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Politik, Gesellschaftskritik
Buch Leseprobe Lauf: GenussMarten Petersen (Hrsg)
Marten Petersen (Hrsg)

Lauf: Genuss


Anthologie

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Ein Oktobermorgen am Niederrhein Es gibt viele Menschen, die einen Sonnenuntergang sehen, aber nur wenige, die einen Sonnenaufgang erleben. Es ist Samstag. Es ist früh. Die Straße liegt noch in tiefem Schlaf. Es ist kalt. Das dunkle Blau des Nachthimmels hat sich verabschiedet. Das helle Blau kündigt den nahenden Morgen an. Ich laufe los. Die Rollade an einem Fenster wird hochgezogen. Ich laufe weiter. Ein Kinderspielplatz. In einem Linksbogen laufe ich um ihn herum. Ich biege rechts ab. Eine andere Straße. Gepflegter Rasen. Ihre Windung kürze ich ab. Danach biege ich rechts ab. Eine andere Straße. Ein Mann schaut aus einem Küchenfenster. Ich laufe weiter. Ich biege nach links ab. Ein Fahrradweg. Meine Tritte auf dem Asphaltweg sind weit zu hören. Neben mir die Straße. Breiter, heller Asphalt. Es ist kein Auto zu sehen. Es ist kein Auto zu hören. Ich lasse die letzten Häuser hinter mir. Ein Bauernhof. Ich kann die Sonne sehen. Sie ist gelb und ein wenig orange. Ihr Licht ist nicht warm und breit wie am Abend. Es ist hell, klar und kalt. Es ist ein Morgen im Oktober. Grüne Wiesen, links und rechts. Eingezäunt. Ein Haus. Ich überquere die Straße. Ein Wirtschaftsweg. Asphaltiert. Kälber glotzen mich an. In diesem Jahr auf diese Welt gekommen. Ein Bauernhof. Ich laufe weiter. Felder auf beiden Seiten. Zu meiner Linken ein Wassergraben. Eine einzelne Eiche. Eicheln liegen auf dem Weg. Zertreten, zermalmt. Ich laufe um die nächste Kurve. Erdballen liegen auf dem Weg. Zertreten, zermalmt. Zwei Raben fliegen vom Weg auf. Ein totes Kaninchen liegt auf dem Weg. Zertreten, zermalmt. Fasane fliegen auf. Ich höre ein warnendes Kollern. Tauben verlassen ihre Ruhebäume mit schnellen Flügelschlägen. Hellgrauer Raureif liegt auf den Gräsern am Wegesrand. Und auch auf den Wiesen. Bäume stehen zu beiden Seiten des Weges. Ich laufe weiter. Eine Ackerfurche ist vom stählernen Pflug eines Treckers aufgerissen worden. Braune Erdschollen, dunkelbraune Erdschollen. Der würzige Geruch der Erde hängt in der Luft. Sträucher stehen zwischen den Bäumen. Amseln fliegen laut zeternd zwischen ihnen hindurch. Spatzen, Meisen, Finken und weitere Tauben folgen. Es ist still und ruhig. Ein Haus. Ich laufe weiter. Ein Baum steht neben der Stelle, an der sich die Wege kreuzen. Die eine Hälfte der äste ist kahl. Abgestorben. Die Blätter an den anderen ästen sind trocken. Sie verfärben sich. Der Winter naht. Ich biege rechts ab. Häuser, Bauernhöfe und eine Kirchturmspitze. Eine Papiertüte liegt im Wasser des Grabens. Sie ist gelb. Eine Brücke führt über den Graben. Ich laufe vorbei. Ein kleiner Wald. Herbstliche Farbenpracht. Kühe stehen auf der Wiese und fressen. Sie gucken mir hinterher. Eriken auf einem Feld. Sie sind rot, fast lila. Ein Bauernhof. Vier Baumaschinen stehen auf dem Acker. Sie sind gelb. Ein Radfahrer kommt mir entgegen. Die Wangen gerötet. Stumme Blicke. Er fährt vorbei. Ich laufe weiter. Der Motor eines Treckers ertönt hinter mir. Ich biege ab. Ein Fahrradweg. Asphaltiert. Neben mir die Straße. Breiter, heller Asphalt. Eine Leitplanke trennt mich von ihr. Grüne Pflanzen mit gelben Blüten. Raps? Ich weiß es nicht. Eine Wiese, eingebettet von zwei kleinen Gehölzen. Dünner, weißer Frühdunst liegt über dem Gras. Der Hochsitz eines Jägers steht an ihrem Ende. Zwei Autos fahren mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbei. Ich laufe weiter. Ein Bauernhof. Ich höre das Geräusch der Kühe im Stall. Eine Spatzenschar lärmt im Gesträuch. Strommasten mit Kabeln. Ein Haus. Ein Heiligenhäuschen. Der Fahrradweg ist aufgerissen und wieder zubetoniert worden. Ich erkenne die Spuren eines Fahrrades und eines Hundes in der Erde daneben. Hundekot. Fußballplätze, eine Gastwirtschaft, ein Haus. Schafe auf einer Wiese. Sie liegen hinter einem Baum. Ich laufe weiter. Ein Haus. Dahinter ein Mann mit zwei Hunden. Grüne Pflanzen mit weißen Blüten. Ich kenne sie nicht. Ein Haus. Es ist weiß. Vier Schafe starren mich an. Ein Haus. Die Gebäude der Stadt. Die Windmühle. Der Wasserturm. Die Basilika. Die Antonius-Kirche. Drei Häuser links von mir. Eine tote Maus. Zertreten, zermalmt. Ein Schulbus überholt mich. Hinter den beschlagenen Scheiben die Gesichter der Kinder. Ein Bauernhof. Eine Ampel. Rotes Licht. Grünes Licht. Ich überquere die Straße. Ein Fahrradweg. Häuser zu meiner Linken. Neben mir die Straße. Breiter, heller Asphalt. Autos kommen mir entgegen. Die Scheiben sind beschlagen. Stumme Blicke. Fahrradfahrer kommen mir entgegen. Dick verpackt gegen die Kälte. Stumme Blicke. Ich biege rechts ab. Ein Bürgersteig. Viereckige Platten mit kleinen Fugen. Eine Tankstelle. Ich wechsele auf die andere Seite. Häuser auf beiden Seiten. Beschnittene Pappeln. Ich biege nach rechts ab in die Straße. Reihenhäuser. Eine Litfaßsäule. Ein kleiner Park. Beschnittene Pappeln. Parkende Autos am Straßenrand. Menschen kommen mir entgegen. Die Sonne ist höher gestiegen. Ihre Strahlen werden wärmer. Es ist die verhaltene Kraft eines Oktobermorgens. Ich bin gelaufen. Sieben Kilometer in 35 Minuten. Eine gute Zeit. Ja, wirklich! Es gibt wenige Menschen, die einen Sonnenaufgang erleben, aber viele, die einen Sonnenuntergang sehen.


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