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Reiseberichte
Buch Leseprobe Kolumbien - sí o no?, Mik Berger
Mik Berger

Kolumbien - sí o no?


Eine Reise in die Rumba

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Prolog !Buenas! "Bueno", "Buenos" oder "Buenas" hört man in Kolumbien bei jeder Begegnung, und das liegt daran, dass es "Guten Morgen", "Guten Tag" oder "Guten Abend" heißt, wie in Deutschland ein kurz hingeworfenes "Tag" oder in Norddeutschland ein "Moin". Nur, dass man sich beim Grüßen in Kolumbien auf das "Gute" beschränkt, während die Tageszeit nicht so wichtig ist. Das entspricht schon irgendwie dem, wie man hier mit der Situation zu Anfang des neuen Jahrtausends umgeht. Denn es ist nicht so, dass das Leben in Kolumbien von Armut, Kriminalität, Drogen, Tod und Entführungen bestimmt wird, wie man überall hört. Nein, es ist alles viel schlimmer. Und trotzdem wünscht sich jedermann jeden Tag wieder einen "Guten" - alltagsroutiniert, aber von ganzem Herzen. Viele gute Tage habe ich in Kolumbien verbracht, auf Hochzeitsreise mit meiner Frau, einer Kolumbianerin, die ich in Hamburg in der U-Bahn kennen gelernt habe. Damals sprach sie kein Wort Deutsch und ich kein Wort Spanisch - beste Voraussetzungen, uns mit dem Herzen verstehen zu lernen statt mit Worten. Eineinhalb Jahre später haben wir geheiratet, und neunzehn Tage nach unserer Hochzeit sind wir für sechs Wochen in ihre Heimatstadt gereist: Santiago de Cali, Kolumbien. Diese Reiseerzählung handelt von den Impressionen, die ein Deutscher in seine Heimat mit zurücknimmt, der Kolumbien nicht als durchreisender Tourist, sondern als voll anerkanntes Familienmitglied erlebt hat (was in Deutschland nicht so selbstverständlich wäre). Sie handelt von den vielen Problemen, die in diesem Land offensichtlich sind, Problemen, die unter anderem aus der Mentalität heraus entstanden sind und aus einer politischen Situation, die heute nahezu unlösbar scheint. Und sie handelt - nicht zuletzt aufgrund einer Begegnung mit der Guerilla, insbesondere aber wegen all dem, was von den Menschen in Kolumbien zu hören und in ihren Gesichtern zu lesen ist - von den Ängsten, den Sorgen und den Hoffnungen der Menschen. Hoffnungen, bei denen es auch um ein Ende der Armut und der sozialen Ungerechtigkeiten geht, vor allem aber um eines: den Frieden. Hamburg - Kolumbien Hamburg - Kolumbien in vierundzwanzig Stunden. Das geht so: Um sechs Uhr aufstehen, mit vier Personen und sechzehn Gepäckstücken zum Flughafen (vier Teile pro Person sind deutsch-kolumbianischer Standard), einigermaßen planmäßig nach Frankfurt. Der Frankfurter Flughafen ist groß, der asthmageplagte Schwiegervater langsam. Wir schaffen es trotzdem rechtzeitig vor dem Abflug zum Schalter, aber Sitzplätze gibt es nicht mehr. Wir warten auf den Fahrservice, der uns den weiten Weg zum Gate bringen soll. Das Fahrzeug kommt nicht, schließlich gehen wir doch zu Fuß und kommen noch später am Abflug-Schalter von "AVIANCA" an. Die Folge: Wir reisen Business Class! Champagner zur Begrüßung, das Menü wird auf weißen Tischdecken serviert, das Essen einzeln aufgelegt, Getränke nach Wunsch, individuelle Videos auf dem portablen Videoplayer. Und das Beste: Platz ohne Ende - Thrombose ausgeschlossen. Leider ist das kein Geheimrezept, sondern einfach Glück. Es ist wirklich unser Glück, dass wir so komfortabel reisen, denn es wird anstrengend: Eine Stunde Zwischenstopp in Puerto Rico. San Juan ist wunderschön von oben! Das hellblaue Meer, die vielen Buchten, die Schiffe, sogar die Häuser wirken beeindruckend. Und die Kriminalität, die es hier genauso gibt wie in Kolumbien (wir haben so unsere Quellen ...), kann man vom Flugzeug aus nicht sehen. Ich fasse den vagen Plan, irgendwann einmal hierher zurückzukehren, um mir auch einen Eindruck von unten zu verschaffen. etzt aber lernen wir erst einmal die Wartehalle kennen, denn wir müssen mit dem gesamten Handgepäck aussteigen und uns ohne Service längere Zeit gedulden, denn der Weiterflug verzögert sich aus irgendwelchen Gründen. Dann geht es doch weiter, und ein paar Stunden später landen wir in Santa Fe de Bogotá, Hauptstadt von Kolumbien. Hier wird's richtig chaotisch - bienvenidos a Colombia! Wann geht die nächste Maschine nach Cali? Wo müssen wir hin? Wie kommen wir zum nationalen Flughafen? Die Beantwortung dieser Fragen ist nicht das Problem, das Chaos und die damit verbundenen Wartezeiten an den Schaltern schon. Aufregung, als eine schwarze Frau mit Baby auf dem Arm laut aufschreit, weil ihr die Handtasche gestohlen worden ist. Nur einen Moment hat sie die Tasche aus den Augen gelassen, schon ist sie weg - mit allen Papieren und mit ihrem ganzen Geld. Dazu ist die Luft so ungewohnt dünn, dass bald das Atmen schwer fällt. Schließlich sitzen wir doch im Flugzeug, die immer noch schluchzende Frau ein paar Reihen hinter uns. Wir versuchen, meinem Schwiegervater, der einen Asthma-Anfall hat, Ersatz für sein restlos leeres Atemspray zu besorgen. Doch der Flugkapitän lässt ausrichten, wenn man nicht gesund ist, solle man eben nicht fliegen. Erstklassig sind wir in Frankfurt losgeflogen, als Menschen zweiter Klasse kommen wir in Santiago de Cali an, Hauptstadt des Staates "Valle del Cauca" in Westkolumbien und drittgrößte Stadt des Landes. ¡Bienvenidos! Seit abends um halb neun Ortszeit wartet die Familie am Flughafen von oder vielmehr bei Cali, gegen null Uhr landen wir endlich. Nach Mitteleuropäischer Zeit ist es jetzt sechs Uhr morgens, damit sind die vierundzwanzig Stunden voll. Auf dem Parkplatz warten ein Pick-up für die Koffer, ein Transporter für Freunde und Familie sowie ein Pkw für die Ankommenden. Ich achte auf den Gepäckwagen, schließlich bin ich gewarnt: Diebe schlagen besonders gern in den bewegenden Momenten der Begrüßung zu. Und wirklich greift sich ein Mann sofort den Wagen und schiebt ihn eilends hinaus - wie sich bald herausstellt, handelt es sich dabei um Juan, einen meiner neuen Schwager. Während ich verzweifelt hinter Juan und unserem Gepäck hinterherlaufe, marschiert Alfredo, ein anderer Schwager, an meiner Seite und schreit dabei mit weit ausholenden Gesten auf Spanisch: "Mein Papa kann nicht SCHNELL ("raaapido!") gehen. Er kann nur LANGSAM ("despaaacio!") gehen!" Ich frage mich: "Warum erzählt er mir das?" Erstens war ich zwei Monate mit seinem Vater zusammen in Deutschland. Und zweitens versuche ich selbst verzweifelt, mit Juan und dem Gepäck Schritt zu halten. Also sage ich nur "Si, si, si" und schaue ihn mit großen Augen an. Irgendwann sitzen wir im Auto, es ist ziemlich dunkel, aber seltsam warm, die Menschen sind mir fremd, neben mir sitzt eine junge Frau mit Zahnspange im Mund und schlafendem Baby auf dem Arm. Unterwegs im klappernden Auto gibt es die ersten Eindrücke von Kolumbien: Alle fünfhundert Meter brennende Ölfässer am Straßenrand, in meinem Kopf entstehen Bilder von Militärposten und Guerilla-Kontrollen, aber angeblich handelt es sich nur um Straßenarbeiten. Tatsächlich scheint mir als verwöhntem Deutschen die Qualität die Straßen katastrophal zu sein, und die Ampeln dienen wohl nur als Dekoration. Andererseits sieht es für mich und meine Reise-Erfahrung hier auch nicht schlimmer aus als in manchen südeuropäischen Ländern, keineswegs so endzeitmäßig wie in einigen arabischen Metropolen. Und die Menschen in Kolumbien machen auf mich sofort einen starken Eindruck: Immer fröhlich, herzlich, interessiert - und ausgesprochen konversationsfreudig. Zur Begrüßung im Haus haben sich viele angefunden: Verwandte, Freunde, noch mehr Verwandte, noch mehr Freunde. Kaum, dass ich den Koffer abgestellt habe, streckt mir sogar eine der von mir so gefürchteten Riesenkakerlaken ihre Fühler entgegen. Es ist spät, ich bin mehr als müde, aber natürlich muss noch viel geredet und einiges an aguardiente getrunken werden (ein Anisschnaps, wie es ihn so oder anders überall auf der Welt gibt: Pernod, Ouzo, Raki ...). Dann, nachts um halb zwei, plötzlich laute Musik: Eine Mariachi-Gruppe - laut Visitenkarte "der Stolz von Cali" - steht vor der Tür, drängt hinein, inklusive laufender Videokamera. Ich bekomme einen schweren sombrero auf den Kopf, und der Trompeter ohne Finger macht seine Sache hervorragend. So geht die Party weiter, reden, lachen, trinken, bis nach drei Uhr. Aber irgendwie haben schließlich doch alle genug. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, ist, dass in diesem Haus - und in den meisten anderen wahrscheinlich auch - immer um sechs Uhr morgens aufgestanden wird, egal, wann der Tag zuvor zu Ende war. Wir gehen ins Bett, das mit Rosenblättern und zwei überkreuzten Lilien geschmückt ist, dazu ein computergeschriebener Text: "Este es un saludo de bienvenida muy especial para la nueva pareja: Construiran un mundo nuevo, solamente para los dos, hecho de sueños, de ilusiones, de amor y sobre todo de comprension!" ("Dies ist ein ganz spezieller Willkommensgruß für das neue Paar: Schafft eine neue Welt, nur für Euch zwei, gemacht aus den Träumen, Illusionen, der Liebe und vor allem dem Verständnis!") Das Bett ist schmal, aber einladend, und trotzdem können wir nicht schlafen. Die Cola, die Aufregung, der Jetlag, dazu der Klima-Unterschied: Es ist drückend heiß, der Ventilator schnurrt laut. Dann auch noch ein Moskito, und die Hähne krähen trotz Dunkelheit um die Wette. Um sechs Uhr hören wir Wasser rauschen, Teller klappern, und der Schlaf holt uns immer noch nicht ein. Zum Glück können wir uns darauf besinnen, dass wir auf Hochzeitsreise sind: Bis zum Frühstück versinken wir in unserer "neuen Welt" - ein Meter vierzig breit und zu den Seiten hin stark abfallend. Erste Eindrücke Es heißt, man bekommt nie eine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Meine ersten Eindrücke von Kolumbien bei Tag sind sehr gemischt. Um neun Uhr ist im Haus alles wieder auf den Beinen. Frühstück, Koffer auspacken, stundenlang Geschenke verteilen, kleine Kinder herumtragen. Dazu erste Verhaltensmaßregeln: Auf die Straße gehen soll ich als Deutscher lieber nicht - obwohl eine Straße weiter, in der Straße, die wirklich gefährlich sein soll, eigentlich schon alle tot sind, die so gefährlich waren. Und so ganz nebenbei erfahre ich, dass der Tod zu den eher beiläufigen Gesprächsthemen gehört: Zum Beispiel wurde der böse Bürgermeister aus dem Ort von Alfredo gerade gestern umgebracht. Später gehen wir dann doch ein wenig einkaufen, direkt um die Ecke, mit ganz wenig Geld in der Tasche, und natürlich ohne Schmuck und sogar ohne Strümpfe (um ein wenig ärmlicher auszusehen). Aber dieser Teil von Cali, der barrio "Antonio Nariño", in dem - wie in vielen anderen auch - vor allem arme Leute wohnen, wirkt auf mich auch irgendwie beeindruckend mit seinen Geschäften voller amerikanisiertem Schnickschnack - Spielzeug, Barbie-Puppen, Sportschuhe, Mottenkugeln, Digitaluhren. Auf den Straßen die typischen Autobusse, wie es sie nur in Südamerika und vielleicht noch in einigen Ländern Asiens gibt. Schwarze Frauen in bunter Kleidung, mit Lockenwicklern im Haar und kaputten Regenschirmen als Sonnenschutz. Viele Hunde. Häuser, aus denen laute Salsa-Musik dringt. Marihuana im Park. Ich bin in Kolumbien! Ich habe das Glück, Kolumbien ein wenig anders kennen zu lernen als ein durchreisender Tourist. Davon gibt es ohnehin nicht allzu viele, und wenn, dann halten sie sich meist in der Gegend von Cartagena oder in Bogota auf. Ich wohne bei der Familie - und deshalb ist es an der Zeit, diese Familie ein bisschen besser vorzustellen.

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