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Der wahre Traum von Freiheit


Kleiner Ratgeber zur Transsexualit„t

von Hans Georg van Herste

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ISBN13-Nummer:
9783839105979
Ausstattung:
Paperback, 100 Seiten
Preis:
6.80 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Books on Demand GmbH, Norderstedt
Kontakt zum Autor oder Verlag:
vanherste@gmx.de
Leseprobe

Aufgrund des Informationsdefizites in der Bevölkerung und in den Medien, habe ich mich entschlossen, ein Buch zum Thema Transidentitätsstörung/Transsexualität zu schreiben. Elke, achtundvierzig und Johanna, zwanzig, beide transsexuell und Johannas Mutter waren sofort dabei. Wie man leicht aus dem Inhalt der zwei verschiedenen Geschichten herauslesen kann, hat sich in den letzten Jahren einiges zum Guten gewandelt. Leider reicht das noch lange nicht aus, um TS ein vorurteilsfreies und sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Am liebsten wäre mir, wenn es auch offiziell ein drittes Geschlecht geben würde. Damit wäre jeder in der Lage, so zu leben, wie es ihm gefällt. Elke hat mir eine Bedingung gestellt. Um ihre Geschichte, die bezeichnend ist für viele TS, mit in diesem Buch veröf-fentlichen zu können, bestand Sie darauf, dass ich ihre Danksagung am Schluss des Buches einfüge, um den Leserinnen und Lesern zu zeigen, dass es noch Menschen gibt, die nicht nur aufs Geld schauen, sondern zuerst einmal Hilfe leisten. Ich will mit diesem Buch dazu beitragen, dass immer noch bestehende Vorurteile ausgeräumt werden und dass mehr Informationen als zuvor an Interessierte gelangen. Eigentlich wollte ich noch einen kleinen Ratgeberteil an den Schluss der Erzählungen setzen. Diese Absicht habe ich allerdings schnell wieder verworfen, da sich die Gesetzeslage dauernd ändert. Informationen, die den neusten Stand berücksichtigen, können im Internet z. B. unter www.van-herste.de, www.transborderles.de oder www.trans-eltern.de abgerufen werden. Ich möchte, nur zum Verständnis, ein paar Anmerkungen machen. Transsexualität oder Transidentitätsstörung ist – wie die Homosexualität auch – angeboren wie z. B. die Haarfarbe, kann also nicht etwa durch falsche Erziehung erworben oder ausgelöst werden. Alle TS, die sich im Laufe von über dreißig Jahren an mich wandten, erklärten mir einhellig, dass sie ihr „Anderssein“ schon in der frühesten Kindheit gespürt hätten. Betroffenen fällt das also nicht mal eben so im Alter von dreißig oder vierzig Jahren ein. Sie waren schon immer so. Allerdings bemerkten die Betroffenen sehr schnell, dass sie sich in ihre, dem eigenen Körper entsprechende Geschlechterrolle einfügen mussten, um sich nicht Hohn, Spott, Ausgrenzungen oder sogar Schlägen aussetzen zu müssen. Ich bekam Briefe, in denen betroffene Jugendliche von solchen Exzessen berichten. Ich werde dadurch manchmal an Berichte aus dem Mittelalter erinnert. Damals wurden z. B. Frauen wegen ihrer roten Haare, die ihnen einfach so gewachsen waren, auf dem Scheiterhaufen verbrannt. TS stehen also von Kindesbeinen an unter einem enormen Druck. Sie lernen schon im Alter von zwei oder drei Jahren, sich zu verstellen, sich anzupassen. Ein psychischer Schaden ist somit vorprogrammiert. Sollte die Transsexualität nicht irgendwann ausgelebt werden, können psychische Störungen entstehen, die sehr an das Borderline-Syndrom erinnern. Selbstverstümmelung, Selbsthass, Minderwertigkeitsgefühle, Antriebslosigkeit, Beziehungsunfähigkeit und sogar Selbstmord sind gar nicht so selten. Ich kann den Betroffenen nur dringend ans Herz legen, sich psychologischen Beistand zu holen, sich fachkundig beraten zu lassen und niemals eigenmächtig zu handeln. Unkontrollierter Einsatz von Hormonen kann zu dauerhaften Schäden der Leber oder zu Hautausschlägen führen, die man sehr schwer wieder in den Griff bekommt. Auch von Selbstoperationen ist dringend abzuraten, da akute Lebensgefahr durch z. B. Verbluten besteht. Ich lehne geschlechtsangleichende Operationen nicht generell ab. Natürlich kann ich verstehen, dass TS so schnell wie möglich ihren Körper dem Wunschgeschlecht angleichen wollen. Aber, es gibt da ein paar wesentliche Dinge, die man sich vorher gut überlegen sollte. Eine OP löst nicht automatisch alle Probleme. Die höchste Selbstmordrate bei TS findet man nicht vor, sondern nach der OP. Deshalb ist es meiner Erfahrung nach besser, die Behandlung mit Hemmern der männlichen Pubertät und den Einsatz von weiblichen Hormonen zur Einleitung der weiblichen Pubertät, so früh wie möglich zu beginnen. So können Bartwuchs und tiefe Stimme erst gar nicht entstehen. Auch der Penis bleibt relativ klein und muss nicht unbedingt operiert werden. Eine Schwangerschaft ist ohnehin nicht möglich und einige haben sich damit gut arrangiert. Leider musste ich in der Vergangenheit häufig feststellen, dass TS ihren Penis dermaßen hassen, dass sie ihn sehr stiefmütterlich behandeln. Er wird mit Gewalt nach unten gedrückt, um ihn unsichtbar zu machen. Dabei können Gefäße abgeklemmt werden. Die Empfindlichkeit ist massiv gestört und kann zum Orgasmusverlust führen. Außerdem gebe ich zu bedenken, dass Teile des Penis später bei einer OP für die Vagina und die Klitoris gebraucht werden. Es ist im nachhinein oft sehr schwierig, einen sexuellen Höhepunkt zu erleben, wenn das vor der OP schon nicht funktionierte oder mit Absicht vermieden wurde. Auch der beste Operateur kann nur auf das zurückgreifen was vorhanden ist. Ich habe einigen TS dazu geraten, ihr Denken etwas umzustellen, den Penis also als große Klitoris zu anzusehen. So leben heute einige mit ihrer großen Klitoris und haben sich nur die Hoden entfernen lassen. Lesbische (Mann zu Frau) TS, die sich also zu Frauen hingezogen fühlen, haben in einem solchen Fall selten Probleme mit ihrer Partnerin und vermeiden so eine große OP, die auch heute noch große Risiken birgt. Nicht jede OP bringt ein befriedigendes Ergebnis. Inzwischen ist es problemlos möglich, sich Kleidung zu besorgen. Ob aus dem Internet oder dem Versandhauskatalog. Das Angebot auch an Schuhen oder Stiefeln in großen Größen ist inzwischen sehr umfangreich, da es auch Biofrauen mit Schuhgröße 45 gibt. Obendrein würde ich dazu raten, sich typgerecht zu kleiden, und sich dafür eventuell Hilfe zu holen. Viele Frauen sind gern bereit, einem TS die ersten Schritte in die Öffentlichkeit zu erleichtern. Gibt es keine Frau des Vertrauens in der Nähe, kann man sich auch an Selbsthilfegruppen wenden, die es mittlerweile in jeder größeren Stadt gibt. Ein Erfahrungsaustausch zwischen verschiedenen TS ist immer sinnvoll. Das Alleinsein kann dann schnell der Vergangenheit angehören. Mir sind mehrere TS begegnet, die nach dem ersten Treffen mit anderen Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe regelrecht aufblühten, die dort viele wertvolle Tipps über Kleidung, Outing etc. bekamen und fortan ein wesentlich glücklicheres Leben führten. Kein TS muss heute mehr allein sein. Jeder 375. Mensch ist betroffen. Es gibt also genug Menschen, die einem helfen, die einem zur Seite stehen wollen. Man muss nur auf sie zugehen. Man muss Hilfe wollen…

Zum Schluss möchte ich noch auf ein Thema eingehen, dass zu den schrecklichsten überhaupt gehört, den sexuellen Missbrauch von Kindern. Jedes dritte Mädchen und jeder fünfte Junge sind Opfer solcher Übergriffe, die zu über 97% im häuslichen Umfeld ausgeführt werden. Es handelt sich somit um das am meisten verbreitete Verbrechen überhaupt und zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. So kommt es natürlich vor, dass so genannte unechte TS entstehen, Mädchen also, die lieber ein Junge wären, weil sie meinen, dann vor den Übergriffen von Vater, Onkel etc. sicher zu sein. Oder Jungen, die lieber ein Mädchen wären, weil Papi der Tochter so viele Geschenke macht. Aus diesem Grund ist es wichtig, am Anfang eines Weges genau herauszufinden, ob es sich um echte TS oder Opfer von sexuellem Missbrauch handelt. Während bei TS eine Hilfe in Richtung des Wunschgeschlechtes angeraten ist, sollte bei der anderen Gruppe Ursachenforschung betrieben werden, um die Folgen des Borderline-Syndroms so glimpflich wie möglich ausfallen zu lassen. Ich wünsche allen TS viel Mut, viel Kraft und ein gesundes Selbstbewusstsein. Anpacken ist besser als jammern…

Hans Georg van Herste

 

Johanna

Hallo! Ich bin Johanna. Ich war immer schon Johanna und werde auch immer Johanna bleiben, obwohl ich auf den Namen Johannes getauft wurde. Ich habe mich schon so lange ich denken kann zu Mädchen hingezogen gefühlt. Ich war nie ein Fan von Spielzeugautos oder einer Eisenbahn. Ich bin jetzt zwanzig Jahre alt und immer ein Mädchen gewesen und manchmal finde ich es doof, wenn Leute mich fragen, wie es denn ist, ein Mädchen zu sein oder wie es denn als Junge so war. Das wird eine normale Frau ja auch nicht dauernd gefragt. Und wie es als Junge ist, kann ich nicht sagen, weil ich nie einer war, auch wenn mein Körper eben wie ein Jungenkörper aussah. Schon im Alter von drei Jahren war ich sehr nervös, weil ich nicht wusste, was ich eigentlich bin. Mama sagte dann: „Guck dir Mama an, guck dir Papa an, und dann weißt du, was du bist, nämlich ein Junge." Ich tobte und schrie, weil ich kein Junge sein wollte. Ich war doch ein Mädchen. Kriegte denn das gar keiner mit? Immer wieder bestand ich darauf, die Kleider oder Röcke meiner älteren Schwestern anzuziehen. Meine Mutter war hin und her gerissen und tat mir schließlich den Gefallen. So konnte ich zumindest im Haus und später auch in unserem Garten in Mädchenkleidern herumlaufen. Alle anderen Verwandten taten das als kindliche Spinnerei ab und machten meiner Mutter ordentlich Druck. Sie meinten, wenn sie mich damit durchließe, würde ich zu einem gestörten Kind werden. Einige waren sogar der Meinung, Mama hätte sich eine weitere Tochter gewünscht und würde mich nun in Richtung Mädchen erziehen, um ihrem Wunsch zu entsprechen. Das ist natürlich der blanke Quatsch, aber was will man in solchen Augenblicken gegen Unwissenheit und Vorurteile machen? Mama ließ sich nicht beirren und besuchte mit mir gemeinsam eine Psychologin. Diese stellte fest, dass ich wirklich ein Mädchen in einem Jungenkörper bin. Das gab mir großen Auftrieb und auch Mama hatte nun etwas in der Hand, um der Verwandtschaft gegenübertreten zu können. Leider nützte das nicht viel, da Seelenklempner in den Au-gen der Verwandten alle selbst nicht ganz dicht waren. Wer dort hinmusste, war doch sowieso nur plemplem. Ein normaler Mensch musste solche Leute doch gar nicht aufsuchen. Mama erklärte mir eines Tages, dass ich ein Mädchen in einem Jungenkörper sei und dass es noch viel mehr von meiner Sorte gibt. Das machte mich sehr glücklich. Nun war ich nicht mehr allein auf der Welt. Leider hatte ich keine Möglichkeit noch andere TS kennen zu lernen. Ich hätte gern mit denen mal gesprochen und sie gefragt, wie die sich so fühlen. Im Kindergarten musste ich immer noch Hosen tragen. Aus Angst, dass jemand über uns lachen könnte, verboten mir meine Verwandten das Tragen von Kleidern oder Röcken. Mama versuchte zwar immer wieder, mir das Leben als Mädchen zu ermöglichen, kam aber oft nicht damit durch. Sie hatte ja schließlich insgesamt fünf Kinder zu versorgen und so war es gar nicht möglich, dass ich dauernd im Mit-telpunkt stand. Sie war manchmal körperlich ganz schön am Ende und klagte hin und wieder über Rücken- und Schulterschmerzen. Dann wurde ich eingeschult und ich freute mich auf den ersten Schultag. Jetzt konnte ich mich mit Mädchen beschäf-tigen, ohne dass jemand etwas dagegen haben könnte. In der Freizeit ging das nicht immer so gut. Da wurde ich ausgelacht, wenn ich mit Mädchen oder Puppen spielte. Hier in der Schule aber musste das irgendwie gehen, da ich ja mit vielen Mädchen zusammen in einer Klasse war. Leider war das ein Trugschluss, denn hier wurde ich genauso ausgelacht wie zu Hause. 1996 wurden die Schmerzen meiner Mutter so schlimm, dass sie zu einem Arzt gehen musste. Der schickte sie zu einem Schmerztherapeuten. So lernte sie Hans Georg van Herste kennen. Während der Behandlungen kamen die bei-den ins Gespräch und Mama erzählte ihm von mir. Er war sofort bereit, mit mir zu sprechen, und so lernte auch ich ihn kennen. Die Psychologin, die wir zuerst aufgesucht hatten, war zwar der Meinung, dass ich ein Mädchen war, aber weitere Schritte wollte sie nicht unterstützen. Das war bei Herrn van Herste anders. Er belächelte mich nicht, sondern sprach mit mir wie mit einem ganz normalen Mädchen. Insgeheim hatte ich nämlich meinen Namen schon in Johanna geändert, auch wenn mich alle noch mit Johannes ansprachen. Mein neuer psychologischer Berater sagte niemals Johannes zu mir und das gefiel mir sehr gut. Er war der Meinung, dass ich mir schnellstens einen Mädchennamen zulegen sollte. Das kam mir natürlich sehr gelegen. So war ich also ab sofort auch nach außen hin Johanna. Was mir sehr gut gefiel war, dass er mir Bilder von TS zeig-te. Jetzt hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben andere wie mich gesehen. Die sahen alle ganz normal aus und ich war froh darüber. Ein paar sahen etwas männlich aus. Die hatten zwar einen Busen und trugen Röcke, aber irgendwie gefiel mir deren Aussehen nicht. Ich wollte doch eine hübsche Frau werden. Mama, Herr van Herste und ich haben dann sehr viele Gespräche geführt. Mehrmals war Mama auch allein bei ihm, da sie manchmal so viel Druck von der Verwandtschaft erhielt, dass sie nicht mehr ein noch aus wusste. Immer wenn sie von ihm zurückkam, war sie ein Stückchen ruhiger. Eines Tages fragte mich Mama, ob ich mir wirklich sicher sei, dass ich ein Mädchen bin. Ich erklärte ihr, dass ich sogar ganz sicher sei. Ich verstand ihre Frage nicht. Sie wusste doch ganz genau, dass ich ein Mädchen bin. Dann rückte sie mit einer Neuigkeit heraus. Sie sagte, dass sie mehrfach mit Herrn van Herste gesprochen hätte. So sei sie zu dem Schluss gekommen, dass ich jetzt alt genug sei, um auch als Mädchen in der Öffentlichkeit aufzutreten, also auch als Mädchen zur Schule zu gehen, wenn ich dies wolle. Auf der einen Seite brach in mir der große Jubel aus. Auf der anderen Seite bekam ich aber auch tierische Angst. Würde ich jetzt noch mehr ausgelacht und ausgegrenzt? Ich grübelte hin und her. Was sollte ich bloß machen? Mama sagte zu dem Thema nichts mehr. Sie ließ mich völlig in Ruhe. Sie versuchte nie, mich in irgendeine Richtung zu drängen. Ich schwankte zwischen Jubel und Angst, entschloss mich dann aber doch, als Mädchen zu leben. Herr van Herste erklärte mir, dass ich ganz sicher sein müsse, da ich viel Mut brauchen würde, um während der Schulzeit mein Coming-out zu haben, und ich solle es mir noch einmal wirklich gründlich überlegen. Was die immer hatten. Ich war doch ein Mädchen. Sahen die das denn immer noch nicht? Ich sagte den beiden, dass ich fest entschlossen sei, ab jetzt als Mädchen zu leben. Herr van Herste erklärte mir, dass ich noch ein kleines Weilchen warten solle, da mein Coming-out erst noch vorbereitet werden müsse. Nach etlichen Gesprächen machte sich Mama auf den Weg und sprach mit den Lehrern, dem Schulleiter und den Eltern der anderen Kinder. Ich finde, dass Mama wirklich viel Mut hatte, da nicht alle damit einverstanden waren. Im Endeffekt setzte sie sich aber durch, da sie einfach nicht locker ließ. So kam es, dass ich nach den Sommerferien zum ersten Mal als Mädchen zur Schule ging. Die meisten Lehrer hatten nach anfänglichen Schwierigkeiten kein Problem damit, mich mit meinem neuen Namen Johanna anzusprechen. Ein Unterschied trat dabei deutlich zu Tage: Die Lehrerinnen waren wesentlich aufgeschlossener als die Lehrer. Von denen gab es immer welche, die mich stur mit Johannes anredeten. Die Kinder hatten damit nicht so große Probleme. Sie starrten mich zwar zuerst an und wunderten sich ein wenig, aber im Großen und Ganzen konnte ich damit leben. Am ersten Schultag nach den Ferien setzte ich mich einfach auf meinen Platz und überhörte die Anspielungen der Jungen. Ja, der Jungen! Die Mädchen traten mir viel wohlwollender entgegen. Unsere Klassenlehrerin kam herein und erklärte allen Schülern, dass ich nun auch weiterhin als Mädchen zur Schule kommen würde und dass das alles seine Richtigkeit hätte. Mehr sagte sie dazu nicht, was ich ein bisschen schade fand. Ich hätte mich gefreut, wenn sie meine Situation ein wenig mehr erklärt hätte und z. B. auch erwähnt hätte, dass ich nicht die einzige TS auf der Welt bin. Nach ein paar Tagen hatte sich die Aufregung gelegt und ich wurde nach und nach von den Mädchen akzeptiert. Wenn die Jungen riefen „Guckt mal, Johannes ist ein Mädchen!" habe ich gesagt „Ja, das stimmt" und dann waren die immer ganz platt. Nach und nach hörten die Hänseleien fast ganz auf. Ich ließ mir ein dickes Fell wachsen und hörte einfach gar nicht mehr hin, wenn wieder mal gelästert wurde. Heute weiß ich, dass man einige Situationen hätte entschärfen können, wenn die Lehrer mehr dahinter gestanden hätten und wenn mehr Informationen geflossen wären. Ich denke, dass die Schüler auch in diesem Alter schon in der Lage gewesen wären, das zu verstehen und mich mit anderen Augen gesehen hätten. Es werden ja auch keine Kinder gehänselt, nur weil sie blonde oder schwarze Haare haben. So ging das Auf und Ab lustig weiter. Beim Schwimmen musste ich die Jungenumkleidekabine benutzen. Die wollten mich aber nicht haben und schickten mich vor die Tür. Zu den Mädchen durfte ich aber auch nicht, weil die Lehrerin Angst vor dem Gerede der Eltern der anderen Mädchen hatte. So zog ich mich notgedrungen in der Kabine der Lehrerin um. Das gefiel mir überhaupt nicht. Warum hatten denn manche Leute so viel Angst vor mir? Was sollte ich den anderen Mädchen denn zu Leide tun? Und dann dieser ganze Wind um die paar Zentimeter, die mich als Jungen identifizieren könnten. Ich achtete doch selbst ganz genau darauf, dass niemand mein Jungengeschlechtsteil zu Gesicht bekam. Wenn ich mit anderen zusammen bin, auch in Umkleidekabinen, lasse ich immer meine Unterhose an. Da braucht sich also niemand Sorgen zu machen. Ich achte schon selbst darauf, dass mich alle nur als Mädchen sehen.

Klappentext

Elke, 48, und Johanna, 20, erleben ihren Weg als Transsexuelle auf recht unterschiedliche Art und Weise. Während Elke fast ohne Unterstützung einen sehr beschwerlichen Lebensweg beschreitet, kann sich Johanna auf die Hilfe ihrer Mutter verlassen. Die Geschichten zeigen, dass ein akzeptierendes – oder zumindest tolerierendes – Umfeld viel zu einem lebenswerten Leben beitragen kann. Der Weg einer Betroffenen vom Geburtskörper zum Gefühlskörper ist auch ohne die Ablehnung großer Teile der Bevölkerung beschwerlich. Dieses Buch ist entstanden, um Menschen zwischen den Geschlechtern eine kleine Hilfe an die Hand zu geben, um zu zeigen: Du bist nicht allein. Es ist nicht hoffnungslos. Dieses Buch ist außerdem entstanden, um aufzuklären, um Vorurteile abzubauen, um zu zeigen, dass Transsexuelle ganz normale Menschen sind. Johannas Mutter: „Hätte ich dieses Buch früher in meinen Händen gehalten, hätte ich mir viele Umwege ersparen können. Vieles wäre für mich und meine Tochter Johanna leichter gewesen."

Rezension

Zwei Transsexuelle berichten über ihren Werdegang, über Höhen und Tiefen. Durch den Altersunterschied wird klar, was sich im Laufe der Jahre zum Guten verändert hat. Allerdings wird ebenfalls klar, dass Transsexuelle noch lange nicht von großen Teilen der Gesellschaft als gleichwertige Menschen anerkannt werden.  Zwei spannende Geschichten, die ein gutes Ende finden, und gemeinsam mit den Erklärungen des Autors ein gelungenes Buch ergeben, dessen Inhalt zum Nachdenken anregt, Betroffenen Mut macht und Nichtbetroffenen viele Informationen über die Ängste und Nöte der TS zukommen lässt.