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Reiseberichte
Buch Leseprobe Mit Rucksack & Gitarre, Lino Battiston
Lino Battiston

Mit Rucksack & Gitarre


Auf dem Chemin de R. L. Stevenson

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Über den Mont Lozère

Von Le Bleymard nach Le Pont-de-Montvert

»Er ist nicht in der Lage zu sagen, ob er mehr Freude empfindet, wenn er den Sack auf den Rücken packt oder wenn er ihn ablädt. Die Aufregung der Abreise stimmt ihn auf die der Ankunft ein.« (Stevenson)
An jenem Morgen wurde ich nicht durch Hahnkrähen, sondern durch das Schnarchen meines Zimmernachbarn geweckt, das allerdings ähnlich klang. Ich nutzte die Gelegenheit, um noch vor dem Frühstück durch die Gässchen des 350 Seelen zählenden Dörfchens Le Bleymard zu bummeln, das auf einer Höhe von etwa 1050 Metern nördlich des Mont Lozère liegt. Der kleine Ort war noch nicht zum Leben erwacht und wirkte ein wenig trist. Nur die Boulangerie war bereits geöffnet. Aus der geöffneten Tür drang der appetitanregende Geruch von frischem Baguette. Als die Sonne langsam hinter dem gewaltigen Gebirgsrücken emporgeklettert kam, schlenderte ich fröstelnd wieder in Richtung Hotel. Ich hoffte auf ein gutes Petit déjeuner.
Gut versorgt mit Proviant durch die Küche des Hotels Remise, startete ich um 9.00 Uhr zum 1699 Meter hoch liegenden Sommet de Finiel. Das Gebirgsmassiv des Mont Lozère galt es heute zu überqueren. Den dichten Höhenlinien auf meiner Wanderkarte nach zu urteilen, stand mir ein anstrengender Morgen bevor. Nach kurzem Aufstieg kam eine längere, ebene Wegstrecke, die ich nutzte, um meine morgendlichen Stockübungen zu machen. Dann folgte ein langer steiler, steiniger und schweißtreibender Weg, der mich auf eine Höhe von etwa 1400 m brachte. Noch ein gutes Stück unterhalb der Baumgrenze durchquerte ich ein kleines Wäldchen.
Hier könnte die Stelle gewesen sein, an der Stevenson mit seiner Modestine übernachtete und zu seiner wunderbaren Erzählung »Eine Nacht unter Kiefern« inspiriert wurde.
»Unter dem Dach ist die Nacht eine stille, monotone Zeit; aber im Freien verläuft sie flink mit ihren Sternen, ihrem Tau und ihren Düften, und die Stunden sind gekennzeichnet von den Veränderungen im Antlitz der Natur. Was zwischen Wänden und Gardinen eingesperrten Menschen wie eine Art zeitweiliger Tod vorkommt, ist nur ein leichter und belebter Schlummer für jemanden, der draußen schläft.« (Stevenson)
Ich schlenderte weiter, in Gedanken bei dieser Geschichte, als plötzlich wie aus dem Nichts ein großes weißes Wohnmobil vor mir auftauchte. Es stand einsam auf einem riesigen asphaltierten Parkplatz, an dessen Ende sich Skistation, Hotel, Restauration und Skischule reihten. Keine Menschenseele konnte ich ausmachen, an diesem unwirklichen Ort, der das Antlitz der Landschaft auf gnadenlose Art und Weise verändert hatte. Mitten auf dem Platz drehte ich mich einmal um meine eigene Achse, die Gegend rundum erkundend. Ich stand hier auf 1468 Meter Höhe an der Landstraße, die Le Bleymard mit Le Pont-de-Montvert verbindet. Der Wind strich leise über die nach Osten geneigten mickrigen Kiefern, hin zu einer hügeligen Landschaft, deren Gräser grün, gelb und violett in der Sonne schimmerten. Die schnurgerade Abfahrtspiste am Nordhang des Mont Lozère erinnerte mit ihrer zerstörten braungelben Grasnarbe an eine Flugabschussrampe ins Universum. Rechts und links eingefasst mit einem meterhohen Lattenzaun, der die bunte Heidelandschaft himmelwärts zerschnitt, endete sie gekrönt von ein paar weißen Wolkentupfern im tiefblauen Dach der Cevennen. Ich konnte mir gut vorstellen, welcher Rummel und welches Getümmel sich hier im vergangen Winter abgespielt hatte. Schnell weg hier, dachte ich, und wanderte weiter bergauf entlang dieser eintönigen Piste.
Nach einer Weile ließ ich dieses Wundmal in der Natur auf einem schmalen, von Regengüssen ausgewaschenen Pfad hinter mir zurück. Der Weg war markiert mit ein bis zwei Meter hohen Felssteinen, die aussahen wie kleine Menhire. Bei Nebel und Schnee sicher eine gute Orientierungshilfe. Auf etwa 1600 Höhenmetern warnte eine Tafel die Wanderer davor, den Sommet de Finiels im Winter oder bei schlechter Sicht zu überqueren. Das Passieren mit dem Mountainbike ist grundsächlich nicht erlaubt.
Der Aufstieg auf die Bergspitze des vorwiegend aus Granit bestehenden Bergmassivs hatte sich gelohnt. Bei klarem, sonnigem Wetter stand ich jetzt auf dem Sommet de Finiels, dem höchsten Punkt des Mont Lozère. Ein Pfahl mit einem kleinen Schild markiert dort eine Höhe von 1699 Metern. Märchenhafte Panoramablicke, unterstützt durch Steinblöcke mit Hinweistafeln in alle vier Himmelsrichtungen, verwöhnten meine Augen mit faszinierendem Ausblick auf die unergründlichen, in leichten Dunstschleier getauchten graublauen Hügelstaffellungen der Cevennen. Schier endlos reihten sie sich hintereinander wie ein Irrgarten bis zum Horizont. Ein befreiendes Glücksgefühl ließ mich innehalten. Zugegeben, diese Höhe ist für gestandene Bergwanderer vielleicht ein lächerlicher Akt und sicherlich kein Gipfelerlebnis. Für mich aber war dieser Moment ein ganz besonderer. Nach dem Start vor sieben Tagen in Le Puy war etwa die Hälfte der gesamten Wanderstrecke geschafft. Die durchweg positiven Erfahrungen der Tour hinter mir lassend, schwebten meine Gedanken jetzt leicht und entspannt dahin, während all meine Sorgen so weit weg waren, wie das Meer, das sich hinter unzähligen Bergrücken weit im Süden vermuten ließ. Für mich eine angenehme Harmonie mit tiefsinniger Melodie und wohlklingenden Akkorden.
»Anstelle der faden Graslehne, die ich so lange emporgestiegen war, bot sich mir die Sicht in den dunstigen Himmelsraum und in eine verworrene blaue Hügellandschaft zu meinen Füßen« (Stevenson)
Von hier, dem höchsten Berg der Cevennen, erstreckt sich heute ein Naturschutzgebiet bis hin zum Mont Aigoual, der mit 1567 m Höhe der bekannteste Gipfel der Cevennen ist.
»Wer die Cévennen besucht, entdeckt wie Stevenson ein Land voller spannungsreicher Vielfalt. Weite, wilde Hochebenen und tiefe Schluchten; bewaldete Berge mit kahlen Gipfeln, vom Heidekraut lila gefärbt; bizarre Felsen und Hänge, bedeckt mit uralten Kastanienwäldern; Tälern, in denen die klaren Wasser der Gardons eine reichhaltige Vegetation ermöglichen; hier eine mediterrane Vegetation mit Ölbäumen und Palmen und ein wenig weiter unwirtlich anmutendes Hochland; Glockentürme und bunte Märkte; trocken-heiße Sommertage mit sternklaren Nächten. Wer diese landschaftlich so vielfältige, geschichtsträchtige Gegend zwischen Florac und Alès, zwischen Causses und Mont Lozères einmal entdeckt hat, der kommt nur schwer wieder von ihr los. Er ist infiziert mit dem Cévennen-Virus.« (Christoph Lenhartz und Hans Walter Goll, Cevennen für Freunde)
Diesen Virus habe ich mir schon vor vielen Jahren eingefangen, während etlicher Wanderungen durch diese urwüchsige, mit atemberaubenden Schönheiten der Natur gesegnete Region Frankreichs. Faszinierend ist aber auch die Geschichte der Cevennen. Stevenson folgte zielgenau den historischen Orten, in denen der Bürgerkrieg von 1702 bis 1704 eine Blutspur hinterließ. Der Krieg zwischen Katholiken und Protestanten führte auf beiden Seiten zu Hass und grausamer Brutalität. Die Camisarden, der militärische Arm der Hugenotten, operierten aus den unzugänglichen Gebirgsregionen der Cevennen heraus mit einem Partisanenkrieg gegen die Übermacht der Truppen Ludwig XIV. Die breite Unterstützung der Camisarden durch die Landbevölkerung bewirkte schließlich, dass die königlichen Truppen im Herbst 1703 über 400 Städtchen, Dörfer und Weiler der Cevennen niederbrannten oder zerstörten. Der Krieg endete mit der Entvölkerung der Cevennen, was sich bis heute auswirkt. Wer sich tiefgreifender über den Religionskrieg informieren möchte, dem empfehle ich das Buch, »Cevennen für Freunde« zu lesen.
Der Abstieg hatte es in sich. Ein steiler, steiniger, durch Regenwasser ausgespülter Pfad, stellte höchste Anforderungen an meine Kniegelenke. Es war äußerste Vorsicht geboten, um in den Geröllfeldern nicht ins Rutschen zu kommen. Modestine, die sich ängstlich an meinen Rucksack klammerte, hätte mir einen Sturz sicherlich mit Holzsplittergeräuschen und disharmonischen Saitenklängen quittiert.
»Ein Pfad schlängelte sich in Korkenzieherwindungen einen halsbrecherischen Hang hinunter. Er führte in ein Tal zwischen abschüssigen Hügeln, stoppelig mit Felsbrocken wie ein abgeerntetes Kornfeld und weiter unten mit grünen Wiesenteppichen ausgelegt.« (Stevenson)
Heilfroh, unversehrt das Tal erreicht zu haben, suchte ich einen dieser grünen Teppiche auf, um ausgiebig zu picknicken. Danach legte ich mich behaglich mit übereinandergeschlagenen Beinen auf den Rücken, platzierte Modestine quer vor meiner Brust und zupfte auf ihr »Wolkenlos«, ein Gitarreninstrumental von mir. Ich war mit mir und der Welt zufrieden und blinzelte verträumt gegen den Himmel, ohne auch nur die winzigsten Wölkchen ausfindig zu machen. Dabei muss ich wohl kurz eingeschlummert sein. Ein Hinweisschild mit der Aufschrift »Attention Rucher« warnte mich vor Bienen, ließ aber auch vermuten, dass ich mich unweit der kleinen Ansiedlung Finiels befand, die auf etwa 1400 m am Südhang des Mont Lozère liegt. Ein breiter Feldweg brachte mich wenig später in das Dörfchen, in dem ich bei Mario und Jacqueline während meiner Wanderung im letzten Jahr mit meinem Wanderkumpel Joachim Quartier gefunden hatte. Ich erfrischte mich am süßen Quellwasser des Dorfbrunnens, das mit dickem Strahl eiskalt in einen Steintrog floss. Dann brach ich auf, um den beiden einen kleinen Besuch abzustatten. Die Herzlichkeit, die hervorragende Beköstigung und den amüsanten Abend hatte ich noch in guter Erinnerung. Damals, nach dem Abendessen, griff unser Gastgeber Mario mit seinen großen, von harter Arbeit gezeichneten Fingern, in die Tasten seines Akkordeons und ich zupfte dazu auf meiner Gitarre, die ein gutes Stück größer und schwerer als Modestine war. Mario und ich sorgten für eine richtig gute Stimmung, als wir zusammen mit den anderen Gästen, einer englischen Wandergruppe, um einen langen schweren Eichentisch saßen, die Gesangskunst pflegten und dabei die Karaffen leerten. Am nächsten Morgen frühstückten wir zusammen mit den Kindern und tunkten wie sie unser Baguette in die Schale mit Café au lait, um es dann, etwas vorgebeugt, in den Mund zu führen. Ein Teil des köstlichen Getränks floss aber prompt über meinen Kinnbart und meine Backen auf den Tisch, der bald aussah wie das Umfeld eines Schweinetrogs. Das schelmenhafte Gelächter der Kinder über meine Unbeholfenheit beim Verzehr des traditionellen Petit déjeuner war mir etwas peinlich und lockte Mario und Jacqueline herbei, die mit ihrer Herzlichkeit und einem ehrlichen »pas de problème« meine Verlegenheit augenblicklich schrumpfen ließen. Ich nutzte die Gelegenheit, die Handwerkskunst des Schreiners zu loben, welcher diesen ungewöhnlichen Holztisch angefertigt hatte. Mit einem Hauch von Stolz im verwitterten und von der Gebirgssonne gegerbten Gesicht verriet mir Mario, dass er diesen Eichentisch natürlich selber konstruiert und zusammengeschreinert hätte. Mario ist ein leidenschaftlicher Schreiner, Zimmermann, Maurer, Bauer, Pensionswirt, und wenn ich ihn richtig verstanden habe, ist er auch so eine Art Bürgermeister von Finiels. Er hat eigenhändig sein Haus renoviert und mit seiner zierlichen Frau speziell für Wanderer auf dem Stevensonpfad ein paar Fremdenzimmer eingerichtet.
So hilft heute Stevenson, rund 130 Jahre später, das karge Einkommen der Landbevölkerung in dieser einsamen Gegend aufzubessern. Fast genau ein Jahr später stand ich nun wieder vor diesem Haus. Ich rief mehrmals durch die weit geöffnete Tür: »Mario, Jacqueline.« Vergeblich, niemand war zu sehen und zu hören. Schade. Wahrscheinlich waren sie irgendwo bei der Arbeit. Also verließ ich die kleine Ansiedlung in südlicher Richtung, um mein Tagesziel, das Dorf Le Pont-de-Montvert am Tarn, zu erreichen. Der Weg schlängelte sich an riesigen Felsblöcken und Felskugeln vorbei, die, als seien sie einfach vom Himmel gefallen, verstreut auf der saftigen Wiesenlandschaft rumlagen. Ein paar Kühe dösten im Schatten dieser Gesteine, zu faul, um ihre Schädel auch nur einen Millimeter in meine Richtung zu bewegen. 
Im letzten Abschnitt vor Le Pont-de-Montvert ist der GR 70 umgelegt worden und nicht mehr mit der Wegführung auf der Wanderkarte identisch. Der Weg weicht hier leicht von der Originalroute Stevensons ab. Man muss also aufpassen und sich konsequent an die rotweiße Markierung halten. Ich folgte einem Pfad, der quer über eingezäuntes Weideland führte, vorbei an einem kleinen Weiler, dessen einzige Lebewesen, die ich wahrnehmen konnte, aus einer Handvoll freilaufender Hühner bestand. Diese flüchteten laut gackernd hinter die halbverfallene Hofmauer. Nachdem ich wieder einmal ein Weidegatter hinter mir verschlossen hatte, bot sich mir plötzlich eine grandiose Aussicht in das Tal des Tarn und auf das Steindächerensemble von Le Pont-de-Montvert.
»Bald darauf ergoss sich der Bach, dem ich gefolgt war, in den Tarn, und ich war in Le Pont-de-Montvert blutigen Angedenkens«. (Stevenson)
Wie vor einem Jahr löschte ich genüsslich und zufrieden meinen Durst mit einem kühlen Bier, serviert vom selben Kellner, unter der selben schattigen Platane an der Tarnbrücke. Ich streckte meine müden Füße weit unter den Tisch, lehnte mich entspannt zurück und ließ meine Gedanken treiben. Manchmal blinzelte die Spätnachmittagssonne durch das hellgrüne Blätterdach der Platane. Nach einer Weile stand auf einmal ein junger Franzose grinsend vor mir. Ich erkannte ihn sofort wieder, den sportlichen drahtigen Vierbeiner, der mich vor zwei Tagen in der Nähe des Dörfchen Mirandol mit seinen zwei Teleskopstöcken überholt hatte, um mich dann, als einen leicht beschämten Wanderer hinter sich zu lassen. Ich lud ihn sofort ein, sich zu setzen. Er heiße François, sei Arzt aus Clermont-Ferrand und würde ebenfalls den gesamten Chemin de Stevenson bis nach Alès wandern, erzählte er mir. Nächtigen täte er immer in seinem kleinen Wanderzelt auf Campingplätzen. Ich fragte ihn, warum er mit einem Zelt schwer bepackt unterwegs sei und nicht die Annehmlichkeiten eines Hotels vorzöge. Er antwortete mit einem breiten Lachen: »C‘est ma liberté.« (Das ist meine Freiheit) »Et vous, pourquoi vous portez une guitare?« fragte er zurück. (Und Sie, warum schleppen Sie eine Gitarre mit?) Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich so wie Stevenson mit einer Modestine wandern wolle und das ich für längere Zeit nur ungern auf das Gitarrenspielen verzichten möchte. Zunächst begutachtete er etwas verwirrt die Konstruktion der kleinen Gitarre. Als er aber dann durch das kleine Schallloch ihr Innenleben studierte und auf dem Etikett den Namen »Modestine« las, sowie »Handgemacht von Lino Battiston«, verstand er. Sehr, sehr vorsichtig und voll Respekt reichte er mir die Gitarre zurück, auf der ich ihm dann ein kleines Ständchen spielte. Er übernahm trotz meines Protestes die Getränkerechnung. Wir verabschiedeten uns herzlich. Während er leichten Schrittes in Richtung Campinglatz verschwand, brachte ich meine müden Glieder wieder in Bewegung, um mein Hotel zu suchen, das ganz in der Nähe sein musste. Übrigens, François habe ich nicht wieder gesehen. Er war eben der Schnellere.
Das Hotel La Truite Enchantée (Die fröhliche Forelle) hatte ich rasch ausfindig gemacht, obwohl sein Aussehen weit von dem eines Hotels entfernt war. Ein Gebäude in einer Häuserfront mit einem violettfarbenen hölzernen Tor, das in alle Richtungen schief und krumm in den Angeln hing. Daneben eine Öffnung, hinter der eine Treppe zu sehen war. Allerlei Wildkräuter und Blumen sprengten die Fugen des Mauerwerks, an dem rechts des Durchgangs ein grünes Schild mit der Aufschrift »La Truite Enchantée« und links ein kleines Schild mit der Speisekarte befestigt war. Aus allen Ecken und den fingerdicken Rissen der alten Steintreppe, die mich zur eigentlichen Eingangstür eine Etage höher führte, sprossten zahlreiche Gräser und Wildblümchen dem Himmel entgegen. An der Haustür fand ich dann einen Zettel mit folgender Aufschrift: »Bonjour Monsieur Battiston! Prenez l‘entrée qui se trouve à l‘arrière de la maison, la porte est ouverte. Votre chambre est la n°3 au premier étage, la clé est sur la porte. Nous sommes vite de retour.« (Guten Tag Herr Battiston! Nehmen Sie den Eingang hinter dem Haus, die Tür ist offen. 1. Etage, Zimmer Nr. 3, der Schlüssel steckt. Wir sind bald wieder da.) Ich dachte bei mir, oje, oje, wo bist du denn hier gestrandet. Als ich das Zimmer betrat, kam ich leicht ins Wanken. Mit einem Fußboden in Schräglage hatte ich nicht gerechnet. Ansonsten aber ein sauberes Zimmer, das mir alles bot, was ich brauchte. Das Fenster reichte von der Decke bis fast zum Boden und war bis zur Hälfte mit Eisenstäben gesichert. Wahrscheinlich um zu vermeiden, dass ein Schlafwandler Fenster mit Tür verwechselt. Ein Blick in den Naturgarten präsentierte mir mindesten 15 prächtige Hauskatzen, die auf den Bänken und Tischen schliefen, oder sich um die Fressnäpfe drängten. Die angrenzenden Steinhäuser, auf deren Dächer noch die Abendsonne schien, warfen tiefe Schatten in den Garten. Ein fast gespenstiger Anblick. Das Abendmenu wurde mir in einer romantischen Atmosphäre auf der kleinen Terrasse serviert, die mir einen Blick auf die Tarnbrücke, den Glockenturm und das abendliche Dorftreiben schenkte.
An diesem Abend aß ich die beste Forelle meines Lebens.


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