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Das Buch gliedert sich in neun Kapitel. Eine der ältesten Schilderungen ist die eines Lehrers, der quasi in dieser Gemeinde das Analphabetentum abschaffte. Den Anfang seiner Schilderungen sei hier veröffentlicht. Diese Leseprobe gibt aber nicht den gesamten Inhalt des Buches wieder:
Heinrich Lieck, geboren am 11. Dezember 1808 in Braunsrath, wurde in den Anfangsjahren des Brühler Lehrerseminars als Lehrer ausgebildet. Nach dem Ende der französischen Besatzungszeit begann der preussische Staat nämlich damit, ein Schulsystem zu schaffen und die allgemeine Schulpflicht einzuführen. Heinrich Lieck erlebte somit die Anfänge dieses Schulsystems als Schüler und einige Jahre später auch als Lehrer.
Seine wörtlichen Ausführungen, die er über sein gesamtes Leben gemacht hat, wurden in einem Buch von Herbert Simons 1988 wortgetreu wiedergegeben. Hier soll ein lektorierter Auszug aus diesem Buch erfolgen, der nur seine Zeit in Frelenberg betrifft und zwar vom 30.6.1828 bis 31.10.1839. Die Überarbeitung geschah im Interesse des Lesers und auch des Autors, weil dieser damals nicht davon ausgehen konnte, dass seine “Erstschilderung” auch mal einem breiteren Publikum zugänglich gemacht würden.
Niedergeschrieben hat Heinrich Lieck seine Erinnerungen in Aachen im September 1865, nur vier Monate vor seinem Tod am 29.12.1865. Seine aus Zweibrüggen stammende Frau Luise Josephine Vondenhoff starb am 8.1.1900 in Berlin-Charlottenburg.
Vom Lehrerseminar nach Frelenberg
Heinrich Lieck erzählt: Als wir am 1. Mai 1828 aus dem Seminar in Brühl entlassen wurden, bekamen wir die Mitteilung, dass jeder eine Lehrerstelle erhalten würde. Mich informierte der Bürgermeister von Braunsrath über eine Stelle in Stolberg. Umso verwunderter war ich, als ich kurze Zeit später die Weisung erhielt, eine Lehrerstelle in Frelenberg anzutreten - provisorisch für zwei Jahre. Ich sollte Kontakt mit dem dortigen Schulvorstand aufnehmen und einen Kontrakt abschließen. Diese seit einigen Monaten bereits unbesetzte Stelle hatte einen pikanten Hintergrund. Einer meiner Freunde namens Speel hatte diese Stelle innegehabt. Er war aber nach einjähriger Tätigkeit nach Wallhorn (Kreis Eupen) versetzt worden, weil er großen Streit mit dem Pfarrer und Bürgermeister gehabt hatte. Er schilderte uns in mehreren Briefen sehr lebhaft, wie übel er in Frelenberg von Pastor und Bürgermeister behandelt worden war und warnte uns alle vor dieser Stelle. Ich kannte Frelenberg bereits, weil ich besagten Speel in den Herbstferien des Jahres 1827 besucht hatte. Auch hatte ich den dortigen Bürgermeister ebenfalls kennengelernt, weil Speel ja bei ihm wohnte und in Kost war. Daraus erklärt sich auch der Umstand meiner Anforderung für Frelenberg, weil der Bürgermeister den Schulrat gebeten hatte, mir die Frelenberger Stelle anzuweisen. Vor diesem Hintergrund bekam ich natürlich einen großen Schrecken. Bevor ich diesen schweren Gang antrat, reiste ich zu meinem Freund nach Wallhorn und hörte mir dort schauderhafte Dinge an. So hätte ihn der Pastor, lt. Speel ein alter hypochondrischer Mann, öffentlich in der Kirche verhöhnt und die neue Lehrmethode lächerlich gemacht. Den Bürgermeister schilderte er mir als schmutzig und heimtückisch. Mein Freund riet mir unbedingt von dieser Stelle ab. Ich wollte aber erst ein Gespräch mit dem Schulrat in Aachen abwarten. Dieser hatte Verständnis für mich, ermutigte mich aber dennoch zur Übernahme der Stelle. Er meinte, dass sie eine der besten und die Leute in der Gemeinde Frelenberg sehr gutmütig seien. Er sagte wörtlich: „Gelingt es Ihnen, mit dem Pastor und dem Bürgermeister fertig zu werden, dann wird Ihre Stellung keine unangenehme sein." Auch meine Jugend und Unerfahrenheit ließ er nicht als Gegenargument gelten. Am Ende akzeptierte ich das Wort des Schulrates und würde im Vertrauen auf Gott die Stelle antreten.
Von Aachen reiste ich mit klopfendem Herzen nach Frelenberg und meldete mich beim Bürgermeister. Dieser nahm mich mit großer Freundlichkeit als alten Bekannten auf und erzählte mir nun seinerseits über die Streitigkeiten mit dem früheren Lehrer. Natürlich kam Speel sehr schlecht weg, was ich aber nicht kommentierte. Ich konnte aber heraushören, dass Speels Eigensinn sehr viel zu den Streitigkeiten beigetragen hatte. Ferner „unterrichtete“ mich der Bürgermeister auch über die Eigenheiten des Pastors und gab mir Tipps, wie ich den Mann am besten bei Laune halten könne.
Natürlich machte ich meinen Besuch auch beim Pastor, der gegenüber dem Bürgermeister wohnte. Hier hörte ich mir nun die ganze Litanei von Anmaßung, Stolz, Eitelkeit, Eigensinn und zweifelhafter Religiösität über Speel an. Ich versprach ihm gegenüber alles aufzubieten, um mir die Zufriedenheit der Gemeinde zu erwerben.
Noch am selben Tage wurde der provisorische Kontrakt für zwei Jahre abgeschlossen, und bei dieser Gelegenheit ließ der Bürgermeister schon „den Fuchs“ durchblicken. Ich ließ mir aber nichts anmerken und verhielt mich ganz passiv. Auch wollte ich es mir von vornherein nicht verderben. Dieser Vertrag sicherte mir 70 Taler aus der Gemeindekasse zu, das Schulgeld sämtlicher schulpflichtiger Kinder, (das Schulgeld der Armen zahlte die Armenkasse), 2 Taler jährlich aus der Verpachtung einer Wiese und 3 Taler Miete, die der Bürgermeister für einen im Schulhaus benutzten Keller bezahlte. Im Kontrakt stand ferner, daß die Schulpflicht nicht mit dem vollendeten fünften sondern mit dem sechsten Jahre beginnen sollte. Das beschnitt natürlich vonvornherein mein Einkommen.
Die beiden zur Bürgermeisterei Frelenberg gehörenden Dörfer Palenberg und Bersitten hatten in Palenberg eine Kapelle. Dazu gehörte ein als Küsterei und Schulhaus dienendes altes schlechtes Häuschen. Hierin wohnte ein altes krüppelhaftes Männchen, der das Läuten besorgte und die Kinder der beiden Dörfer unterrichtete. Doch Gottesdienst war selten dort. Dafür erhielt das Männchen von den Bauern ein Schulgeld, meistens in Naturalien. Ab und zu erhielt er auch hier und da freien Mittagstisch. Sein Hauptarbeit war aber Rasieren und Haarschneiden, welche er häufig genug in der Schule vor den Kindern ausübte. Der Bürgermeister sagte mir, man könne den Mann nicht einfach entlassen. Erst nach seinem Tode würde sich meine Stelle verbessern und auch diese Kinder von mir unterrichtet werden.
Da das Schulgeld monatlich nur zwei Silbergroschen betrug, machte mein ganzes Einkommen am Anfang höchstens 160 Taler aus. Der Donnerstagnachmittag, also ein halber Tag in der Woche, wurde mir freigegeben. Fiel aber ein Feiertag in die Woche, mußte ich den Donnerstagnachmittag unterrichten. Das Heizen und Reinigen der Schule geschah auf meine Kosten, freie Wohnung mit Gartenbenutzung wurde mir zugesichert.
Die Gemeinde hatte bei Errichtung der Schule ein altes massives Bauernhaus am Ende des Dorfes angekauft und darin einen ziemlich geräumigen aber nicht sehr hohen Lehrsaal mit kleinen Fenstern hergerichtet. Außer dem Schulsaal im Erdgeschoss gab es noch 2 Räume, 10 Fuß im Quadrat mit Lehmboden. Im ersten Stock gab es noch zwei Schlafzimmer mit kleinen Fenstern (etwa 2 Fuß hoch). Die beiden unteren Räume und das Schlafzimmer benutzte der verheiratete Oberknecht des Bürgermeisters, ebenso den Garten. Das andere Zimmer war für mich als Wohn-, Schlaf- und Studienzimmer bestimmt. Der Bürgermeister machte mir bei der Besichtigung der Wohnung den freundlichen Vorschlag, neben meinem Zimmer einen Raum von etwa 10 Fuß Länge und 4 Fuß Breite über dem Hausflur zu einer Garderobe bzw. Waschzimmer einrichten zulassen. Die erste Etage über dem Schulsaal war ein Söller, in dem sich alte Sachen aus der Kirche befanden. Der Oberknecht zahlte mir keine Miete für Wohnung und Garten, sondern seine Frau machte mir dafür das Bett, reinigte mein Schlafzimmer, putzte meine Stiefel und heizte und reinigte auch das Schulzimmer. Das Brennmaterial kam wiederum von mir. Das alles hatte der Bürgermeister so angeordnet.
Als ich kurze Zeit später nach Braunsrath kam, war meine Mutter gleich besorgt, mich gut für meine neue Wohnung auszurüsten. Für ein gutes Bett mit ordentlicher Bettstelle hatte sie schon früher gesorgt, auch hatte sie weiße Vorhänge um das Bett machen Iassen. Einige gute Stühle und einen Tisch steuerte sie ebenfalls bei. Und so war mein kleines Zimmer bald möbliert.
Hemden waren schon vorher gemacht worden. Ich erhielt auch noch zwei vollständige neue Anzüge, die natürlich geborgt werden mußten. Sie wollte nämlich, dass ich erst einmal nichts Neues nötig haben sollte. Ich muss noch nachtragen, daß der Bürgermeister mir anbot, bei ihm in Kost zu gehen - so wie der frühere Lehrer. Ich dankte sehr für seine Freundlichkeit und tat dies für ein Kostgeld von 4 Talern im Monat.
Am 30. Juni 1828 kam ich mit meinen Sachen nach Frelenberg und am folgenden Tag ging ich in die Schule, wo ich vielleicht 50 Schüler und Schülerinnen vorfand. Die Zahl der schulpflichtigen Kinder mochte zwischen 128 und 130 betragen. Weder der Pastor noch der Bürgermeister führte mich ein.
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Wer sich einmal mit der Geschichte der ehemaligen Gemeinde Frelenberg (einschl. Zweibrüggen, Bersitten und Palenberg) befasst hat, wird feststellen, dass dieser Ort früher eine größere Bedeutung gehabt hat als heute. Dieser Bedeutung auf den Grund zu gehen, war einer der Gründe, warum dieses Buch entstehen sollte.
Am Anfang dieses Vorhabens stand ein Frelenberg-Buch von Leo Pauli, das im Jahre 1985 erschienen ist. Da das Buch von Leo Pauli unbebildert war und nur eine kleine Auflage hatte, bot sich hier eine Überarbeitung an und zwar mit den Bildern, die seinerzeit ebenfalls von ihm zusammengetragen worden waren. Als dieses Heimatbuchprojekt in Absprache mit der kath. Pfarre Frelenberg dann geboren war, entwickelte sich für mich eine relativ spannende Reise durch Frelenberg/Zweibrüggen, in deren Verlauf ich das vorhandene Material gesichtet, überarbeitet und neu zusammengestellt habe.
Während dieser Zeit bekam ich darüberhinaus viel Zuspruch bzw. neues Material. Dazu boten sich neben eigenen Ideen auch Beiträge von anderen Autoren (Heinrich Lieck, Friedhelm Burghoff, Franz Mingers und Werner Freiherr von Negri) an, so dass das Ergebnis eine noch größere Vielfalt als das Ursprungsmaterial enthält. Zahlreiche unveröffentlichte Bilder bzw. Karten tragen dazu bei.
Das 312 Seiten starke Buch ist somit in Form und Qualität einzigartig und für jeden Heimatfreud (nicht nur) aus dem Bereich Frelenberg/Zweibrüggen eine interessante Lektüre - vor allem auch der vielen Menschen wegen, die darin enthalten sind.
Jürgen Klosa
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