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Ratgeberbücher
Buch Leseprobe Von ohnmächtigen Tyrannen und , Ulrike Mattern-Ott
Ulrike Mattern-Ott

Von ohnmächtigen Tyrannen und


hungrigen Suppenkaspern

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Zwängler


 


Manchmal nervt die kleine Marotte doch ganz schön. Ihr Blick richtet sich mehr als einmal auf die ausgeschaltete Herdplatte, bevor Sie die Küche verlassen, und am Türgriff rütteln Sie zur Sicherheit auch noch einmal, obwohl Sie genau wissen, dass Sie die Haustür abgeschlossen haben.


 


Wir kennen mehr oder weniger alle diese Angewohnheiten, die regelmäßig ausgeführt werden, obwohl sie doch eigentlich übertrieben und unsinnig erscheinen. Es sind Rituale, die ein Gefühl von Anspannung lindern und irgendwie Sicherheit geben. Rituale sind hilfreich, solange sie sich nicht zu einer zeitintensiven Beschäftigung auswachsen.


 


Besonders bei Kindern sind sie häufig zu beobachten.


 


Da gibt es den kleinen Jungen, der auf dem Weg zum Spielplatz immer nach genau drei Schritten einen Schritt zurück macht und nicht davon abzubringen ist, den vermeintlichen Quatsch sein zu lassen.


 


Dieses ritualisierte Verhalten verschwindet oft genauso schnell, wie es gekommen ist, wenn man nicht soviel Wind darum macht, sondern das Kind spielerisch davon ablenkt.


 


Schwieriger wird es, wenn die heranwachsende Tochter, sobald sie mit ihrer Kleidung irgendwo angestoßen ist, diese in die Waschmaschine stecken muss und damit Wäscheberge produziert. Aus dem Ritual ist ein Zwang geworden, der unbedingt ausgeführt werden muss, was viel Zeit und Energie verschlingt und die gesamte Familie aufmischt.


 


Irgendwann beginnen die Betroffenen darunter zu leiden, an ihrem Verstand zu zweifeln und sich zunehmend aus ihrem sozialen Leben zurückzuziehen, weil sie nicht anders können. Sie ordnen dann nicht nur ihr Leben dem Zwang unter, sondern auch das der Eltern. Spätestens jetzt ist die Reißleine zu ziehen.


 


1-2% der Bevölkerung leiden übrigens unter einer solchen Zwangsstörung, die unbehandelt durchaus chronisch werden kann. Empfehlenswert ist hier eine Verhaltenstherapie, in der man lernt, trotz enormen inneren Drucks den Zwang nicht mehr auszuüben. Auch eine Medikamentengabe kann in schweren Fällen durchaus indiziert sein.


 


Bei Kindern und Jugendlichen ist die Situation oft nicht ganz so dramatisch, weil dem Ritual zwar Zuhause massiv, aber merkwürdigerweise in Schule und Freizeit wesentlich weniger zwanghaft gefrönt wird.


 


Man fragt sich also, in welchem Dienste das übertriebene Händewaschen steht, wenn es außerhalb der vier Wände mehr oder weniger unterlassen werden kann. Ein Ritual hat etwas Magisches an sich, und der Voodoo-Zauber dient als eine Art Schutzschild. Kinder geben in der Regel an, damit ein drohendes Unheil abwehren zu können. Es ist ihnen ziemlich peinlich, darüber zu sprechen, weil sie das Unsinnige in ihren Handlungen durchaus erkennen.


 


Das Verhalten nehme ihnen die Angst, andere Menschen könnten zu Schaden kommen. Sehr häufig wird die Sorge, den Eltern könnte etwas zustoßen, auf diese Weise magisch in Schach gehalten.


 


Alle elterlichen Beschwichtigungsversuche scheinen ins Leere zu laufen. Aus der Not heraus machen Eltern oft dieses ganz und gar nicht lustige Spiel eine ganze Zeit lang mit, bevor sie sich therapeutische Hilfe suchen.


 


Wenn die Symptomatik massiv auftritt, ist dies dringend notwendig.


Aber auch bei einem bißchen Gezwängel des Kindes lohnt es sich durchaus, Forschergeist zu entwickeln und hinter die Kulissen zu schauen.


Was steckt wirklich hinter der imaginären Gefahr, die so heftig abgewehrt wird? Der Feind ist wie so oft hinter der Bühne zu finden.


 


Diese Kinder sind zumeist äußerlich sehr fügsam und angepasst, und sie haben es gar nicht gerne, wenn gestritten wird.


Sie haben aber eine zweite, ganz andere Seite - nämlich die spontane und angriffslustige, mit der sie noch nicht wirklich per du sind.


Die Zwängler sind gar nicht so wirklich sanfte und liebe Zeit­genossen. Sie haben ziemlich viel Lust auf Kampf in sich, den sie aber einfach nicht zulassen können.


Sie haben Angst vor ihren inneren aggressiv getönten Impulsen, fürchten sich vor Spontaneität und Eigenwilligkeit, bleiben lieber abhängig, obwohl sie Bestrebungen in Richtung Abgrenzung und Autonomie in sich fühlen. Schuldgefühle und schlechtes Gewissen bremsen den Gedanken, die Eltern auch mal auf den Mond zu wünschen, sofort aus.


 


Die Palastrevolution fällt bei diesen gehemmten Rebellen aus, und der Zwang sorgt erst mal für Ruhe im Karton.


 


Aber warum diese strikte Vermeidung eines offenen Schlag­abtausches? Da ist - wie gesagt - der innere Zwiespalt: Eigentlich mag ich es lieber harmonisch, aber uneigentlich sind mir Protest und Verwünschungen nicht völlig fremd.


 


Oft findet sich auch hier wieder ein zusätzlicher und nicht gerade kleiner Hemmschuh im familiären Schuhregal:


Das kann ein ziemlich netter, aber verflixt dominanter Elternteil sein, der alles besser weiß und gut gemeint das Zepter in beiden Händen festhält. Sie oder er lässt sich nicht gerne entthronen, was dem Partner manchmal ganz angenehm ist, das Kind aber nicht gerade ermutigt, den Fehdehandschuh zu werfen.


 


Es lohnt sich, auf diese Dynamik zu schauen und Veränderungen anzustoßen, damit die Rebellion vom Rebellen selbst als ungefährlich eingestuft werden, und die ritualisierte Scheinlösung aufgegeben werden kann.


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