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Ratgeberbücher
Buch Leseprobe Iss was!?, Kate Delore
Kate Delore

Iss was!?


Zwischen Kuchenlust & Hungerfrust im Modelbiz

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Essen ist Lebensfreude. Essen ist Genuss. Essen ist Entspannung. Das wusste ich nur allzu gut aus meinen gar nicht so weit zurückliegenden Plus-Size-Zeiten. Als Plus-Size-Model hatte ich es leicht gehabt: „Let’s get fat!“, so wie damals eine mollige amerikanische Modelkollegin freudig verkündete, als wir uns zu einem spontanen Dinner in New York trafen.
Nun war ich aber kein Übergrößen-Model mehr und so hatte ich fortan ein „kleines“ Problem: Wie alle anderen untergewichtigen Models musste ich bestimmte Kategorien von Essen wieder als meinen Feind betrachten.
Ich befand mich jetzt in der Kategorie „Size Zero“, musste es mit all den dünnen Models der harten Branche aufnehmen und versuchte, irgendwie mitzuhalten. Sämtliche Kohlenhydrate landeten auf meiner verbotenen Liste, also jegliche Arten von Nudeln und Brot (nur Knäckebrot erlaubte ich mir). Außerdem Käse generell (außer Hüttenkäse und Harzer Käse), jegliche Art von Wurst und Fleisch (Ausnahme: Hühnchen- oder Putenbrust) und leider musste auch mein Glücksfaktor Nummer 1 gestrichen werden: jegliche Art von Süßem! Dabei war ich doch mindestens zwölf Stunden am Tag der totale Chocoholic. Nun gut, das fettfreie süße Zeug, das Heidi Klum einmal genüsslich in der TV-Werbung zwischen ihren Zehen drapierte, kann man sich zwischendurch mal gönnen. Aber wem reichen davon nur zwei oder drei Stück? Ich bin der Typ des Ganz- oder Gar-nicht-Essers: Wenn ich eines probiere, muss ich die ganze Packung haben, so wie beim Verhalten mit einer Chipstüte. Das ist verteufelt und daher versuchte ich, gleich ganz die Finger davon zu lassen! Auch, wenn es mir jeden Tag schwergefallen ist.
Nur wenige Models können „eine Kuh verschlingen“, ohne dass es der Figur schadet – das erwähnte mal das Topmodel Gisele Bündchen beiläufig in einem Interview, womit sie mich ganz schön erstaunte. Diese Models haben einfach Glück mit ihrem Körper und ihrer schlechten Futterverwertung! Aber meiner Meinung nach führen mindestens 99 Prozent der anderen arbeitenden Models einen ähnlichen täglichen Kampf mit dem Essen wie ich. Es gibt nur selten jemand zu!
Es ist nicht so, dass ich je ein Schloss an meinen geliebten wie gehassten Kühlschrank gehängt hätte. Aber ich habe jeden Tag gedanklich meine geschätzten Kalorien gezählt oder sie in eine Liste eingetragen. So notierte ich jede Art von Lebensmittel, die ich zu mir nahm, um meine Maße und mein Gewicht unter Kontrolle zu haben. Der Rechner auf meinem Mobiltelefon glühte ganz schön! Das war beim Modeln eben für mich überlebenswichtig, denn sobald ich keine Übersicht über meine verspeisten Lebensmittel mehr hatte, gab es für mich auch kein Halten mehr, beherzt zuzugreifen.
Auch die Menschen um einen herum, vor allem andere Models, spielen eine Rolle. Einmal fuhr ich zu einem Shooting in den Bergen für einen bekannten Bekleidungshersteller, für den ich wieder frisch und schlank sein musste. Zusammen mit einer sehr, sehr schlanken schwarzhaarigen Modelkollegin, die von derselben Agentur gebucht war, fuhren wir in ihrem feinen, grau schimmernden Smart Cabrio an einem mit zarten Sonnenstrahlen gesegneten frühlingshaften Morgen in die schöne Berg- und Talwelt von Murnau bei Garmisch-Partenkirchen. Am verabredeten Parkplatz wurden wir von einem Mitarbeiter der Firma abgeholt und mussten zunächst eine geschlagene halbe Stunde über steinigen Untergrund wandern, bis wir zu der Location, einer Hütte gelangten. Auf einer Holzbank vor der Hütte wurden wir von einer Visagistin geschminkt und frisiert. Es war ganz schön kalt so früh am Morgen in den Bergen, ich zitterte. Frieren gehört allgemein zum Modeln dazu, wie ich festgestellt habe. Im Bikini im Schnee zu stehen und dabei immer noch gut auszusehen oder in leicht bekleideten Sommerklamotten bei kühlen Temperaturen sein Bestes zu geben und sich ja nicht anmerken zu lassen, wie kalt es wirklich ist – das sind die wahren Künste, die man als Model beherrschen sollte.
Ich riss mich am Riemen und dachte an warme Sonne, die auf meine Haut strahlt und mich wärmt. Nach kurzer Wartezeit ging es mit dem Einkleiden los und sodann mit dem Shooting. „Zieh den Bauch ein, Kate!“, eröffnete der Fotograf unser Zusammenspiel – und mein neues Shootingmotto. Lächelnd und strahlend stand ich vor einer rustikalen Berghütte und nahm in kurzer Zeit verschiedene Posen ein, nicht gekünstelt, sondern ganz im kommerziellen Stil. Ich wurde gefühlte 500 Mal fotografiert und schwupp, war es auch schon wieder vorbei. Das nächste Shooting war geschafft und mein Belohnungssystem setzte schlagartig ein. Noch bevor ich meine Mails auf meinem Handy checkte oder kurz prüfend in den Autospiegel blickte, griff ich bei der Heimfahrt als allererstes in mein mitgenommenes Goodie Bag – und holte zwei große Stücke meiner am Tag zuvor kreierten Kekstorte hervor. Auf diesen Augenblick des Genießens freute ich mich nach Shootings immer ganz besonders. Weil es mich eben so glücklich macht! Ich fühlte mich innerlich schon schlecht und beinahe ertappt, weil meine hübsche Modelkollegin sich nur ein zusammengeschrumpftes Vollkornbrötchen von der Tankstelle gönnte. Vielleicht würde sie mich ja an meine Agentur verpetzen, dass ich einmal nicht auf meinen Körper achtete? Oder vielleicht sogar, weil ich ihr gemeinerweise ein Stückchen meines Kuchens angeboten hatte? „Ihr müsst sofort Kate abmahnen! Sie wollte mich zum Fressen verleiten!“, sah ich in Gedanken schon den Modelprotest in meiner Agentur wie eine Lawine auf mich zurollen. Schließlich müssen Models immer auf ihre Linie achten und einen perfekten Körper haben.


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