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Reiseberichte
Buch Leseprobe Libyens grüne Hügel , M. Vihervuori, H. Schreiberhuber
M. Vihervuori, H. Schreiberhuber

Libyens grüne Hügel


Drei Frauen im Jeep durch das Land Gaddafis

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Wer war nur dieser Mann, der die Hände des Chefs der


Grenzpolizei zum Erzittern brachte und die Hotelportiere


aus ihrem gleichgültigen Winterschlaf erwachen ließ? Unser


Begleitbrief war wie eine Aufputschspritze. Der Wirbel um


den Namen des geheimnisvollen Ibrahim bewirkte, dass ein


schmächtiger Mann auf uns zueilte, der unsere Sache unter seine


Obhut nahm. Er besorgte die direkte Nummer des allmächtigen


Ibrahim und erklärte, dieser hätte gerade das Hotel besucht.


Wir hatten noch unser Russen-Frühstück genossen, als unser


Verbindungsmann schon an Ort und Stelle war. Unseretwegen?


Unser schmächtiger Helfer erzählte, er sei ein Journalist aus


Bengazi, rief für uns an und zeichnete einen Plan auf einen


Papierfetzen, mit dessen Hilfe wir die Presseabteilung des


Informationsministeriums fi nden würden. Die Eile war jedoch


gestorben. Wir konnten Ibrahim Sager jederzeit bis zwei Uhr


besuchen. Auch unsere Sorgen entschwanden. Wir waren


vier Tage verschollen gewesen, aber die Grenze hatte unsere


Anwesenheit publik gemacht und jetzt war unsere Präsenz


sogar in Tripolis offi ziell gemeldet. Falls das Wiener Volksbüro


eine Suchaktion gestartet hätte, wären die Dinge jetzt geklärt,


dachten wir wichtigtuerisch.


Der Journalist aus Bengazi lud uns in das dunkle Kunstleder-


Cafe des Hotels ein. Unserer Gesellschaft schloss sich sein


Cousin, ein Journalist aus Athen, an. Eine beleibte Gestalt


in einem pferdebraunen Anzug, lüsterne schwarze Augen,


in denen ein entkleidender Blick fl ammte, ein unzufriedener


Mund, eine semitische Nase, lockige Haarkrause in bauschiger


Unordnung, buschiger Schnauzbart, dicke Wurstfi nger, mit


einem goldenen Siegelring geschmückt; ein verdorbener


Menschentyp, der die negativen Züge der europäischen Kultur


angenommen und die unangenehmen Aspekte der arabischen


beibehalten hatte. Dass Athen seine Wirkungsstätte war,


wunderte uns nicht, wurde doch von dieser Stadt aus libysche


Propaganda verbreitet.


Die beiden Journalisten lauschten mit gespitzten Ohren


unseren Sahara-Abenteuern, unserer Suche zwischen den


Bajonetten nach dem Loch in der Grenze. Ihre erste und


besonders besorgte Frage galt unserer Behandlung seitens der


Libyer. Unsere positiven Erfahrungen erhellten ihre Mienen


in deutlicher Erleichterung. „Hätten andere Wahrnehmungen


eher ihren Erwartungen entsprochen?“, blitzte es durch mein


Gehirn. Hatten wir eine Sonderstellung genossen? Wegen


des Briefes für Ibrahim Sager? Hatten wir ein anderes Libyen


gesehen?


Das Gefühl, dass unsere Freiheit eine scheinbare war, dass


unsichtbare Augen uns die ganze Zeit beobachteten, verstärkte


sich. Es gab zu viele Zufälle. Alles verlief zu reibungslos.


Zwar hatten wir nichts zu verheimlichen, aber observiert


zu werden schnürte die Kehle zu. Der lüsternäugige Vetter


aus Athen hätte am liebsten über sein intimes Interesse an


Frauen referiert, aber ich lenkte die Diskussion auf meine


Schreibarbeiten über islamische Kultur. Das entkleidende


Interesse des Cousins entzündete sich. Könnte man nicht


über den Islam auf Englisch schreiben? Gerade dessen


bedurfte er in Athen. Nur ein Christ könne den Christen


konkretes Wissen über den Islam vermitteln, deklamierte


der Athener. Nur einem Christen würden die beharrlichsten


Missverständnisse bewusst.


„Über dieses Projekt reden wir noch“, versprach er und rieb


zufrieden grinsend seine wulstigen Hände. Ich stellte fest,


dass ich in den Dienst der libyschen Propaganda zu gleiten


drohte. „Die Menschen denken an ein Kamel, wenn sie das


Wort Araber hören. Aber die heutigen Araber sind alles


andere als Kameltreiber“, setzte der Lüstermund fort und


bewies eindeutige Verachtung für dieses sympathische Tier.


Die Libyer schienen ihre Wurzeln negieren zu wollen. „Nur


die sterile technische Kultur taugte als Kultur“, dachte ich.


Als Getränk gab es einheimisches Cola.


Der Journalist aus Athen und sein Cousin aus Bengazi


begleiteten uns zum Informationsministerium. Wir folgten dem


grauen Kombiwagen der Vettern. Die Route entsprach nicht


dem Plan des Cousins aus Bengazi. Ich bemerkte weder den


versprochenen Strandboulevard, noch hohe Gebäude, noch den


großen Kreisverkehr und hätte das Informationsministerium


niemals als Informationsministerium erkannt. Ein eisernes


Tor, ein löchriger Hof, Lagerhäuser, Stacheldraht krönte


die hohe Betonmauer. Das Tor war nicht gekennzeichnet.


Auf der rechten Lagerhalle stand dagegen: Presseabteilung


des Informationsministeriums. Da hätte ebenso gut stehen


können: ‚Arbeit macht frei‘.


Ein trostloser Korridor mit kahlen Türen durchquerte die


Baracke. Das Vorzimmer war voll mit allerlei Papierkram.


Von der anderen Seite des Tisches eilte uns ein polierter


Araber entgegen, um uns zu begrüßen; glatte Haut,


kleine Statur, adrett angezogen. Seine überquellenden


Versprechungen nahmen alles unter ihren Schutz und


Schirm, von der Autoversicherung bis zu Einzelheiten


unseres Programms. Alle Sorgen gehörten der Vergangenheit


an und sogar das Visum konnte man verlängern. Immer


wieder glitten die tröstlichen Worte über seine Lippen: „Now


you are in our hands.“ In dieser Ohrana-Baracke, umgeben


von Stacheldraht, hörte sich ein solcher Satz besonders


verheißungsvoll an. Der libysche Kaffee schmeckte gut,


unsere Autopapiere schlüpften in den großen Panzerschrank


des geschliffenen Vorzimmerherrn.


Der Vorzimmeraraber hieß Nuri. Auch er verhörte uns über


unsere Reise. Die Cousins hatten sich in Luft aufgelöst. Nuris


größte Sorge galt unserer Aufnahme an der Grenze. Aus


unseren guten Erfahrungen schöpfte er die schon vertraute,


offensichtliche Erleichterung. Unsere Schwierigkeiten in


Tunesien und Algerien entzündeten in dem kühlen kleinen


Mann, der eine übergerade Haltung einnahm, geradezu Eifer.


„Wenn wir das alles erzählten, würde uns niemand glauben“,


wiederholte er immer wieder. „Sie müssen darüber in Europa


reden“, forderte er uns auf. Ganz offensichtlich wog sein


eifriges Propagandistengehirn den informativen Nutzwert


unserer Grenzabenteuer ab. Nur musste er uns richtig


programmieren. Aber sein Blick erzählte, dass er unsere


Farbe noch nicht kannte.


„Da sieht man es. Die Libyer sind durchaus nicht die


Bösen“, murmelte er langsam. Einerseits erweckte unsere


Unnachgiebigkeit seine Bewunderung, andererseits ließ unser


weibliches Wesen in ihm die Herablassung eines Arabers


aufkeimen. Aber als Instrument der Propaganda könnte eine


Frau wirksamer sein als ein Mann, überlegten seine Augen.


Woher wusste Nuri, dass wir in Nalut kontrolliert worden


waren? Auf die Stunde genau. Das Informationsministerium


war wohlinformiert.


 


 


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