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Durch den Kupfer-Canyon Los Mochis - El Divisadero - Creel Einem verrückten US-Amerikaner wird die Idee zugeschrieben, eine Bahnverbindung von Texas an die mexikanische Küste zu bauen, zumindest hatte er das Geld, sie zu verwirklichen. Dass dazwischen die Berge der Tarahumara-Indianer und der Barranca del Cobre liegen, sollte die Fahrt nur noch mehr zu einer Attraktion machen, so die Planungen. Natürlich war das Unterfangen schwieriger als geplant, die Baumaßnahme teurer als projektiert und der Andrang geringer als erwartet. Trotzdem hat der US-Millionär das Projekt zu Ende geführt, für die Tarahumara ein Transportmittel und eine Einnahmequelle und für Reisende ein Erlebnis erschaffen. Pünktlich um 5:30 Uhr verlassen wir unser Zimmer und fragen an der Rezeption nach dem reservierten Taxi. Natürlich war die Antwort am vorausgegangenen Tag „Si Senor" gewesen und natürlich war keines bestellt. Doch das Problem stellt sich gar nicht als solches heraus. Der Hotelangestellte tritt mit uns hinaus auf die Straße, blickt links um den Block und rechts um den Block, stößt einen gellenden Pfiff auf seinen Fingern aus und wirft ein paar Schreie der Nacht hinterher. Bewegung kommt in die Straße, ein Mann springt zu einem parkenden Wagen, steigt ein, lässt die Lichter erstrahlen und kommt ohne in den zweiten Gang hochzuschalten mit jammerndem Motor auf uns zu. Das Ziel zu so früher Stunde ist klar, der Preis nicht. 50 Pesos hatte man uns im Hotel gesagt, 80 verlangt der Taxifahrer. Wahrscheinlich wird es uns kaum gelingen, einen anderen Taxifahrer zu finden, der ihn unterbietet, so dass wir den für die kurze Distanz überzogenen Preis akzeptieren. Etwa 10 Minuten braucht das Taxi, bis es uns an der Bahnstation der Ferrocarril Los Mochis - Chihuahua abliefert. Einige Einheimische sind schon da, Mexikaner mit ziemlich dunklem Teint, die Kartoffeln, Decken und andere Dinge transportieren. Eine Plastiktüte wäre hier bei weitem überfordert, große Eimer mit bestimmt 25 Litern Fassungsvermögen dienen zum Transport. Wir betreten die Bahnhofshalle und müssen unser Gepäck untersuchen lassen. Ein gründliches Abtasten des Gepäcks von außen reicht aus, um die Prüfungserfordernisse zu erfüllen und wir dürfen eintreten. Der Fahrkartenschalter ist noch geschlossen, der 6 Uhr Zug steht bereits auf dem Gleis. 3 Waggons zählen wir hinter der Lock, alle in makellosem Schwarz und Rot gestrichen. Bedienstete im schwarz-weiß gestreiften Livree warten vor dem Zug auf ihre Fahrgäste. Und tatsächlich sehen wir ein einziges Touristenpaar einsteigen. Genau genommen sehen sie nicht einmal wie Touristen aus, sondern eher wie Reisende, wie wir auch. Wahrscheinlich hat sie das Reisebüro zuhause madig gemacht, wie unseres es auch versucht hat, doch den Luxuszug zu nehmen anstatt in einem klapprigen Ding zwischen Ziegen und Hühnern transportiert zu werden. Aber wir sind ja nicht hier, um westlichen Luxus zu genießen, sondern wollen gerade mit dem Land in Berührung kommen. Luxus werden die beiden Fahrgäste auf jeden Fall haben mit drei Waggons zur Auswahl und einer Hand voll Schaffner im Livree. Der Fahrkartenschalter ist immer noch geschlossen aber nach den Erfahrungen der Fährfahrt bleiben wir in der sich füllenden Bahnhofshalle wachsam. Die ersten stellen sich vor den geschlossenen Schalter, ich springe sofort auf und Reihe mich in die Schlange ein. Nichts passiert und plötzlich beginnt sich die Schlange wieder zu zerstreuen. Auch ich setze mich wieder hin, warte, lauere. Plötzlich bildet sich wieder eine Schlange, ich bin wieder dabei, wieder zerschlägt sie sich nach einiger Zeit. Es scheint, als würden die Bahnangestellten das Spiel mitgestalten wollen, denn gerade als mal keine Schlange existiert, öffnet sich der Schalter. Blitzschnell stehen die Mexikaner parat und ich habe die schlechteste Position aller Versuche, nach drei Holländerinnen sind wir aber die ersten Reisenden in der Schlange. Doch es scheint genug Tickets zu geben. Obwohl der Preis nicht gering ist, nimmt man natürlich keine Karten, Cash allein wird akzeptiert. Ich hätte jede Wette gehalten, dass wir hier mit unseren Kreditkarten zum Zuge kommen, aber glücklicherweise reicht auch unser Bares - wenn jetzt auch nicht mehr viel weiter. Der Zug kommt eingefahren und sieht genau aus wie der erste. Frisch gestrichene Waggons, vier in diesem Fall, die in Schwarz und Rot erstrahlen. Chepe" prangt der Name des Gefährts auf den einzelnen Wagen. Sollte der Luxuszug wirklich nur Tourinepp sein? Die Türen der Bahnhalle öffnen sich in Richtung Gleise und schlagartig bildet sich eine Schlange vor der Tür des ersten Waggons. Nicht schon wieder eine Schlange! Wir gehen ohne zu zögern auf den letzten Waggon zu, dessen Tür ebenfalls offen steht, steigen ein, nehmen uns die beiden ersten Plätze auf der rechten Seite, vor denen großzügig viel Platz für die Füße ist. Unglaublich, wir haben auch einen Luxuszug, die Fenster sind großzügig, die Luft angenehm klimatisiert. Wir sitzen ein paar Minuten, bis wir uns wundern, dass niemand folgt. Wir gehen wieder zur Tür, blicken nach draußen und sehen wie Einheimische und Reisende schön brav in der Schlange stehen und einer nach dem anderen einsteigt. Ich versuche die Zahl der Wartenden abzuschätzen, zähle die Reihen in unserem Waggon und kalkuliere, dass eventuell nur 3, nicht 4 Waggons von Nöten seien. Die werden uns doch nicht am Ende noch abkoppeln? Wir bleiben aufmerksam, warten ab und irgendwann ist der dritte Waggon direkt vor uns dran. Ein Schaffner geht vorweg und teilt Plätze zu. Zwei nach rechts, zwei nach links, nächste Reihe. Zwei nach rechts, zwei nach links, kein Platz bleibt frei. Als die Prozedur näherrückt, setzen wir uns hin und warten ab. Der Schaffner betritt unseren Wagen, Passagiere treu in seinem Schlepptau. Ein kurzer Blick von ihm, zwei Mexikaner nach links, nächste Reihe, weitere Mexikaner in den Reihen hinter uns. Ein paar der Plastikeimer werden in dem großzügigen freien Raum vor unseren Füße abgestellt, was uns nicht weiter einschränkt, so lange sich nicht herausstellt, dass jemand Fisch oder ähnliches von der Küstenstadt mit in die Berge nimmt. Fast schon überraschend ist, dass der Zug die Fahrt pünktlich aufnimmt, aber im Fall dieses Zuges, steckt der Teufel im Detail einer genauen Planung. Nur an einer Stelle, bei El Divisadero ist die Strecke zweispurig gebaut und genau da müssen die Züge aus Los Mochis und aus Chihuahua aufeinander treffen bzw. der pünktliche auf den verspäteten warten. Der Zug fährt sehr langsam, Müllsäcke werden verteilt und ein Mann verkauft Kaffee, Instant Lunchs (5-Minuten-Terrinen), die er mit Teewasser aufgießt und Chips. Einige der Mexikaner um uns herum nehmen das warme Essen als Frühstück zu sich und legen sich dann schnarchend in die gepolsterten Sitze. An der ersten Station steigen Leute zu und der Zug füllt sich bis zum letzten Platz. Unsere Sitznachbarn sind bereits wieder ausgestiegen, eine weiße Familie hat ihre Plätze eingenommen - Amerikaner, wie wir schnell erkennen. An einem weiteren Stop wird gerade Totenwache gehalten, Männer sitzen unter schwarzen Sonnensegeln um einen schwarzen, offenen Sarg. Die Hauptfeier scheint schon zu Ende zu sein und einige Trauergäste steigen dem Zug zu. Lange geht es noch über weite Ebenen, durch Getreidefelder und an den Hinterhöfen bescheidener Wohnhütten vorbei. Ob es hier Elektrizität gibt ist fraglich, eine Kanalisation fehlt zumindest, Toilettenhäuschen stehen in jedem Garten und der Müll wird einfach drumherum gekippt. Erst gegen Mittag zieht der Zug langsam an und steigt in die Berge auf. Da sich die Fenster des klimatisierten Zuges nicht öffnen lassen, sind die Einstiege die einzigen Möglichkeiten, nach draußen zu filmen, doch diese Plätze sind regelmäßig von mexikanischen Kindern und Jugendlichen besetzt. Ein bisschen Drängeln hier und da, ein wenig Geduld und manchmal gelingt es mir, für einige Minuten einen der begehrten Plätze zu ergattern. An einem Bahnhof steige ich aus und schaue mir die Auswahl im Kiosk an. Außer Chips finde ich allerdings nichts, was jedoch nicht sonderlich schlimm ist, da Chips zu Claudias Lieblingsspeisen zählen. Mit den Bergen tun sich auch die ersten Schluchten auf, meist klettern wir an einer Canyonwand entlang, hier und da gibt es eine Straße zu sehen. Irgendwo an der Strecke findet sich allerdings auch ein ganz besonderes Mahnmal. Rostige Waggons türmen sich vom Canyonboden bis zur Höhe der Gleise auf, ein Zug scheint hier einmal vom rechten Pfad abgekommen zu sein. Abenteuerliche Brücken spannen sich über die tiefen Schluchten der Canyons, die vielfach fälschlicherweise unter dem Namen des beeindruckendsten Barranca del Cobre zusammengefasst werden. Auch kleine Wasserfälle passieren wir, die zu regenreicheren Zeiten bestimmt beeindruckend drohen, die Gleise zu unterspülen. An irgendeinem Bahnhof steigt ein Mann zu, der in einer Box warme Burritos mitbringt und sie verkauft. Wir nehmen zwei und essen sie hungrig. Tarahumara-Mädchen steigen beim nächsten Halt zu und bieten handgeflochtene Körbe an. Die Amerikaner neben uns handeln und erstehen ein paar davon. Auch uns gefallen sie, eine Verwendung dafür fällt uns allerdings nicht ein. Ich komme mit den Käufern ins Gespräch und erfahre, dass sie aus Oregon stammen und seit 6 Monaten mit ihren beiden Kindern unterwegs durch Mexiko sind. Viel Zeit haben sie in Yucatan verbracht, geschnorchelt und die Tage ins Land gehen lassen, die Kinder dabei selbst unterrichtet, was in Oregon erlaubt ist. Jetzt fühlen sie die Zeit langsam reif, nach Hause zu fahren, einen Monat wollen sie noch in Kalifornien verbringen, bevor das Wohnmobil, das jetzt in El Fuerte parkt, sie wieder nach Portland bringt. Auch wir erzählen von unseren Reisen, von der Panamericana, unserem Besuch in Portland, tauschen uns über die Oregon Dunes und den Joshua Tree National Park aus. Plötzlich ein Halt mitten auf der Strecke. Kein Bahnhof ist weit und breit zu sehen, wir sollen alle den Waggon verlassen. Bandidos? War ihnen die Beute bei den wenigen Passagieren des 1.Klasse-Zuges zu dürftig gewesen? In einen anderen Waggon sollen wir wechseln, der einsam auf dem Gleis steht. Wir fragen nach, was das soll, und erfahren, dass es ein 1.Klasse-Wagen ist, der am Morgen aus Chihuahua kam und den wir dahin zurückbringen sollen. So sieht also die 1. Klasse aus? Auch nicht viel besser, nur der doppelte Preis! So sind wir auch noch nicht ganz überzeugt und verfolgen mit flauem Magen, wie unser Zug unseren ehemaligen Waggon abkoppelt und dann weiterfährt, um irgendwann doch zurückzustoßen und uns anzudocken. Die Polster der Sitze sind hier noch etwas dicker, der Bodenbelag Teppich, dafür ohne funktionierende Klimaanlage, die man wahrscheinlich einfach nicht an unseren Zug angeschlossen hat - so geht die Fahrt rückwärts weiter. El Divisadero ist der nächste Stop, an dem wir trotz unseres Rangierens 15 Minuten Pause machen. Wahrscheinlich sind auch diese in den Fahrplan eingearbeitet, um den Fahrgästen hier die Gelegenheit zu einem Blick von der Aussichtsplattform in die Schlucht und zu einem kleinen Einkaufsbummel entlang der Stände zu geben. Die Schlucht hat bei uns Vorrang und wir gehen die wenigen Stufen hinunter bis zur Aussichtsterrasse. Der Kupfercanyon liegt vor uns, mit Ausmaßen größer als der Grand Canyon der angabegemäß größte Canyon der Erde. Der Blick gleicht auch dem in den Grand Canyon, die Schlucht dehnt sich in weiten, braunen Schattierungen aus, die Tiefe ist kaum abzuschätzen, der Fluß, der sie durchzieht, nicht auszumachen. 15 Minuten sind nicht viel Zeit, reichen aber aus, wenn man nicht den Ehrgeiz hat, in den Canyon einzusteigen. Bastkörbe gibt es auch hier zu kaufen, kleinere Schnitzarbeiten der Tarahumara ebenfalls. Alles schauen wir uns an, können uns aber für nichts begeistern außer für zwei kleine, gefüllte Fladenbrote, die wir uns an einem der vielen Stände frisch zubereiten lassen. Lecker sind sie und meiner natürlich mal wieder etwas zu scharf, nachdem ich das rote Zeug unter dem Grinsen der Verkäuferinnen großzügig dosiert habe. Noch ein Bild von Claudia mit ihrem Fladenbrot in der Tür des Chepes und schon werden wir alle wieder zum Einsteigen aufgerufen. Durch den Wechsel des Waggons sind nicht mehr die Amerikaner neben uns, sondern eine junge mexikanische Mutter. Das Baby scheint erst wenige Wochen alt. Unseren neugierigen Blicken begegnet sie mit einem Lächeln, steht auf und legt das Kleinkind in Claudias Arme. So vertrauensselig geht man in Mexiko mit Babys um? Wir sind baff. Um 15:30 Uhr erreichen wir Creel, das Ziel unserer Fahrt mit El Chepe. Von hier aus setzt er seine Fahrt noch einige Stunden nach Chihuahua fort, die beeindruckenden Schluchten haben wir aber bereits hinter uns gelassen. Eine Nacht im Casa Margarita haben wir vorgebucht, unsere einzige Nacht mit Halbpension, wie unsere deutschsprachige Reisebeschreibung ausweist. Das auf dem spanischen Voucher wie bei allen unseren vorgebuchten Übernachtungen „sin alimentos" vermerkt war, hatten wir bereits gemerkt, schien Margarita aber nicht zu stören, zumindest nannte sie uns gleich von sich aus die Essenszeiten. Casa Margarita ist ein nettes, kleines Hotel, das bei europäischen Individualreisenden und kleinen Gruppen beliebt ist. So herrscht hier auch eher das Ambiente einer Jugendherberge vor, Leute aus vielen Ländern treffen sich, sitzen zusammen und unterhalten sich. Mexikanisch ist jedoch nur der Name und das Essen. Wir verlassen das Casa nach einem Kleiderwechsel im Zimmer wieder und schauen uns den Ort an, der allerdings wenig außergewöhnlich ist, wenn man keinen Ausflug in die Umgebung unternimmt. Wir schauen uns ein paar Angebote an, betrachten ein paar Souvenirs, zum Teil Handarbeit der Tarahumara, und entdecken etwas, das uns gefällt, nämlich kleine Tonkrüge mit einem Band aus Lederhaut überzogen. Doch vorerst wollen wir uns noch weiter umschauen und besuchen für einen bescheidenen Eintritt das Museum des Ortes, das sich mit Paläontologie, den Tarahumara und den auch hier gestrandeten Mennoniten beschäftigt - und das alles in einem großen Raum. An einem Geldautomaten füllen wir mit einer EC-Karte unseren Bargeldbestand wieder auf und erkundigen uns am Busterminal über die Möglichkeit, weiter nach Chihuahua zu kommen. Gleich mehrere Busse fahren jeden Tag und der Preis liegt deutlich unter einer Weiterreise mit der Bahn. Zeit der Entscheidung, wollen wir den nächsten Vormittag noch für einen Ausflug nutzen und erst einen Bus am Nachmittag nehmen oder morgens schon los, um etwas mehr Zeit in Chihuahua zu haben? Claudia plädiert für letzteres und wir lösen Tickets für den Bus um 10:30 Uhr. Zum Abendessen sind wir wieder im Hotel und werden von Margarita darauf angesprochen, dass wir leider keines erhalten, weil es so auf unserem Voucher steht (ausgestellt von dem Typen aus Mexiko City, der auch die Fähre nicht rechzeitig bezahlt hatte). Wir versuchen die Situation zu klären und dürfen schließlich am Abendessen teilnehmen. Eine Möhrensuppe, eine mit Käse gefüllte Paprikaschote, Nudelsalat, ein Taco mit Avocado und Kuchen als Nachspeise lautet das Menü, das gleich einen ganzen Rundumschlag durch die mexikanische Küche darstellt und sehr gut schmeckt. Von jedem Gang können wir Nachschlag bekommen, lehnen aber dankend ab, die Summe der Gänge macht's! Ach ja, und kaum im Bett wird es uns wieder bewusst, der Nachteil, den Unterkünfte mit dem Ambiente von Jugendherbergen mit sich bringen: Bis spät in die Nacht sitzt eine Reisegruppe in der lauen Sommernacht im Innenhof des Hotels, trinkt und lärmt gegen unser Einschlafen an.
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