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Kultur Bücher
Buch Leseprobe Richard I. Löwenherz, Ulrike Kessler
Ulrike Kessler

Richard I. Löwenherz


König, Kreuzritter, Abenteurer

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Am Ende des Kreuzzugs entfaltet sich vor unseren Augen ein Stück Heldenepik, übereinstimmend dokumentiert von Augenzeugen beider Seiten. Außer bei Ambroise finden wir bei Coggeshall einen ausführlichen Bericht, der sich auf einen namentlich genannten und von Ambroise erwähnten Augenzeugen beruft, während Bahaʾad-Dīn versichert, dass sich die dramatische Landung des Königs an der Küste Jaffas direkt unter seinen Augen vollzogen habe. Neben diesen Hauptquellen überliefern uns Howden, Diceto, Sicard von Cremona und die Eracles-„Ernoul“-Texte, die Quintessenz der Ereignisse, und selbst eine so abgelegene Quelle wie die Salzburger Annalen widmen ihnen eine nicht zu knappe Eintragung. Wir kennen nebst vielen Einzelheiten die Mitglieder des königlichen Gefolges, Datum und selbst den Wochentag des Kampfs um Jaffa. Ambroise erinnert sich genau, dass es ein Samstagmorgen war, als der König an Land ging, und er irrt sich nicht: in der Nacht vom Freitag, dem 31. Juli, zum Samstag, dem 1. August, hielt, nachdem sie drei Tage unter widrigen Windverhältnissen von Akkon aus unterwegs gewesen war, die königliche Flotte auf der Höhe der Stadt, aber in Distanz zur Küste. Im Morgengrauen enthüllte sich ihr ein tristes Bild. Man war zu spät gekommen: die Stadt war gefallen und der Strand vom Feind übersät, so dass ein Eingreifen aussichtslos erschien. Da sich gleichzeitig mit der Flotte ein Landheer unter Heinrich von der Champagne in Bewegung gesetzt hatte, hatte man selbst kaum Pferde bei sich. Diesem war aber von Saladins Truppen der Weg bei Caesarea abgeschnitten worden, so dass später nur Heinrich selbst mit einer kleinen Schar zu Richard stoßen konnte. So erklären sich die nahezu lächerlich geringen Angaben über die Pferdeanzahl bei den Chronisten. Folgen wir Bahaʾad-Dīn, von dem am wenigsten eine ruhmredige Tendenz angenommen werden kann, so hatte Richard neun bis siebzehn Ritter, d.h. solche zu Pferd, bei sich und an Fußvolk 300 bis 1000 Mann, die auf 50 Schiffe verteilt gewesen waren, von denen 15 als Galeeren erkannt wurden. Verfügbar war also nahezu ausschließlich die Infanterie, unter der sich allerdings die ausgezeichneten Armbrustschützen der Genuesen und Pisaner befanden. Vom französischen Heer abgesehen, hatten sich noch einmal Angehörige aller Nationen zu der vorgesehenen Rettungsaktion zusammengefunden. Auf den Schiffen vor Jaffa erörterte man die Lage, und Richard schien wenig geneigt, sich zu exponieren, denn es war unklar, in wessen Hand sich die Zitadelle befand.


 


Wechseln wir zu den Geschehnissen am Strand über und zur Vorgeschichte. In der abgelaufenen Woche hatte Saladin seine Gegenoffensive mit der Belagerung Jaffas anlaufen lassen. Am Vortag, am 30. Juli, war die Stadt unter Plünderung und Tötung von Einwohnern eingenommen worden, während die Garnison in der Zitadelle noch ausharrte. Da Richard, der sich eben von Akkon aus nach Beirut hatte einschiffen wollen, sofort beim Herannahen Saladins verständigt worden war, hoffte man immer noch auf Hilfe. Vorsorglich hatte man allerdings Kapitulationsbedingungen ausgehandelt – die von Saladin unbestreitbar leichter zu erhalten waren als von Richard –, während Racheverlangen und Beutelust des muslimischen Heeres dem Sultan ihre Durchführung erschwerten. In der Morgendämmerung des 1. August trieben die Trompetenstöße der Flotte Saladin zur Eile. Er schickte eine Kommission unter Bahaʾad-Dīn zur Bestandsaufnahme der Vorräte in die Zitadelle, wo die Garnison, die mit wachsender Sorge die Verzögerung der Landung wahrnahm und beim Sturm ein Blutbad fürchten musste, nun auf dem Punkt der Übergabe war. Ein Kollege Bahaʾad-Dīns ließ die eigenen undisziplinierten Soldaten prügeln, die Mamelucken des Sultans entrissen den Plünderern die kostbare Beute aus dem Karawanenüberfall, die in Jaffa deponiert worden war und in Kürze mehrmals den Besitzer wechselte. Da sah der arabische Chronist plötzlich die rote Galeere des Königs mit ihrem gleichfalls roten Segel vorschnellen und wurde Zeuge der Landung. Er eilte zum Zelt seines Herrn, berichtet er, und fand ihn, die Feder in der Hand, im Begriff, dem anwesenden christlichen Abgesandten den Brief der Gnade auszustellen. Bei der geflüsterten Botschaft habe er innegehalten, ein Gespräch begonnen, um die Aufmerksamkeit der Anwesenden abzulenken –, aber wenige Augenblicke später riss die allgemeine Flucht schon alles mit sich fort, und er konnte nur noch den Rückzug durch Befehl legitimieren. Wie Bahaʾad-Dīn uns verrät, hatte er nicht damit gerechnet, dass dem Feind bei der Überzahl muslimischer Truppen am Strand die Landung gelingen werde.


 


Was hatte Richard zu dem plötzlich forcierten Einsatz veranlasst? Ein Bote war, nach Ambroise und Bahaʾad-Dīn, von der Zitadelle ins Meer gesprungen, um die Nachricht zu übermitteln, dass die Festung noch in christlicher Hand sei. Da sprang der König, hören wir, die Beine ungewappnet, als erster bis zum Gürtel ins Wasser, um, von den Armbrustschützen gedeckt, vorzustürmen. Mit dem Impetus einer Wikingerlandung vollzog sich die Überrumpelung des Feindes. Nachdem erst ein wenig Raum geschaffen war, wurden Barrikaden errichtet, um die Verbindung zu den Schiffen abzusichern. Mit Schwert und Streitaxt gelang der Einfall in die Stadt. In Nu hatte Richard auf einem Mauerabschnitt sein Banner gehisst, was für die Garnison das Zeichen zum Ausfall war. Der mit Beutemachen beschäftigte Feind wurde erschlagen oder floh, und Jaffa war im Handumdrehen wieder eingenommen. Nachdem er genau an jener Stelle, an der bei der Belagerung Saladins Zelt gestanden war, sein eigenes hatte aufschlagen lassen, ging er wieder zur Sanftmut über, um im Kreis der rasch zu ihm gestoßenen muslimischen Gesprächspartner aus den Verhandlungen über den Frieden zu räsonieren, wobei er Hochachtung vor Saladin mit Verwunderung mischte. Teils ernst, teils scherzhaft, hat er nach Bahaʾad-Dīn die Unterredung geführt und gefragt, warum denn der Sultan geflohen sei, da er selbst doch gar nicht an Kampf gedacht habe, wie man ja an seinen Schiffssandalen ersehen könne. Und er ließ Saladin grüßen, beschwor ihn, dem für beide Seiten sinnlosen Kampf ein Ende zu setzen und ihm den Frieden zu gewähren. Die friedvollen Töne waren angebracht, denn Jaffas Mauern waren niedergelegt, in seinen Straßen war es vor Verwesungsgestank nicht auszuhalten, und das eigene Heer war auch nach Zuzug Heinrichs im Vergleich zum feindlichen immer noch klein. Wie sollte dieses Lager, in dem Bahaʾad-Dīn gar nur zehn Zelte gezählt haben will, verteidigt werden, wenn der Feind zurückkam? Und selbstverständlich war dieser erste Erfolg noch nicht der Sieg, denn das muslimische Heer lagerte in der Nähe, und Saladin würde nicht weichen, ohne es nochmals gegen den Feind geführt zu haben. Aber Richard musste ihn erwarten, wenn die ganze Aktion einen Sinn gehabt haben sollte.


 


Im Morgengrauen des 5. August konnte ein Überfall auf das Lager verhindert werden, nicht aber seine Einschließung. Unsere Berichterstatter Ambroise und Coggeshall unterstreichen den Ernst der Lage, indem sie den König Reden halten lassen, was sonst nicht der Fall ist: Als Kreuzfahrer seien sie hierhergekommen, um zu sterben, eine Möglichkeit zur Flucht gebe es nicht, sie müssten ihr Leben teuer verkaufen. Coggeshall hat gehört, dass Richard einem seiner Kämmerer, der zur Unzeit ein Lamento über die wieder in die Stadt eingedrungenen Türken anstimmte, den sofortigen Tod androhte, wenn er nicht schweige und ebenso, dass er bei Todesstrafe gebot, die Reihen geschlossen zu halten. Sicherlich gehört dieser Zug zum Charakterbild, ebenso wie das Locken mit reicher Belohnung, hat er doch schon seinerzeit nach Ambroise bei der Kaperung des großen muslimischen Nachschubschiffs vor Akkon der Besatzung das Hängen angedroht, wenn sie es entkommen lasse. Das verhinderte nicht, dass im Laufe des Tages sich die Ruderer in Todesangst auf ihren Galeeren vor Jaffa verkrochen, von wo sie von Richard zurückgeholt wurden.


 


Das taktische Konzept, das bei dem Ausfall einer Reiterei doch noch den Sieg brachte, war folgendes: Im ersten Glied des Abwehrzirkels hatten die Fußsoldaten hinter dem in die Erde gerammten Schild, die vorgestreckte Lanze in der Hand, niederzuknien, während hinter ihnen in der Lücke zwischen zweien ein Paar Armbrustschützen koordiniert tätig war – während einer die Waffe spannte, schoss der andere. Als die erste Welle der türkischen Reiterei vor dieser Barriere haltmachte und abdrehte, soll Richard, so Coggeshall, in Gelächter ausgebrochen sein und frohlockend gerufen haben: „Habe ich es euch nicht gesagt!“. Es ist klar, dass mit der Abwehr des ersten Ansturms die Chance auf den Sieg gestiegen war, aber bis die wenigen Ritter von Richard zur Schlussattacke geführt wurden, sollte es Abend geworden sein. Viermal bemüht Coggeshall im Zusammenhang mit den beiden Jaffaberichten für Richard das Bild des rasenden Löwen. Ambroise meint, dass es wohl hier gewesen sei, wo er einem gepanzerten Emir mit einem Schwertstreich Kopf und Arm abgetrennt habe, worauf ein leerer Raum um ihn selbst entstanden sei. Gut bezeugt, wenn auch mit Variationen, ist die Episode, in der al-ʿĀdil dem schon zu Fuß kämpfenden Richard mit zwei Pferden aushalf. Ein wesentlicher Faktor für den Sieg war allerdings auch die schlechte Kampfmoral beim Feind. Bahaʾad-Dīn, für diesen Abschnitt nicht mehr Augenzeuge, hat gehört, wie der König von England, die Lanze in der Hand, in Herausforderung die ganze Front des muslimischen Heeres abgeritten sei, aber niemand gegen ihn zum Kampf hätte antreten wollen. Der Bruder al-Maštūbs wagte seinem Sultan angesichts des entfesselten Richard zu sagen, er möge doch seine Mamelucken vorschicken, die unlängst die Jaffabeute an sich gerissen hatten. Diese Verweigerungshaltung gilt es zu bedenken, wenn wir uns fragen, wieso Saladin nicht kurz darauf, als Richard als Opfer einer Seuche darniederlag, doch noch das Blatt zu wenden vermochte. Mit den im Kettenpanzer steckenden Pfeilen gespickt wie ein Igel, ritt Richard abends zu seinem Zelt und in die Legende hinein, zweifellos bestärkt in der Geringschätzung gegenüber Feinden in Europa, die einen solchen Tag nie erlebt hatten und wohl auch nie erleben würden.


 


Die genaue Dokumentation der Ereignisse von Jaffa erlaubt ein Erfassen verschiedener Elemente in Richards Charakter, unter anderem, dass er sich nicht blindlings in ein Todeskommando stürzte, das nur zufällig glücklich ausging. Zwar gibt es befremdliche Details, wie den zweifach belegten Umstand vom Sturmangriff in Bordschuhen und eine Geschichte bei Ambroise, nach der die Vereitelung des Überfalls auf das Lager nur dem zufälligen Latrinengang eines Genuesen zu verdanken gewesen wäre, der eben noch die Schläfer hätte wecken können, von denen manche aber ganz nackt zum Kampf hätten antreten müssen, doch ist es unwahrscheinlich, dass es keine Wachen gegeben haben sollte, und überdies stand das Heer ja beim Angriff in Schlachtordnung bereit, was genügend Zeit für Dispositionen voraussetzt. Wie sein Zögern vor der Küste Jaffas beweist, hat Richard sehr wohl die Umstände gegeneinander abgewogen, die Sieg oder Niederlage bedeuten konnten, und dem Unternehmen erst eine Chance gegeben, als er die Zitadelle noch in christlicher Hand wusste. So haben wir uns also im Zusammenhang mit dem Kreuzzug bei der Konstatierung sträflichen Wagemuts auf jene Stellen zu beschränken, wo unser Chronist die Meinung einer besorgten Kamarilla wiedergibt, was er öfter tut, und können uns sagen, dass es uns unbekannte Nebenumstände gegeben haben mag, wenn der stets um das Wohl des Kreuzfahrerheers bangende Ambroise sich über gefährlich klingende Nebenumstände nicht entsetzt. Dass Richard als Heerführer verantwortungsbewusst und mit wacher Aufmerksamkeit gehandelt hat, dafür liefert Jaffa jedenfalls auch einige Beweise. Genauso souverän war sein Umgang mit der Gefahr gleichzeitig in der politischen Arena.


 


Ein Ausblick auf das Schicksal Jaffas in den nächsten Jahren bekräftigt den aus der Wiedereroberung gewonnenen Eindruck, dass mit dem Besitz dieser Stadt die militärische Leistungsfähigkeit der christlichen Kräfte im südlichen Teil der Küste bis zum äußersten ausgeschöpft war. Wenn Jaffa später in christlichen Händen war, so verdankte das Königreich Jerusalem das der konzilianten Haltung al-ʿĀdils, der die Stadt 1204 überraschend abtrat, nachdem er sie den Christen 1197 – also noch zu Richards Lebzeiten – im Zusammenhang mit dem deutschen Kreuzzug abgenommen hatte. In die Endphase der Verhandlungen war al-ʿĀdil wieder voll eingebunden, und anders als Saladin war er schon damals Exponent einer Friedenspartei, worauf Richard, der ihn Bruder zu nennen pflegte – und tatsächlich hat er nie einen besseren Bruder gehabt –, von Anfang an gesetzt hatte.


 


Wir besitzen aus der Endzeit des Kreuzzugs eine Porträtskizze Saladins, die wegen der hervorragenden Kompetenz ihres Verfassers, des Saladinsekretärs ʿImād ad-Dīn, sehr ernst zu nehmen ist und der Bahaʾad-Dīns Ausführungen zum selben Thema durchaus nicht widersprechen. Auch dieser bezeugt, dass der Heilige Krieg beim Sultan alle anderen Interessen überwogen habe, aber wir lesen es eher als pflichtgemäßes Verhalten. ʿImād ad-Dīn hingegen beschwört das Bild eines vom Krieg Besessenen herauf, der auf der Flucht vor dem eigenen Tod noch ganze Heere in ihn hineintreiben würde, wenn man ihn ließe. Und dies die gar nicht religiös verbrämten Worte des vornehmen, persönlich bescheidenen, leicht zu Tränen gerührten, sicher auch gütigen und klugen Sultans, die sein Sekretär ihn wählen lässt: „Wir haben uns an den Heiligen Krieg gewöhnt […] jetzt ist es schwierig, das aufzugeben, woran wir uns gewöhnt haben [...] wir haben keine andere Beschäftigung noch Absicht als den Krieg, noch gehören wir zu denen, die Spiel verleitet und Zerstreuung verführt. Geben wir diese Mühe auf, welche nehmen wir dann auf uns? Verlieren wir die Hoffnung, sie zu besiegen, worauf sollen wir dann hoffen? Ich fürchte, wenn ich untätig bin, holt mich der Tod; wer sich gewöhnt hat, geschmückt zu gehen, wie kann er sich gewöhnen, ungeschmückt zu gehen?“ Der an den Waffenschmuck Gewöhnte ist kein Friedensfürst. Lesen wir weiter bei ʿImād ad-Dīn, so hören wir, dass die Emire diese Haltung zwar gepriesen, aber den Sultan doch darauf aufmerksam gemacht hätten, dass er nicht nur an sich denken dürfe: „Sieh doch den Zustand des Landes, das verwüstet und zerstört ist.“ Und mit einem Koranspruch, der zum Frieden riet, dem Hinweis, wie gefährlich die zum Tod entschlossenen Franken noch werden könnten und dem Trost, dass ein Waffenstillstand ja nur dem Atemholen für den nächsten Krieg diene – welche Atempause aber endlich einmal nötig sei –, hätten sie den Sultan mit vieler Mühe zum Frieden gestimmt.


 


Bei Bahaʾad-Dīn geht es rationaler zu. Da vertraut Saladin dem Qāḍī, an, dass er fürchte, die Franken würden das ganze Land zurückerobern, wenn sie bei seinem Tod noch im Besitz der Küste wären. Er hielt also dafür, dass man sie gänzlich vertreiben solle, ein Plan, den er auch nach dem Rückschlag von Jaffa noch nicht aufgegeben hatte. „Zwischen den feindlichen Heeren lag nur ein Tagesmarsch, und die Staubwolken verdichteten sich schon bei der Vorhut“, sagt ʿImād ad-Dīn, und anders als Bahaʾad-Dīn findet er bei dieser Gelegenheit, dass es eher für Richard ein Glück war, dass er den Waffenstillstand bekam. Es war nicht vorhersehbar, wem Ausdauer Sieg oder Niederlage bringen würde, aber Richard teilte sicherlich Saladins Auffassung, dass der militärische Wendepunkt schon da war. Während er sich von Saladin mit Pfirsichen und Birnen laben ließ, bedrängte er al-ʿĀdil, ihm den Frieden – der getreu der beiderseitigen Ideologie nur Waffenstillstand heißen konnte – zu verschaffen. Und während Saladin die Lage in Jaffa erkundete, setzten die Emire ihm zu, Richard die Heimkehr zu ermöglichen, damit sie selbst endlich auch aus dem Feld kämen und nicht noch den ganzen Winter vom Krieg hier festgehalten würden. Soll man urteilen, dass es für Saladins Größe spricht, wenn er sich von seiner düsteren Leidenschaft nicht fortreißen ließ, sondern den ihm von anderen dargelegten Vernunftgründen wich? Aber es hätte vielleicht wirklich nur eines allerletzten entschlossenen Einsatzes bedurft, um das christliche Lager mit seinem sterbenskranken Feldherrn Ende August 1192 unter die Hufe der türkischen Reiterei zu bringen. Ihres gefürchtetsten Faktors war dieses Heer ja im Augenblick beraubt. In dieser Situation, wo alles auf Messers Schneide stand, wirkte es sich nicht nur aus, dass man Richards militärischer Bravour Wunderdinge zutraute, sondern dass den Emiren und mit dem als potentieller Nachfolger sich abzeichnenden al-ʿĀdil im Einvernehmen war. Es bestand ein Interessenbündnis, wo beide Seiten mit denselben Worten argumentierten. Nichts, was uns ʿImād ad-Dīn als Argumente der Emire für den Frieden anführt, fehlt in den bei Bahaʾad-Dīn nachzulesenden Botschaften Richards an Saladin, die für diesen Kreis bestimmt waren: Wie er gerne heimkehren wolle, aber zum Äußersten entschlossen sei, wenn man ihn hier festhalte; wie der Zustand des Landes und die beiderseitige Erschöpfung es erfordere, dass das Blutvergießen ende. Dazu der Gewissensappell: „Es ist dir nicht erlaubt, alle Muslime umkommen zu lassen, und mir nicht, alle Franken.“


 


Den total Kriegsmüden hatte sich Richard von Anfang an als Friedensbringer präsentiert und als Alternative zu den endlosen Kriegen Saladins friedliche Visionen heraufbeschworen, wie die Aussicht, durch eine Fürstenverschwägerung dauernden Frieden zu gewinnen. Was immer seine letzten Absichten gewesen sein mochten, er musste einen korrumpierenden Effekt damit erzielen, einen umso nachdrücklicheren, weil er immer auch die Kriegsschrecken demonstrierte: zuerst in Akkon, zuletzt in Jaffa. Dort kann die Entfaltung des Kriegsfurors auch als absolut notwendiges Mittel zur Friedensgewinnung gesehen werden. Es machte sich jetzt bezahlt, dass er seine beiden Gesichter stets vorrätig gehalten hatte, denn so musste er seine Taktik gar nicht ändern, sondern konnte auf eingefahrenen Wegen und mit vertrauten Vermittlern in die letzte Verhandlungsrunde gehen Wir sehen die Mittel des Krieges und der Politik nebeneinander im gleichwertigen Einsatz. Aber weil auf Jaffa, den letzten Militäreinsatz, eine augenfällige Phase militärischer Verwundbarkeit folgte, so kann man auch finden, dass ohne Richards konsequentes politisches Kalkül Saladin seine Emire doch noch zu einer allerletzten kriegerischen Unternehmung hätte motivieren können, was für ihn die Abrundung seiner Lebensleistung, für Richard und das Restkönigreich aber das Ende hätte bedeuten können.


 


Der Waffenstillstand vom 2. September 1192 wurde auf drei Jahre geschlossen und brachte den Christen den Besitz der Küste von Tyrus bis Jaffa. Eingeschlossen in ihn waren auf Richards Initiative Antiochia und Tripolis und auf die der Gegenseite alle angrenzenden muslimischen Gebiete. Das Pilgerziel wurde auch erreicht: wie für Kaufleute wurden die muslimisch besetzten Gebiete auch für Pilger frei zugänglich gemacht, so dass die Masse der Kreuzfahrer doch noch Jerusalem betreten konnte. Ambroise berichtet uns von der Organisation dieser Pilgerzüge, denen sich Richard selbst nicht anschloss. Der Waffenstillstand nahm die Züge eines Friedensschlusses an: Graf Heinrich erbat und erhielt, laut Ibn al-Aṯīr, von Saladin ein Ehrenkleid, Kaftan und Turban und erklärte, es ungeachtet der bekannten christlichen Missbilligung zu Ehren des Sultans tragen zu wollen. Seinen Neffen hatte Richard zuvor schon dem unbestrittenen Herrn dieses Weltteils ans Herz gelegt, und dieser hatte erklärt, ihn wie einen Sohn behandeln zu wollen.


 


 


 


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