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Reiseberichte
Buch Leseprobe BELLA ITALIA, Raffaela Caccialepre
Raffaela Caccialepre

BELLA ITALIA


Erlebnisse eines Auswanderers

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Der nächste Punkt auf meiner Liste war die Anmeldung in meiner neuen Wohngemeinde. Der erste Teil war kein Problem, genau wie in der Schweiz betrat ich die Gemeindekanzlei und stellte voller Freude fest, dass ich die einzige Kundin hier war.


Toll! So muss ich nicht einmal lange warten!


Hinter dem Anmeldeschalter, an dem Pult, das dem Schalter am weitesten entfernt war, saß eine kleine füllige Dame an der Schreibmaschine. Sie trug eine golden schimmernde Bluse und war dermaßen übertrieben mit Goldschmuck behängt und beringt, dass sie aussah wie eine goldene Kaffeekanne. Frau Kaffeekanne sah kurz auf und bemerkte meine Anwesenheit, senkte den Kopf aber wieder und tippte ohne ein Wort einfach weiter. Ich ging davon aus, dass sie noch den angefangenen Satz zu Ende schreiben und danach an den Schalter treten würde. So hätte ich es nämlich an ihrer Stelle getan, schließlich mochte ich es auch nicht wenn ich meine Arbeit mitten im Satz unterbrechen musste. Doch Pustekuchen! Frau Kaffeekanne dachte wohl nicht im Traum daran zu mir an den Schalter zu treten. Es schien sogar als würde sie hoffen, dass ich wieder verschwinden würde, wenn sie mich einfach nicht beachten würde. Doch diesen Gefallen tat ich ihr natürlich nicht.


„Ich bin aus der Schweiz hierher gezogen und möchte mich nun hier anmelden!" rief ich quer durch den ganzen Raum.


„Abteilung vier, erster Stock!" rief Frau Kaffeekanne zurück.


Die ist wirklich zu faul um ihr Hinterteil aus dem Bürostuhl zu heben! Unglaublich!


„Danke schön!" rief ich extra freundlich und verließ kopfschüttelnd den Raum.


 


Oben im ersten Stock angekommen, stand ich mitten in einem düsteren Flur, links und rechts alles voller weißer Türen und nicht eine davon war beschriftet.


Na toll! Ist ein klitzekleines Schildchen mit der Aufschrift „Abteilung 4" wirklich zu viel verlangt?!


Einige Sekunden stand ich da und sah die vielen weißen Türen an.


So muss sich ein Kandidat bei „Geh aufs Ganze" gefühlt haben, wenn Moderator Jörg Draeger gefragt hat:  Entscheiden Sie sich für Tor 1, Tor 2 oder Tor 3? Nur dass ich hier die Auswahl zwischen 20 Türen habe. Da werde ich wohl einige Zonks einfahren...


Mit einem Seufzer ging ich auf in den Kampf. Ich klopfte an irgendeine dieser weißer Türen, öffnete sie und streckte den Kopf hinein. Der Raum war leer.


Die zweite Tür war abgeschlossen.


Hinter der dritten Tür saßen zwei Männer, die mich völlig geschockt ansahen, als ich die Tür öffnete.


„Entschuldigen Sie bitte die Störung, ich bin auf der Suche nach Abteilung vier, keine der Türen ist beschriftet. Können Sie mir sagen hinter welcher Tür Abteilung vier ist."


Zuerst bekam ich mal eine ganze Weile keine Antwort und als sich einer der beiden etwas gesammelt hatte, stotterte er:


„Abteilung 4? Hier ist nicht Abteilung 4."


Während der andere stumm neben ihm saß und nicht so recht wusste ob er nun nicken oder den Kopf schütteln wollte. Er wackelte mit dem Kopf und sah aus wie ein Wackeldackel. Ich musste mir ein Lachen verkneifen.


„Können Sie mir bitte sagen wo Abteilung 4 ist?" fragte ich ganz langsam.


„Links den Flur runter", antwortete der Stotterer. Doch diesmal ließ ich mich nicht linken!


„Welche Tür?" fragte ich sofort.


„Dritte Tür rechts."


„Also ich geh hier links den Flur runter und nehme die dritte Tür auf der Rechten Seite?" fasste ich zur Sicherheit nochmals zusammen.


Er begann zu nicken und auf einmal hatte ich zwei Wackeldackel vor mir sitzen.


„Danke!" gluckste ich schnell und schloss die Tür.


Draußen auf dem Flur konnte ich mir das Lachen nicht mehr verkneifen. Die beiden haben zusammen zu dämlich ausgesehen, wie sie da mit ihren Köpfen wackelten, tatsächlich wie zwei Wackeldackel auf der Hutablage eines Wagens. Und warum die zu Anfang wohl so geschockt über meine Störung waren? Ich möchte ja nicht wissen, was die Verbotenes zusammen ausgeheckt haben...


Grinsend ging ich links den Flur runter und stand wenige Augenblicke später vor der dritten Tür auf der rechten Seite. Wieder klopfte ich und öffnete die Tür. Ein Mann mit vollem weißem Haar und Lesebrille saß an einem Schreibtisch und las die Zeitung.


„Guten Tag, ist hier Abteilung vier?"


„Nein, Abteilung vier gibt es schon lange nicht mehr", antwortete er gemächlich und lächelte mich an.


„Wie, gibt es nicht mehr? Man hat mich hierher geschickt... die haben gesagt hier befindet sich Abteilung vier... ich muss mich anmelden... ich bin soeben aus der Schweiz hierher gezogen..." stammelte ich verwirrt.


„Es handelt sich also um eine Wohnsitzanmeldung? Dafür ist Schalter 1 gleich unten beim Eingang zuständig. Da können Sie sich anmelden", antwortete er gelassen und lächelte mich weiter an.


„Schalter 1 beim Eingang? Okay, vielen Dank."


„Immer gerne!" lächelte er vergnügt und vertiefte sich wieder in seine Zeitung.


Ich schloss die Tür und ging die Treppe runter.


Schalter 1 !! Also ist die faule Kaffeekanne doch zuständig!!


 


Frau Kaffeekanne saß noch immer an ihrer Schreibmaschine.


„Hallo nochmals, Abteilung vier existiert nicht mehr und die im ersten Stock haben gesagt Sie seien zuständig. Wie gesagt, ich bin aus der Schweiz hierher gezogen und möchte nun meinen Wohnsitz hier anmelden", rief ich wieder quer durch den ganzen Raum.


„Anmelden? Warum sagen Sie denn das nicht gleich!"


Mit diesen Worten hob die Kaffeekanne doch tatsächlich ihren Hintern aus dem Stuhl und wackelte zu mir an den Schalter.


Natürlich musste ich wieder unzählige Formulare ausfüllen, die Frau Kaffeekanne dann in aller Ruhe mit Stempeln übersäte, alles mit Briefmarken beklebte und grob geschätzt an die dreißig Heftklammern durchjagte. Aber das kannte ich ja alles schon. Die beiden Schocktherapien im italienischen Konsulat in Basel hatten Wirkung gezeigt. Diesmal nahm ich die ganze Prozedur etwas gelassener hin. Die Gefahr durchzudrehen war diesmal nicht ganz so akut.


Ohne viele Worte händigte mir Frau Kaffeekanne mein „Libretto di lavoro" aus und teilte mir mit wo ich meine „Tessera sanitaria" und den „Codice fiscale" abholen musste. Sie sagen jetzt vielleicht: He? Wovon zum Geier quatscht die da? Glauben Sie mir, genau das hab ich auch gedacht, als ich damals an dem Schalter stand und mit Informationen überschüttet wurde. Was es mit diesen drei Dingen auf sich hat, musste ich dann selber herausfinden, weil es Frau Kaffeekanne plötzlich sehr eilig hatte in ihre Mittagspause zu verschwinden und mich einfach stehen ließ.


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