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Vernetzt mit Dir


von Gundel Linhart

lyrik
ISBN10-Nummer:
3928239856
ISBN13-Nummer:
9783928239851
Ausstattung:
Taschenbuch - 175 Seiten, 9 Fadengrafiken von Isabel Hannig
Preis:
13 €
Verlag:
-kein Verlag-
Leseprobe

Madame 
Das Titelblatt
An die Zeit
Meine Gedichte
Abgestürzt
Yin und Yang
 

Madame                                                                                         

Wienern Sie ruhig das Parkett, Madame,
Ihr Mann findet das vielleicht nett, Madame, 
putzen Sie ruhig den Salat, Madame, 
und kümmern sich nicht um den Staat, Madame.
 
Ziehn Sie sich ruhig modisch an, Madame, 
dann gefalln Sie vielleicht Ihrem Mann, Madame, 
schminken Sie ruhig das Gesicht, Madame, 
den Lauf der Welt ändert das nicht, Madame. 

Lesen Sie ruhig „Echo der Frau", Madame, 
wer mit wem wo was genau, Madame, 
füttern Sie Ihr Hirn mit viel Klatsch, Madame,
und glauben Sie ruhig an den Quatsch, Madame. 

Zählen Sie ruhig Kalorien, Madame, 
und tun Sie alles für „ihn", Madame, 
kochen sie ruhig Ihre Diät, Madame, 
vielleicht ist es morgen zu spät, Madame. 

Trinken Sie ruhig Ihren Tee, Madame, 
und pflegen Sie Ihr Wehweh, Madame 
jammern Sie, dass alles schlecht, Madame, 
Ihnen geschieht ganz recht, Madame.

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Das Titelblatt

Mensch, gucken Sie nur!
Gucken Sie nur genau!
Die Puppe hier,
Die Puppe ist keine Frau.
Lassen Sie sich nicht verschaukeln!
Man will Ihnen was vorgaukeln
an jedem Kiosk in der Stadt.
Na, wer?
Das Illustriertentitelblatt.

Sie wirkt jung und sie hat Locken
und ihr Anblick lässt uns stocken,
doch man sieht sich sehr schnell satt.
Ihre Haut ist cremeglatt.
Auf der faltenlosen Stirn
keine Spur von Geist und Hirn.
Bemalte Augen strahlen wie Sterne,
sie schaut dümmlich in die Ferne
mit dem rot geschminkten Mund.

Die Figur scheint gut genormt
Po und Busen wohl geformt,
raffiniert fotografiert,
Überflüssiges retuschiert.
Beine lang und nicht zu dick,
gut beleuchtet. Mit viel Schick
trägt sie die modernsten Fetzen,
die den Anstand oft verletzen,
Männer in Erregung setzen.

Wer sie sieht, denkt leicht perplex:
Dieses Weib hat sehr viel Sex.
Irrtum, Mensch! Die Aphrodite
ist für dich nur eine Niete.
Was die Werbung laut verspricht,
gibts in Wirklichkeit gar nicht.
Steht die Puppe ohne Tusche
ungeschminkt unter der Dusche
sieht sie aus - wie jede Frau.

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An die Zeit

Kostbarer als jede Perle
und mir nicht feil um Gold
bist du, flüchtige Zeit.
Geliehen auf Widerruf,
gezählt und mir zugemessen,
rinnst du wie Wasser
durch meine Finger.

Umsonst raff' ich dich,
schließ dich vergebens
in Truhen und Bilder
als Vorrat
für schlechtere Zeiten.

Leer bleibt die Hand,
die dich geizig
für sich behält,
zerredet oder
in Hass verdirbt.
Auch eingetauscht
gegen Spielzeug
und Lorbeerkränze
wiegst du am Ende
nichts.

Einmalige Zeit!
Mir geschenkt,
dass ich dich austeile
und zärtlich verschwende
um keinen Gewinn.

Einen gibt es,
der sammelt dich,
siebt die Spreu
aus dem Weizen
und trägt dich
in himmlische Scheuern.

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Meine Gedichte

Zerbrechliche Brücken treibe ich
über die Leere hin zu dir
verschlüsselte Botschaften
in meiner Herzsprache.

Worte herangeschwemmtes Treibgut der Zeit
längst versunkene Bilder und Klänge
Atemzüge voll Glück auch Tränen
zu leuchtenden Kristallen verdichtet
im Strom des Bewußtseins geschöpft
und gefiltert aus Farben meiner Sehnsucht
schleife ich zu zeitlosen Spiegeln
in denen du dich erkennst
wenn du gelassen hinein schaust.

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Abgestürzt

ins Chaos
tauche ich aus
dem Purgatorium der Sprachlosigkeit
Anfang ist immer das Wort
qualvollem Schweigen gnädig entronnen
lebe ich neu
vernetzt mit
dir

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Yin und Yang

Du bist der Stein, ich bin die Welle,
ruhelos schwankend, die dich umspült.
Fest im Grund liegst du an deiner Stelle,
unbewegt von Brandung tief aufgewühlt.

Sanfte Wasser schmiegen sich an deine Härte,
Kühle tauchen sie in warme Farben ein,
alles Rauhe glätten sie mit Glanz und Sonne,
funkeln dir als Spiegel Mondes Widerschein.

Brecher überschwemmen dich mit flinken Fischen,
werfen dir ein wallend Tangkleid zu,
überschütten dich mit schöngeformten Muscheln.
Unter jeder Zufallshülle bleibst der selbe du. 

Wogen strömen nimmermüde dir entgegen,
rauschen deinen Poren Salz und Sehnsucht her,
klatschen wütend an verschlossne Wände.
Ungerührt trotzt du dem zügellosen Meer.

Widerstand lässt weiße Gischt hochschäumen,
Fluten tosen wild - erstürmen deine Grenzen nie.
Wenn im Sternenschimmer still Gezeiten träumen,
bricht aus Schweigen leise unsre Melodie.

Klappentext

Poetische Vernetzungen

Autorin Gundel Linhart legt Gedichtband vor

Rückblick und Rezension einer Lesung
im November 2005 (z.T. verkürzt, Redaktion_LuuBooks)
von SCHOE

erhältlich bei http://www.luubooks.de/

Gibt es heute noch ein Publikum für moderne Gedichte?

Diese Frage wurde, zumindest für Bad Honnef, am vergangenen Sonntag eindeutig positiv beantwortet. Die Autorin Dr. Gundel Linhart hatte zur Vorstellung ihres Gedichtbandes „Vernetzt mit dir" in den Kunstraum geladen und war selbst überrascht über das große Interesse an dieser Veranstaltung.

Überdies gab es für das Publikum die Möglichkeit, die Illustrationen im vorgelegten Gedichtband auch im Original zu betrachten, denn die Fadengrafiken der Rhöndorfer Malerin Hannig schmücken sowohl das buch als auch die Wände des Kunstraums.

Gedichte habe sie schon im Alter von neun Jahren geschrieben, sagt Gundel Linhart, die später Germanistik und Französisch studierte. Sie verfasste Theaterstücke für Kinder, kurze Prosa und etliche Bibelspiele für Rhöndorfer Kindermessen. Die Idee zu einem eigenen Gedichtband entstand im Literatur-Atelier des Bonner Frauenmuseums. Das Buch ist als literarisches Zwiegespräch konzipiert: ein Mann und eine Frau - Daphne und André - schreiben Gedichte, schicken sie einander und entwickeln schließlich eine vielschichtige Beziehung.

Gundel Linhart gibt die Rahmenhandlung vor: „Zum ersten Mal begegnen sich Daphne und André auf einer öffentlichen Veranstaltung. Daphne erfährt, dass André Literaturkritiker einer bekannten Zeitung ist und schickt ihm drei Gedichte. André, ein typisch arroganter Berufsliterat, hält wenig von schreibenden Hausfrauen, die ihrem Frust lyrisch abreagieren."

In seiner Antwort, dem ironischen Gedicht „Kunst", heißt es: „Die Eine machts, so gut sie kann und hält ihr Werk für Kunst alsdann."

Der lockerere poetische Dialog zw. Beiden bleibt bestehen, auch als André beruflich nach New York reist.

Zurückgekehrt aus den USA treffen sich André und Daphne auf einer Party, allerdings geht auch diese Kontaktaufnahme gründlich schief und André sieht sich auf dem „Holzweg": „Hab mich auf eine Holzweg begeben, sah so verlockend aus, führte durch grünen Tann breit und bequem bergan." Doch wieder, wein drittes Mal, führt der Zufall die Protagonisten zusammen, auf einem Kreuzfahrtschiff, und es „funkt" zwischen ihnen. Es ist der Beginn einer Beziehung, deren Gedichte „das Auf und Ab einer komplizierten Zuneigung spiegeln".

Gundel Linhart gelingt es, sich mit ihren Hauptdarstellern wechselweise zu identifizieren. Mit André, dessen spöttischer Herablassung bis zur poetischen Liebeserklärung reicht und mit Daphne, die mit „Emanzengedichten" dagegenhält, bis auch sie sich ihre „Verzauberung" eingesteht.

Ein Gedichtband voller Überraschungen, mit Schwermut und Ernst, mit Humor und Leichtigkeit, mit allem, was man von Poesie erwarten kann.