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Buch Leseprobe Die verwandelte Zeit, Rüdiger Woog
Rüdiger Woog

Die verwandelte Zeit



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I. Teil


1. Christnacht


 


Tile wusste nicht, dass man den 24. Dezember anno 1125 schrieb. Er wusste nicht einmal, dass es überhaupt so etwas wie Zeitrechnung gab. Sein Vater hatte ihn allein aufgezogen, da seine Mutter bei der Geburt seines jüngeren Bruders Luz mangels einer Hebamme oder gar eines Baders, die man beide nicht bezahlen konnte, gestorben war und nur noch eine schwache Erinnerung an schönere und wärmere Tage in ihm hervorrief. Von ihm hatte er gelernt, dass man mit jedem Frühlingsanfang ein neues Jahr zählte. Soweit Tile sich erinnern konnte, hatte er das Erblühen und Sterben der Natur wohl schon mehr als ein gutes Dutzend Mal gesehen. Und da ihm sein Vater auch das Zählen beigebracht hatte – und zwar genau bis zwanzig, weil er selbst auch nicht weiter zählen konnte und mehr für den Alltag eines Bauern auch vollkommen unnütz sei – schätzte er sich auf vierzehn bis fünfzehn Jahre und Luz auf etwa zwölf oder dreizehn. Tiles Vater arbeitete wie alle anderen Männer und Frauen im Dorf als Pachtbauer für den Ritter Gottfried von Prunn, dessen ansehnliche Burg sich auf einem schroffen Felsen über dem unteren Alcmonatal, oder wie es die Einheimischen nannten, Altmühltal erhob; einen halben Tagesmarsch von Cheleheim, das sich vor einem knappen Jahrzehnt die Wittelsbacher zu ihrem Stammsitz erkoren hatten, und nicht ganz so weit von dem Fleckchen Rîtenburg entfernt. Etwa eine Meile donauaufwärts von Cheleheim, direkt am so genannten Donaudurchbruch, wo die Donau mit Macht durch die schwäbisch-fränkische Alb bricht und sich mit der lieblichen Altmühl vereint, befand sich ein Benediktinerkloster, zu dem Gottfried ein überaus gutes Verhältnis pflegte. Er und der Abt waren schon seit vielen Jahren befreundet und so war es zwischen beiden Herrschaftsbereichen niemals zu Uneinigkeiten oder gar Streitigkeiten gekommen, zumindest nicht, seit Gottfried der Burgherr zu Prunn und Theophilus der Abt von Weltenburg waren. Nicht ganz so entspannt wie zu Theophilus oder dem Burggrafen Otto, der als Vertreter seines Bruders Heinrich von Regensburg auf Rosenburg über Rîtenburg residierte, waren die Beziehungen zu dem alten, verbitterten Fredgar von Hexenagger, dessen Burg sich nicht mehr als einen Ausritt von Rîtenburg gen Süden im verträumten Schambachtal befand. Fredgar hatte nie einen Hehl aus seiner Freude über den Tod des Ketzerkaisers Heinrich gemacht, der sich sogar an seinem eigenen Vater versündigt und ihm die Reichsinsignien abgepresst hatte, und darüber, dass mit ihm das ganze Salierpack endlich zugrunde gegangen war. Deshalb war er auch den Welfen zugetan, da er von ihnen erhoffte, sie würden Bayern den Kaiserlichen gegenüber zu größerer Macht denn je verhelfen und dabei ohne Zweifel die ihnen zugebrachte Treue reichlich belohnen. Vor einem halben Menschenleben war Fredgar Gottfried von Bouillon nach Jerusalem gefolgt, um die Heilige Stadt von den Seldschuken zu befreien. Doch der Mann, der sechs Jahre nach dem ersten Kreuzzug in seine Heimat zurückkehrte, war nicht mehr derselbe und wurde es auch nie wieder. Sein Lehen wurde von seiner schönen Frau geführt, die seine Tochter, wenn nicht gar schon seine Enkeltochter hätte sein können. Auf Prunn wusste man sich zu erzählen, dass Helenes Aufopferung nicht gänzlich selbstlos war. Denn, da sie selbständig Hof und Haus versorgte, nahm sie sich auch des Öfteren das Recht, sich hie und da etwas weniger verdörrtes Fleisch zu gönnen. Gottfried hingegen war seit jenem Abend zu Rom, als Papst Paschalis seinen Herrn in der Peterskirche vor der ganzen Welt erniedrigt hatte und schließlich von Heinrich für diese Schmach gefangen und entführt wurde, ein Kaiserlicher mit Leib und Seele. Die Kühnheit und der verwegene Stolz des Kaisers hatten Gottfried seitdem in den Bann des Saliers gezogen und nie wieder losgelassen. Und wie großmütig und verherrlichungswürdig sah Gottfried seinen Kaiser, als Heinrich dem Papst endlich die weltliche Investitur zugestand und von ihm noch im selben Monat zum Kaiser gekrönt wurde. Und auch Otto fühlte sich allein schon durch seinen gräflichen Regensburger Bruder dem Kaiser verpflichtet. Jener Konflikt zwischen Päpstlichen und Kaiserlichen hatte zwischen den Burgherren zwar keine offene Feindschaft gesät, aber doch ein gegenseitiges, frostiges Misstrauen hinterlassen. Tile und Luz waren losgezogen, eine Aventiure zu bestehen. Bruder Lamprecht, der einmal im Monat aus Weltenburg kam, um in der kleinen Holzkapelle, die unter den Lehmhütten des Dorfes das wärmste Gebäude war und dementsprechend von allen Bewohnern gerne besucht wurde, die Messe zu lesen, hatte ihnen davon erzählt. Er hatte nach dem Tode ihrer Mutter die zwei Burschen von Zeit zu Zeit aufgesucht und ein wenig darin unterwiesen, was Bauernburschen in ihrem gottgewollten Alltag wichtig und nützlich sein mochte; er hatte sie gelehrt, für das Seelenheil verstorbener Angehöriger zu beten und ihnen versprochen, dass sie die Mutter einst im himmlischen Jerusalem wiederfinden sollten. Tief im Wald auf der Südseite der Altmühl lag, halb verborgen, eine von wilden Stauden und Gestrüpp überwucherte und mit Moosen überzogene Mauer nebst einem zerfallenen Turm aus heidnischer Zeit. Bruder Lamprecht hatte Tile und Luz erzählt, dass ein vorchristlicher Kaiser und Feldherr namens Hadrian sie vor tausend Jahren - was sich in Tiles Vorstellung sehr viel mehr als zwanzig anhörte - zum Schutz vor den wilden germanischen Stämmen erbaut hätte. Aber die anderen Dorfbewohner nannten sie nur die Teufelsmauer, weil sich an ihr in Vollmondnächten Hexen, Dämonen und weiteres Teufelsgefolge treffen, und den Leibhaftigen samt seines höllischen Hofstaates beschwören, um mit ihm das Blut neugeborener Kinder zu trinken, ihre Eingeweide und Organe auf roten Kohlen, die sie aus dem Orkus mitbringen, zu rösten, sich gegenseitig zu bespringen und das heilige Kreuz Christi mit Kot zu besudeln. Die zwei Brüder hatten sich in der Turmruine versteckt und warteten auf die Dunkelheit. Sie wollten endlich wissen, was es mit der Teufelsmauer auf sich hatte. Natürlich hatten sie dieses Abenteuer schon des Öfteren ausprobiert, doch nie war ihnen dabei das Glück einer so klaren, wenn auch klirrend kalten Mondnacht hold gewesen. Aber Tile hatte vorgesorgt. Sie hatten jeder eine dicke Filzdecke dabei und Tile hatte sogar für alle Fälle einen Flintstein mit einem Feuerschwamm und etwas Brennholz und sein Messer - ein Geschenk seines Vaters und sein wertvollster Besitz - eingesteckt. Die Sonne war schon untergegangen und die Schneekristalle funkelten im Mondlicht. Kein Wind rührte sich, kein Tier lief über die glitzernde Ebene, kein Vogel störte mit rauschenden Schwingen die nächtliche Ruhe - die Welt schien zu schlafen. Während Luz an seiner Seite schon das Kinn auf die Brust gesunken war, genoss Tile die Stille des winterlichen Waldes und blickte von der leichten Erhöhung des Turmes durch die Bäume auf die verschneiten Felder am Waldrand. Irgendwo stieg Rauch auf, „Hexenagger“, vermutete Tile. Als Tile sich von dem rasselnden Schnarchen seines kleinen Bruders schon angesteckt hatte und er am anderen Ende der Schneeebene seine Träume auf ihn zu wanken sah, kamen sie. „Der Antichrist!“, durchfuhr es Tile. Er hatte ganz deutlich das Wiehern eines Pferdes vernommen. Und wieder, diesmal aber schon näher, schnaubte unweit vom Turm ein Ross. „Es muss der Teufel sein“, dachte sich der Junge, denn von einem irdischen Pferd mit einem menschlichen Reiter wäre ja der Hufschlag zu vernehmen gewesen. Tile vergaß seinen schlafenden Bruder und wischte die nassen Hände an seiner kratzigen Tunika ab. Es waren mehrere Reiter. Tile konnte sie nun genau zwischen den Bäumen ausmachen, da sie sich auf eine mondhelle Schonung mit jungen Fichten zu bewegten. Sie waren zu viert. Und bei genauerem Hinsehen erkannte Tile, dass das letzte Pferd keinen Reiter trug, sondern von einem der anderen Reiter geführt wurde. In blauen Wolken verseuchte der giftige Atem der Höllenrösser den jungfräulichen Schnee und verpestete die frische, auf einmal schneidend kalte Luft. Vorneweg ritt eine hohe schwarze Gestalt. Sie war in einen schwarzen Umhang gehüllt und trug einen Topfhelm. Luz hätte in jener Nacht geschworen, darunter glühend rote Augen gesehen zu haben, die alles töteten, was sie nur anblickten. Mit der linken Hand hielt der Reiter eine offensichtlich schwere Lanze fest, die er zur Entlastung seiner Arme vor sich quer über den Sattelknopf gelegt hatte. Mit der anderen Hand lenkte er sein großes, ebenso schwarzes Streitross. Auf dem Rücken trug er einen großen Schild. Hinter dem Reiter folgte eine etwas kleinere Gestalt auf einer Stute. Sie hatte die Kapuze ihres langen grauen Mantels über den Kopf geworfen und führte außer einem Bündel auf dem Arm weder Waffen noch Gepäck mit sich. Der dritte Reiter war genauso gekleidet und bewaffnet wie der erste, nur, dass er keinen Schild auf den Rücken geschnallt hatte. Hinter sich führte er vermutlich das Packtier. Auch er ritt ein hohes Streitross. Die Reitergruppe war schon fast an Tiles Versteck vorbeigezogen, als das Bündel des Reiters mit der Kapuze zu schreien anfing. „Heilige Mutter Gottes“, entsetzte sich Tile, „ein neugeborenes Kind für den Beelzebub!“ Der erste Reiter hob die rechte Hand und der kleine Zug hielt an. Und nun sah Tile, dass die verhüllte Gestalt eine Frau war. Mit einem Arm lenkte sie ihr Pferd, mit dem anderen wiegte sie das Kind im Arm und sang ihm in einer fremden Sprache eine Melodie vor, deren einfache Tonfolge sich immer wieder aufs Neue wiederholte: Biax amis, confortez vos, ne plorez plus. Une damoisele bele venoit; Entre se deus mains la lune tenoit. Confortez vos, ne plorez plus. Une damoisele bele venoit; Entre se deus mains les estoiles tenoit. Confortez vos, ne plorez plus. Cette damoisele est la Roïne des rêves; De vos ennuis tenoit la clef. Confortez vos, ne plorez plus… Die letzten Verse konnte Tile kaum noch verstehen, denn der erste Reiter, vermutlich der Führer der Gruppe, gebot ihr mit einer Handbewegung, sich still zu verhalten. Er drehte sich nach allen Seiten um; irgendetwas schien er bemerkt zu haben. Auch Tile suchte von seinem Versteck aus angespannt die Umgebung ab. Er fühlte, dass sich im Unterholz etwas Bedrohliches verbarg. Plötzlich sah er unmittelbar hinter den Reitern in einem kleinen Fichtenhain etwas aufblitzen. Gleich darauf bewegte sich etwas; ein Mann mit einem gespannten Bogen richtete sich auf und gab ein Zeichen in Tiles Richtung. Vorsichtig drehte er sich um und erkannte ein halbes Dutzend Gestalten, die sich, wie von der Hölle ausgespuckt, lautlos aufrichteten. „Niemand greift den Teufel an“, schoss es ihm durch den Kopf, „und schon gar nicht aus dem Hinterhalt.“ Jäh hatte er den Spuk von sich geschüttelt und, obwohl sein Herz so sehr raste, dass sein Hals vor Schmerzen zerreißen wollte, sprang Tile mit einem Satz auf, und eine Stimme, die er nur von fern wahrnahm, schrie aus ihm heraus: „Rettet euch! Straßenräuber!“ Den folgenden Kampf nahm er seltsam verzerrt und unwirklich wahr. Als ob man sich in einem verbeulten Stück polierten Metalls betrachtet, war alles um ihn herum verschwommen und die Kampfesschreie und das Geräusch von scharfem Stahl, der durch lebendes Fleisch schneidet, kreischten in seinen Ohren und marterten sein Gehirn. Ein Surren zerschnitt die Luft und ein Pfeil bohrte sich in die Schulter des letzten Reiters. Der Führer wirbelte sein Pferd herum, legte die Lanze an und galoppierte auf den Fichtenhain zu. Mit einem einzigen Stoß trieb er dem Bogenschützen die Lanze in den Brustkorb, noch ehe dieser den nächsten Pfeil abschießen konnte, schleuderte ihn mit Hilfe der Wucht des Aufpralls durch die Luft und zog seine Lanze aus dem toten Körper. Doch zur selben Zeit waren die anderen Strauchdiebe aus ihren Verstecken hinter Tile losgestürmt und warfen sich auf ihre Opfer. Der zweite Ritter hatte mit seiner Lanze einen Mann niedergeworfen und aufgespießt. Die Waffe stak jedoch so fest, dass er nun sein Schwert zog und einem weiteren Angreifer, der mit einer Keule auf ihn losging, den Schwertarm abhieb. Als der Räuber zur Flucht ansetzte, kam der erste Ritter über ihn und spaltete ihm mit einem einzigen Schwertstreich den Schädel mitsamt dem ledernen Kopfschutz. Die beiden Ritter nahmen nun die Dame mit ihrer kostbaren Last in die Mitte und jeder kämpfte auf seiner Seite gegen drei Männer gleichzeitig. Der Führer, ein scheinbar erfahrener Soldat, hatte bereits zwei Angreifer geradezu im Handumdrehen niedergestreckt und hieb auf den dritten ein. Plötzlich schwirrte ganz dicht an Luz, der starr vor Angst vor dem Turm kniete und sein Gesicht mit den Händen bedeckte, ein Pfeil vorbei und traf ins Visier des zweiten Ritters. Der Mann ließ sein Schwert fallen, griff sich an den Kopf, taumelte und sackte mit einem kehligen Seufzer tot in sich zusammen. Den anderen Ritter packte eine blinde Wut; er ergriff das Schwert seines Gefährten und mähte, sich wie ein Wirbelwind drehend, die letzten vier Strauchdiebe, die mit ihren Keulen und Äxten keine Chance gegen einen erprobten Kämpfer mit zwei Schwertern hatten, nieder. An das, was dann passierte, konnte sich Tile später nur noch vage erinnern. Von Luz erfuhr er, wie es sich zugetragen hatte: Der Bogenschütze, der den tödlichen Pfeil abgeschossen hatte, hatte sich, um sein Leben bangend, unmittelbar neben dem Turm versteckt und einen neuen Pfeil eingelegt. Gerade zielte er auf die Frau. Die wunderlich verschobenen und verdrehten Höllenwesen dieses Fiebertraums schrien sich schmerzvoll in Tiles Hirn und raubten ihm fast den Verstand. Die schwarze Kapuze des Meuchelmörders zog sich in die Länge und wurde groß wie ein Baum – dröhnend pulsierte das Blut in Tiles Ohren; und als ob er von unterhalb einer Wasseroberfläche ans Tageslicht zu blicken versuchte, waberte die riesige, glänzende Metallspitze vor der nun den ganzen Nachthimmel bedeckenden Kapuzengestalt hin und her. Tile vernahm sein eigenes heiseres Röcheln – nein, es war der schwere Atem des angespannten Todesschützen. Aus dem auf viele Klafter angewachsenen Turm nahmen seine Hände, deren er nicht mehr Herr war, einen großen Stein – das lockere Mauergefüge schien ihn geradezu auszuspucken – und wie von Geisterhand gestoßen, stürzte er über die niedrige Kante des Turms auf das schwarze, sich ständig zusammenziehende und wieder größer werdende Ungetüm mit dem nach Tod und Verwesung stinkenden Mordsgeruch zu und schlug ihm den Stein ins Genick. Es machte ein Geräusch, wie wenn man auf trockene Äste tritt, der Schütze fiel vornüber und Tile schwanden die Sinne.


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