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Reiseberichte
Buch Leseprobe Gråeng, S.P. Reineke
S.P. Reineke

Gråeng



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„Urlaub sollte eigentlich nicht damit anfangen, dass man um drei Uhr nachts aufsteht", knurrte Olaf und zog ein verwaschenes T-Shirt an. Es war noch stockdunkel. „Du bist und bleibst ein Morgenmufflon", grinste Sarah. Sie war schon viel weiter als Olaf, hatte geduscht, sich angezogen und holte die kleinen Flaschen mit Cola und Saft aus dem Kühlschrank. „Normalerweise bist du auch eins!" Olaf schmollte. Sarah war tatsächlich schon gut drauf heute Morgen. Oder eher heute Nacht. Er gähnte so herzhaft, dass sein Unterkiefer knackte.




„Ich glaube, ich sollte besser fahren. Du bist ja noch im Traumland. Oder du hättest vielleicht kalt duschen sollen." Sarah hievte die drei größten Koffer vor die Haustür. „Wenn ich kalt dusche, schrumpfen mir wichtige Körperteile ein, willst du das vielleicht, hm? Mit solchen Vorschlägen schneidest du dir nur ins eigene Fleisch, Weib", stichelte Olaf. Seine Laune besserte sich etwas, obwohl ihm noch vor den sechs langen Stunden im Auto graute. Seine Vorstellung von Urlaub war es nicht, in glühender Hitze im Stau zu stecken. Deshalb hatte Sarah vorgeschlagen, spätestens um vier Uhr in der Früh loszufahren. Grade in Richtung Dänemark stand man sonst wirklich vor der Grenze im Stau. Grauenhaft.




Er öffnete eine der kleinen Colaflaschen und nahm einen großen Schluck. „He, Mr. Schrumpfnudel, die sind für unterwegs!" Sarah versuchte ihm die Flasche zu entreißen, aber Olaf zog sie weg. „Wie hast du mich genannt?" Er hielt sie hoch über seinen Kopf, außerhalb ihrer Reichweite. Sie lachte und piekte ihm mit dem Zeigefinger in die Rippen. Stöhnend ergab Olaf sich und reichte ihr die Flasche, die sie zusammen mit den anderen Getränken und ein paar Broten in der Kühltasche verstaute.





„Hab Erbarmen, wenn ich schon keinen Kaffee kriege, dann lass mich doch wenigstens so zu meinem Koffein kommen. Oder soll ich am Steuer einschlafen?" „Jetzt hör doch mit dem Kaffee auf. Oder soll's uns gehen wie Stefan und Birgit? Die haben letztes Jahr vor ihrer Abreise Kaffee gekocht, den Rest in der Maschine vergessen, und als sie nach zwei Wochen wiederkamen, wuchs ein Baum aus der Kanne. Birgit hat die ganze Maschine gleich weggeworfen. In der Küche hat's gestunken wie Arsch von Kuh. Vergiss dein Koffein, oder wenn du unbedingt einen Kaffee brauchst, halten wir in Garbsen. Das wäre aber ein Tiefpunkt nach nur einer Stunde die erste Pause einzulegen."





Olaf gab auf. „Ich bring schon mal die Koffer zum Auto", seufzte er. Wie das alles in den Kofferraum passen sollte, war ihm sowieso ein Rätsel. Drei riesige Koffer, einer allein für Bettwäsche, Bettdecken und Kopfkissen. Mehrere Plastiktüten gefüllt mit Schuhen und anderem Zeug. Eine Schultertasche mit Sachen, die unbedingt nach vorne ins Auto sollten, Kohletabletten für den Fall, dass einer von ihnen „Durchschiss" bekam, wie Sarah es nannte. Aspirin. Irgendein Magenmittel. Die Kamera. Batterien für die Kamera. Ein Aufladegerät für die Batterien. CDs. Eine Wäscheleine, falls es am Haus keine gab. Warum die nach vorne sollte, war ihm ein weiteres Rätsel, aber er hielt sich da lieber raus.





Er nahm die beiden größten Koffer und stapfte vorsichtig die Treppe hinunter. Die Nachbarn wollte er nicht wecken. Schließlich war Frau Kraier so nett, sich um die Blumen zu kümmern, solange sie weg waren. Er ging insgesamt viermal, bis er die Tür endlich zuschließen konnte. Sarah hing noch kopfüber im Wagen und räumte Tüten und Taschen um, bevor sie sich endlich zufrieden gab, einstieg und sich anschnallte. Es ging los. Kaum zu glauben, es ging los!





Der Wagen war so voll, dass man meinen könnte, die Familie Stabmeier - Gellert wanderte aus. Das alles für drei Wochen Urlaub. Olaf hatte nur einen halben Koffer gebraucht und Sarah ermahnt, sich ihn zum Vorbild zu nehmen. „Wir haben ein Luxushaus mit einer Waschmaschine und einem Trockner. Wieso nimmst du deinen ganzen Kleiderschrank mit?" hatte er zu fragen gewagt. „Einigen von uns ist ihr Aussehen eben wichtig", hatte sie gegrinst und ungerührt weiter gepackt. Er hatte sie sanft in den Hintern getreten, sodass sie aufs Bett fiel, sich auf sie geworfen und durchgekitzelt, bis sie drohte, ins Bett zu machen.





Seit drei Jahren waren sie ein Paar. Olaf liebte ihren Humor und ihre Schlagfertigkeit. Aber es hatte auch schon etwas gekriselt. Nach einem Streit, an den Olaf nur sehr ungern zurückdachte, hatte fast einen ganzen Monat Funkstille geherrscht. Sarah nahm normalerweise nichts so schnell krumm, und Olaf hatte ihr Rückzug ziemlich erschreckt. Dann hatte Olaf spontan Urlaub für die ersten drei Juliwochen eingetragen, sich mit seinem Chef herumgestritten und Sarah aufgefordert, das Gleiche zu tun. Sie brauchten mal etwas Abstand, hatte er gesagt. Sie sah es ein und ärgerte sich ebenfalls mit ihrem Chef herum, bis sie ihre drei Wochen hatte. Beide waren kinderlos und ihre Chefs sahen es nicht gern, dass sie in der Hauptsaison Urlaub machten.




„Wohin fahren wir?" hatte Sarah gefragt und Olaf etwas ratlos angesehen. „Du bist früher immer mit deinen Eltern in den Urlaub gefahren, wir immer nur auf den Campingplatz, zu unserem Wohnwagen." Es grauste ihn bei der Erinnerung. „Such du was aus." „Wir sind früher oft nach Dänemark gefahren….nach Fanø. Das war sehr schön." „Na, dann fahren wir eben nach Dänemark", schlug er vor. „Nach Fanø? Oder möchtest du woanders hin?" „Woanders ist immer gut. Ich guck mal im Internet nach."




Zwei Stunden später hatten sie nicht nur nachgesehen, sondern sich sogar schon ein Ferienhaus gemietet. In Gråeng. Ein neuer Ferienort in der Nähe von Blavand, und auch sehr ähnlich aufgebaut. Sogar einen Burgerladen einer großen Fast Food Kette gab es da, obwohl die Dänen dort an jeder Ecke wunderbare Burger anboten, wie Sarah gelesen hatte. Manche nannten Gråeng sogar „Blavand zwei". Olaf hatte noch nie davon gehört. Aber da es ein größerer Urlaubsort nicht allzu weit von der Grenze war, hatte er sofort zugestimmt. Wenigstens würde er dann nicht noch stundenlang auf einer dänischen Autobahn herumkurven müssen.




Die Fahrt verlief angenehmer als gedacht. Sarah versorgte ihn mit Broten und Cola, stellte ihm seinen Lieblingssender ein und legte schließlich sein geliebtes Black Album von Metallica ein. Sie hatte nichts gegen Metal, aber im Auto hörte sie eigentlich lieber Radio. Olaf beschloss, sich doch nicht ablösen zu lassen. Er war jetzt wach und gutgelaunt. Sie hielten auch nicht in Garbsen auf einen Kaffee. Die Autobahn war ungewohnt leer, nur um Hamburg herum war mehr los. Immerhin hatten sie keine Probleme vorm Elbtunnel. Stau vorm Elbtunnel, das hörte er oft in der Verkehrsdurchsage. An seinem ersten Urlaubstag wollte er es aber nicht hören. Und erleben erst Recht nicht.





Er sah kurz zu Sarah hinüber und lächelte. Sie trug ein bequemes T-Shirt und eine alte Jeans für die Fahrt. Das braune Haar hatte sie zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden. Oder eher Pferdeschwänzchen. Es war etwas zu kurz für einen richtigen Schwanz. Aber wenn es so zurückgebunden war, konnte er ihre drei Ohrlöcher sehen, die sie mit ständig wechselnden Ensembles von silbernen Ohrringen oder -steckern schmückte. Ihren Hosenknopf hatte sie - wie immer im Auto - geöffnet. In ihren gemeinsamen Jahren hatte sie etwas zugelegt. Er selbst allerdings auch. Man wurde eben doch bequem, wenn man ein Weibchen mit seiner Keule niedergeschlagen und in seine Höhle geschleppt hatte, dachte er.





Eine vernünftigere Ernährung nebst Sport hatte er Sarah bereits angedroht. „Gut warum nicht. Aber erst nach dem Urlaub, das ist ja wohl klar", hatte sie bestimmt. „Ich werde doch nicht in ein Land fahren, das das beste Eis produziert, das ich je gegessen habe, und da Diät machen. Und wenn Birgit und Stefan uns zum Grillen einladen, willst du dann sagen, nee, wir sind auf Diät?" Olaf hatte nur pflichtbewusst genickt und innerlich geseufzt. Sarah hatte Birgit von ihren Urlaubsplänen erzählt, und Birgit hatte, begeistert von den Bildern im Internet, Stefan gedrängt, ebenfalls die ersten drei Juliwochen zu nehmen. Sie hatte es sogar geschafft, das Haus neben Olaf und Sarah zu mieten. Stefan hatte allerdings nicht die ersten drei Wochen bekommen, sondern nur zwei. Aber diese zwei Wochen würden sie Tür an Tür wohnen.




Olaf war davon alles andere als begeistert. Sie waren ja ganz nett, aber er wollte seinen Urlaub gerne mit Sarah verbringen. Nun würde jeden Morgen Birgit auf der Matte stehen und den Tag verplanen. Birgit und Stefan hatten zwei kleine Kinder. Also würden sie auch im Urlaub früh aufstehen müssen. Und Olaf dann wohl oder übel auch. Er hatte Sarah deswegen angebrummelt, und sie hatte versprochen, das zu regeln. „Wir werden Zeit für uns haben, das verspreche ich dir. Ich rede mit Birgit. Aber ab und zu einen Stadtbummel, oder abends zusammen grillen ist doch okay, oder nicht?" „Klar", hatte er gesagt, aber nicht gemeint. Im Grunde war es nicht okay.




Sarah fuhr jeden Freitag zu Birgit und holte sie zu einem Weiberabend ab. Wieso mussten sie jetzt auch noch den Urlaub zusammen…. „Ach, egal, " seufzte er. „Hm? Was hast du gesagt?" Sarah wühlte in der Kühlbox herum und holte ein Mars heraus. „Nichts, nichts", knurrte er. Sarah durchschaute ihn wie Glas. „Du musst dir keine Gedanken machen. Ich habe über Gråeng ein bisschen gegoogelt. Da gibt's einen tollen Spielplatz und ein Badeland. Damit sind die vier allemal beschäftigt. Ponyreiten und so was gibt`s da bestimmt auch. Und da machen wir natürlich nicht mit. Du würdest womöglich vom Pony fallen, oder das arme Vieh würde unter deinem Gewicht zusammenbrechen." Sie biss in ihr Mars. „Na, ich will ja nicht uncharmant sein, Madame, aber wenn Sie neben einem Pony stünden und sich bückten, könnte es durchaus passieren, dass man Ihnen den Sattel auflegt." Olaf wieherte anzüglich.




„Jajajaja. Nach dem Urlaub geht`s los, versprochen. Aber ich werde dich in den Boden stampfen. In einem Monat werde ich zwanzig Kilo abnehmen, Robbie Williams wird sich unsterblich in mich verlieben, und dann heiraten. Und du und dein Fettbauch werdet dann allein sein. Ha!" Sie nahm sich noch eine Cola. „Das Risiko geh ich ein", erwiderte Olaf ungerührt und überholte ein Wohnmobil mit aufgeschnallten Fahrrädern. Bei diesen Dingern war ihm immer etwas mulmig. Man wusste nie, ob man nicht plötzlich ein Fahrrad auf der Windschutzscheibe kleben hatte. Sarah zog ihn öfter auf wegen seinem Sicherheitsfimmel.




Zuhause gab es zwei Überwachungskameras, eine im Garten und eine an der Haustür. Im Garten selbst hatte er noch einen Bewegungsmelder angebracht. Drei Zeitschaltuhren in der Küche, im Wohnzimmer und im Arbeitszimmer würden abends in den nächsten drei Wochen das Licht einschalten, damit es den Anschein hatte, dass jemand zu Hause war. Wenn er sein Auto verließ, nahm er immer das Bedienteil vom Radio mit. Seine Brieftasche trug er nie in der hinteren Hosentasche. Er bevorzugte sowieso Brustbeutel und besaß vier Stück in verschiedenen Größen und Farben.





Unsichere Urlaubsländer wären für ihn auch niemals in Frage gekommen. Sarah bedauerte sehr, dass sie mit Olaf zusammen nie nach New York kommen würde. Olaf wollte diese Stadt immer besuchen, aber nach dem 11. September war das natürlich gestorben. Sarah hatte öfter eingewandt, dass das doch Unsinn wäre, aber Olaf blieb in solchen Dingen stur. New York kam nicht mehr in Frage. Genauso wenig London, Madrid, und so ziemlich jedes Land, in dem es mal irgendetwas gegeben hatte, sei es Terror oder Naturkatastrophen. Da Sarah das wusste, hatte sie gleich von Dänemark gesprochen, als er sie fragte wo sie hinwollte. In Dänemark war noch nie etwas passiert, und vor Einbrechern oder Taschendieben musste man sich für gewöhnlich auch nicht fürchten. Obwohl seit einigen Jahren Einbrüche in Ferienhäusern nichts Neues mehr waren. Aber das musste Olaf ja nicht wissen.





„Werden immer mehr davon", brummte Olaf und setzte zum x-ten Mal den linken Blinker. „Hm? Was wird immer mehr?" „Wohnmobile, Wohnwagen, Anhänger mit Fahrrädern. Wo wollen die denn alle hin?" „Na nach Dänemark natürlich. Die haben viel bessere Fahrradwege. Und windsurfen kann man da auch wunderbar." „Zu gefährlich", knurrte Olaf und zog wieder rüber auf die rechte Fahrbahn. Sarah seufzte.




Die Fahrt über die Grenze gefiel beiden. Keine Passkontrolle mehr, niemand in den Betonkästen. Man fuhr einfach durch. Das war schon seit Jahren so, aber Olaf fuhr ja selten ins Ausland.

 

 

 

 

 







2




„Hurra, wir sind in Dänemark!" Sarahs Augen glänzten. Sie nahm den Zettel mit der ausgedruckten Route zur Hand. „Also….mal sehen….ich glaube, wir müssen erstmal Richtung Ribe….ach was rede ich denn da…also…auf die E 45…und dann…" „Sag mir einfach, wann ich ab- oder einbiegen muss." Olaf wurde schnell unleidlich, wenn Sarah eine Karte oder etwas Kartenähnliches in den Händen hielt und ihm den Weg sagen sollte. Das klappte nämlich selten. Typisch Frau eben, auch wenn er so etwas niemals laut ausgesprochen hätte. Sie fanden den Weg aber doch sehr leicht. Alles war prima ausgeschildert, spätestens ab Esbjerg, von wo auch die Fähre nach Fanø abfuhr.





Das Autofahren machte in Dänemark auch viel mehr Spaß, wie Olaf schnell feststellte. Hier drängelte niemand, keiner fuhr dicht auf. Er entspannte sich. Entspannung – genau das hatte er ja gesucht. Schön, dass sie schon so schnell anfing. Sie verließen die Autobahn und näherten sich ihrem Ziel. Olaf sah wunderschöne Wälder, die zum spazieren gehen einluden. Auf breiten Radwegen fuhren ganze Familien vorbei.




„…Ja…da vorne ist der Gråengvej.Jetzt sind wir gleich da!" frohlockte Sarah. „Bist du sicher, dass du das richtig ausgesprochen hast?" grinste Olaf. Seit sie in Dänemark waren, hörten sie Radio Victor, und hatten kaum ein Wort verstanden. „Oh nein, wohl eher nicht", kicherte Sarah. „Die Aussprache ist wirklich der Hammer. Aber zum Glück sprechen hier sehr viele Deutsch. Und wenn nicht, dann aber Englisch. Wir werden wohl keine Probleme haben. Oh, wir sind da!Gråeng!" Sie fuhren über einen kleinen Hügel an einem Drachengeschäft vorbei auf der Hauptstrasse.





Geschäfte, Imbissstuben und Büros von Ferienhausvermittlungen säumten die breite Straße. Olaf stöhnte. Menschenmassen schlenderten zu beiden Seiten auf den Bürgersteigen, Fahrradfahrer, Hunde, Spaziergänger. Und alle paar Sekunden wechselten sie die Straßenseite. „Scheiße, ist das voll!" stöhnte er. Seine Vorfreude war wie weggeblasen. „Tja, Hauptsaison, mein Lieber. Aber das ist hier bestimmt nur der Ortskern. Die Häuser sind abgeschiedener und total ruhig. Nur am Strand stehen sie enger zusammen. Na ja, ich hoffe es jedenfalls. Warte, du musst da rechts rein, das ist der Parkplatz vom Büro!" Olaf bog gehorsam rechts ab, nachdem er zwei Radfahrer und sechs Fußgänger vorbeigelassen hatte.




„Ich hol die Schlüssel!" Sarah sprang aus dem Auto und eilte zum Büro. Olaf seufzte. Jetzt kam noch die größte Herausforderung, das Haus zu finden. Zum Glück war Sonntag. Eigentlich hätten sie ihr Haus gestern schon beziehen können, aber erst nach drei Uhr nachmittags. Und so passend loszufahren hätte bedeutet, auf jeden Fall im Stau zu stehen. Oder man fuhr früh los und verbrachte den Tag müde, gereizt und stinkend im Ort oder am Strand. So wie Stefan, Birgit und die Kinder gestern. Nein, dann lieber erst sonntags ankommen, dann war der Schlüssel wenigstens sofort da.





Olaf öffnete die Wagentür und ließ die Beine herausbaumeln. Es dauerte jetzt schon fast fünfzehn Minuten. Hauptsaison eben. Das Büro war bestimmt auch an einem Sonntag voll mit Touristen. Endlich kam sie wieder, mit einem großen Umschlag in der Hand. „Fahr los, die haben mir genau gesagt, wo es ist. Wir müssen links." Olaf stöhnte. Bei dem Chaos hier links abbiegen…aber er staunte nicht schlecht, als ein Däne ihn hereinwinkte. „Die scheinen recht nett zu sein", meinte er. „Total nett. Und das kann nicht einfach sein manchmal. Eben im Büro hat's solange gedauert, weil sich da ein deutsches Paar beschwert hatte. Wegen nichts. Das Haus war ihnen nicht sauber genug. Und dann nach der langen Tirade haben sie noch gesagt, dass sofort ein Techniker das Wasser im Whirlpool wechseln müsste, weil eins ihrer Kinder reingepinkelt hat. Oh Mann."





„Aber du magst es doch auch perfekt sauber", wandte Olaf ein und fuhr langsam die quirlige Straße entlang. Sarah nickte. „Ja, aber der Ton macht die Musik. Und der war alles andere als okay." Sie sah kopfschüttelnd auf die kleine Straßenkarte. „Ah ja, Genau! Links!" kommandierte sie. Olaf fuhr links. „Moment! Nicht so schnell! Wir müssen jetzt gleich rechts rein…ja genau! Hier rechts!" Olaf fuhr rechts und verließ die Straße. Der Weg war jetzt sehr viel schmaler, mit einer Mischung aus Sand und Kies bedeckt, der laut unter den Reifen knackte.





„Langsam ….weiter…noch weiter….nicht so schnell…" „Das gleiche sagst du im Bett auch immer", witzelte Olaf. „Traurig genug, dass ich da auch immer Anweisungen geben muss", konterte sie. „So, die Hausnummer stimmt, der Aufkleber am Briefkasten auch. Fahr mal rein da." Sie wedelte mit der Hand. Olaf folgte den Reifenspuren in einen Carport. Der gehörte zu einem großen, weißen Haus, das den Mittelpunkt eines riesigen Grundstücks bildete. Sarah pfiff anerkennend durch die Zähne. „Ich probier mal, ob der Schlüssel passt." „Wieso sollte er nicht passen, wenn die Hausnummer stimmt?" Für Olaf war die Sache erledigt. Er öffnete den Kofferraum und nahm schon mal die beiden großen Koffer raus. Sarah hatte in der Zwischenzeit aufgeschlossen und brach in ein verzücktes „Uhhhhhh" aus.




Olaf folgte ihr und war genauso begeistert. Sie standen in einer Art Vorraum mit gefliestem Boden. Direkt vor ihnen gab es an der linken Wand einen kleinen Brennofen. Dahinter befand sich eine Holztür. Sarah öffnete sie. „Boah…sieh dir mal dieses Badezimmer an!" Ihr Gesicht sah aus wie das eines kleinen Kindes am Weihnachtsmorgen. Olaf sah über ihre Schulter. Ein riesiges Badezimmer, fast so groß wie ihr Wohnzimmer zuhause, tat sich vor ihm auf. Helle Fliesen, zwei Fenster. An der rechten Wand stand eine Waschmaschine. An der Wand gegenüber der Tür hatten die Besitzer eine Duschnische aus Glasbausteinen errichtet. Ein paar Meter daneben prangte ein Whirlpool. Gegenüber dem Whirlpool, links neben der Tür, war das Waschbecken. Es war von Schränken umgeben. Genug Platz für Sarahs ganzes Zeug und Olafs Rasiersachen.




„Hier guck mal." Sarah betätigte einen Regler, der neben ihrem Kopf in der Wand eingelassen war. „'Ne Fußbodenheizung!" „Und da drüben ist auch ein Handtuchtrockner." Olaf war wirklich beeindruckt. Das Bad war so groß, dass die Stimmen der beiden darin widerhallten. Die beiden verließen das kleine Paradies und schauten sich noch mal in dem großen Vorraum um. Ein Fernseher stand auch da, komplett mit Satelliten Receiver. „Da drüben ist ja noch eine Tür." Olaf eilte zur rechten Seite des Raumes. Er wollte dieses Mal der erste sein. „Oh, ein schönes Schlafzimmer, komm mal!" Sie schaute über seine Schulter „Hui, Laminat, und so ein schönes helles, jetzt siehst du mal, wie gut das aussieht! Wenn wir wieder zuhause sind, nehmen wir dasselbe fürs Wohnzimmer. Ich hab dir schon tausendmal gesagt wie genial das aussehen würde!"





„Jaja, schon gut." Olaf wollte sich die Laune nicht verderben lassen. Im Zimmer standen ein großes Doppelbett, ein Kleiderschrank und zwei Nachttischchen. Die Wände waren hier nicht verputzt wie im Vorraum, sondern aus Holz. Farbenfrohe Vorhänge umrahmten zwei Fenster. Olaf stellte schon mal die beiden Koffer hier ab. Er verließ das Schlafzimmer und ging den schmalen Flur entlang, der in den anderen Teil des Hauses führte.




„Du, hier geht's noch weiter. Oder willst du im Schlafzimmer bleiben?" Sie folgte ihm. Links und rechts des Flurs befanden noch mal jeweils zwei Türen. Auf der linken Seite waren zwei kleinere Schlafzimmer mit etwas primitiveren Betten, auf der rechten ein weiterer Schlafraum, mit zwei Etagenbetten für Kinder. Hinter der nächsten Tür verbarg sich ein kleines Badezimmer. Das war grün gefliest, hatte ein ebenfalls grünes Waschbecken und eine Dusche mit einem alten, aber sauberen Duschvorhang. Sarah blickte kurz über seine Schulter. „Ok, das Bad hier kannst du haben, ich nehm das andere!" Kichernd huschte sie weg bevor er an ihrem Pferdeschwänzchen ziehen konnte.





Sie betraten den großen Raum hinter dem Flur. Eine kleine offene Küche auf der rechten Seite, eine Essnische auf der linken. Neben dem Esstisch hing ein Bambusvorhang, der eine Terrassentür verdeckte. Hinter der Küche und der Essnische war das Wohnzimmer. Klein, aber sehr gemütlich, mit einer bequemen Couch und einem offenen Kamin. Und einem weiteren Fernseher. „Wahnsinn, ein zweiter Fernseher! Damit dürfte das Konfliktpotential gleich null sein für den Urlaub!" „Hör auf, dir geht noch einer ab." Olaf grinste sie frech an. „Dafür ist der Whirlpool da." Sie sah ihm herausfordernd in die Augen und zwinkerte. „Uhh, das klingt aber viel versprechend." Olaf rieb sich die Hände. „Oder aber bedrohlich, such`s dir aus! Mann, ist das ein schönes Haus. Komm, wir holen die Sachen rein und beziehen die Betten. Dann kaufen wir ein paar Sachen ein und hauen uns ein Weilchen aufs Ohr. Sonst schwächelst du noch im Whirlpool."





Sie zog ihr Handy aus der Handtasche. „Was machst du?" „Ich schicke Birgit eine SMS, damit sie nicht in einer Stunde oder so hier auftaucht." Gute Idee, dachte Olaf und ging zurück zum Auto. Er bewunderte das riesige Grundstück, das sich rund um das Haus zog. Es war von Kiefern und Büschen umgeben und konnte von den Nachbarhäusern nicht eingesehen werden. Ruhe und Abgeschiedenheit. Wenn er sich hier nicht erholte, dann nirgendwo.





Sarah hatte in der Zwischenzeit die von den Eigentümern bereitgestellten Kissen und Bettdecken in ein Nebenzimmer gelegt und ihre eigenen aus dem Koffer geholt. Ihr Sauberkeits-Tick eben. Dabei hatte sie nicht einmal eine Hausstauballergie, die den Austausch gerechtfertigt hätte. Aber Olaf hatte dafür Verständnis, dass sie lieber in ihren eigenen Milben schlief. Es war ihm ehrlich gesagt auch lieber.




„Den Strom müssen wir noch einschalten!" rief Sarah ihm zu. „Normalerweise ist der Kasten hier irgendwo draußen, wir müssen den Verbrauch ablesen, eintragen, und am Ende des Urlaubs auch wieder. Die Differenz wird dann bezahlt. Nun müssen wir nur noch den Sicherungskasten mit dem Hauptschalter finden." Sie durchsuchte die Räume. Ratlos kehrte sie kurze Zeit später wieder. „Ich finde ihn nicht", klagte sie. Olaf suchte zusammen mit ihr die Räume ab. Nach fast einer halben Stunde fanden sie ihn zu ihrer Überraschung an der Wand des Kinderzimmers, verborgen in einem Kleiderschrank. Nun konnte die Stromverschwendung endlich losgehen. Olaf legte den Schalter um, und Sarah schaltete den Kühlschrank ein.




„Huhuuuuu! Keiner zuhause?" Ein ziemlich lautes Klopfen an der Eingangstür kurze Zeit später brachte Olafs Eingeweide dazu, sich zusammenzuziehen. Offensichtlich war die SMS noch nicht eingetroffen, oder sie hatte Birgit nicht zurückgehalten. Sarah stürzte zur Tür und warf sich begeistert kreischend in Birgits Arme. Sofort begannen die beiden zu schnattern.





„Oh! Euer Haus ist aber schön! Und dieses große Bad! Die Eigentümer haben den Teil hier wohl angebaut?" Birgit war schon auf Entdeckungstour. Sarah warf einen Blick auf Olaf, der seine Seite des Bettes bezog und eilte an Birgits Seite. Ein paar geflüsterte Sätze später steckte Birgit ihren Kopf ins Schlafzimmer und sah Olaf mit einem verzerrten Lächeln an. „Ich wollte nur schnell Hallo sagen, bevor wir zum Strand fahren." Ihre Stimme klang vorwurfsvoll.





„Hallo Birgit", brummte Olaf. „Wir werden schnell noch ein paar Sachen einkaufen und dann ein paar Stunden schlafen. Den Strand sehen wir uns später an, ich bin etwas erledigt von der Fahrt." „Ja…ja, das hat Sarah mir schon erzählt. Wir sehen uns dann später! Wir kommen nachher vorbei!" Olaf zuckte zusammen. Sarah warf sich schnell dazwischen. „Du, am ersten Tag noch nicht, sei nicht böse. Heute wollen wir erstmal den Whirlpool ausprobieren und so."  Sie grinste verlegen. „Ach sooo, schon klar!" Birgit kicherte anzüglich und verließ die beiden mit der Drohung, dass man morgen zusammen etwas unternehmen werde. Olaf konnte sich einen erleichterten Seufzer nicht verkneifen, als er Birgit am Ende der Auffahrt rechts abbiegen und hinter den Bäumen verschwinden sah.




„Manchmal glaube ich, du kannst sie doch nicht ausstehen", sagte Sarah. Sie nahm sich einen Bezug und stülpte ihn über ihr Kopfkissen. „Sie ist doch echt nett und meint es nur gut!" „Sie ist nett. Aber manchmal ist mir das einfach zuviel. Wir haben doch schon mal deswegen gestritten, lass es uns nicht am ersten Urlaubstag noch mal tun. Wir haben im Alltag so wenig von einander. Wenigstens im Urlaub möchte ich dich mal ganz für mich allein." Ich hoffe die haben einen eigenen Whirlpool in ihrem Haus. Sonst hocken alle vier nämlich ganz schnell in unserem, dachte er und stopfte verbissen seine Decke in den Bezug.




„Ich habe ihr schon verklickert, dass wir viel Zeit für uns wollen. Aber einmal werden wir alle hier haben zum Grillen, das wird sich nicht vermeiden lassen. Und einen Abend müssen wir hin zum Spielen. Das habe ich ihr auch schon versprochen. Und die Einkaufsmeile werden sie uns auch noch zeigen wollen." „Was gibt`s da zu zeigen? Die kann man nun wirklich nicht verfehlen. Können wir nicht wenigstens alleine shoppen gehen? Sonst müssen wir wegen der Kiddies wieder alle zehn Meter stehen bleiben, so wie auf der Kirmes." Olaf wusste selbst, wie selbstsüchtig das klang. Er konnte Widerwillen in Sarahs Gesicht sehen. Ihre Lippen hatten sich zu einem dünnen Strich verzogen. Sie warf das bezogene Kissen unnötig heftig auf das Bett.





„Okay, schon gut. Wir lassen es einfach auf uns zukommen", seufzte er. „Ich bin einfach müde, das ist alles. Ich will jetzt nur noch einkaufen und dann ein paar Stunden schlafen." „Du siehst auch ziemlich erledigt aus. Der Supermarkt ist ja ganz in der Nähe. Weißt du was? Du legst dich hin und ich kaufe ein bisschen ein. Viel brauchen wir ja nicht. Und die schweren Sachen kann ich im Auto lassen, und du holst sie dann später raus." Sarah wusste, wie ungern Olaf Auto fuhr. Vor allem jetzt, wo alles so voll war.




„Hm…okay, das wäre gut. Ich nehme schnell eine Dusche und hau mich hin." „Mach das. Aber sei vorsichtig, normalerweise musst du das hier so machen: Du drehst die Dusche kurz an um dich einzunässen, dann machst du sie schnell wieder aus und seifst dich ein und wäscht dir die Haare. Dann spülst du alles schnell wieder ab. Man hat nämlich meistens nicht sehr lange warmes Wasser." „Einnässen, wie das klingt. Aber danke für die Warnung." Er öffnete nacheinander die Koffer und Taschen, bis er seinen Kulturbeutel fand.


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