kommen mir die Textzeilen von Robbie Williams wieder in den Sinn. Heute Mittag, auf unserer Route nach Mandalay, haben wir in Pindaya noch im grenzenlosen Schimmer goldener Buddhastatuen gebadet, nun fahren wir durch die zerstörten Leben von Menschen, die wir in unser Herz geschlossen haben. Hier, rund um Mandalay hat die lang anhaltende Regenzeit die Flüsse des Landes über ihre Ufer treten lassen, hat ganze Dörfer weggespült, hat Menschen ihrer Heimat beraubt. Die Road to Mandalay allerdings wurde auf einem Damm errichtet, sie ragt aus den Fluten heraus, die um uns herum das Land bedecken. Alles Hab und Gut, das sie greifen konnten, haben die Obdachlosen mit sich genommen, haben notdürftige Verschläge direkt am Straßenrand errichtet und leben im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße. Ihre Häuser sind verloren, ihre Kühe und Ochsen haben sie mit an die Road to Mandalay genommen. Hier und da hat jemand eine Gemeinschaftsküche aufgebaut, hat einen Fernseher gerettet, versorgt ihn mit einem Dieselmotor und lenkt die Menschen für ein paar Stunden ab. Ye Lwin steuert uns durch die Nacht, durch die Wohn- und Schlafzimmer der Menschen, hupt ihre Herden vom Asphalt.

Vor einer Baustelle werden wir angehalten, die Straße ist nur einspurig befahrbar. Schaulustige stehen an der Straße, ein Polizist mit Walky Talky kommt an Ye Lwins offene Fensterscheibe und fragt nach Ausweis und Fahrzeugpapieren. Ein junger Soldat geht um das Auto und inspiziert es. Weitere Fahrzeuge reihen sich hinter uns ein. Ye Lwin steigt aus, unterhält sich mit dem Polizisten, Claudia und ich bleiben im Wagen, beobachten. Der Mann hat Ye Lwins Dokumente in seine Hemdtasche gesteckt, unser Fahrer redet auf ihn ein. Langsam kommt der Gegenverkehr durch, der Polizist zieht die beiden Karten aus seiner Hemdtasche, spielt damit zwischen seinen Fingern, hört Ye Lwin zwar zu, blickt aber in den Gegenverkehr. Ein paar Worte werden gewechselt, der Gegenverkehr reist ab, Ye Lwin steckt dem jungen Soldaten ein Bündel Geldscheine zu, die in seiner Hosentasche verschwinden, und erhält seine Papiere zurück. Ungeduldig winkt der Polizist mit seinem Funkgerät, wir starten den Motor und setzen unsere Fahrt fort. Ich frage Ye Lwin, ob er eine Strafe bezahlen musste. Ye Lwin bejaht. Der Frage, ob es eine offizielle oder „inoffizielle" Strafe war, weicht er jedoch aus. Eines der Geheimnisse, die dieses Land für sich behalten will.

Hinter Kyaukse setzt sich das Bild fort bis vor die Tore Mandalays, wo wir um 20:30 Uhr stehen - und stehen bleiben. Vor Mandalay ist der Highway überspült, die Straße ist nicht passierbar. Wir werden nach Westen umgeleitet, fahren durch weitere Elendsdörfer, linker Hand Buden und Planen vor dunklem Hintergrund, rechts Menschen die auf Ochsenkarren schlafen, hinter ihnen der Aye­yarwady, in dessen Wasser sich die beleuchteten Hügel von Mandalay spiegeln. Doch diese erreichen wir so schnell noch nicht, entfernen uns von der Metropole, bis wir kurz vor Sagaing nach Norden abbiegen dürfen. Wir überqueren den Fluss, der nun links von uns vor den leuchtenden Pagoden des Sagaing Hill liegt, vor uns die heimliche Hauptstadt des Landes.

Gegen 21:30 Uhr erreichen wir unser Hotel. Die Wassermassen haben uns heute 5 Stunden gekostet, vielen Menschen aber das Zuhause. Eigentlich wollte ich Ye Lwin ein Trinkgeld geben, wenn wir zurück in Yangon sind, doch Mandalay ist der Wendepunkt unserer Reise und sicherlich hat er es sich nie so sehr verdient wie an diesem Tag. Mit ein paar Scheinen entlassen wir ihn zur Suche nach einer Unterkunft für sich selbst. Am nächsten Tag will er wieder für uns da sein, will uns auch an unserem „Tag zur freien Verfügung" gerne als Fahrer bereitstehen.

Wir checken ein und Claudia fällt ins Bett. In mir steckt noch zu viel Unruhe, zu viele Eindrücke. Ich kann noch ein Bier vertragen und will nach einem Internetzugang suchen. Mit beidem habe ich im Hotel keinen Erfolg. Der einzige Internet-PC ist besetzt und der Nutzer gibt an, noch mindestens eine Stunde zu brauchen, und die Hotelbar schließt um 22:00 Uhr - also jetzt.

Ich gehe raus in die Straßen von Mandalay. Die Straße vor dem Hotel ist dunkel, meine Marschrichtungen wahllos. Ich gehe nach links und bei nächster Gelegenheit wieder links. Ein Teashop direkt auf der Straße, doch ein Bier werde ich hier nicht bekommen. Ein weiteres Mal links, eine belebtere Straße, nicht was ich suche. Ich nehme einen weiteren Block, bevor ich erneut links abbiege und zwei Blocks vor mir ein Straßenfest sehe. Aus der Nähe erkenne ich, dass sich die Stände um einen indischen Tempel gruppieren, es ist Deepavali. Ich fühle mich an Singapur erinnert, wo ich das Fest vor ein paar Jahren in Little India erlebt habe. Doch hier ist es eine andere Welt. Natürlich sind auch hier die Straßen voller Inder, ein Kettenkarussell und eines mit kleinen Reittieren sind vertreten, beide werden allerdings von Hand betrieben. Auf Flohmarktteppichen kann man für ein paar Kyat an Gesellschaftsspielen teilnehmen, um die Poster nationaler Popstars kann man Dosenwerfen. Und natürlich gibt es auch Garküchen unterschiedlichster Couleur. Drei jugendliche Inder kommen mir entgegen, sie sind guter Stimmung, halten sich in den Armen. Einer davon, mit dunklem Teint und langen, schwarzen Haaren spricht mich an, greift in seine Hemdtasche und hält mir ein kleines Bündel hin, ein Blatt zu einer Kugel geformt. Eine Betelnuss wahrscheinlich, doch hier, mitten in der Nacht, nach den Eindrücken des Tages, in den schmutzigen Straßen von Mandalay, da schrecke ich vor dem Angebot zurück - diesmal noch...

Weiter durch Myanmar, zum Inle See, den Pagodenfeldern von Indein, Tharkong und Bagan, durch Yangon und Mandalay und zu den schönsten Stränden Südostasiens geht es in "Road to Mandalay" - unserer neuen Buchveröffentlichung...

Klappentext

Mitten in Asien und doch Jahrzehnte unserer Zeit entrückt, ist Myanmar ein ganz besonderes Reiseziel.

Der Autor und Reisejournalist Jens Freyler entdeckt auf seiner Reise mit dem Wagen durch das Land buddhistische Heiligtümer, historische Stätten und mystische Geschichten.

 Wie in Indien ist auch hier das englische Erbe präsent, in kolonialen Orten wie Kalaw und bei mondänen Schiffsfahrten auf dem Ayeyarwady.Longyi tragende Männer, mit Tanaka geschminkte Frauen und die bordeauxroten Roben der buddhistischen Mönche zeichnen ein farbenfrohes Land - und eine der faszinierendsten Entdeckerdestinationen dieser Erde...