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Kultur Bücher
Buch Leseprobe Ein Mädchen namens Margot, Bettina Weber
Bettina Weber

Ein Mädchen namens Margot


Musikalisches Theaterstück gegen d. Vergessen

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Einleitung


„Ein Mädchen namens Margot“ entstand 2009/2010.


Schon längere Zeit hatte ich die Idee, ein anspruchsvolles, abendfüllendes Stück für mich selbst zu schreiben, das ich in meinen eigenen kleinen Räumlichkeiten aufführen könnte.


Mir schwebte hierbei ein Werk vor, ähnlich Georg Kreislers großartigem kabarettistischen Soloabend „Heute Abend: Lola Blau“, das sich allerdings eher an eine singende Schauspielerin oder Musicaldarstellerin richtet.


Ich dagegen wollte ausdrücklich ein Stück für eine klassisch geführte Singstimme schreiben.


Die Suche nach einem geeigneten Stoff gestaltete sich allerdings äußerst schwierig.


Als mögliches Sujet zog ich „Die Geschichte einer Mutter“ von Hans Christian Andersen in die engere Wahl, was die Möglichkeit eröffnet hätte, den Kampf der Mutter um das Leben ihres kranken Kindes in unterschiedlichster Weise darzustellen.


Ebenfalls reizvoll erschien mir eine Zusammenstellung verschiedenster Stimmungsbilder, wie Michal Snunit sie in ihrem Buch „Der Seelenvogel“ darstellt.


Letztlich überzeugte mich keine der beiden Varianten völlig.


 


In 2009, dem Jahr, in welchem Anne Frank 80 Jahre alt geworden wäre, stieß ich in der Zeitung auf ein Interview mit Buddy Elias, dem leider 2015 verstorbenen Cousin der Frank-Schwestern. Hierin zitierte er seinen Onkel Otto Frank. Dieser habe oft bedauert, dass durch die Veröffentlichung des Tagebuchs Anne gewissermaßen zu einer Ikone erhoben wurde, während seine ältere Tochter Margot mehr und mehr in Vergessenheit geriet.


 


Dies war der Augenblick, in welchem mir der Gedanke kam, mein Ein-Personen-Stück Margot Frank zu widmen.


 


Es gelang mir schnell, einen ersten groben Handlungsablauf zu erstellen, was für mich meist ein Hinweis ist, dass ich das Thema unbedingt weiter verfolgen sollte.


Ich nahm Kontakt mit dem Anne-Frank-Fonds in Basel auf.


Da es sich bei Margot Frank um eine Person der Zeitgeschichte handelt, galt es zunächst abzuklären, ob ich ihren Namen, möglicherweise auch Textpassagen aus Annes Tagebuch für mein Stück verwenden durfte.


Die erste Reaktion von Buddy Elias, Präsident des Anne-Frank-Fonds, war sehr positiv. Er begrüßte mein Vorhaben, ein Stück über seine Cousine Margot zu schreiben.


Der Stiftungsrat teilte mir dann jedoch mit, die Rechte an sämtlichen Texten Annes wären auf Jahre hinaus vergeben. Obwohl man mein Projekt interessant fände, müsse man mir daher leider eine Absage erteilen. Anders läge der Fall, wenn ich ein rein musikalisches Stück planen würde, ohne Texte aus dem Tagebuch einzubeziehen.


Vermutlich war für mich diese Feststellung ausschlaggebend, noch einmal nachzuhaken, ob das Stück möglich wäre, wenn ich mich zwar inhaltlich an den Geschehnissen orientiere, die im Tagebuch erwähnt sind, ansonsten aber keine Originaltexte verwende.


Parallel begann ich bereits, nach vergleichbaren Schicksalen zu recherchieren. Auch die Überlegung, die Handlung auf  fiktiven Protagonisten aufzubauen, stand im Raum.


Dies erwies sich jedoch als unnötig, da ich kurze Zeit später vom Anne-Frank-Fond die erfreuliche Mitteilung bekam, dass ich das Stück in dieser Weise aufbauen dürfte.


Während der Arbeit an Libretto und Komposition stand ich mehrfach mit Buddy Elias in Verbindung, der mich auf inhaltliche Ungenauigkeiten hinwies und mir wertvolle Ratschläge für den Text gab.


Meinem ursprünglichen Konzept zufolge sollte das Stück mit den gleichen Worten enden, die jeweils Miriams Melodrampassagen abschließen: „Sie war nur eine von ihnen: das Mädchen namens Margot.“


Buddy Elias hingegen wünschte sich ausdrücklich als letzten Satz: „Sie war nur eine von ihnen: das Mädchen Margot Frank.“


 


Musikalisch unterteilt sich das Stück in zwanzig musikalische Nummern, die durch Texte verbunden sind. Im Wesentlichen handelt es sich um Strophenlieder, die verschiedenste Stimmungen behandeln, darüber hinaus gibt es mehrere Melodrampassagen.


Für eine lyrische Sopranistin bietet sich auf diese Weise die Möglichkeit, die ganze Bandbreite ihrer Ausdruckskraft zu zeigen.


In der Besetzung der Begleitinstrumente entschied ich mich für Klarinette, Klavier und Schlagzeug, da diese Instrumente in der traditionellen Klezmer-Musik häufig zum Einsatz kommen.


Stilistisch arbeite ich sowohl mit Anlehnungen an traditionelle jüdische Musik, wie auch Zitaten originaler Stücke wie „haTikwa“ (der heutigen Nationalhymne Israels) und „Shalom chaverim“, die mit Melodien nationalsozialistischer Soldatenlieder verknüpft werden.


 


Obwohl das Stück von der anspruchsvollen Führung der Singstimme her, eher Oper oder szenischer Liederabend als Schauspiel ist, halte ich die Bezeichnung „Musikalisches Theaterstück gegen das Vergessen“ für angemessen.


 


Der Aufbau des Stücks in eine Gegenwarts- und eine Vergangenheitsebene soll auf die nach wie vor gültige Aktualität der Thematik hinweisen.


Hierbei geht es mir keinesfalls darum, dem lange aufgebauten und immer wieder geschürten kollektiven Schuldbewusstsein neue Nahrung zu geben, wie Miriam es in ihrer ersten Szene beklagt.


Die mehr als sechs Millionen, vielfach unbekannten, Schicksale, für die Margot Franks Lebensweg hier stellvertretend steht, sind eine unbestreitbare Tatsache, doch es bleibt jedem Zuschauer oder Leser selbst überlassen, welches Resümee er für sich daraus zieht.


 


„Ein Mädchen namens Margot“ wurde 2012 in kleinstem Rahmen uraufgeführt.


 


Auszug aus dem Text


Nr 3. Lied ″Ein Mädchen wie ich″


Margot:      Es ist nicht mehr, wie es mal war,


                   nicht wie vor Monat, Tag und Jahr!


                   Die Welt wird eng für uns und klein!


                   Oft frag ich: „Muss das denn so sein?“


 


gesprochen: Anfangs dachte ich noch: „Das ist ein schlechter Witz!“, als es auf einmal hieß, wir dürften nicht mehr mit der Straßenbahn fahren! Aber dabei ist es ja nicht geblieben! Als nächstes sollten wir unsere Fahrräder abgeben! In Parkanlagen, auf Sportplätzen, in Cafés – überall tauchten plötzlich die Schilder auf:


 


                   Für Juden verboten, denn die sind hier nicht gern geseh’n!


                   Juden stören unsre Kreise, das muss jeder doch versteh’n!


                   Juden brauchen keine Bahnen, können gehen gut zu Fuß,


                   Juden brauchen keinen Luxus, jeder das doch sehen muss!


 


                   Ein Mädchen wie ich darf sich nichts draus machen,


                   ein Mädchen wie ich muss lernen zu lachen,


                   auch wenn sie beileibe nicht alles versteht,


                   was in diesem Lande hier vor sich geht!


 


                   Ein Mädchen wie ich kann alles ertragen,


                   ein Mädchen wie ich wird immer sich sagen:


                   „Was zählt schon, was ich noch darf und kann?


                   Wir sind doch trotz allem noch glücklich dran!“


 


                   Oft, wenn ich durch die Straßen geh‘,


                   ich böse, scharfe Blicke seh‘,


                   und Flüstern, Zischeln: „Juden-Gör!


                   Verschwind! Dich will hier keiner mehr!“


 


gesprochen: Es ist ja nicht so, dass ALLE gegen uns sind! Es macht mir auch nichts aus, dass wir nur noch zu bestimmten Zeiten und nur noch in jüdischen Geschäften einkaufen dürfen! Und trotzdem … was für ein Wahnsinn ist dies alles hier? Was für ein Gift haben diese Deutschen nur in unser Land gebracht?


 


Für Juden verboten, denn die sind hier nicht gern geseh’n!


                   Juden stören unsre Kreise, das muss jeder doch versteh’n!


                   Juden kriegen nie den Hals voll, das weiß jedes kleine Kind!


                   Drum vertreibt sie aus den Läden, dass wieder unter uns wir sind!


 


                   Ein Mädchen wie ich darf sich nichts draus machen,


                   ein Mädchen wie ich muss lernen zu lachen,


                   auch wenn sie beileibe nicht alles versteht,


                   was in diesem Lande hier vor sich geht!


 


                   Ein Mädchen wie ich kann alles ertragen,


                   ein Mädchen wie ich wird immer sich sagen:


                   „Was zählt schon, was ich noch darf und kann?


                   Wir sind doch trotz allem noch glücklich dran!“


 


                   Und doch, ich muss es eingesteh’n,


                   ich kann beim besten Will’n nicht sehn,


                   was mich von andern unterscheid’t –


                   außer dem Stern an meinem Kleid!


 


gesprochen:    Die Sache mit der Schule… doch, das war schlimm! Dass Anne nicht mehr in ihre alte Klasse gehen durfte und  ich nicht mehr ins Lyzeum… dass einige unserer früheren Freundinnen auf einmal so taten, als ob sie uns nicht mehr kennen… 


 


                   Für Juden verboten, denn die sind hier nicht gern geseh’n!


                   Juden stören unsre Kreise, das muss jeder doch versteh’n!


                   Juden brauchen nichts zu lernen, aus den Schulen werft sie raus!


                   Lasst sie machen, was sie wollen, nur nicht hier in unsrem Haus!


 


                   Ein Mädchen wie ich darf sich nichts draus machen,


                   ein Mädchen wie ich muss lernen zu lachen,


                   auch wenn sie beileibe nicht alles versteht,


                   was in diesem Lande hier vor sich geht!


 


                   Ein Mädchen wie ich kann alles ertragen,


                   ein Mädchen wie ich wird immer sich sagen:


                   „Was zählt schon, was ich noch darf und kann?


                   Wir sind doch trotz allem noch glücklich dran!“



           


  • Szene


  • (Es klingelt. Margot geht kurz seitlich ab, kommt gleich darauf mit einem Briefumschlag zurück, den sie öffnet und mit wachsendem Schrecken liest.)


     


    Der nachfolgende Text entspricht, wenn auch in gekürzter Form, dem tatsächlichen Einberufungsbefehl, den Margot Frank am 5. Juli 1942 erhielt.


     


                       „Zentralstelle für jüdische Auswanderung Amsterdam


    An Margot Betti Frank, wohnhaft Merwedeplein 37…


    Sie werden hiermit aufgefordert,  sich an dem unter Polizeiaufsicht stehenden Arbeitseinsatz in Deutschland zu beteiligen und haben sich demzufolge am 6. Juli 1942


    um 1 Uhr 50 an der Centraal-Station Amsterdam einzufinden.


                       Als Gepäck mitgebracht werden dürfen ein Koffer oder Rucksack…


                   Marschverpflegung für drei Tage und die für diesen Zeitraum gültigen Lebensmittelkarten…


                       Nicht mitgeführt werden dürfen Wertpapiere, Sparkassenbücher… alle Arten von Wertgegenständen mit Ausnahme von Eheringen…


    Wenn Sie dieser Aufforderung nicht nachkommen, haben Sie mit Strafmaßnahmen durch die Sicherheitspolizei zu rechnen…“


     


    (Sie lässt den Brief sinken,  schwankt, strafft sich dann gewaltsam wieder.)


     


     


     


     


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