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Ratgeberbücher
Buch Leseprobe Psychose - Leben in Zwischenwelten, Jamina Diley
Jamina Diley

Psychose - Leben in Zwischenwelten


Autobiographische Berichte von Betroffenen

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Der Psychose auf der Spur


 


 


 


     Das erste Mal als ich den Begriff Psychose hörte, konnte ich mir rein gar nichts darunter vorstellen. Es war in einer beginnenden Liebesbeziehung – der neue Partner war psychotisch erkrankt. Für mich klang dies exotisch und geheimnisvoll, besonders von einem attraktiven Mann, der hoch intelligent ist und der an einer seelischen Erkrankung litt. Das machte ihn noch anziehender und überdies machte es mich mehr als neugierig, warum ihm dies „passiert“ ist – mit anderen Worten: Ich gab mich der unrealistischen und hochnäsigen Vorstellung hin, ich könnte ihn heilen. Denn heilen kann der Mensch nur sich selbst, wenn er die Bereitschaft dazu zeigt und über die entsprechende Hilfsmittel und Therapien verfügt, und da können etliche Jahre ins Land ziehen. Dennoch sollte unsere Beziehung ganz wesentlich zur Verbesserung seiner Erkrankung mit beitragen. Ich litt damals unter Depressionen und wir lernten uns in einer Tagesklinik kennen.


     Ich fragte ihn also, was denn Psychose bedeutet und er antwortete mir lapidar, dass es eine Form von Schizophrenie sei. Ich musste fast lachen, dieser intelligente und Physik studierte Mann, der mir völlig klar erschien, mit beiden Beinen fest auf den Boden und der andere Menschen vortrefflich und analytisch einschätzen konnte, war schizoide? Das fand ich irre.


     Es folgten lange Abende der Auseinandersetzungen über seine Erkrankung. Und mir wurde klar, wie seine sensible Beschaffenheit konträr gegen die Anforderungen des Lebens, wie auch seiner leistungsgeprägten Herkunft lief. Er hatte sich im Grunde genommen noch nicht selbst gefunden, war gewisser Maßen von den Einflüssen seiner Herkunft geprägt und er spürte noch nicht sein eignes, unabhängiges Ich, das sich vollständig aus sich selbst schöpft. Er suchte nach seiner eignen Identität. Aber wann definiert man sich als eine eigenständige Persönlichkeit?


     Wir sind geprägt durch unsere Kindheit und die Eltern waren uns ein Leitbild, mit denen wir uns zuerst identifiziert, bzw. danach orientiert haben, um eine erste Form des klar umrissenen Selbst heranzubilden. Denn unser Ich wird geformt durch frühkindliche Erfahrungen. Und oft liegt die Wurzel, an einer Psychose zu erkranken, schon in der Kindheit begründet. Die Ich – Entwicklung ist maßgeblich, wie wir später dem Leben begegnen werden und Schwierigkeiten meistern.


     Bei vielen Psychotikern lag in der Kindheit meist eine schizoide Situation vor, die sie emotional nicht ergreifen konnten, es sank in die Bereiche des Unbewussten hinab. Bei meinen Partner war es ein Harmonie Prinzip und seine später gegenteilige Erfahrung seines erwachsenen Lebens lief damit konträr – das hat ihn aus dem Gleichgewicht geworfen, denn das Leben ist voll von gegenteiligen Erfahrungen und Psychotiker können Disharmonien schlecht integrieren. Sie brauchen Klarheit und Pragmatismus, an denen sie anknüpfen können - wie eine Leitlinie, die sich durch ihr Leben zieht.


     Seine Beschreibungen eine Psychose zu skizzieren waren schwammig, unkonkret, von jeglicher Form enthoben – denn was bedeutet Psychose? Sie ist eine Irrfahrt der Emotionen, ein Entgleiten, sich Verlieren, sich auflösend in einer See voller Konfusion, abstrakt und wirr, als betreten wir ein Labyrinth, das verschlungene Pfade seines unbewussten Selbst erschließt - ein Wesen, das wir nicht kennen, das seine Vorherrschaft über uns einnimmt. Wir werden zur Emotion, zur Konfusion – das Ich ist aufgelöst im undifferenzierten Erleben einer unkontrollierten Macht, die aus dem Unterbewusstsein heraufspült. Dieser komplette Ich Verlust nimmt dem Betreffenden jede Möglichkeit zwischen Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden.


     Wenn wir die Vernunft und den Verstand ausschalten und jede Emotion ungefiltert sich Ausdruck verschafft, würden wir in Konfusion stürzen und keine Kontrolle mehr über uns haben. Genau das passiert bei einer Psychose. Die auslösende Lebenssituation bei meinem Partner war Isolation und die Beschäftigung mit rein geistigen, abstrakten Inhalten seines Studiums.


     Für Psychotiker ist es wichtig, geordnete Verhältnisse zu haben und ein soziales Netz. Die Beziehung gibt Geborgenheit und damit Sicherheit, sie ist wie ein Boot, das sicher über die stürmische See des Lebens fährt. Eine Beziehung kann vieles auffangen. Besonders die Auseinandersetzung mit der Erkrankung und die Aufdeckung möglicher Ursachen, mit anschließender Vermeidung Psychose auslösender Situationen, kann die Erkrankung mildern und sogar verhindern. Dabei ist meistens zeitlebens die Einnahme bestimmter Medikamente wichtig, denn Psychotiker haben eine dünne Haut, oftmals Abgrenzungsschwierigkeiten und nehmen die Einflüsse ihrer Umwelt stärker auf, als andere Menschen und sind somit weniger belastbar.


     Anfangs war es für mich schwierig seine Erkrankung zu verstehen, denn dahinter steht eine ganze Psychologie seiner Person, seiner Herkunft, seiner Lebensumstände, die sich zu Konstellationen entwickelten, die eine Bereitschaft zu seiner Erkrankung aufwiesen. Und er war noch zu unbewusst, konnte unterdrückte Gefühle und Konflikte nicht erfassen und damit nicht ausreichend integrieren und so bildeten sie sich zu einer abgespalteten Form, die sozusagen der Nährboden für eine Psychose war.


     Für ihn war das Böse, also all die destruktiven Emotionen wie Wut, Hass und Aggressionen u. s. w., förmlich in ein Bild eingeflossen, das ihn verfolgte, denn innerlich hatte er eine Abwehrhaltung solche Emotionen bei sich überhaupt zuzulassen. Seinem Wesen nach ist er sanftmütig und in der Kindheit hatte er fast ausschließlich Harmonie erfahren und war immer glücklich in dieser auffangenden Geborgenheit. Heftige Ausbrüche oder Auseinandersetzungen kannte er nicht, es wurde nach Möglichkeit vermieden. So hatte er keine direkte Erfahrungen damit gemacht, geschweige denn einen Umgang mit destruktiven Gefühlen gelernt.


     Dieses Harmoniebild innerhalb der Familie und somit vom Leben, passte nicht mehr in die Welt seines Erwachsenenwerdens, denn er wurde mit gegenteiligen, negativen Erfahrungen konfrontiert. Statt diese hervorgerufenen aber unbekannten Emotionen, wie Aggressionen und Wut, als Teil seines Wesens zu akzeptieren, hatte er sie verdrängt. Doch Unterdrückung erwirkt oft den gegenteiligen Aspekt, nämlich Konzentration der Emotion. Es drängte sich ihm das Bild von Hitler auf, mit dem er all diese Emotionen verband und war von der verzerrten Wahrnehmung eingenommen, die Welt ginge wegen ihm unter.


     Es ging tatsächlich eine Welt unter, die seiner harmonievollen Einheit seiner Kindheit, denn er stand jetzt an der Schwelle eine eigenständiger Mensch zu werden und somit öffnete sich eine Welt, in der er die andere Seite des Lebens kennen lernte und die Empfindungen in ihm auslöste, die er vorher nicht oder wenig kannte. Er konnte sich aber nicht damit identifizieren und das löste Angst in ihm aus - Angst zu seinen eigenen negativen Gefühlen zu stehen. Das erwirkte eine Ohnmacht in ihm, denn er fühlte sich überschwemmt von widerstreitenden Emotionen, sie trübten seine klare Wahrnehmung von der Welt, er sah sie verzerrt, unwirklich und beängstigend.


     Was aber wirklich geschah, war mit den Geburtswehen eines neuen Bewusstseins zu vergleichen, denn er kam in Kontakt mit seinem inneren Wesen, ein Wesen, das in der Einheit seiner Harmonie verschüttet lag. Er kam allmählich zu sich selbst, aber dieser Prozess dauerte Jahre und je mehr er sich selbst kennen lernte und seine Emotionen akzeptieren konnte, desto vollständiger wurde er in seinem Wesen. Er konnte sich jetzt selbst besser einschätzen und erkannte die Existenz seiner ambivalenten Emotionen an. Denn wir werden erst vollständig in unserem Wesen, wenn wir alles, was uns eben ausmacht, voll und ganz annehmen. Jene unliebsamen Seiten und Handlungen gehören genauso zu unserem Wesen, wie unser lichtes, klares Selbst.


 


 


 


 


 


 


 



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