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Politik, Gesellschaftskritik
Buch Leseprobe Jenseits russischer Villenzäune, Alexander Prochanow
Alexander Prochanow

Jenseits russischer Villenzäune



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Alexander Prochanow

Jenseits russischer Villenzäune
Surrealität des menschlichen Daseins im heutigen Russland

(Auszug mit Erlaubnis der Herausgeberin)

Über dieses Buch: Die literarische Sprache ist kräftig und farbig, mit beklemmenden Schnörkeln und ausgefallenen Themen. Die Ideen der Texte kann man nachvollziehen oder ablehnen, sie können einen aber kaum gleichgültig lassen. So oder so, neben der literarischen Übertreibung eines talentierten Autors trifft man auf ein Körnchen Wahrheit. Wir haben entgegen der offiziellen Propaganda kein Drittweltland befreit, wir haben aber Russland so behandelt. Doch sollten wir uns fragen ob es bei uns wirklich so viel besser ist. Sind unsere Renten gesichert, ist unsere Bildung noch eine gute Allgemeinbildung, sind unsere kulturellen Werte und unser humanistisches Weltbild nicht auch verhandelbar? Für den politisch uninteressierten bietet das Buch vor allem auch einen Einblick in das was man als intellektuelle Alltagskultur Russlands bezeichnen könnte, ergänzt mit einem Glossar zu jeder Geschichte.

Über den Autor: Alexander Prochanow in Tiflis geboren, Publizist und Autor, arbeitete als Auslandskorrespondent in Krisengebieten und ist Chefredaktor der Oppositionszeitung Saftra. Er ist Sozialist aus Überzeugung, Patriot aus Leidenschaft und in Russland ein sehr bekannter aber auch umstrittener Autor.

Inhalt
Vorwort der Herausgeberin 9

Moskauer Babylon 13

Der Geist atmet wo er will 37

Die rote Schwalbe der Revolution 55

Pskow, zwischen Erde und Firmament 75

Spielhölle 105

Zwischen Wiege und Grab 127
Der Todesengel küsst Manhattan 151
Requiem auf die Kursk 157
Die Stadt der goldenen Kloschüsseln 179
Linkseiten 195



Zu diesem Buch

Alexander Prochanow gehört zu der mittlerweile seltenen Spezies von Autoren die der eigenen Muttersprache noch mächtig sind. Dazu verfügt der Publizist ohne Zweifel über das Auge eines Malers. In bester sowjetischer Manier kommt man nicht darum herum den Leser darauf hinzuweisen, die russische Sprache verfügt außerhalb der Trivialliteratur über etwas was man „Zwischentext" nennt oder zu Deutsch, man lese bitte auch zwischen den Zeilen.

Prochanow hat die vorliegenden Texte nicht für ein westeuropäisches Publikum geschrieben. Hier liegt auch für politisch Uninteressierte der Vorteil, denn die Geschichten erlauben einen nicht vorhersehbaren Einblick in russische Kultur und Mentalität. Zur Erleichterung des Verständnisses gibt es zu jeder Geschichte ein Glossar mit weiterführenden Erklärungen.

Der Autor schreibt in für Westeuropäer ungewohnten Metaphern. So kommt man bei der Einführung zu diesem Buch nicht darum herum etwas näher einige wiederkehrende Bestandteile in den Texten näher zu erläutern.

Es mag für den einen oder anderen Leser überraschend sein, dass in vielen Geschichten die Griechen am Horizont auftauchen. Hierbei muss man wissen, das insbesondere Platon in den philosophischen Fakultäten der Sowjetunion sozusagen die Rolle des ersten Sozialisten auf dem Planeten inne hatte (wo die westliche Linke eher Jesus Christus als ersten Sozialisten der Weltgeschichte bemühte). Wer sich etwas mit griechischer antiker Soziologie auskennt, der darf durchaus offen über die Ironie die darin liegt schmunzeln.

Gerüchte besagen bis heute, dass ein Teil der verschwundenen byzantinischen Bibliothek sich irgendwo fein versteckt im Kreml befinden soll, vielleicht aber auch in den Kellergewölben der Lubjanka, oder weder noch. Das allerdings Russische Politik Anteile der byzantinischen aufweist kann dem Betrachter nur schwer entgehen.

Intrigen mehr oder weniger plump durchgeführt, mit mehr oder weniger Humor, gehören zum russischen Politikerhandwerk. Selbst Anleihen an das trojanische Pferd sollte der Politologe immer beachten.

Ebenso unüblich, das wiederkehrende Symbol der Seele. Es ist für Russen kein Widerspruch, auf der einen Seite Atheist zu sein oder sich der materialistisch dialektischen Philosophie verschrieben zu fühlen und auf der anderen Seite von einer Seele beim Menschen auszugehen.

Im Übrigen ist das auch im Westen nicht unbedingt ein Widerspruch, nur dass man darüber zu schweigen pflegt. Wobei hier die Seele als Metapher im Bereich von Wiedergeburt, Unsterblichkeit und Karma angesehen werden kann und unter anderem als Stilmittel eingesetzt wird.

Der Tod wird auch gerne herangezogen - als mystisches Symbol. Weniger soll er die typische Westidee von der melancholischen, tiefen, russischen Seele füttern. Zudem anders als in Westeuropa, sind ältere Leute auf Grund einer Rente die gerade für Brot und Kartoffeln reicht, noch nicht von der Werbung als Konsumenten entdeckt worden. Sie haben tatsächlich noch die Stigmatisierung des Alters unserer miefigen 50 Jahre. Freude empfindet darüber eine unglaubliche Anzahl von teilweise dubiosen Schönheitschirurgen. Ähnlich wie in den USA wird versucht „Verpackung vor Inhalt" zu proklamieren.



Zu guter letzt noch ein Wort zur orthodoxen Kirche und insbesondere auch ihrer kulturhistorischen Bedeutung.

Anders als ihre westlichen Schwestern, war die orthodoxe Kirche von jeher ein Machtmittel der Herrschenden und sich selber durchaus genug. Die orthodoxe Kirche lebt durch ihre Symbolik und nicht unbedingt durch theologische Auseinandersetzungen und soziale Fürsorge. Gerade aber in dieser Symbolik hat die orthodoxe Kirche einen sehr starken Bezug zu urrussischen Traditionen und erfüllt in Zeiten einer Renaissance des Staates, im Volk eine Rolle als verbindendes Kulturelement. Ein russischer Präsident in einer Kirche mit Kerzchen sagt nicht unbedingt etwas über seine Religiosität aus, aber etwas zu seiner Liebe zu russischer Symbolik. Gottglaube im katholischen oder protestantischen Sinne ist dabei weniger gemeint.

Hier ist auch einer der Gründe zu sehen, warum gerade gläubige Omas gerne abergläubisch sind und heidnische Bräuche Hand in Hand mit orthodoxen Riten leben.



Was der Autor im Buch beschreibt ist in erster Linie der Raubzug der Eliten (oder besser formuliert, derjenigen die sich dafür halten) auf Kosten des Volkes und die Folgen - Darwinismus pur und ohne jegliche soziale Verantwortung.

In wieweit dies nur ein russisches Problem ist oder ob sich dies nicht vielleicht auch langsam als Europäisches Problem herausstellen könnte, diese Beurteilung sei dem Leser überlassen.



So oder so, sollte man immer daran denken, wir tragen nicht nur eine Verantwortung für uns selber sondern auch für kommende Generationen. Geschichte ist nichts diffuses, etwas im Nebel der Zeit, sondern findet in jedem Moment statt. Wir sind ein Teil der Geschichte und tragen für sie Verantwortung. Ohne Geschichte würde ich heute nicht in Russland leben, was ich mehr als nur bedauern würde. Der Autor säße, weil er mit mir gesprochen hat, vielleicht schon lange in der Lubjanka oder ich in einer etwas schmuckeren Zelle in Zürich.



Die Herausgeberin im Dezember 2007



Moskauer Babylon

(Textauszug)

Die breite Straße liegt glühend im sonnigen Stadtsmog. Klebrig, geschmolzen, ein zähflüssiger Fahrzeugstau im Hochsommer. Neue Wohnblöcke der Neureichen säumen links und rechts die Straße und ähneln gotischen Kathedralen und römischen Burgen. Ein blaues Bankgebäude in der Form und Beschaffenheit einer Traube aus Kristall ähnelnd, kommt in Sicht. Darauf folgt eine Kirche, die sich an das Kreuz einer Reklametafel eines daneben liegenden Nachtclubs klammert, verdeckt von einem farbigen Reklameschild für Büstenhalter - wie aufgequollen vor Zufriedenheit durch den Busen der abgebildeten Schönheit.

Der tägliche Fahrzeugstau einer Metropole im blauen Abgasdunst. In der Mitte des Boulevards stehen Lieferfahrzeuge im Stau und die Autos mit Blaulicht auf dem Dach nerven laut.

Ein Markt erstreckt sich unter einem Betondach. Unter diesem Dach erwärmt es sich wie in einem Topf, köchelt und brodelt es wie in einer Restesuppe vom Vortag. Schaum spritzt über den Topfrand, es verbreiten sich Aromen, der Inhalt kocht über. Es gluckst und gluckert, Blasen steigen empor. Aufsteigender Dampf bewegt sich Richtung Sonne, bewegt sich weiter hin zur Stadt, die wie eine weiß glühende Elektrode im Sonnenschein liegt.

Wie Iwan der Dummkopf1 auf ein Wunder hoffend, in den Dampfkessel eintauchend, unter den Deckel und dabei an die zauberhafte Wahrheit russischer Märchen glaubend, wie aus einem Buch mit Illustrationen von Bilibin2. „Mein Gott!" lässt sich da nur ausrufen, denn man findet sich wieder in vielen bunten Farben und Lärm.

Man hat dich gleichsam hineingestellt in das Bild, mit Hilfe eines feinen Malerpinsels, eingefügt mit goldenen Schnörkeln. Man hat dich gemalt auf perlmutterfarbenen Kacheln. Stellte dich zwischen Kupferteller.

Der Markt ist voll mit wohlriechenden Kräutern. Zur Begrüßung rollt eine riesige angeschnittene purpurrote Wassermelone den Weg entlang. Es neigt sich dir der Überfluss von Weintrauben, Äpfeln und saftigen Beeren entgegen.

Du stehst wie vor einer großen heidnischen Gottheit deren Brust goldige Honigtropfen birgt. In den pummeligen Händen winden sich silbrige Fische. In den Haaren, einer Krone ähnlich, glänzt eine halbmondförmige Zuckermelone. Kniegelenke als wären es runde weiße Käse, ein Hals als sei er aus Quark, weiße Zähne in einem lächelnden Mund der in einen rosabraunen Pfirsich beißt. Deine Seele ist heiter und freut sich. Deine Augen können sich am Markt nicht satt sehen.



Dort die Fleischabteilung - rosa, weiß, dunkelrot und in aller Frische. Auf sauberen Tüchern, hingeworfen auf steinerne Theken3, Berge von Fleisch. Eine Fleischstadt! Eine Kathedrale aus Nieren und Lungenstücken. Paläste aus Kalbshirn. Türme aus saftigem Filet. Schaschlikstücke mit Perlmutt schimmernden Häutchen. Violett-dunkelblau glänzende Leber, einer dicken Dahlie ähnlich. Die Rinderherzen erinnern an feuchte Pflastersteine. Die in Stücke gehackten Keulen sehen aus wie Zuckerstangen mit Himbeergelee. Die Verkäufer sind drall, mit breiter Brust und Schürzen. Sie packen Stücke von Fleisch und werfen Sie auf die Waage. Hängen das Fleisch an Hacken auf.

„Nimm, schlag es nicht ab!.....es wird Dir schmecken! Mit Zitrone, mit Meerrettich, mit Wodka! Ich habe das Ferkel selber groß gezogen. Milch habe ich ihm gegeben!"

Glänzende Messer, Schläge von Hackebeilen, das Knirschen von Knorpeln beim Durchtrennen. Die Hand rot vom Blut. Die Finger verklebt mit Fett. In die darunter gestellten Becken wird marmorfarbener Speck hineingeworfen. Während noch dunkles Blut am Fleisch zu sehen ist, wird ein saftiges Bratenstück vom Kalb flink aus einem Bein heraus geschnitten.



Essay - Glossar



1. Iwan Duratschok (übersetzt: Iwan, der Trottel) Klassische Figur russischer Märchen, bei denen nicht der Fleißige Glück hat, sondern der Dumme.

2. Bilibin Iwan Jakowlewitsch (1876- 1942) illustrierte unter anderem Kindermärchen

3. Theken in alten Märkten sind fest vermauert und gerne mit Kacheln überzogen.

4. Stempel auf dem Fleisch, werden als Zeichen der Abnahme und Sanitärüberprüfung von Fleischbeschauern nach der Schlachtung gemacht. Es ist tatsächlich ein Stempel.

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