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regionale Bücher
Buch Leseprobe Zeitwaise, Friedhelm Wessel
Friedhelm Wessel

Zeitwaise


ein Ruhrgebietsroman

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Eine rote Ampel stoppte unsere Fahrt durch die City.


 


„Die Innenstadt erkenne ich kaum wieder. Aber die Kirche kenne ich gut. Dort waren während des Krieges sogar Verwundete untergebracht. Ich habe das Gebäude damals abgeschlossen, bevor die Amerikaner hier 1945 einrückten.“


 


„So? Das hast du mir bisher noch nie erzählt.“ Die Ampel sprang auf Grün.


 


„Habe ich wohl vergessen. Ich war damals hier als Krankenschwester eingesetzt. Bahnen fuhren nicht. Zum Dienst hier in Bottrop musste ich von Osterfeld her zu Fuß laufen. Und manchmal gab es sogar Luftangriffe.“


 


Ihre Stimme wurde leiser. Wir hatten unser erstes Fahrziel erreicht: Die Jacobi-Siedlung. „Fahre langsam.“


 


Ich nickte und fuhr fast im Schritttempo. An der Ecke Teutoburger Straße / Ecke Heinrichstraße wollte ich anhalten.


 


„Das war früher mal die Breite Straße. Und über die kamen die Bergleute von Jacobi. Fahre hier rein.“


 


Ich gehorchte und setzte die Reise in die Vergangenheit meiner Mutter im Schritttempo fort. „Dort bin ich zur Schule gegangen. Unsere Lehrerin hieß Fräulein Schwarzer.“


 


Sie lächelte. Ich erwiderte ihr Lächeln, denn die Geschichten um Fräulein Schwarzer kannte ich bereits aus unzähligen Erzählungen.


 


„Hier haben wir mal gewohnt.“ Dabei zeigte meine Mutter auf ein Haus. „Wir hatten nette Nachbarn. Und meine Mutter – also, deine Oma – hat hier mal einen kleinen Laden eröffnet. Da war ich aber noch ein kleines Mädchen.“ Ihre Hände hatten sich in die schwarze Ledertasche verkrallt, die auf ihrem Schoß ruhte. „Da hinten war das Ledigenheim mit dem Konsum.“


 


„Ja, kenn ich noch“, antwortete ich wahrheitsgemäß und ließ einen Radler vorbei, der uns schwungvoll überholte.


 


„In der Siedlung sind wir mehrfach umgezogen. Waren damals schwere Zeiten. Mein leiblicher Vater ist ja auf Jacobi tödlich verunglückt und so musste sich meine Mutter danach mit einer kleinen Rente durchs Leben schlagen.“


 


In der Siedlung von einst hatte ich mich gut ausgekannt, doch heute gab es viele Neubauten und die restlichen Koloniehäuser gehörten inzwischen Privatleuten. Und wer renovierte,


 


brachte seinen Geschmack durch die Farbgestaltung an der Außenfassade zum Ausdruck. Meine Mutter war enttäuscht. Sie hatte wohl geglaubt, alles so vorzufinden, wie sie einst die Siedlung vor sechzig Jahren verlassen hatte. Wieder auf der Teutoburger Straße angekommen, hielt ich an. Wie stiegen wortlos aus. Meine Mutter sah sich um. Mit ihrem Stock zeigte sie auf ein mehrgeschossiges Haus.


 


„Da haben wir auch mal gewohnt. Weißt du noch? Unten die Metzgerei Bischoff, daneben das Lebensmittelgeschäft Schmitz.“


 


„Ja, Mutter, ich erinnere mich.“


 


Menschen hasteten vorbei, nahmen keine Notiz von uns. In einem Siedlungshaus mit einer rostigen, großen „1913“ an der verrußten, dunkelroten Außenfassade, lag eine alte Frau im Fenster und schaute sich das Treiben auf der Straße an.


 


„Lass uns ein paar Schritte gehen.“


 


Wortlos nahm ich den Arm meiner Mutter. Den Stock in der rechten Hand haltend, gingen wir los. Bis zur Ecke Luegstraße.


 


Sie blieb abrupt stehen und schaute.


 


„Siehst du den alten Rotdornbaum an der Ecke? Den gibt es hier immer noch. Der ist jetzt fast hundert Jahre alt.“


 


Die Frau im Fenster schaute uns interessiert zu. Auf der anderen Straßenseite hielt ein Auto. Ein paar Handwerker stiegen aus und betraten eine Imbissbude. Ich wusste schon, was folgen würde. Mutters Stock zeigte in die Richtung: „Da gab es Bruns, Laacks und Bartels.“


 


Sie drehte sich etwas herum, um „da hinten Eidecker“ und nach einer weiteren halben Drehung, mir das „Haus Rupieper“ zu zeigen. Ich seufzte leise. Wir gingen weiter. Ein Radler kam uns entgegen. Ich grüßte freundlich. Der junge Mann – er trug einen dunkelblauen Kapuzenpulli – grüßte irritiert zurück.


„War schön hier in der Kolonie. Aber was erzähle ich dir. Hast ja lange genug hier bei Oma und Opa gelebt. Sieh mal, die Ställe, wo wir früher Hühner und Kaninchen hielten, sind ebenfalls verschwunden.“


 


„Mutter, die Zeche gibt es seit über dreißig Jahren nicht mehr. Dort ist ein Golfplatz entstanden. Aber das weiß du doch alles. Ich habe dir doch immer davon erzählt.“


 


Wir gingen ein Stück in die Luegstraße hinein. Mutter benutzte den Stock wieder als Richtungsweiser.


 


„Da war mal der Bunker. Immer wenn Alarm war, mussten wir mit Sack und Pack in den Bunker laufen. Damals hat es hier die Frau Schmitz erwischt. Ein Granatsplitter hat sie in den Rücken getroffen, sie war auf der Stelle tot. Sie hatte die kleine Doris auf dem Arm. Ihr ist aber nichts passiert ...“


Ich kannte die alten Geschichten aus der Siedlung. Tausend Mal hatte ich sie inzwischen gehört. Aber nun erzählte sie mir meine Mutter während eines Rundganges, der sie nach fast sechzig Jahren wieder an die Stätten ihre harten Kindheit und Jugend zurückbrachte, besonders eindringlich. Inzwischen hatten wir das Ende der kleinen Straße erreicht. Neue Häuser standen hier dicht an dicht. An diesem Ort hatte ich als Kind mit meinen Freunden aus der Siedlung die ersten unterirdischen Buden gebaut. Wieder hob meine Mutter den Stock und zeigte nach Osten: „Dahinten hatten wir auch einen großen Garten. Und wenn Vater von Jacobi kam, ging er diesen Weg entlang.“


„Ja, natürlich, ich habe ihn doch selbst oft am Zechentor abgeholt.“


 


„Habe ich fast vergessen. Aber die Sache mit dem schweren Unfall auf dem Schulgelände ...“


 


Mutter macht eine Pause und sah mich fragend an. „Auch die Schule war während des Krieges eine Zeit lang gesperrt. Es war ein Lazarett. Bevor die Amerikaner von Sterkrade über die Teutoburger Straße in die Siedlung kamen, wurden alle Waffen, darunter auch Panzerfäuste und Granaten, auf dem Schulhof vergraben. Später haben einige Jungens aus der Siedlung das Zeugs ausgegraben.“


 


„Und dann?“, fragte ich, inzwischen neugierig geworden.


 


Mutter drehte sich um und sah mich an: „Ja, dann ist es passiert. Der ganze Mist ging hoch. Etliche Jungen aus der Siedlung kamen dabei ums Leben. Sogar jemand aus unserer großen Verwandtschaft, der kleine Mölders, war dabei. Ich mochte ihn ...“ Verstohlen suchte sie nach dem Taschentuch. Den Stock klemmte sie unter den Arm und putzte sich die Nase, nachdem sie sich die Tränen aus den Augenwinkeln gewischt hatte. Sie fing sich schnell. „Komm, lass uns fahren. Sind doch alles bloß alte Kamellen. Zeugs von gestern. Wen interessiert das eigentlich noch?“


 


Sie drehte sich um und ging mit mir langsam die Luegstraße herunter. Früher hatten wir hier Völkerball gespielt, da hatte es hier auch noch keinen Asphalt gegeben. Und die Männer, die in dieser Kolonie gelebt hatten, hatten auf dem nahen Pütt gearbeitet. Auch meine Vorfahren: Urgroßvater und Großvater. Und mein Vater?


 


An dem Eckhaus mit dem alten Rotdornbaum im Garten saß ein Pärchen auf der Terrasse. Ich grüßte freundlich, wir gingen langsam vorbei. Meine Mutter schaute über die kurz geschorene Hecke.


 


„Ich habe alles aber in anderer Erinnerung. Alles viel größer, weiter.“


 


Sie hatte recht. Auch ich empfand es so. Sagte aber nichts und nickte nur zustimmend. Wir fuhren zurück. Meine Mutter warf noch einen Blick auf die Siedlung, die 1913 erstmals bezogen worden war. Die alte Frau, die im Fenster lag, schaute uns hinterher. Ich glaube, meine Mutter hätte gerne mit der Koloniebewohnerin ein Gespräch begonnen. Sie hätte sich vermutlich noch an die Zeit erinnert, als hier die Familien Ellerbrock, Henning und Jankowski gelebt hatten. Vielleicht.


 


Das anschließende Gespräch mit meiner Paten- und Lieblingstante, der jüngsten Schwester meiner Mutter, verlief recht einsilbig. Meine Mutter hing ihren Gedanken nach. Nur eine kurze Konversation, ein paar Tassen Kaffee, danach drängte sie zum Aufbruch. Wir verließen die Prosper-Siedlung und versprachen, so schnell wie möglich wiederzukommen. Und ich hielt mein Versprechen.


 


 



 


Auf einigen Fotos erkannte ich meine Mutter. Sie trug meist eine Schwesterntracht. Mir fiel unter den Dokumenten ein Ausweis auf. Ausgestellt von der 2. Sanitätsausbildungsabteilung der Abteilung der Luftwaffe 2 in Baden bei Wien. Den Fotoberg schob ich erst einmal achtlos beiseite und blätterte in dem blassgrauen Ausweis mit den vergilbten Blättern. Hier waren die Stationen meiner Mutter während des Krieges schriftlich fixiert. Der letzte Eintrag war am 23. März 1945 erfolgt. Da war ich bereits mehrere Monate alt gewesen. Mit zitternden Händen wühlte ich in den Fotos. Ich stutzte.


 


Zwei Bilder stachen mir besonders ins Auge. Auf einer Wiese vor einem weißen Haus lagen Babys auf weißen Laken. Ich drehte das Bild um: „Während des Luftangriffes am 26.


 


November 1944“. Mir stockte der Atem. Ich gehörte vermutlich dazu.


 


Tränen liefen mir plötzlich über das Gesicht. Ich schob das kleine, quadratische Foto ein Stück zurück. Dann ein weiteres Bild. Sorgsam hatte jemand – vermutlich meine Mutter – ein ellipsenförmiges, etwa drei Zentimeter großes Stück herausgeschnitten. Es war wohl das Gesicht eines Mannes. Meine Mutter – sie trug eine Schwesterntracht – schaute den Unbekannten auf eine seltsame Art an. Diesen Gesichtsausdruck hatte und habe ich bei ihr niemals sonst gesehen. Ich fand weitere Soldatenfotos. Ein mir völlig unbekannter Mann lachte in die Kamera. Leider war das Gesicht sehr verschwommen, unscharf. Neugierig, die letzten Tränen abwischend, drehte ich das Foto mit dem Loch um und las: „In Liebe, Max, im Herbst 1943“.


 


Meine Hände zitterten. War das mein Vater?


 


Wieder und wieder starrte ich das Foto an. Suchte in dem kleinen Bilderdepot nach weiteren Hinweisen. Mit zitternden Händen wühlte ich im Stapel der Erinnerungen. Und ich wurde fündig: „Mit Max in Wien“, „Max im Lazarett“. Dann Ende. Nichts mehr. Nur noch Fotos von Lehrgängen und von Haus Vogelsang. Wieder kamen mir die Tränen. Ich starrte abwechselnd auf das Babyfoto vor Haus Vogelsang und dann auf den Gefreiten Max. Ich lehnte mich zurück, überlegte und beschloss, die Dokumente und die Fotos zu ordnen. Die Schatztruhe erhielt einen Ehrenplatz in meiner großen Bücherwand. Das gelochte Foto deponierte ich in einen Sonderumschlag. Ich schrieb darauf: „Warum?“


 


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