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Buch Leseprobe Niemandsland, Tamara Pirschalawa
Tamara Pirschalawa

Niemandsland


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Co-Abhängige befinden sich in einem Niemandsland. Mit der Welt ihres kranken Partners kommen sie nicht zurecht, dort können sie auch nicht auf Hilfe hoffen, und es ist ihr ständiges Bestreben, sie zu verlassen, da sie durchzo­gen ist von Lug und Trug, von Demütigungen und Ängsten. Mit der re­alen Welt und den (mehr oder weniger) gesunden Menschen, aus denen sie besteht, haben sie jedoch ebenfalls Schwierigkeiten, da sie anders sind, eben abhängig. Und sie schaffen es auch kaum, beide Welten miteinander zu verbinden. Ein solcher Spagat ist schwierig. Ihr kleiner Lebensbereich abseits der Norm ist auf der einen Seite schlimm für sie, auf der anderen Seite ist er für sie überschaubar. Hier haben Co-Abhängige im Rahmen ihrer Möglichkeiten eine gewisse Kontrolle. Der Lebensraum - erschreckend klein, mit nicht zu überblickenden Mauern - ist ihnen aus Kindheitstagen wohlbekannt, ihr Partner - schwierig, brutal, alkoholabhängig - ebenso. Sie wissen, was sie hier erwartet und was eben nicht. Weiter vorne in diesem Buch habe ich geschrieben, dass viele Frauen ihre gewalttätigen Partner nicht anzeigen oder die Anzeige wieder zurückziehen. Auch hier kommt dieser Punkt zum Tragen: Sie wissen, was ihr Partner ihnen antut und noch antun wird, wie weit er geht, wann er anfängt, wann er aufhört. Schalten sie aber z.B. Polizei und Staatsanwaltschaft ein, dann geben sie diese Kontrolle ab. Sie wissen von diesem Moment an nicht mehr, wie sich ihr Partner verhalten wird, denn nun haben sie ihm mit der Anzeige „tatsächlich etwas angetan". Vorher wurden sie grundlos misshandelt, aber jetzt haben sie ihm „einen Grund dafür gegeben". Wie wird er darauf reagieren? Die Frauen wissen es nicht, sie können es nicht einschätzen. Und da es einige Wochen oder sogar Monate in Anspruch nimmt, bis sich ein Gericht mit einem solchen Fall befassen kann, und da auch die Abwicklung eine Weile dauert, kommt ein für sie nicht eingrenzbarer Zeitraum auf sie zu, und sie wissen nicht, was in dieser Phase passieren könnte. Hier wäre es wichtig, diesen Frauen echten Schutz und eine wirksame Hilfestellung anzubieten - und zügig umzusetzen. Ich hoffe, dass unser Staat eines Tages dazu in der Lage ist, auch, damit die Opfer sich endlich trauen, die Täter anzuzeigen.


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