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> Politik, Gesellschaft > Innere Führung auf dem Prüfstand
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Politik, Gesellschaftskritik
Buch Leseprobe Innere Führung auf dem Prüfstand, Major Marcel Bohnert
Major Marcel Bohnert

Innere Führung auf dem Prüfstand


Lehren aus dem Afghanistan-Einsatz

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[...] Es erscheint sehr gewagt, in der Nachwuchswerbung vor allem diejenigen anzusprechen, deren vorrangiges Interesse Berufsfacetten wie flexiblen Arbeitszeiten und Kinderbetreuung oder etwa der vermeintlichen Sicherheit des öffentlichen Dienstes gilt. Fraglich bleibt, ob Soldatinnen und Soldaten, die sich als Arbeitnehmer wie jeder andere oder gar als Verwaltungsbeamte verstehen, in existentiell bedrohlichen Situationen bestehen können oder zumindest willens sind, anderen unter Inkaufnahme persönlicher Härten eine adäquate Unterstützung zukommen zu lassen.


Natürlich kann sich ein solches Grundverständnis im Rahmen der militärischen Sozialisation im Gefüge der Truppe noch ausprägen und verstärken. Viele Kampagnen zur Anwerbung des Nachwuchses erzeugen jedoch ein verzerrtes Bild der Streitkräfte und bergen die latente Gefahr, auf lange Sicht zur Schwächung der Bundeswehr beizutragen. Sie können auf ein unverzichtbares Bewerberklientel – „die härtesten und besten Kämpfer“ [1] – sogar abschreckend wirken. Die zu beantwortende Grundfrage der Personalgewinnung muss bleiben, warum junge Menschen sich dafür entscheiden sollten, „im Frieden in den Krieg [zu] ziehen“.[2]


Will die Bundeswehr demografiefest werden und sich als Arbeitgebermarke langfristig im »War for Talents« behaupten, sollte sie sich gerade mit ihrer Andersartigkeit gegenüber der Konkurrenz positionieren. Ein gewisser Exklusivitätsstatus und die Wahrnehmung als privilegierte Berufsgruppe können für potenzielle Bewerber ganz sicher reizvoll sein.[3]


Die Kombination von Berufsspezifika wie der Tapferkeitspflicht, dem Korpsgeist, einer Gedenk- und Symbolkultur, der sozialen Absicherung, der Normen- und Wertebindung, dem Entbehrungsreichtum oder die exzellenten Ausbildungs- und Verwendungsmöglichkeiten machen die Bundeswehr zu einem besonderen Arbeitgeber mit einigen Alleinstellungsmerkmalen und einer soliden Wertebasis. Angesichts vielfältiger Lebensentwürfe und zunehmender gesellschaftlicher Pluralität kann der Dienst in den Streitkräften gerade für junge Menschen einen klaren Weg und einen sinnstiftenden Rahmen bieten.


Institutionalisierte Tabus in der Außendarstellung sollten deshalb einem offenen Umgang mit Themen wie Auftrag, Einsatz und Risiko weichen. Andere Nationen gewähren auch beim Personalmarketing Einblicke in die entbehrungsreichen Seiten des Berufes: Auf offiziellen Werbefotos des amerikanischen Marine Corps finden sich Marineinfanteristen beim Überlebenstraining im thailändischen Dschungel. Sie sind unter anderem dabei zu sehen, wie sie angeekelt Frösche und Skorpione verspeisen.[4] Die schwedische Streitkräftekampagne »Who Cares?« betont den hohen Wert des Verlassens der eigenen Komfortzone im Dienste der Gemeinschaft.


Mit derartigen Bildern und Botschaften verschreckt man sicherlich einen Teil der potenziellen Bewerber, gewinnt jedoch einen anderen, enorm wichtigen hinzu. Entgegen verbreiteter Ängste können sich selbst Auslandseinsätze wie der in Afghanistan und eine hohe Kampfmoral in der Truppe als Attraktivitätskriterium für junge Menschen darstellen und das Prestige des Berufes steigern. Der deutschen Öffentlichkeit sollte diese Ehrlichkeit zugemutet werden können – potenziellen Bewerbern gegenüber ist sie auch eine moralische Verpflichtung.


Wenn das nach außen kommunizierte Bild der Bundeswehr zudem nicht weitgehend mit der organisationsinternen Realität übereinstimmt, ergeben sich auch im Binnenbereich Glaubwürdigkeits- und Motivationsdefizite und damit gravierende Nachteile für die Personalbindung.[5] Primäre Aufgabe aller Informations- und Kommunikationsbemühungen muss auch deshalb die Zufriedenheit und das Verständnis des eigenen Personals sein. Nur zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommunizieren positiv über ihr Unternehmen und erzielen damit einen wichtigen Multiplikatoreffekt.[6] Von etwa der Hälfte der Soldatinnen und Soldaten wird man ein proaktives Bewerben ihres Berufes allerdings nicht erwarten können: Sie gaben während einer Befragung des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr an, dass sie lieber bei einem anderen Arbeitgeber beschäftigt wären.[7]


[...]


[1] Creveld, 2017, S. 189; s.a. Kirch, 2017; Kielmansegg, 2017, S. 23.


[2] Zwicknagl, 2007, S. 13.


[3] Hiermit ist nicht die revisionistische Forderung nach einem herausgehobenen Sonderstatus oder eine ideologische Überhöhung des Militärischen gemeint. Im Ringen um Nachwuchs kann eine stärkere Betonung militärischer Eigenheiten im Sinne von »Wir erwarten viel, wir geben viel.« das Image der Bundeswehr allerdings verbessern und die Aufmerksamkeit potenzieller Bewerber erhöhen. Nach Einführung der Allgemeinen Dienstpflicht für Männer und Frauen in Norwegen im Jahre 2016 ist bspw. ein regelrechter Kampf um die begrenzten Dienstposten in den hochangesehenen Streitkräften entbrannt.


[4] Vgl. Reichelt & Meyer, 2010, S. 173.


[5] Vgl. Fölsing & Scherm, 2012, S. 7f.; Creveld, 2017, S. 189; s.a. Hempelmann, 2013, S. 12f.


[6] Vgl. Ebersoll, 2017, S. 3f.


[7] Vgl. Kümmel, 2014, S. 61f.; Die Studie beruht auf den Angaben von knapp 4.900 Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten, die 2011 mittels standardisiertem Fragebogen befragt wurden.


 


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