Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Politik, Gesellschaft > Flaschenkind
Belletristik Bücher
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Politik, Gesellschaftskritik
Buch Leseprobe Flaschenkind, Stefanie Treude
Stefanie Treude

Flaschenkind



Bewertung:
(11)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
1075
Dieses Buch jetzt kaufen bei:
Leider in keinem Online-Shop gefunden...
Drucken Empfehlen
Als ich zwölf war, habe ich begriffen, dass mein Vater Alkoholiker ist. Begriffen deshalb, weil man als Kind anscheinend alles als selbstverständlich und gegeben hinnimmt. Jeder Vater trinkt Bier. Jede Mutter weint mal. Aber wenn man irgendwann herausfindet, dass eben nicht jeder Vater auch beim Autofahren Bier trinkt, betrunken von der Arbeit nach Hause kommt und jeden Abend betrunken ist, dann bricht eine Welt zusammen.

Wenn man merkt, dass die heile Welt in der man sich so lange gewähnt hat, gar nicht so heil ist, man erfährt, dass die Mutter weint, weil sie keinen Spaß mehr am Leben hat, dann weiß man nicht, was man tun soll.

Und dann gibt es da noch Sachen, die man vergessen oder vielmehr verdrängt hat. Ich weiß nicht mal, ob ich erst mit zwölf angefangen habe, die Situation zu verstehen, nein, besser zu begreifen, denn verstehen werde ich es nie. Was gehört auch dazu, eine solche Situation zu verstehen?

Ich weiß von meiner kleinen Schwester, mit der ich mir früher ein Zimmer geteilt habe, dass ich auch vorher schon abends geweint und mir Sorgen um meinen Vater gemacht habe. Aber davon weiß ich nichts mehr.

Was ich weiß, ist, dass ich ihn zuerst dazu gebracht habe, die leeren Bierdosen nicht mehr beim Fahren aus dem Auto zu werfen, weil ich in der Grundschule schließlich gelernt hatte, dass dies Umweltverschmutzung sei. Soweit ich weiß, hat er seitdem jede Dose in den Müll geschmissen.

Und dann ist man ratlos. Gerade im Alter von zwölf, dreizehn Jahren ist es ungeheuer schwer, mit einer solchen „Entdeckung“ umzugehen. Wenn man sowieso nicht weiß, wohin mit sich selbst, wer man eigentlich ist und was das Leben von einem erwartet, dann braucht man nicht noch mehr Dinge, die einen beschäftigen.

Deshalb war ich froh, dass ich außerhalb der Familie jemanden hatte, mit dem ich darüber reden konnte. Die Mutter meiner besten Freundin trank auch. Also saßen wir am Wochenende zusammen und verfluchten unsere Eltern. Dass wir dabei selbst tranken um die Probleme leichter zu machen, dass wir also genau das taten, wofür wir unsere Eltern verurteilten, mag einem paradox vorkommen und ich habe selbst keine Erklärung dafür. Nur die, dass es uns half.

Es half uns, darüber zu reden, der Alkohol löste unsere Zungen und wir redeten uns stundenlang den Kummer von der Seele. Das war wohl der Unterschied zu unseren Eltern; nämlich, dass wir darüber redeten und nicht nur tranken.

Innerhalb der Familie beschränkte ich mich in dem Alter darauf, meinen Vater zu hassen, regelmäßig Streit mit ihm anzufangen, wenn er betrunken war, und ihm Dinge an den Kopf zu werfen, mit denen ich hoffte, all meine Wut loszuwerden. Ich beschimpfte ihn als „scheiß Alkoholiker“, schrie ihm nach, er solle seinen Rausch ausschlafen und nicht unsere Familie kaputtmachen. Meine Mutter saß daneben und sagte nichts.

So ging unser „Familienleben“ einige Zeit weiter, bis ich immer länger zur Schule gehen musste, in der Oberstufe auch nachmittags, und nicht mehr so viel Zeit zu Hause verbrachte. Somit sah ich meinen Vater auch immer seltener, was mir sehr recht war. Nicht, dass das eine bewusste Entscheidung gewesen wäre, meinen Vater plötzlich zu meiden.

Es hatte sich einfach so ergeben und als ich es bemerkte, habe ich nichts dagegen unternommen. Stattdessen hatte ich mich fast völlig von ihm abgegrenzt, nur noch mit ihm geredet, wenn es unbedingt nötig war, ich Geld für die Schule brauchte, oder neben ihm im Auto saß.

Den eigenen Vater zu meiden, der noch dazu im gleichen Haus wohnt, hört sich wahrscheinlich sehr unrealistisch an, aber man muss dazu sagen, dass mein Vater auch keinen gesonderten Wert auf ein soziales Leben innerhalb unserer Familie legte.

Man muss sich das so vorstellen, dass mein Vater (meistens schon am frühen Nachmittag und betrunken) von der Arbeit nach Hause kam, sich hinlegte um seinen Rausch auszuschlafen, nur um sich anschließend in sein „Arbeitszimmer“ (ein zugemüllter Raum voller Papiere und anderem Kram) zu setzen, Fußball zu gucken und weiterzutrinken. So ging es Tag, ein Tag aus. Also kann man sich vorstellen, dass es nicht allzu schwer war, sich von ihm fernzuhalten.

Ich bin nie mehr freiwillig zu ihm gekommen, nur um mich mit ihm zu unterhalten. Er konnte den Blick eh nie von der Mattscheibe wenden, und man hatte stets das Gefühl, ihm mit jedem einzelnen Wort auf die Nerven zu fallen. Meine Mutter hat es öfter versucht, war allerdings auch öfter frustriert.

Das einzige Hobby, das mein Vater noch hatte, war der Fußball. Zwei mal pro Woche trainierte er die Jugendmannschaft meines Bruders. Mein Bruder hielt fest zu meinem Vater, nicht immer, aber doch meistens. Allerdings lag der Grund dafür wahrscheinlich in seinem Alter.

Er war erst dreizehn, ein Alter in dem ich schon dabei war zu begreifen und zu verarbeiten, aber diese Entwicklung des Begreifens setzt wahrscheinlich bei jedem etwas früher oder etwas später ein.

Auch meine Schwester hat relativ spät angefangen, zu begreifen, zumindest später als ich. Sie war nun vierzehn Jahre alt, und seit etwa einem Jahr merkte man, dass auch sie dieses Thema beschäftigte. Immer mehr fing sie an zu begreifen, zu verurteilen und zu verdrängen, so wie auch ich es getan hatte. Und immer mehr fing auch meine Mutter an, sie mit dem Thema zu belasten.

Allerdings ging meine Schwester damit anders um, als ich. Sie war vielmehr das liebe Mädchen, das es allen recht machen wollte, wohingegen ich immer rebellischer war. Sie versuchte, meinem Vater trotzdem noch freundlich gegenüber zu treten, auch wenn sie seine Gegenwart nicht gerade suchte. Sie war höflicher als ich es war.

Meine Geschwister waren allerdings auch viel kindlicher als ich es mir in ihrem Alter erlaubte. Vielleicht lag es daran, dass ich die Älteste und die Erste war, die mit dem Problem fertig werden musste, die sich die jammernden Litaneien meiner Mutter anhören musste.

Vielleicht hatte ich meine Geschwister so davor bewahrt. Lange Zeit war ich die einzige gewesen, mit der meine Mutter reden konnte, sie hat es auch nur mit mir wirklich getan, und meine Geschwister waren aus dem Schneider.

Nicht sehr gerecht, könnte man meinen. Und manchmal beneidete ich meine Geschwister auch. Dafür, dass sie noch spielen konnten. Manchmal völlig ungehemmt und so, als ob sie kein Wässerchen trüben könnte.

Ich habe mich in dem Alter nur noch mit anderen getroffen, um zu rauchen, über Probleme zu reden und zu trinken. Manchmal fühlte ich mich meiner Kindheit zu früh beraubt. Aber den größten Teil der Zeit war ich auch froh. Ich hatte eine Kindheit gehabt, und ich empfand sie im Nachhinein als glücklich. Ich war froh darüber, dass ich auch heute noch lachen und manchmal kindisch sein konnte, aber ich hatte meine Erfahrungen gemacht, diese Erfahrungen haben mich geprägt, und auch darüber war ich froh.

Später hat meine Mutter dann angefangen, auch mit meiner Schwester zu reden. Anschließend haben wir Schwestern uns dann untereinander immer ausgetauscht, uns ausgelassen, über unseren Vater und unsere Mutter.

Ich fühlte mich verantwortlich für meine Schwester, weil ich sie vor all dem bewahren wollte. Ich wusste, was sie durchmachte, wenn sie meinen Vater sah, und ich wusste dass sie genauso wenig wie ich wollte, dass meine Mutter sich bei uns ausheulte. Ich wusste nur nicht, wie ich ihr helfen sollte.

Das war die grobe Entwicklung des Alkoholismus meines Vaters, so wie ich sie erlebt habe. Der Konsum, die Krankheit, ist immer schlimmer geworden. Das Gedächtnis meines Vaters litt darunter, man musste ihm alles zehnmal sagen, und trotzdem merkte er es sich nicht. Sein Langzeitgedächtnis schien noch zu funktionieren, aber kurzfristige Dinge konnte er sich kaum merken. Außerdem kapselte er sich immer mehr ab, entfernte sich immer mehr vom Rest der Familie, wurde immer öfter krank, hatte Magenverstimmungen, Kreislaufprobleme.

Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



Sponsoren

ebooks

© 2008 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!
suchbuch.de wird unterstützt von loadplanet.de


ExecutionTime: 0 secs