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Buch Leseprobe Meine Mutter lebt als Mann, Manuel Magiera
Manuel Magiera

Meine Mutter lebt als Mann


Marcus, meine Mutter ist transsexuell

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Meine Mutter lebt als Mann


Eine wahre Familiengeschichte


Zum Begriff


 


Unter dem Begriff Transsexualität versteht man eine Geschlechtsidentitätsstörung, bei der die Betroffenen in der tiefen inneren Gewissheit leben, nicht dem biologischen, sondern eigentlich dem Gegengeschlecht anzugehören. Entsprechende Verhaltensweisen lassen sich bereits im frühen Alter bei Kindern ab ca. drei Jahren beobachten. Kleine Jungen erweisen sich als sehr ruhig und zeigen mehr Interesse an typischen Mädchenspielsachen, während Mädchen rauflustiger sind und lieber mit Autos als mit Puppen spielen. Ein wichtiger Hinweis auf eine mögliche transsexuelle Störung gehört allerdings dazu: Die Kinder behaupten bereits sehr früh von sich aus, also oft schon im zarten Alter von drei Jahren, wenn die Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil statt gefunden hat, dem Gegengeschlecht anzugehören. Sie weigern sich ihr biologisch angeborenes Geschlecht anzunehmen. Dieses Problem zieht sich dann bei genuin transsexuell geprägten Kindern wie ein roter Faden durch das weitere Leben. Es gibt die sogenannte genuine, also primäre Transsexualität, welche bereits im Kleinkindalter vorhanden ist. Daneben existiert allerdings noch eine weitere Form, die sekundäre Transsexualität genannt wird und erst während der späteren Entwicklung entsteht. Häufig sind das aber Kinder, die Missbrauch oder einer gegengeschlechtlichen Erziehung ausgesetzt wurden. Auf diese spezielle Problematik wird im Folgenden nicht eingegangen, wobei gleichwohl behandelnde Ärzte, Psychologen und mit Gutachten beauftragte Mediziner beide Formen voneinander abgrenzen müssen.


Erfolgt eine frühzeitige Annahme und Akzeptanz der möglichen transsexuellen Störung von Seiten der Eltern und der Umwelt und damit einhergehend die hilfreiche ärztliche Begleitung, welche dem Kind dann später mit dem achtzehnten Lebensjahr alle rechtlichen und medizinischen Wege seiner individuellen geschlechtlichen Entscheidung offen lässt, kann die Störung durch geschlechtsangleichende hormonelle und operative Maßnahmen heute gut behandelt werden. Auch die Penisbildung bei Frau zu Mann Transsexuellen zeigt bereits hervorragende Ergebnisse. Hier hat sich die Chirurgie in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Das Leben in der gefühlten Geschlechtsrolle ist für die Betroffenen auch in sexueller Hinsicht kein Problem mehr. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass im operierten Geschlecht wohl auch in absehbarer Zukunft keine Möglichkeit auf eine biologische Vater- oder Mutterschaft bestehen wird. Nach Weiterentwicklung der Genforschung lässt sich zwar die Gewinnung von Stammzellen zur künstlichen Befruchtung aus anderen Körperregionen oder den ursprünglichen Sexualorganen vor deren Entfernung schon vorstellen. Bei dem weiblichen Partner eines Frau zu Mann Transsexuellen könnten auf diese Weise invitro gezüchtete Embryonen in die Gebärmutter eingepflanzt werden. Für Mann zu Frau Transsexuelle müsste dann entweder ein Gebärmutterersatz das sich entwickelnde Baby aufnehmen oder es würde von einer Leihmutter ausgetragen. All dies ist derzeit in Deutschland aber (noch) nicht oder nur eingeschränkt erlaubt und möglich. Für gleichgeschlechtliche Paare gibt es bereits die Möglichkeit der biologischen Elternschaft in Form von Samenspende und Leihmutter in den USA.


Ich möchte niemand, der solche Wege einschlägt kritisieren, denn ich habe das Leid der ungewollten Kinderlosigkeit am eigenen Leib erfahren müssen. Wir konnten damals unseren Sohn adoptieren und somit einem Kind eine Familie schenken, wenngleich sich unser Engagement später auch in extrem tragischer Weise entwickelte. Ich persönlich halte unsere Wahl trotz allem für die Bessere. Das muss aber jeder für sich selbst entscheiden.


Die Ursachen für Transsexualität sind bis heute nicht genau erforscht und es existieren diverse, teils heftig umstrittene Meinungen dazu. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, welche im Alter von ca. drei Jahren stattfindet, nicht vollständig erfolgreich abgeschlossen wurde, wird diskutiert. Möglicherweise ist ein Hormonüberschuss an Testosteron im Blut der Mutter während einer bestimmten Phase in der Schwangerschaft eine der Ursachen oder zusätzlicher Auslöser für die transsexuelle Prägung eines weiblichen Fötus. Kommen dann noch psychosoziale Faktoren hinzu, kann die tiefe innere Gewissheit der abweichenden Geschlechtsidentität entstehen. Eine hundertprozentig sichere Erklärung zu den Ursachen gibt es nach meinem gegenwärtigen Kenntnisstand jedoch nicht.


Ärzte, Sozialarbeiter und Psychologen werden deshalb noch lange auf die Aussagen und Wünsche ihrer Patienten angewiesen bleiben. Fakt ist, dass der Druck im gefühlten Geschlecht leben zu müssen, derartig stark werden kann, dass die Betroffenen in Depressionen verfallen und dann versuchen sich das Leben zu nehmen. Die Geschlechtsidentität muss dementsprechend einen so großen Einfluss auf die Persönlichkeit eines Menschen haben, dass sie als existentiell notwendig erscheint. Das bedeutet, dass das Weiterleben für einen Menschen ohne ein sicher erlebtes eigenes Geschlecht nicht möglich ist. Dazu ein ganz einfaches Beispiel: Niemand, der sich mit seinem biologischen Geschlecht im Einklang fühlt, wird, um eine Straftat zu vertuschen auf die Idee kommen, dieses zu wechseln. Zumindest nicht operativ und somit dauerhaft. Es sind bisher keine derartigen Fälle bekannt. Bestimmte Operationen betrafen insoweit lediglich Gesichtskorrekturen, jedoch nie einen kompletten Geschlechtswechsel. Ein gesuchter männlicher Bankräuber müsste ja dann auch nach seiner geheimen Operation als Frau weiterleben und in dieser Rolle zurechtkommen. Für jemand, der sich als Mann erlebt ist so etwas kaum vorstellbar. An den Fingerabdrücken und an der DNA würde sich natürlich auch nichts ändern. Insofern kann eine transsexuelle Prägung als individuell einzigartig und als nur zu dem transsexuell empfindenden Menschen gehörig angesehen werden. Die Behandlung ist vielfältig. Frau zu Mann Transsexuelle sind in der Regel rigoroser in der Umsetzung ihrer Wünsche und gehen ihren Weg ziemlich geradlinig und ohne nennenswerte Umwege in die Angleichung. Damit entsprechen sie auch dem gesellschaftlichen Bild ihrer biologisch geborenen männlichen Geschlechtsgenossen mehr als Mann zu Frau Transsexuelle, die sich meistens viel länger mit ihrem Geschlechtswechsel beschäftigen. Allerdings ist nach Abgrenzung femininer Homosexueller wohl auch hier eher die Gesellschaft die treibende Kraft, weil sie es einem Jungen leider weniger ermöglicht, seinen als weiblich empfundenen körperlichen und seelischen Neigungen offen nachzugehen. Natürlich trägt die Erziehung im Elternhaus ebenfalls ganz wesentlich zum unterschiedlichen Umgang mit dem eigenen transsexuellen Weg bei.


Mögliche geistige Erkrankungen lassen sich durch erfahrene Psychotherapeuten schnell und recht sicher abgrenzen. Die weitere Behandlung hängt dann vom Wunsch des Patienten und seinen psychischen Möglichkeiten ab. Kann jemand dem inneren Druck gut standhalten und besitzt ein starkes ihn tragendes familiäres und gesellschaftliches Umfeld, wird in der Regel eine totale körperliche Angleichung einhergehend mit dem Wechsel des Namens auch im rechtlichen Sinn, nicht immer gleich angestrebt. Viele lassen es dann beim Crossdressing, also beim Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung, leichter Hormonzugabe und somit etwas Verweiblichens bzw. Vermännlichung bewenden und finden mit Partner, Kindern sowie den Eltern ihren individuellen Weg um mit der Störung zu leben.


Hier sind die Partner/Innen natürlich besonders gefragt. Kann eine Ehefrau/Ehemann die eigene Homosexualität zulassen, gelingt es eher eine solche Beziehung auch tragfähig zu erhalten. Besteht aber noch die Hingabe an alte Rollenverteilungen und Moralvorstellungen, wird eine derartige Ehe zum Scheitern verurteilt sein. Leidtragende sind in der Regel dann immer die daraus hervor gegangenen Kinder, gleich, ob selbst gezeugt oder adoptiert. Partner und Partnerinnen, die von der transsexuellen Prägung des Gefährten bislang nichts wussten, sollten dies nicht als Vertrauensbruch werten. Über die „komischen“ Gefühle zu sprechen, fällt ja gerade den biologisch männlichen Partnern wegen der mit Recht bereits beschriebenen gesellschaftlichen Vorbehalte sehr schwer. Dazu sei gesagt: Transsexualität ist für andere weder gefährlich noch ansteckend! Es betrifft nur die eigene Geschlechtsidentität und auch nicht die geschlechtliche Ausrichtung. Allerdings empfinden sich die meisten Transsexuellen als bisexuell, weil sie entsprechend ihres biologischen Geschlechts letzten Endes homosexuelle Beziehungen vor dem Comingout hatten, wobei diese ja für die Außenwelt heterosexuell aussahen. Auf gar keinen Fall und das sei hier ausdrücklich erwähnt:


Transsexualität hat auch mit Pädophilie oder anderem gesellschaftlich nicht akzeptablen Geschlechtsverhalten absolut nichts zu tun!


Die Grunderkrankung oder besser Störung liegt nur in der Ablehnung des eigenen biologisch angeborenen Geschlechts und weder im Verhalten geschlechtlichen Auslebens noch der Art der Fixierung auf andere.


Es mag zwar auf den einen oder anderen irritierend wirken, wenn eine Frau mit tieferer Stimme als üblich spricht und auch äußerlich sehr stabil und kräftig gebaut ist. Das Eigentliche, welches ebenso unumstößlich zum Menschen gehört und seine Identität und Persönlichkeit erst ausmacht, nämlich das Wesen, tritt dann aber im Verhalten, also in der Art und Weise des „Rüberkommens“ zu Tage und wird meistens relativ klar als weiblich erkannt. Dumme Sprüche oder abwertendes Verhalten sind hier wahrhaftig fehl am Platz und sollten in einer aufgeklärten modernen Gesellschaft nicht mehr vorkommen. Genau, wie jeder beim beruflichen Werdegang nur an seiner Leistung zu messen ist, sollten und dürften Transsexuelle nicht beim Gleichstellungsgrundsatz, rechtlich im Deutschen Grundgesetz verankert, durchfallen. Sie müssten also ausschließlich entsprechend ihrer beruflichen Qualifikation von potenziellen Arbeitgebern eingestellt werden. Das solches in Deutschland heute noch nicht der Fall ist, hat unter anderem auch zu diesem Buch geführt. Mann zu Frau Transsexuelle finden selbst mit einem abgeschlossen Studium und Diplom keinen adäquaten Arbeitsplatz. Es ist also noch sehr viel Aufklärungsarbeit zu leisten.


Der nun folgende Bericht soll dazu beitragen. Die Geschichte von Peter, Thorsten und Marcus aus Nordfriesland ist wahr. Ihre Namen wurden deshalb geändert. Peter schrieb sein Leben auf und wurde so gleichzeitig Autor dieses Buches. Peter und Thorsten heirateten 1980 als Mann und Frau und durften Marcus drei Jahre später als Vierjährigen in ihre Obhut nehmen. Die Ehe zerbrach dann nicht nur aufgrund der transsexuellen Prägung Peters, sondern auch weil niemand in der Lage war, der kleinen Familie so zu helfen, dass sie einen individuellen konstruktiven Weg für die Bewältigung ihrer Probleme finden konnte: Einen Weg des gegenseitigen Respekts ohne Streit und einzig getragen von Vernunft und der Sorge für das gemeinsame Kind. Die Folgen für den kleinen Marcus waren fatal, wie die Geschichte zeigen wird. Was hatte sich Peter erhofft, als er zum ersten Mal zusammen mit Thorsten seinem späteren Gutachter in der Klinik gegenüber saß? Anstatt des herbeigesehnten ersten richtigen Familiengesprächs erhielt er wieder nur die Einweisung in die Psychiatrie. Es wurde nicht problemübergreifend behandelt. Die Familie blieb sich selbst überlassen.


 


 


Marcus, meine Mutter ist transsexuell      


 


Diese Geschichte ist wahr. Die Namen der darin vorkommenden Personen wurden geändert.


 


Peter Lassen sieht auf die Uhr. Gleich Sieben, die Flut kommt. An der Küste leben die Menschen wie selbstverständlich mit den Gezeiten. Er schließt seine Haustür zu und macht sich sehr nachdenklich zur Garage auf. Marcus‘ Bewährung wurde widerrufen!  Warum, wusste Peter auch nicht so genau. Anscheinend konnte sein Sohn wieder einmal eine Bewährungsauflage des Gerichts nicht einhalten. Der fünfzigjährige Mann nimmt sein Fahrrad und schiebt es vorsichtig am Auto vorbei hinaus. Sein Junge macht ihm Kummer. Marcus ist bereits dreißig Jahre alt und besitzt weder eine Berufsausbildung noch einen Arbeitsplatz. Er reagiert oft sehr aggressiv. Das brachte ihm auch bereits einige Strafen ein.


Nach wenigen Minuten hat Peter sein Ziel erreicht.  Der Weg führte ihn wie immer an saftigen grünen Kuhweiden entlang. Im Koog wachsen keine Bäume mehr. Das Land ist flach und nur sehr wenige an das raue Klima angepasste Pflanzen können hier gedeihen. Er stellt sein Fahrrad an den Zaun und öffnet die kleine Eisentür, welche sich sofort wieder selbsttätig schließt, damit die Schafe nicht entweichen können. Dann steigt er die steile Treppe zum Deich hinauf. Die von einem ortsansässigen Ehepaar gestiftete Bank auf der Deichkrone ist frei und der Blick über die Bucht nach Süderhafen entschädigt ihn kurzzeitig für alle Sorgen. Ein dickes Schaf mit einem grünen Fleck auf dem Hinterteil weidet genüsslich neben ihm. Das Grün stammt von einem Farbbeutel, den der Schafbock unter dem Bauch trägt. Auf dem Hintern eines Schafes zeigt der Fleck an, dass dieses vom Bock bestiegen und besamt worden ist. Peter schmunzelt über den Trick, wie die Schafbauern ihre Tiere markieren. Möwengeschrei vermischt sich mit dem Blöken der Schafe und den Geräuschen der Kühe, die hinter dem Deich auf den Weiden stehen. Vor ihm naht langsam die Flut und verschlingt das offene Vorland mit den Lahnungen. Links hinter ihm erhellen die Lichter der viel beschriebenen grauen Stadt am Meer den Himmel. Windräder wirbeln durch die Luft. Ihre roten Lichter blinken im Gleichtakt. Peter schaut wieder auf das wellenschlagende blaue Meer vor ihm. Die Hafeneinfahrt der Stadt wird durch ein rotes Leitfeuer angekündigt. Sein Blick wandert langsam über die kleine Bucht. In Schobüll, ein paar hundert Meter weiter, endet der Deich, auf dem er gerade sitzt. Ein kleines Stück der Schleswig-Holsteinischen Nordseeküste bleibt ungeschützt. Der Geestrücken ragt bis ans Meer, um dann in die Salzwiesen überzugehen. Peter sieht nachdenklich auf die vielen Scheinwerfer der unzähligen Autos, welche über den Damm nach Nordstrand fahren. Ich wohne an einem Ort, an dem andere Leute Urlaub machen! Er lächelt über seinen Einfall, doch dann muss er wieder an seinen Sohn denken. Marcus wollte sich stellen und die vier Monate Haftstrafe absitzen. Aber daraus wurde nichts. Der junge Mann hat anscheinend Angst, dass seine Freundin ihn verlässt, wenn er im Gefängnis bleiben muss. Und eine Therapie will er nicht machen. Da ist er genauso stur wie sein Vater Thorsten.


                                                                                   ***                        


Peter und Thorsten heirateten 1980. Damals war Peter biologisch noch eine Frau. Er wurde als Mädchen geboren und verbrachte seine ersten Lebensjahre auf Sylt. Bereits im zarten Alter von drei Jahren bat er die Mutter, ihn doch in Zukunft Peter zu nennen. Er wäre eigentlich ein kleiner Junge. Die Mutter lachte und spielte das Spiel mit. Peters Puppen führten ein einsames Leben in der Ecke. Sie wurden so gut wie nie bespielt. Sein ganzer Stolz war der Fuhrpark, welcher aus unzähligen Plastikautos und Schiffen bestand. Im Laufe der Zeit konnte er auch eine kleine Eisenbahn, die es in den sechziger Jahren noch zum Aufziehen gab, sein eigen nennen. Der ältere Bruder fuhr bereits zur See, als Peter zusammen mit seinen Eltern um die Südspitze in Hörnum wanderte. Vom Bruder hatte der kleine „Junge“ ein Spielzeuggewehr und ein wunderschönes selbstgebasteltes Segelflugzeug bekommen. Er baute sich große Schiffe in den Sand und saß als stolzer Kapitän darin. Anfangs war er trotzdem noch sehr unglücklich, denn seine Mutter hatte ihm die Haare wachsen lassen und Peter musste lange Zöpfe tragen. Eine Tante strickte ihm Kleidchen und da half kein Bitten und Flehen. Wie gern hätte er doch wie die anderen Jungen im Dorf Hosen besessen. In der Schule kam er sehr gut mit und im Sportunterricht konnte er stets schneller laufen als die Mädchen. Die Jungen in der Klasse hatten ihn als einen der ihren akzeptiert. Peter tobte wild mit ihnen umher und manch einer seiner Schulkameraden konnte ein Lied von Peters Rauflust singen. Seine Kopfnoten im Zeugnis waren dementsprechend schlecht. Gleich zu Beginn des zweiten Schuljahres wurde er krank. Seine Beine schmerzten ständig und die Ärzte schickten ihn weit weg von zu Hause nach Hamburg ins Krankenhaus. Nachdem er dort zweimal operiert werden musste, durfte er im Sommer wieder heim. Die Mutter hatte ihm die Erfüllung eines Wunsches versprochen und Peter konnte sein Glück kaum fassen. Natürlich wünschte er sich einen Besuch bei Tante Margit. Sie war Mutters beste Freundin und die Dorffriseuse. Peter lief nach dem Friseurbesuch stolz mit seinem Bubikopf auf die Straße. Er war nun endlich ein richtiger Junge geworden. Seine Mama hielt schluchzend die langen abgeschnittenen Zöpfe in der Hand.


Und der kleine „Junge“ konnte dann sogar Hosen durchsetzen. Die Mutter hatte nämlich  festgestellt, dass diese wesentlich praktischer für ihn waren als Kleider und Strumpfhosen. Kurz vor seinem zehnten Geburtstag zog die Familie nach Flensburg. Der Vater wurde beruflich versetzt und auch Peter sollte die Schulart wechseln. Er besuchte nun das Gymnasium, trug weiterhin  nur kurze Haare und Hosen und fühlte sich in der reinen Mädchenklasse alles andere als wohl. In den folgenden Jahren träumte er ständig einen Tagtraum. Nach einem Busunfall hätten die Ärzte männliche Organe in seinem Bauch gefunden und müssten ihn nun zu einem Jungen um operieren. Die Pubertät wurde für den transsexuellen Jungen eine einzige Katastrophe. Sein Körper wehrte sich mit furchtbaren monatlichen Schmerzen gegen die biologische Rolle als Frau. Dazu kamen psychische Probleme, denn Peter hasste seinen weiblichen Körper und bemühte sich verzweifelt, mithilfe der Antibabypille seine Blutungen zu unterdrücken. Auch die Brust hatte sich geringfügig entwickelt und er konnte im Sommer nicht mehr mit freiem Oberkörper ins Schwimmbad gehen. Er versuchte trotz der inneren Konflikte seine Schulaufgaben ordentlich zu bewältigen, doch irgendwie wirkte sich das Chaos in seiner Seele auch auf seine Schulleistungen aus. Die Banknachbarin wurde seine beste Freundin. Aber mit ihr reden konnte er nicht. Er hatte ja inzwischen die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau realisiert und traurig verstanden, dass an seiner Körperlichkeit nun einmal nichts zu ändern war. Seine Träume konzentrierten sich nur noch auf unerreichbare Wünsche. Er lebte damit in der ständigen Angst etwas Verbotenes zu tun. Sein schlechtes Gewissen verhinderte auch, dass er sich als Jugendlicher einem Arzt anvertrauen konnte. Er bewahrte sein Geheimnis tief in sich, weil er fürchtete möglicherweise bis an sein Lebensende in die Psychiatrie eingesperrt zu werden. Diese Vorstellung ängstigte ihn noch mehr, als eine mögliche Ablehnung durch andere Menschen wegen seiner obskuren  Wünsche.


So vergingen die Jahre. Peter verliebte sich pro forma in einen nicht erreichbaren Jungen aus der Schule und versuchte ihn in seinen Träumen zu kopieren. Beziehungen zu Jungen brachten ihm nichts und natürlich konnte er auch keine Zärtlichkeit mit der Freundin austauschen. Er erlebte sich ja nicht als lesbische Frau. Das junge Mädchen wollte auch nur Beziehungen zu Jungen und hätte das sicher gar nicht zugelassen. Niemand erfuhr etwas von Peters Gefühlen. Die inneren Spannungen verhinderten obendrein den angestrebten Schulabschluss. Peter wollte das Abitur machen und Lehrer werden. Doch sein Adoleszenskonflikt war dann so übermächtig geworden, das er bald ständig unter panikartigen Ängsten litt. Die anstehenden Abiturprüfungen wurden auf diese Weise zum Albtraum für ihn. Von Versagenssängsten gepeinigt, verließ er das Gymnasium mit der Versetzung in die Oberprima. In den folgenden Jahren bemühte er sich um seine Berufsausbildung, wurde Beamter wie sein Vater und lebte sehr zurückgezogen. Nur mit der Mutter sprach er einmal als Zwanzigjähriger über seine Wünsche. Sie gab ihm dann den Rat ans Heiraten zu denken und Kinder zu bekommen. Wenn er erst sein erstes Baby im Arm hielte, würden seine dummen Gedanken sicher ganz von selbst verschwinden.


Peter lernte Thorsten kennen. Bei dem zwölf Jahre älteren Handwerksmeister fühlte er sich geborgen und ihre Liebe zu Pferden verband die beiden zusätzlich. Peter zog zu Thorsten aufs Land. Sie heirateten inmitten einer großen Familie und auch Peter genoss das Leben in der dörflichen Gemeinschaft. Er versuchte sich jungenhaft zu kleiden und zu geben, aber andererseits auch wieder sein biologisches Geschlecht zu leben. Es war ein Spagat, der ihm viel Kraft abforderte. Nach zwei Ehejahren beschloss das junge Paar Eltern zu werden. Peter wünschte sich sehnlichst ein Kind, allerdings raubte ihm die Angst vor dem Geburtsschmerz gleichzeitig den Verstand. Trotzdem bemühten sich die beiden um Nachwuchs. Als dieser auf sich warten ließ, leiteten sie ärztliche Untersuchungen ein und fanden bald heraus, dass es sowohl bei Thorsten als auch bei Peter Probleme mit der Realisation ihres Kinderwunsches geben würde. So beschlossen Thorsten und Peter ein Kind zu adoptieren. Nachdem sie die notwendigen Anträge gestellt hatten, hieß es abwarten. Sie gingen weiterhin ihrer Arbeit nach und versorgten am Abend ihr gemeinsames großes Haus. Auch ein eigenes Pferd hatten sie sich angeschafft. Wirtschaftlich ging es ihnen gut und Peter wurde durch das abwechslungsreiche Leben von seinen Problemen abgelenkt. Im Sommer 1983 war es dann endlich soweit. Thorsten und Peter hatten an einem Seminar für angehende Adoptiveltern teilgenommen und eines Tages erreichte Peter am Arbeitsplatz der langersehnte Anruf von der Adoptionsvermittlungsstelle.


Ein kleiner vierjähriger Junge suchte neue Eltern. Peter war überglücklich. Sie fuhren ins Kinderkurheim an die Nordsee und trafen dort zum ersten Mal ihren Sohn Marcus. Schnell wurden alle erforderlichen Vorbereitungen getroffen. Das Kinderzimmer musste hergerichtet werden und Peter ließ sich von seinem Arbeitgeber beurlauben. Ein paar Tage später kamen sie noch einmal in das Kurheim. Marcus war dort sehr traurig. Es handelte sich ja um ein Heim, in das Kinder aller Altersgruppen aus ganz Deutschland für eine begrenzte Zeit aufgenommen wurden. Wenn die anderen Kinder wieder ihre Koffer packten und nach Hause fahren durften, musste Marcus dort bleiben. Seine Augen strahlten vor Freude, als Peter und Thorsten auch ihn endlich abholten. Schnell waren seine wenigen Habseligkeiten in den mitgebrachten Koffer gesteckt und auch sein Teddy und das schöne Fährschiff, welches er von Peter als Willkommensgeschenk erhalten hatte, wurden rasch in eine Plastiktüte verstaut. Am Strand legte dann die Erzieherin Marcus’ kleine Hand in die Peters. Von einem Gefühl tiefster Liebe überwältigt, liefen Peter Tränen übers  Gesicht und er wusste, er würde diese kleine Hand nie wieder los lassen, was immer auch das Leben noch mit ihnen vor haben sollte.


Marcus fasste schnell Vertrauen zu Peter, der ihn liebevoll umsorgte. Als erstes wurde er dem Hausarzt vorgestellt. Eine richtige ärztliche Versorgung fehlte dem kleinen Jungen natürlich ebenso wie Liebe und Geborgenheit. Seine sprachlichen Fähigkeiten waren außerdem unterentwickelt. Er erhielt deshalb sofort logopädischen Unterricht und wurde gegen die wichtigsten Kinderkrankheiten geimpft. Der kleine Bursche war ein lebhaftes Kind, welches neugierig mit großen Augen seine Umgebung erkundete, aber er hatte sich natürlich nicht altersgemäß entwickelt. Seine Feinmotorik war schlecht ausgeprägt, was dazu führte, dass er nicht nur sehr leicht hinfiel und dabei buchstäblich über die eigenen kleinen Beine stolperte, sondern auch mit den Händen sehr hart zupackte, dann aber die Gegenstände plötzlich und unvermittelt  wieder losließ. Sehr deutlich wurde das Dilemma, wenn er im Hühnerstall beim Eiersammeln helfen durfte. Peter musste ihm dann sanft die Eier aus der Hand nehmen, wollte er sie für die Küche retten. Es gab für den Vierjährigen so viel Neues und Unbekanntes zu entdecken. Zu Weihnachten wünschte er sich einen Bauernhof und als er den Weihnachtsmann auf dem Parkplatz des Kaufhauses traf, in dem Thorsten arbeitete, da zupfte er dem Mann im roten Mantel und weißem Rauschebart am Ärmel, sah ihn bittend und flehend an und fragte immer wieder, ob er ihm auch den erhofften Bauernhof bringen würde. Natürlich konnte er am Heiligen Abend einen großen Hof mit Kühen, Schweinen und Pferden sein eigen nennen. Der Weihnachtsmann hatte noch eins draufgelegt und einen schönen Trecker mitgeliefert. Marcus fühlte sich nun als stolzer Landwirt und spielte stundenlang mit seinem Hof. In der Familie hatten ihn alle auf Anhieb sehr lieb gewonnen. Da zwei Brüder Thorstens ebenfalls „richtige“ Landwirte waren, kam Marcus dort regelmäßig gerne zu Besuch. Er durfte Trecker fahren und beim Füttern helfen. Als Peter und Thorsten dann ihm zu Ehren die ganze Familie zum „Kindskiek“ einluden, war die Freude groß. Ein grüner Kindertraktor zum selber treten stand fortan vor dem Haus. Marcus ging natürlich keinen Meter mehr zu Fuß, sondern begleitete die Mutter zum Einkaufen auf dem eigenen Trecker.


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