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Reiseberichte
Buch Leseprobe Berge können nicht Kanu fahren, Berthold Baumann
Berthold Baumann

Berge können nicht Kanu fahren



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Yukon-Rundmail 4.2

So erreichte ich recht flott Inuvik, die „Stadt der Menschen”. Die Retortenstadt ist gar nicht so hässlich, wie ich befürchtet hatte. Sie wurde erst in den 50ern von den Kanadiern erbaut, um die Eskimos – Tschuldigung, Inuit, was „Menschen” heißt – besser erreichen zu können. Eskimos ist nämlich politisch nicht mehr korrekt, weil es „Rohfleischfresser” bedeutet. Den Namen haben sie übrigens von den Indianern bekommen, die jetzt auch nicht mehr Indianer sondern First Nations heißen. Kann ich irgendwie nachvollziehen. Alles nur, weil sich so ein blöder italienischer Wassersportler in spanischen Diensten verfahren hat. Wie dem auch immer sei, nun leben rund 3.200 Inuit, First Nations vom Stamm der Gwich’in Dene und Weiße – die heißen immer noch so – hier mehr oder weniger gesellig beisammen. Ganz schnuckelig. Die verfügen über so ein übererdiges Fernwärmesystem, so dass überall Kanäle und Brücken (geht da nicht jede Menge Wärme verloren bei Temperaturen von –50° im Winter?) durch die ganze City führen. Ach ja, so eine Kirche in Iglu-Form gibt es auch noch. Man muss den Touris ja was zum Fotografieren anbieten. Ich bin Touri, also fotografierte ich sie.

Entgegen meiner ursprünglichen Absichten, direkt wieder zurückzufahren, blieb ich noch. Am nächsten Tag: Blauer Himmel, Sonnenschein und Hitze. Ich krichte en Koller. So, ich stiefelte ins nächste Adventure-Tours-Büro rein und buchte einen Flug nach Herschel Island – auf eskimoisch bzw. innuitisch – heißt es Qikiqtaruk. Das Inselchen gehört wieder zum Yukon Territorium und weiter gen Norden geht es im Yukon nicht mehr. Zu viert – zwei Engländer, ein Kanadier und meinereiner – in so ein kleines Wasserflugzeug, wie gehabt. Ganz klasse: Wir flogen über das McKenzie-Delta. Irrsinnig viele Arme (Fluss-), Sumpf und Seen. Die aktuellen Flussarme konnte man an der kakaoähnlichen Farbe des mitgeführten Gletscherschlamms erkennen. Die Seen variierten in zahlreichen Schattierungen von grün bis blau. Ach ja, da trabte auch noch so ein komischer Moschusochse rum, aber vom Flugzeug aus, zählt das nicht richtig.

Außerdem hielt ich Ausschau nach einer Arche. Ich höre schon wie ihr sagt „Jetzt ist er total durchgedreht”. Aber nein. Ich hatte in Schimmel einen Deutschen getroffen, der mit ein paar Kumpels eben jene Arche bauen wollte, so als Kunstwerk. Sah sie aber nicht. Bei der Ausdehnung des Deltas kein Wunder. Mittlerweile ist sie fertig und ich habe mir die Bilder im Internet angeguckt. Echt durchgeknallt.

Herschel Island war so um 1900 rum eine Walfangstation der Amis. Da stehen jetzt nur noch so ein paar Hüttkes (Nein Suse, keine Schlösserkes). Aus dem Flugzeug und Wind. Herrlich erfrischend. Da die Insel ein Nationalpark ist, erklärte uns ein Ranger, was hier damals so abgegangen ist. Ganz lustig Männeken, vor allem konnte er gut erzählen. Er ist Inuit und seine Großeltern lebten schon hier. Erzählte ein paar witzige Geschichtchen aus Herschels Vergangenheit.

Noch eben den Friedhof besucht – finde ich ja immer ganz interessant mit den verwitterten weißen Holzkreuzen, ist wohl eine morbide Ader in mir; die Inuit begraben übrigens nur die „bösen” Menschen, die guten werden mit guter Aussicht auf eine von ihnen gewünschte überirdische Position gesetzt – und so einen Hügel hoch. Erstens sah ich immer noch keine Karibus – die sollten sich in dieser Jahreszeit eigentlich hier tummeln – und zweitens schwitzte ich wie ein Huskie im griechischen Sommer. Ich fragte unseren Piloten, ob noch ein wenig Zeit für einen kurzen Sprung ins Meer bliebe. Er grummelte irgend etwas von „crazy germans” und ich nahm das als Zustimmung. Also rein in den Pool, der sich hier arktisches Meer nennt. Angenehme Schwimmtemperatur. Der Ross war kälter.

Tja, den Karibus habe ich es schließlich gegeben. Erst in der Karibik – da war ich im vergangenen Winter – keine und hier auch nicht. In einem Restaurant in Inuvik ein Karibu-Steak bestellt. War ganz lecker, halt der typische Wildgeschmack. Nach meinen weiteren Beobachtungen arbeiten in Inuvik mindestens drei Taxiunternehmen mit zusammen bestimmt 20 Taxen. Das gibt es auch nur in Nordamerika. In Deutschland würden die sofort Pleite machen.

 

Yukon-Rundmail 4.4

In Dawson City hatte ich dieses Mal keine richtige Lust auf Party. Ausführliche Säuberungsaktionen und hier und da ein bisschen gucken. Okay, noch mal eben ins Midnight Sun. Immerhin hatte ich zum ersten Mal am nächsten Morgen in Dawson keine Kopfschmerzen. Ich ging ins Visitor Center des Nordwest Territoriums – Inuvik und die Hälfte des Dempsters gehören dazu. Die Mädels waren gut drauf. Ich sollte irgend etwas über den Dempster ins Gästebuch schreiben, ruhig auf deutsch. Da steht jetzt folgendes drin: „Der Dempster ist halb so wild. Man muss nur schnell genug fahren, damit die Steine keine Zeit haben die Reifen aufzuschlitzen.”

Und weiter gen Norden auf einem Highway, den die Amis in all ihrer Bescheidenheit ”Top of the world highway” nannten. Auch hier wieder traumhafte Aussichten bei sonnigem Wetter. Direkt hinter der alaskanischen Grenze hatte Pia starken Durst. An der Tanke spielte sich folgender Dialog zwischen mir und dem Tankwart ab:

T: „There is a free coffee with a gas fill”.

B: „I don’t drink any coffee!”

T: „Every German drinks coffee.”

B: „No, every German drinks beer.”

T: „No free beer with a gas fill!”

Schade eigentlich.

 

Ein Abstecher nach Eagle. Geile Kurvenstrecke auf Schotter und landschaftlich sehr schön: Ein großer Teil des Weges führt durch einen engen Canyon und immer wieder musste ich per Brücke von einem auf das andere Ufer des gleichen Flusses wechseln. Das Dörfchen selbst ist ganz nett. Vor allem der Hinweis auf dem Campingplatz, dass man auf niedrig fliegende Flugzeuge achten soll, da direkt dahinter der Flugplatz liegt. Auch den Yukon sah ich wieder. Ich dachte, hier wäre schon alles flach, aber das Gegenteil ist der Fall. Muss ich doch noch mal weiter paddeln als bis Dawson.

Leider machte Pia Schwierigkeiten. Der Kühler war gerissen. Bo baute ihn aus, schweißt ihn, baut ihn wieder ein und kassierte 80 Dollar. Wieder ein richtiges Abenteuer, wobei die Betonung auf den letzten beiden Silben des Wortes liegt. Das ganze dauerte vier Stunden, während derer er mir seine Auto- (unter anderem ein Cadillac Eldorado mit sieben Litern Hubraum) und Waffensammlung („Makarov – KGB-Weapon”) zeigte. Außerdem ist er der Überzeugung, dass die deutsche Regierung zu liberal ist, Alaska nicht zu den Staaten gehört und die Leute hier Waffen tragen, damit die Politiker nicht machen können, was sie wollen.

Nach diesem staatsbürgerlichen Unterricht landete ich endlich in... halt, da muss ich ja erst ein Geschichtchen erzählen. Einige kennen es vielleicht schon, weil ich es so typisch für die pragmatische Art der Amis finde, dass ich es immer wieder gerne zum Besten gebe. Also die Bewohner dieses kleinen Ortes kamen zusammen, um eben jenem einen Namen zu geben. Er sollte Schneehuhn – englisch Ptarmigan; hört sich ja wirklich sehr englisch an – heißen. Man war sich jedoch über die richtige Schreibweise nicht einig. So kam es, dass ich in Chicken eintraf. War aber nichts besonderes.

Yukon-Rundmail 6.2

Noch zu meiner kurzen Atlinvisite. Der Friedhof dort ist einsame Spitze. Viele alte Holzkreuzgräber mit „witzigen” Inschriften wie „an einer Schusswunde gestorben, nachdem er irrtümlich für einen Bären gehalten wurde” oder „schaffte den Trail nicht und erfror leider”. Dann gab es da noch eine Straße, an der irgendwann ein Schild erschien, auf dem stand, dass sie ab hier nicht mehr gewartet werden würde. Reizte mich natürlich. Also – damals noch mit Pia – darüber gefahren. Zuerst waren es nur große Pfützen, später immer größere Bäche, die ich durchfahren musste. Irgendwann gab es kein Durchkommen mehr für uns und wir drehten um.

Ganz phantastisch war die Rückfahrt nach Whitehorse (abgesehen von dem Stop im Graben natürlich). Schon mal probiert beim Sonnenuntergang über die Straße zu cruisen, dabei Dire Straits „Brothers in arms” zu hören und links und rechts, Berge mit überpuderzuckerten Schneegipfeln, Hügel mit roten – von irgendeinem Busch – Spitzen und grünem mittleren und gelblichem unteren Bewuchs sowie knatschblaue Seen zu betrachten? Kommt gut.

Ach ja, eine witzige Geschichte am Rande: Ganz am Anfang meiner Tour traf ich eine Gruppe des Reiseunternehmens für das ich während des Studiums unter anderem als Teamer auf dem Yukon gearbeitet hatte. Nachher hörte ich von Scott – er und seine Frau Joanne sind die beiden obersten Kanoe People – das Reiseleiter Ralf mit der zweiten Gruppe, die er führte, erwischt und unverzüglich in den nächsten Flieger nach Deutschland gesetzt worden ist. Als Ausländer darf man hier nämlich nur eine Gruppe führen, mit der man hin- und auch wieder zurückfliegt. Habe ich ja noch mal Schwein gehabt, da ich auch immer zwei Touren leitete. Die Tour wurde von einem der KP weitergeführt.

 

So, jetzt tauche ich aber wirklich ab

Jim-Berti und John Wayne

 

PS. Da hatte mal irgendwer gefragt, was ein Loon (nein Peter, kein Huhn) ist. Absolute Bildungslücke, denn singen nicht schon die Doors im Alabama Song „Oh Loon of Alabama”? Dat is also so ne aufgepumpte Ente, die aber Fische, Frösche und andere possierliche Tierchen dieser Art frisst. Ist auch auf dem kanadischen Ein-Dollar-Stück abgebildet, das deswegen „Loonie” geheißen wird – konsequenterweise wird das Zwei-Dollar-Stück „Toonie” genannt. Daneben sind die Viecher auf jedem kanadischen See zuhause und lassen vor allem in der Morgen- und Abenddämmerung ihre lauten, klagenden Rufe los, die manche Kanuten vor Schreck fast aus dem Kanu springen lassen (gell, Peter?).

Yukon-Rundmail 7.1

Hey folks,

 

sitze gerade mal wieder in einer Bibliothek – in Mayo – und warte auf meine Mitfahrgelegenheit zum Startpunkt meines nächsten Kanutrips.

Jim stellte sich – wie erwartet – als richtiges Drecksstück heraus. Nach einem fröhlichen Abend mit zwei anderen Deutschen auf dem Campingplatz in Schimmel, wollte ich mich in meinem Auto zur Ruhe betten. Zehn Minuten nach dem Hinlegen wanderte – den Geräuschen nach – eine ganze Mäuseherde durch den Wagen und meinen Proviant. Schüchterne Versuche meinerseits, sie aus dem Wagen hinaus zu komplimentieren scheiterten kläglich. Danach fegte ich sie mit dem Handtuch aus dem Auto. Aber die waren schon wieder drin, bevor ich die Tür geschlossen hatte. Sie kannten sich im Auto besser aus als ich und fanden es besonders „witzig”, über Motorhaube und Windschutzscheibe zu flitzen. Nach einer Stunde ernsthaft erzürnt – ich kann nicht schlafen, wenn mir dauernd Mäuse über den Schlafsack huschen – griff ich zur Kanone: Müsliriegel als Köder ausgelegt und mit Bärenspray auf Mäuse geschossen. Etwa 30 Sekunden nach definitiven Treffern, saß die Maus wieder am Riegel. Das lässt folgende mögliche Schlussfolgerungen zu:

 

1. Bärenspray wirkt nicht bei Mäusen

2. Mäuse sind kräftiger als Bären

3. Bärenspray wirkt überhaupt nicht

4. Bären sind Warmduscher und Weicheier

 

Zur Beruhigung meiner Nerven tendiere ich zu 2. und 4.!

 

Ich baute also mitten in der Nacht mein Zelt auf und machte mir kreative Gedanken, wie ich meine lästigen Mitbewohner los werden könnte. Also am folgenden Morgen zur Tankstelle, den Wagen total ausgeräumt und den kompletten Innenraum mit dem Hochdruckreiniger beschossen. Ich sah zwar keine Mäuse rausspringen, aber in der nächsten Nacht war Ruhe. Das Wasser floss durch die zahlreichen Rostlöcher recht schnell ab. Dann fuhr ich nach Keno City und genoss auf dem Keno Hill die Nordlichter und den dort schon liegenden Schnee.

 

Yukon-Sondermaildung 1.1

 

Hallo Leute,

 

jetzt ist es perfekt. Ist euch dieses dauernde Rumhängen in Whitehorse aus logistischen und monetären Gründen nicht komisch vorgekommen? Kanu auf Dach, Futter einkaufen, losfahren, Kanu auf Fluss, Futter rein und ab. Habt ihr euch nicht gefragt „Ist der blöde?” (dies ist eine rhetorische Frage und die Antwort lautet weder „ja” noch „42”). Einigen hatte ich ja Andeutungen gemacht und die meisten werden es eh geahnt, erwartet, gehofft oder befürchtet haben: Seit heute besitze ich ganz offiziell mein eigenes kleines Stückchen Kanada bzw. Yukon.

Wo?”, wollt ihr wissen? Nun ja, im weltbekannten Keno City. Bevor ihr jetzt alle die Atlanten wälzt, guckt lieber unter der Internet-Adresse http://www.kenocity.info nach. Nachteil des Grundstücks: Es liegt mitten in Downtown Keno City. Vorteil: KC hat nur 25 Einwohner. Hier endet der Highway. Führt man in gedanklich weiter, würde man – glaube ich – nach etwa 300 Kilometern auf die nächste Stadt stoßen. Eigentlich fuhr ich da nur mal vorbei, um auch jeden Kilometer Yukon Highway unter die Räder genommen zu haben. Aber dann verliebte ich mich auf Anhieb in die Landschaft und das Dörfchen. Wo wird man im Yukon sonst schon von zwei Schweinen begrüßt, die munter über die Straße laufen? Gepennt habe ich immer im Auto auf dem Keno Hill. Dort steht auch der touristische Höhepunkt für alle Amis: Die sogenannte Signpost. Ein Pfahl mit Schildern dran, die die Entfernung nach London, Paris, Berlin, New York, Haifa und was weiß ich noch angeben.

Aber erst nach der Besichtigung der Bar, entschloss ich mich. Bis vor etwa 30 Jahren war hier noch der Wilde Westen: Silber- und Goldminen und jede Menge Miner. Die Bar ist deshalb nun etwas überdimensioniert, da passen nämlich rund 400 Leute rein. Zum Ausgleich passen in die benachbarte Kirche nur 15 und die ist sowieso auch noch zur Bücherei umfunktioniert worden. Hier werden klare Prioritäten gesetzt. Vom Wirt Geordie kaufte ich auch mein Grundstück. Wir müssen noch etwas an seinem Whisky-Sortiment arbeiten, aber das werde ich wohl in den Griff kriegen. Auf jeden Fall, ließen wir an dem Abend noch kräftig die Gläser kreisen. Die Menschen dort sind alle ein wenig kauzig. Wahrscheinlich werde ich hervorragend reinpassen.

Es gibt sogar eine Pizzeria in Keno. Ist Mike, der Inhaber, mal gerade nicht da, wenn ein Gast kommt, macht irgend jemand, der gerade Zeit hat, das Essen. Bürgermeister Bob erzählte mir auch von der letzten Schlägerei in Keno City: Ein 72- und ein 76-jähriger kloppten sich in der Kneipe. Bob schilderte mir beim Essen des Pflaumenkuchens seiner Frau Insa (aus Norderney) auch die Geschichte des Autounfalls, der stattfand, als es genau zwei Autos in Keno gab: Vor der Bar sind sie frontal gegeneinander gefahren. Ich hab' ihn dann gefragt, wer denn in dem anderen Auto gesessen hat.

 

Man kann hier wandern – jede Menge alte Minenwege und der euch allen mittlerweile bekannte Mt. Haldane; den knack' ich dieses Jahr noch, Kanu fahren – South McQuesten und zahlreiche Seen, angeln – wenn man es kann, reiten – ja, diese komischen Tiere, auf denen man immer so hüpft, mountainbiken, joggen – zum Keno Hill sind es genau zehn Kilometer, aber steil bergauf, alte Minen besichtigen, mit dem Allrad-Auto durch die Taiga ballern und, und, und. Wie ihr lest, bin ich immer noch hellauf begeistert.

Hi Berti,

solltest du etwa die „John's cabin on Sourdough Hill” gekauft haben? Als aufmerksamer Leser der Keno City Website ist mir diese Hütte ja direkt ins Auge gesprungen. Also dann überlege ich mir das noch mal mit der Besucherwarteliste. Aber jetzt verrate mir doch mal: Wo wird denn zukünftig dein erster Wohnsitz sein? Ist das nun der Anfang, um Deutschland endgültig Lebewohl zu sagen? Wenn ja, wovon willst du dich ernähren (jetzt klinge ich wahrscheinlich wie deine Mutter, oder?)? Oder willst du die Hütte an Touris vermieten (aber da verirrt sich doch eh' keiner hin)? Deine Mail hat mich doch etwas überrascht (obwohl man ja bei dir eigentlich immer auf alles gefasst sein muss). Das hast du nun davon! Also, ich bitte nun um Auflösung der 1000 Fragezeichen. Los! (solange halte ich auch den Hund bei mir, ätsch)

 

Bis dann,

Sandra

 

 

 

Hi Berti,


normalerweise warte ich ein bis zwei Tage und dann beantworten sich meine Fragen von selbst.... Aber jetzt gucke ich schon jede Stunde und du hast immer noch nicht auf Sandras Mail geantwortet. Ich bin genauso neugierig.... Derweil habe ich mir noch einmal die Homepage von Keno „City” angeguckt. Ich war Besucher Nr. 101. Nach deiner Yukon Sondermaildung ist der Zähler wahrscheinlich rasant in die Höhe geschnellt. Besonders erfreut war ich, dort zu lesen: pets are welcome – wir sprechen deutsch. In Keno City soll ja angeblich die Zeit stehengeblieben sein. Das trifft auf Geordie wohl nicht zu. Der sieht (sag es nicht weiter) auf dem Bild älter, als einige seiner Whiskyflaschen aus. Jetzt bin ich gespannt, wann du dort vorgestellt wirst. Wie wär´s: See our new Inhabitant Berti....... im Kreise der ledigen Dorfschönheiten. So weit reicht mein Englisch dann doch nicht. Bis denn, und nicht vergessen. Cheeeeeeese!!!

 

Gruß, Hildegard

Hallöle Sandra, hallo Hildegard,

also mein Grundstück ist nicht so doll groß. So 60 Meter lang und 40 Meter breit. Im Hintergrund steht ein Rudel Bäume, es geht dann etwa zehn Meter hügelab, es folgt der örtliche Campingplatz – sieben Stellplätze – und dahinter ist ein kleiner Bach.

 

Bis denn

Berti

Yukon-Rundmail 15.2

Bei Kilometer 80 sah ich sie endlich: Wild in der Gegend rummigrierende Karibus. Das bedeutet, die Jungs und Mädels mit den Geweihen – die einzigen Rehviecher bei denen beiderlei Geschlecht Hörner aufgesetzt bekommt – latschten in ihre Winterquartiere. Rund 150 Meter waren die Tierchen von mir entfernt. Kaum hatte ich jedoch gestoppt, saß mir auch schon ein Ranger im Nacken. Um die Leittiere nicht zu verstören, war ein einwöchiges Jagdverbot am Dempster ausgesprochen worden. Warum die so eine Angst um ihre Karibus haben, verstehe ich allerdings nicht. Allein diese Porcupine-Karibu-Herde besteht aus 160.000 Viechern. Hört sich nicht gerade nach einer aussterbenden Art an. Der Ranger überzeugte sich schnell von meiner Harmlosigkeit – gegenüber Karibus – und gab mir einige Tips, wo ich noch welche finden könnte.

In dieser großen, flachen Gegend sah ich noch zahlreiche aus 30 bis 100 Tieren bestehende Teilherden. Es war düster, windig – dadurch noch wesentlich kälter als das Thermometer anzeigte, der sogenannte Windchill-Faktor –, die Flüsse größtenteils zugefroren und schneite wie Sau. Und der nächste Anblick schockte mich geradezu. Kopulierende Karibus. Also ich dachte bei dem Wetter ja an einiges, aber Outdoor-Sex wäre mir wahrscheinlich als letztes eingefallen. Bei der Kälte, also ich meine rein technisch... ihr wisst schon was ich meine. Nun denn, mein Respekt vor den Karibus stieg ins Unendliche.

Landschaft natürlich – wie gehabt – schlunderwöhn. Schneebedeckte Berge, wohin das Auge schaute. Rund 230 Kilometer weiter gab es erneut Karibus zu bestaunen. Die wanderten lustig auf der Straße, dem besten Weg über den North Fork Pass. Bronco und ich schienen sie nicht weiter zu stören. Erst wenn wir auf 40 Meter rankamen, wurden sie flüchtig (ich glaube, das ist sogar richtige Jägersprache). Wir jagten sie ein Stück die Straße hoch und ich beschoss sie aus dem fahrenden Auto mit der Kamera (waidmännisch nicht ganz so korrekt). Allerdings nur kurz, um den Viechern nicht zuviel Kraft zu rauben. Mehrere Male sah ich Herden von 30 bis 50 Tieren. Es gab aber auch Mini-Gruppen von fünf Tieren – ist wahrscheinlich billiger, wie bei der Bahn – und ein paar Einzelgänger.

Rund 50 Kilometer vor der Eagle Plains Lodge stieß ich auf deutsche Touristen, die mit ihrem VW-Bulli Synchro in einer Schneewehe festsaßen. In der Tat waren das die einzigen Menschen, bis auf den Ranger und den Räumdienst, die mit auf der Straße waren. Und das auf rund 400 Kilometer! Jetzt spielte Bronco seine ganze Kraft und sein Gewicht aus. Wir nahmen den Bulli an die Kette und schwuppdiwupp waren die draußen. In Eagle Plains gefuttert und heiß geduscht (dabei festgestellt, dass selbst mein Duschgel gefroren war) – eine Möglichkeit, die den meisten Karibus und auch den alten Goldgräber verwehrt ist bzw. wurde. Noch mehr Respekt. Doch auch ich fuhr heroisch weiter, fand etwa sieben Kilometer nördlich einen Schlafplatz und nächtigte wieder im Wagen – weiterhin Schlafstufe 3. Darüber hinaus verzichtete ich auf mein abendliches Bier, um dem nächtlichen Ausflug zu entgehen (mögliche Therapie für Alkis oder auch nicht, ich habe nämlich einen guten Schluck Whisky getrunken; gute Wirkung bei wenig Flüssigkeitszunahme). Morgens durfte ich die Scheiben von innen frei kratzen. „–20°“, war der lapidare Kommentar in der Lodge.


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