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Wie schon erwähnt, hatten wir schon bald unsere ersten Begegnungen mit Shipibo-Indianern, die als Verkäufer an unsere Haustür klopften. Während eines Besuches der Bibelschule der Shipibo-Indianer in Pucallpa lernte ich weitere Shipibos kennen. In dieser Zeit nahm ich an den Unterrichtsstunden einfach als Beobachter teil. So bekam ich einerseits einen ersten Einblick in die Ausbildung von Indianerpastoren, andererseits aber auch in das Verhalten der Indianer als Schüler. Auffallend waren vor allem ihre Schüchternheit und die Schwierigkeiten, die sie mit der spanischen Sprache hatten. Auch später, als ich dann selbst unterrichtete, erlebte ich es immer wieder, dass Schüler sehr schüchtern waren. Doch oft lag das nur am Umfeld und an der fremden Sprache. Wenn man sie dann in ihrem Dorf besuchte, d.h. in ihrem eigenen Umfeld, wo sie sich in ihrer eigenen Sprache verständigen konnten, dann traute man oft seinen eigenen Augen nicht. – War das wirklich dieselbe Person? Nun, zu Hause fühlten sie sich „wie der Fisch im Wasser“, wie man in Peru zu sagen pflegt.
Bei meinen Besuchen in der Shipibo-Bibelschule in Pucallpa lernte ich auch einen jungen Shipibo-Indianer kennen, der weit weniger schüchtern war: Jeiser. Ver-mutlich lag das mit daran, dass er in Yarina (bei Pucallpa) aufwuchs und eine Schule in der Stadt besuchte. Aber er ist generell auch jemand, der sehr leicht Freundschaften schließt und alle Welt kennt. Schon bald entstand eine Freundschaft und Jeiser besuchte uns immer wieder auf der Missionsstation. Als ich ihn kennen lernte, besuchte er noch die Sekundarschule und befand sich zeitweise in einer ziemlichen Identitätskrise. Dies hing sehr stark damit zusammen, dass sein Vater seine Mutter verlassen hatte und sie mit den Kindern alleine blieb. Das Schwierigste aber war, dass sein Vater Jeiser immer als Sohn ablehnte und behauptete, er wäre von einem anderen Mann. Als sein Vater dann später schwer krank im Hospital lag, besuchte ihn Jeiser regelmäßig und bat mich, seinen Vater ebenfalls zu besuchen. Ich erfüllte Jeisers Bitte und hatte ein sehr gutes Gespräch mit ihm. Später hat sich dann die Beziehung zwischen Jeiser und seinem Vater verbessert, auch wenn es gelegentliche Rückschläge gab. Ein Spannungsfeld war für Jeiser immer wieder seine Identität als Shipibo-Indianer, der nicht traditionell im Indianer-dorf, sondern in der Stadt aufgewachsen ist. Das brachte ihm einerseits große Vorteile wie eine gute Schulbildung und ein gutes Spanisch. Aber ihm fehlen viele Kenntnisse, die ein im Dorf aufgewachsener Indianer sonst eben hat. Trotz des niedrigen Stellenwerts, den Indianer normalerweise in der peruanischen Gesellschaft haben, ist Jeiser stolz auf seine indianische Herkunft. Und er versteckt diese – im Gegensatz zu anderen seiner Stammesgenossen, die ebenfalls in der Stadt aufwuchsen – nicht. Nach der Sekundarschule machte Jeiser eine Ausbildung zum Krankenpfleger, die er mit Erfolg bestand. Bereits während seiner Schulzeit gewann er immer wieder Wettbewerbe und durfte so als Repräsentant der Jugend viele Reisen durch ganz Peru machen. So lernte er Menschen aus den unter-schiedlichsten Gegenden und Schichten Perus kennen und sein Horizont erweiterte sich erheblich. Neben seinem Einsatz in der Kirche ist er auch politisch sehr interessiert und engagiert, was ihn einmal fast in Probleme gebracht hätte ...
In den letzten Jahren setzte sich Jeiser sehr stark in der AIDS-Prävention ein, denn diese Krankheit ist auch für die Shipibo-Indianer zu einer Bedrohung geworden. Er führte zu dieser Thematik mehrere Studien durch und schrieb dazu auch Informations-Material in der Shipibo-Sprache. In eigener Initiative startete er Projekte in Shipibo-Dörfern, um die Bevölkerung – insbesondere die Jugendlichen – über die Krankheit zu informieren. Ich bin gespannt, wie sein Lebensweg weiter gehen wird. Es würde mich nicht wundern, wenn er eines Tages in der Landesregierung von Ucayali, oder sogar im peruanischen Parlament sitzen würde ...
Auch in einem Ausbildungskurs für kulturübergreifende Mission, der von FAIENAP, dem Dachverband der evangelischen Indianerkirchen des peruanischen Amazonastieflandes (www.faienap.org) durchgeführt wurde, boten sich weitere Möglichkeiten an, mit Indianern in Kontakt zu kommen. Im November 1998 fand dieser Kurs auf der Missionsstation statt und es waren v.a. indianische Pastoren, die daran teilnahmen. Manche dieser Pastoren arbeiteten bereits als Missionare unter anderen Stammesgruppen. Es war für mich bewegend zu sehen, welche Mühen sie auf sich nehmen, um anderen das Evangelium zu bringen. Während des Kurses gab es einen regen Austausch über Indianerkulturen und es wurde deutlich, dass es zwar viele Ähnlichkeiten, aber auch beträchtliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Volksgruppen gibt. Diese Unterschiede betreffen u.a. das Essen. So ist z.B. die Seekuh eine Spezialität für die Shipibo-Indianer (die infolgedessen schon fast alle in ihrem Stammesgebiet aufgegessen haben ...); für die Candoshi-Indianer ist die Seekuh jedoch ein Tabu-Tier, dessen Fleisch auf keinen Fall mit einer schwangeren Frau in Berührung kommen darf. Aber auch identische Verhaltensweisen in einem bestimmten Fall werden oft auf unterschiedliche Weise begründet. So kommt es z.B. immer wieder vor, dass Kinder, die mit einer Missbildung zur Welt kommen, getötet werden. Bei einer Volksgruppe wird dieses Verhalten mit der starken Betonung der Selbständigkeit des Individuums begründet, d.h. ein missgebildeter Mensch wird als Belastung für die Gesellschaft angesehen. Bei einer anderen Volksgruppe wird dieses Verhalten damit begründet, dass es das Kind eines bösen Geistes sei, der nicht geduldet werden könne.
Während des Kurses ergaben sich immer wieder interessante Gespräche und Begegnungen mit den indianischen Pastoren. Als wir an einem der Abende einen Film über das Leben des China-Missionars Hudson Taylor anschauten, war Tito, einer der Teilnehmer, sehr berührt und hatte Tränen in den Augen. Er hatte ebenfalls – so wie Hudson Taylor – seine erste Ehefrau sehr geliebt und diese schon recht früh verloren. Sein Schmerz darüber war immer noch groß, und doch hielt ihn das nicht davon ab, weiter auf Gott zu vertrauen und sein Wort zu verkündigen.
Mit einem anderen Shipibo-Indianer hatte ich eine Begegnung, die mich etwas irritierte. Er gab mir bei der Begrüßung zwar die Hand, schaute mir aber nicht ins Gesicht, sondern auf die andere Seite. Wie sollte ich das interpretieren? In unserem deutschen Kontext ist das ja nicht besonders höflich. – Aber: durfte ich meinen kulturellen Hintergrund als Maßstab nehmen? Ich fragte Roger, den Leiter des Kurses. Er ist ebenfalls Shipibo-Indianer, aber mit einer Mestizin verheiratet. Er klärte mich auf, dass es in seiner Kultur ein Ausdruck von Höflichkeit ist, dem anderen nicht direkt ins Gesicht, bzw. in die Augen zu schauen. – Ich ahnte, dass noch viele Fettnäpfchen vor mir liegen würden ...
Für den Abschlussabend des Kurses übten wir ein Anspiel ein. Als Weißer musste ich natürlich die Rolle eines verrückten Missionars spielen, der so allerhand Dumm-heiten macht, und vor allem überall mit seiner Kamera herum rennt. Wir hatten viel Spaß dabei und natürlich nutzte ich die Gelegenheit, um ein Foto zu machen ...
Während unserer ersten Monate auf der Missionsstation war auch ein Candoshi-Indianer als Lehrling im Kleintier-zuchtprogramm auf der Missionsstation. Er hatte einen echten, typischen Candoshi-Namen und hieß Mashingashi. Da geplant war, dass ich bald eine Reise zu seinem Stamm unternehmen würde, kam ich mit ihm ins Gespräch und wollte natürlich Einiges über ihn und seine Kultur wissen. Unter anderem fragte ich ihn, wie sich die Candoshi denn begrüßen. Er erklärte es mir. Ich sagte zu ihm: „Aber ihr gebt euch sicher nicht die Hand dabei?“ – Er erwiderte: „Doch, das tun wir, wir sind jetzt zivilisiert!“ Als ich zu den Candoshi kam, war natürlich nichts mit Händeschütteln! Es ist einfach nicht Teil ihrer Kultur. Aber solche Antworten mit der Betonung auf „Jetzt sind wir zivilisiert“ habe ich danach noch oft erhalten. Es hängt einfach damit zusammen, dass die Indianer in Peru eine Randgruppe bilden und sie – in Unkenntnis ihrer Kultur – oft als primitive Wilde angesehen werden. Entsprechend angeknackst ist auch das Selbstwertgefühl vieler Indianer und sie versuchen sich durch das „Zivilisiertsein“ zu nivellieren. Während der Reise zu den Candoshi kam ich sogar in Mashingashis Dorf und sein Vater lud uns zum Essen in sein Haus ein. Da erlebte ich noch so eine zivilisatorische Überraschung: Hingen da doch auf einer Leine im Haus – feinsäuberlich aufgereiht – mehrere Hemden und Krawatten. Ich fühlte mich wie Julius Cäsar in dem Film „Asterix bei den Briten“: Ich kam, sah und traute meinen Augen nicht ...!
Ein paar Jahre später gab es eine Situation in Mashingashis Leben, in der er eher traditionell, anstatt "zivilisiert“ reagierte. Er hatte einen Traum, in dem eine Stimme zu ihm sagte, er solle sich eine zweite Ehefrau nehmen. Für die meisten Indianer – auch für die Candoshi – haben Träume eine wichtige Bedeutung. Manchmal kommt es vor, dass sie tagelang zu Hause sitzen und über die Bedeutung eines bestimmten Traumes nachgrübeln. Nun, Mashingashi nahm den Befehl in seinem Traum sehr ernst. Er versuchte, sich eine zweite Frau zu nehmen, und brachte sich dadurch in ziemliche Schwierigkeiten. Seine (erste) Frau war davon natürlich alles andere als begeistert, auch, wenn es immer noch vorkommt, dass ein Candoshi zwei oder noch mehr Ehefrauen hat ...
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Die Welt der Urwaldindianer ist für uns Europäer eine fremde und geheimnisvolle Welt. Gleichzeitig geht eine gewisse Faszination von ihr aus und viele verbinden damit Begriffe wie „Harmonie“ und „letztes Paradies“. Die Welt der Indianer ist jedoch heute einem rasanten Wechsel unterzogen. Während die Generation der Großeltern noch in der Steinzeit lebte, benützt heute ein Teil der Enkelgeneration bereits das Handy und surft im Internet. Der Autor war von 1997 bis 2007 Mitarbeiter des Missionswerkes indicamino und hatte so die Gelegenheit, Indianer aus vielen verschiedenen Stämmen des peruanischen Urwaldes kennen zu lernen. Anhand von unzähligen Begegnungen hat er ein paar ausgewählt, um dem Leser Einblicke in die Welt der Indianer zu geben.
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Wandel in der Welt der Indianer Wie auch immer man zur Arbeit von Missionaren in Amazonien stehen mag – dieses Buch ist eine lohnende Lektüre, bietet es doch die seltene Gelegenheit, viel über die aktuelle Situation von Urwaldindianern zu erfahren – und über Missionsarbeit. Der Autor erzählt hier nicht, was ihm erzählt wurde – der Autor selbst leitete Bibelkurse in Indianerdörfern fernab der Zivilisation, er persönlich war es, der die Sehnsüchte und Träume, den Alltag und die Nöte der Indianer kennen lernte. Und er erzählt, was er erlebte, auf sympathisch natürliche und, obgleich stets vom Standpunkt des Bibelschullehrers, auf gar nicht missionarische Weise. WWW.CARILAT.DE, Dezember 2009
Begegnungen in Peru Dieser kleine Band bietet eine kurzweilige Lektüre über den Alltag der Candoshi und Caquinte, kleine Indianergruppen im Amazonasgebiet Perus. (...) der Inhalt ist für alle, die sich mit der heutigen Situation indianischer Ureinwohner befassen, sehr interessant. AMERINDIAN RESEARCH, Februar 2008
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