|
Harald Hauser war an diesem Märzmorgen spät dran, aber nicht zu spät. Er
hatte seinen Audi auf dem Parkplatz des Flughafens Schönefeld abgestellt und
war im Laufschritt in die Abflughalle gestürmt. Sein Handgepäck, welches eigentlich
eher wie eine übergroße Aktentasche aussah, machte das Laufen zur
Last. Der Billigcarrier, mit dem er nach London fliegen wollte, verlangte, dass
er mindestens 40 Minuten vor dem Abflug eingecheckt haben musste - und
keine Sekunde später. Um 9:40 Uhr sollte der planmäßige Abflug sein. Er
wusste von einem Bekannten, dass das Bodenpersonal bei Verspätungen unbarmherzig
war und niemand mehr eincheckte.
Als er die Abfertigungsschalter der Fluggesellschaft erreichte, spielten sich
dort tumultartige Szenen ab. Viele Passagiere mussten ihr Gepäck zuerst noch
durchleuchten lassen und es standen lange Warteschlangen vor den beiden
Geräten. Die Laufbänder liefen nervig langsam und etlichen Menschen drohte
die Gefahr, dass sie nicht mehr rechtzeitig am Schalter eintrafen. Zwei ältere
Männer rissen sogar ihr Handgepäck noch vor der Durchleuchtung vom Band
und stürmten zum Schalter. Das Brüllen der Sicherheitsmitarbeiter des Flughafens
ignorierten sie. Da sie keiner aufhielt, folgten ganz schnell weitere
Fluggäste diesem Beispiel. Auch Harald marschierte deshalb an den Durchleuchtungsgeräten
vorbei und stellte sich am Schalter an.
Die Abfertigung war wirklich sehr zügig. Er wurde von einer hübschen Brünetten
kurz nach seinem Namen gefragt, sie machte ein Häkchen in eine Liste,
reichte ihm eine Bordkarte über den Tresen und schon hatte er die Gewissheit,
dass er mitfliegen konnte.
Er sah, wie weitere, eilig herbeigeholte Sicherheitsmitarbeiter nach dem Einchecken
einige Personen herauspickten und aufforderten, ihr Handgepäck
durchleuchten zu lassen. Ihn interessierte es nicht sonderlich und er wunderte
sich nur, dass er nicht aufgefordert wurde. Gemächlich wanderte er Richtung
Wartehalle, eingepfercht zwischen anderen Reisenden. Die Maschine war offensichtlich
ausgebucht.
Und wieder musste er durch eine Sicherheitskontrolle. Diesmal wurde nicht
nur sein Handgepäck durchleuchtet, sondern er hatte auch durch einen Torbogen
zu gehen, der als Metalldetektor fungierte. Vor ihm standen noch drei
Passagiere, die ebenfalls den Torbogen zu durchschreiten hatten. Eine ziemlich
beleibte, männliche Person unmittelbar vor ihm hatte ein unangenehm strenges
Parfüm. Er wollte gerade etwas mehr Abstand halten, als er von hinten
einen massiven Druck gegen seinen Rücken verspürte und Geschrei ertönte.
Während er unfreiwillig auf seinen Vordermann auflief und diesen mitsamt
dessen Vordermännern durch den Torbogen stieß, sah er, dass es wieder die
beiden älteren Männer waren, die diese Paniksituation erzeugt hatten.
„Wir verpassen alle die Maschine, wenn wir nicht sofort zum Abfluggate
kommen!", schrie einer von beiden in gebrochenem Deutsch.
Weiteres hektisches Brüllen setzte ein.
Der Druck war plötzlich so stark, die Situation so chaotisch, dass er über seinen
Vordermann stolperte und hinfiel. Eine Frau, noch dicker als der müffelnde
Vordermann fiel auf ihn. Der Metalldetektor piepste ununterbrochen.
Scheinbar war er für eine solche Situation nicht geschaffen. Als er sich langsam
wieder hochrappelte, bemerkte er, dass sich fast ein halbes Dutzend Personen
auf dem Boden tummelten und die Sicherheitskräfte eindeutig überfordert
waren. Sie brüllten in die Runde, dass Ruhe gehalten werden solle und sie halfen
den Gestürzten wieder auf die Beine, auch ihm.
Er klopfte verärgert Schmutz von seinem Anzug. Als er einigermaßen zufrieden
mit seiner Arbeit war, wollte er sein Handgepäck, welches längst auf der
anderen Seite des Durchleuchtungsapparats lag, aufnehmen und sich zu seinem
Flugausgang begeben. Allerdings kam er nicht dazu, denn einer der Sicherheitsmitarbeiter
forderte ihn eindringlich auf, nochmals durch den Torbogen
zu gehen. Beim piepslosen Durchschreiten sah er, dass inzwischen Zollbeamte
eingetroffen waren, welche die beiden älteren, wild gestikulierenden
Männer festzunehmen schienen. Ihm war es egal. Er schnappte sich seine Aktentasche
sowie seine Jacke und sein Handy, welches er zuvor in eine kleine
Plastikschale gelegt hatte und ging zu seinem Abflugausgang. In zwanzig Minuten
würde er an Bord der Maschine sein und drei Stunden später seinem
Gesprächspartner in der Londoner City gegenüber sitzen.
Im Abschnitt vor dem Ausgang zu seinem Flugzeug, es handelte sich um den
letzten Raum des lang gestreckten Flughafengebäudes, waren die soeben abgelaufenen
Panikszenen das Gesprächsthema überhaupt. Ihn interessierte es
nicht im Geringsten. Er setzte sich auf einen der wenigen freien Plätze und
grübelte vor sich hin. Was würde er darum geben, wenn er den kommenden
Termin nicht wahrnehmen müsste, sein Kopf nicht so brummen und sein
Bauch endlich zu grummeln aufhören würde. Ihm war inzwischen speiübel -
er hatte am Abend zuvor wohl doch zu viele Cognacs gekippt. Er kippte in
letzter Zeit ohnehin zu viele Cognacs.
„Verdammte Firma, Scheiß Ehe", zischte er vor sich hin.
Er holte sein Handy aus seiner Jackentasche und schickte eine kurze Nachricht
per SMS an seine Frau Sylvie. Er wünschte ihr einen guten Morgen mitsamt
Küsschen und hing sogar noch ein „I h d l" an, obwohl er sich nicht sicher
war, ob sie das überhaupt lesen wollte. Danach schaltete er das kleine Gerät
aus und steckte es wieder ein. Das machte er vor Abflügen immer so, denn
er hatte in New York einmal erlebt, was geschehen konnte, wenn man vergessen
hatte, während eines Fluges das Handy auszuschalten.
Ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr zeigte ihm, dass er in wenigen Minuten
würde an Bord gehen können - aber sollte er lieber doch noch einmal
schnell auf die Toilette gehen?
Er zögerte noch kurz, obwohl er die Antwort längst kannte. Es war wie
nachts, wenn er aufwachte und nur einmal im Ansatz überlegte, ob er denn
müsse oder nicht - und er musste dann gehen, ob er musste oder nicht, sonst
konnte er nicht mehr einschlafen, weil er sich unentwegt genau über diesen
Punkt Gedanken machte. So erging es ihm auch in diesem Moment.
„Noch vier Minuten - das genügt", erteilte er sich selbst die Erlaubnis, erhob
sich leicht aufstöhnend und ging zu der Tür mit dem aufgemalten schwarzen
Männchen.
In seinem Bauch grummelte es schon wieder - diesmal noch intensiver und
ein erstes Stechen setzte ein. So schnell er konnte, drückte er in der Toilette die
erste erreichbare Türklinke: Versperrt, das rote Zeichen bestätigte es eindeutig.
Auch die nächsten Türen waren von innen verriegelt. Scheinbar erging es anderen
genau so wie ihm - das war immerhin einigermaßen tröstlich, wenn es
nur zeitlich nicht so knapp wäre.
Endlich öffnete sich nach einem lauten Rauschen der Spülung eine Tür und
ein jüngerer Mann trat heraus. Er ging, seinen Hosenschlitz noch schließend,
an ihm vorbei und verließ die Toilette, ohne sich die Hände zu waschen.
„Dreckschwein", schickte Harald dem Mann brummelnd hinterher und verschloss
die Tür einer streng riechenden, kleinen Kabine. So schnell er konnte,
riss er sich seine Hosen herunter und plumpste förmlich auf die Brille. Neben
ihm rauschten immer mehr Spülungen und Türen klappten. Bei ihm rauschte
es nach einem kurzen, heftigen Schmerz im Bauch ebenfalls mächtig, hinein in
das Toilettenbecken.
„Die Passagiere für den Flug ..."
Wieder verspürte er heftige Krämpfe im Bauch.
..". an Bord gehen."
Das galt auch ihm, das war ihm klar. Aber er konnte in diesem Augenblick
nicht, beim besten Willen nicht. Ihm war hundeelend und er hatte das Gefühl,
kreidebleich zu sein und Schweiß auf der Stirn zu haben. Nachdem er sich
wiederum ein wenig erleichtert hatte, ging es ihm deutlich besser.
„Letzter Aufruf für die Passagiere des Fluges ..."
„Oh Gott, wie soll ich das schaffen. Meine Knie sind wie Butter. Verdammt,
verdammt, verdammt", winselte er, so stark waren seine Bauchschmerzen
schon wieder.
Es war 09:30 Uhr und damit die letzte Möglichkeit, den Ausgang zum Shuttlebus
für das bereitstehende Flugzeug zu passieren. In wenigen Minuten wäre
die Tür unweigerlich wieder verschlossen.
Er lehnte sich so weit wie möglich nach vorne, um so den Druck in seinem
Bauch abzubauen. In den vergangenen Monaten hatte er schon mehrere derartige,
schmerzhafte Sitzungen gehabt und herausgefunden, dass in dieser Sitzhaltung
die Stiche am schnellstens vorüber gingen.
Nach mehreren Minuten, er hätte nicht sagen können, wie viele es waren,
ließen die Schmerzen endlich nach. Er wartete noch eine Weile und beendete
dann die Sitzung. Es ging ihm nun doch erheblich besser.
Mit wackeligen Knien verließ er die Kabine und wusch sich gründlich Hände
und Gesicht. Als er sich im Siegel so betrachtete, muskulös gebaut, schlank
und gut 1,85 Meter lang, gefiel ihm dieser Teil seines Äußeren wirklich gut.
Musste er für sich selbst zu seinem Gesicht Stellung nehmen, dann fand er es
nicht allzu attraktiv ] es war so gar nicht sein Geschmack, obwohl er sich inzwischen
bereits leidlich daran gewöhnt hatte: Oval, bartlos, mittelblondes,
nicht allzu kurz geschnittenes Haar, grünbraune Augen und eine leichte Hakennase.
Höchstens der ansatzweise wulstige Mund entsprach noch seinen
positiven Wertvorstellungen. Bei Frauen fand er so etwas sinnlich. Und sein
Gesicht war jetzt auch noch bleich wie das eines Toten, die Augen dunkel unterlaufen.
Leicht schwankend verließ er die Toilette und begab sich zu seinem Abflugausgang.
Wie er schon erwartet hatte, war die Tür verschlossen. Dass jedoch
kein Mensch mehr im Raum war, damit hatte er nicht gerechnet.
Enttäuscht legte er seine Aktentasche auf das Stehpult am Ausgang und versuchte
die Tür zu öffnen. Es ging natürlich nicht. Verdammte Sicherheitsvorschriften.
Er sah, wie das Flugzeug, in dem er jetzt unbedingt sitzen sollte, sitzen
musste, rückwärts aus dem Parkhafen rollte. Da nun ohnehin bereits alles
verdorben war, blieb er an der Tür stehen, die Stirn an das kühlende Glas gepresst
und beobachtete sehnsüchtig sein Flugzeug, welches etwas entfernt auf
einer der billigeren Parkflächen stand und von dem sich zwei Shuttlebusse
und sämtliche Versorgungsfahrzeuge wie auf Kommando entfernten. Die Maschine
drehte sich soeben fast im Stehen und begann dann langsam entlang
der Startbahn zur Startposition zu rollen. Erstaunt bemerkte er, dass sie dort
nicht einmal anhielt, sondern sofort auf die Startbahn Richtung West einbog.
Und schon beschleunigte sie irrwitzig in den entgegenkommenden Wind hinein.
Er fand es schon überzeugend, wie perfekt auch die Zeitlogistik der Billigcarrier
funktionierte. Maximal zwanzig Minuten durfte sich eine Maschine inklusive
Landung und Start auf einem Flughafen aufhalten. Das minimiere die
Kosten erheblich, argumentierten die Billigcarrier.
Er sah den heißen Ausstoß der beiden Triebwerke von hinten und es faszinierte
ihn immer wieder, wenn er ein derartig schweres Flugzeug abheben
sah. Es bedeutete für ihn Freiheit, Unabhängigkeit. Gleichmäßig, scheinbar
schwerelos, stieg die Maschine und würde jede Sekunde aus seinem Blickfeld
entschwinden - und mit ihm die letzte Hoffung für seine Firma.
09:49 Uhr
Er wollte sich schon abwenden, als an der Stelle, an der sich das Flugzeug in
der Luft befand, ein zuerst gelber, dann feuerroter Ball entstand. Lautlos und
sich immerzu vergrößernd. Danach bildeten sich mehrere dunkle Rauchwolken
in der Luft und brennende Teile flogen wie sprühende Funken umher, um
irgendwo auf der Erde aufzuschlagen. Und jetzt erst kam ein dumpfer Knall
bei ihm an, der die Scheibe, an der er immer noch lehnte, erbeben ließ. Dieser
Vorgang hämmerte in sein Gehirn die Gewissheit ein, dass er soeben einen
Flugzeugabsturz mit seinen eigenen Augen gesehen hatte.
Auszug .... die heimliche Ankunft zu Hause ...
Eine Stunde später hatte er den U]Bahnhof Rudow erreicht. Nach erheblichen
Schwierigkeiten die richtige Fahrkarte am Automaten zu ziehen, konnte er
endlich einen Zug besteigen. Es war für ihn unfassbar, welche Massen aus der
Gegenrichtung kamen und immer wieder hörte er, wie über den
Flugzeugabsturz gesprochen wurde. Als er im Zug stand, eingequetscht
zwischen Menschen und Gerüchen aller Nationen, hörte er zum ersten Mal,
dass die Explosion des Flugzeugs ein Terrorakt gewesen sein soll. Immer mehr
dämmerte ihm, wie knapp er dem Tod entronnen war. Seine Absicht, aus
seinem angeblichen Tod Profit zu schlagen, kam ihm nun etwas töricht vor.
Was wollte er eigentlich wirklich? Was er vorhatte, konnte doch überhaupt
nicht funktionieren.
Es würde vernünftig sein, erst einmal nach Hause zu fahren und mit seiner
Frau zu sprechen, selbst auf die Gefahr hin, dass sie ihn wieder einmal auslachte,
wie so oft, zu oft, in den letzten Monaten.
Ja, es war vernünftig und er freute sich auf seine Sylvie wie schon seit langem
nicht mehr.
Das Leben war herrlich.
Seine Wohnung lag in einem der interessantesten Häuser Berlins. Der Gebäudekomplex
war vor mehr als dreißig Jahren über der Stadtautobahn errichtet
worden. Den Tunnel, den dieses Haus für die Autobahn bildete, nannte
man den Schlangenbadertunnel und er war ungefähr 550 Meter lang. Die Stille,
man hörte im Haus kaum den in Berlin so lästigen Straßenlärm, war für ihn
der Hauptgrund gewesen, eine der geräumigen Wohnungen zu mieten. Dass
sie zudem noch über zwei Etagen ging und eine große Terrasse besaß, bildete
für ihn das „I]Tüpfelchen", welches letztendlich auch seine Frau, Sylvie, überzeugt
hatte.
Sylvie. Er musste immer wieder an sie denken.
Die ersten Jahre ihrer Beziehung waren so perfekt gewesen. Sie hatte ihm die
Kraft gegeben, gemeinsam mit seinem besten Freund William ein Logistikunternehmen
aufzubauen. Mit dem Erfolg schien auch ihre Liebe zueinender zu
wachsen. Das einzige, was ihnen in den vergangenen zehn Jahren nicht vergönnt
gewesen war, waren Kinder. Er wusste, dass das eigentlich der Herzenswunsch
Sylvies war, aber es hatte eben nie geklappt.
Seit über einem Jahr lief es nun in der Firma nicht mehr so gut. Die Verbindlichkeiten
und Bankschulden stiegen unentwegt an, obwohl sich das Geschäft
nicht nennenswert verschlechtert hatte, sah man mal von den Hürden ab, welche
die Regierung in ihrer nationalen Unfähigkeit unentwegt aufbaute. Und
irgendwann während dieser Zeit, zuerst unmerklich, dann deutlicher, wurde
seine Beziehung zu Sylvie stetig unharmonischer, kälter. Sie verweigerte sich
immer öfter und eines Tages konnte oder wollte er selbst nicht mehr. Wann
dann das erste Mal das so verletzende Wort „Schlappschwanz" gefallen war,
wusste er nicht mehr.
Die Belastung in der Firma wurde für ihn immer größer. Für seinen Freund
schien sie allerdings überhaupt nicht zu wachsen, er war vergnügt und locker
wie eh und je. Er verstand das nicht, hatte dieser doch die operative Hauptverantwortung
zu tragen, während er selbst nur für die Betreuung von Kunden
und das Erarbeiten neuer Geschäftsfelder zuständig war.
Harald verließ am Breitenbachplatz den Zug und stieg langsam die Stufen
nach oben, während er angestrengt nachdachte: Wenn er und Sylvie sich nach
einem versöhnenden Gespräch dazu entschließen sollten, die enorme Versicherungssumme
für seinen Tod zu kassieren, dann durfte er auf keinen Fall
gesehen oder gar erkannt werden. Er musste ganz unauffällig in die Wohnung
gelangen, alles Weitere würde sich dann schon finden. Dorthin würde Sylvie
auch William bestellen können. Dann würden sie alles in Ruhe besprechen, die
Firma sanieren und mit dem Erfolg würde auch seine Beziehung wieder in
Ordnung kommen.
Sollte er jetzt mal schnell Sylvie mit seinem Handy anrufen und sein heimliches
Kommen ankündigen?
Er hatte schon das kleine Gerät in der Hand, als er zurückzuckte: Wenn er
mit diesem Gerät nach dem Flugzeugabsturz telefonierte, es auch nur anschaltete,
dann würde im ungünstigen Fall nachgewiesen werden können, dass er
nicht mit verunglückt war. Die Einwahlknoten waren nachvollziehbar. Alles
würde auffliegen. Außerdem war Sylvie zu dieser Zeit, es war bereits kurz vor
14:00 Uhr, bestimmt noch mit ihrem Lieblingshobby beschäftigt: Dem Extremshopping.
Also würde er unauffällig in die Wohnung schleichen und auf sie warten.
Seine Schritte wurden schneller, jetzt war er sich sicher, wie alles ablaufen
würde.
Als er die mit Graffiti beschmierten Wände des U]Bahnausganges sah, begann
er zu leise zu schimpfen:
„Diese elenden Schmierer. Denen sollte man die Finger brechen. Keine Achtung
vor anderer Leute Eigentum. Kein Respekt vor unseren Gesetzen."
Erst sichtlich verwunderte Blicke anderer Passanten ließen ihn wieder verstummen.
Nur äußerlich ruhig verließ er den Ausgang und ging zügig die
Schlangenbader Straße hinunter, bis er vor seinem Wohngebäudekomplex
stand.
Es gab mehrere Eingänge und er wusste, dass der Weg über eine der Tiefgaragen
der Weg war, der die größte Wahrscheinlichkeit bot, ungesehen in die
vierte Etage zu gelangen.
Er begab sich durch eine Seitentür in die Garage, in der sonst auch sein Auto
stand. Normalerweise nahm er immer den Fahrstuhl, denn er war viel zu faul,
Treppen zu steigen. Jetzt jedoch, entschied er sich für diesen mühevollen Weg,
weil er zu wissen glaubte, dass auch die anderen Bewohner des Hauses aus
den gleichen Gründen den Fahrstuhl bevorzugten. Leicht schnaubend kam er
in der vierten Etage an, lugte vorsichtig durch den Türspalt in den lang gezogenen
Flur und huschte wie auf Zehenspitzen bis zu seiner Wohnungstür. Den
Schlüssel hatte er bereits im Treppenhaus in die Hand genommen, sogar den
einzelnen Wohnungsschlüssel von seinem Schlüsselbund, an dem auch die
Firmenschlüssel hingen, abgetrennt, um ein Klimpern zu verhindern. Nahezu
geräuschlos schloss er die Tür auf, schob sie schnell auf und stand schon im
Flur Im Hintergrund lärmten zwei Weißhaubenkakadus in einer Voliere. Er
hasste diese Vögel, aber seine Sylvie wollte sie vor einem Jahr plötzlich unbedingt
haben. Sie sahen so schick aus, meinte sie, - der Dreck, den sie machten,
sah dagegen weniger schick aus. Und dann ärgerte er sich, weil das Licht im
Flur brannte, obwohl sie nicht zu Hause sein konnte.
„Mein Gott, wann lernt sie das denn endlich, dass sie das Licht ausschalten
soll, wenn sie weggeht. Wir sind doch ..."
Während er diese Worte in sich hineinbrummte, schloss er leise die Tür und
stutzte: Sylvies Schuhe lagen wie hingeworfen mitten im Weg.
Er wollte schon laut ihren Namen rufen, als er ein weiteres Paar Schuhe erblickte
- braune Männerslipper mit schiefem Absatz. Schuhgröße mindestens
Äppelkahn: 54.
Sylvies Name blieb ihm im Hals stecken. Diese Schuhe glaubte er zu kennen
- diese Schuhe kannte er. Sie mussten seinem Freund und Partner William gehören.
„Wollte er etwa mich besuchen?", fragte er sich, um diese Frage sogleich
kopfschüttelnd zu verneinen. William wusste, dass er jetzt in London sein
musste, hatte er ihm doch selbst den Termin arrangiert.
Er kam nicht mehr zu weiteren Überlegungen, denn aus der oberen Etage,
wo das Schlafzimmer lag, übertönten derart heftige Stöhngeräusche den Lärm
der Vögel, dass ihm sofort klar wurde, was los war. In Sekundenschnelle liefen
unzählige Gedanken in seinem Hirn ab, während er wie festgefroren still auf
einem Fleck stehen blieb.
Sollte er nach oben gehen und die Beiden zur Rede stellen, anschreien? Leise
wieder verschwinden und so tun, als wüsste er nichts und später noch einmal
wiederkommen - wiederkommen in seine eigene Wohnung? Oder in die Küche
gehen, ein Messer nehmen und die Beiden erstechen? Sollte er seiner aufgärenden
Wut freien Lauf lassen und die Wohnungseinrichtung zertrümmern?
Das Stöhnen wurde immer lauter und artete in spitze, kurze Schreie aus. So
hatte sich Sylvie bei ihm nie gegeben. Als er nun auch noch Williams Bass in
die Ekstase mit einfiel, glaubte er, sich übergeben zu müssen. Ein unbändiger
Hass keimte in ihm auf und nur seine momentane Ratlosigkeit verhinderte,
dass er nicht nach oben stürmte und durchdrehte.
Abrupt wurde es über ihm still und auch die Kakadus hatten zu toben aufgehört.
Diese Ruhe tat ihm gut und er begann wieder kühler nachzudenken.
Viele Ereignisse und Termine der vergangenen Monate gingen ihm durch den
Kopf. Wie oft war er von William schon weggeschickt worden? William hatte
ihm fast immer die zu besuchenden, potentiellen Kundentermine vorgegeben
und sein Erfolg dort war fast immer nahe Null gewesen. Diese Misserfolgsquote
des letzten Jahres konnte er nun ganz anders interpretieren. Er hatte
immer gedacht, dass der Wettbewerb härter wurde, die Dienstleistungspalette
seines Unternehmens nicht mehr marktadäquat war und seine Fähigkeit, neue
Kunden zu gewinnen immer schlechter wurde. Falsch gedacht: William hatte
ihm Kundentermine gegeben, egal ob sie tauglich waren oder nicht - die
Hauptsache war, er war unterwegs und William hatte freies Spiel.
Es kochte schon wieder in ihm hoch. Sollte er Evelyn, Williams Frau, von diesem
hinterhältigen Spiel erzählen? Wäre das eine taugliche Rache? Er schüttelte
nur seinen Kopf bei diesem Gedanken, denn er wusste, er würde damit nur
diese zierliche, freundliche Frau verletzen. Er traute jetzt William in diesem
Zusammenhang zu, dass er sie mit ihren zwei kleinen Kindern einfach sitzen
ließ. Er traute William jetzt alles zu ... hatte er den Flugzeugabsturz...?
..". hol uns doch mal ein Glas Sekt, Willichen", hörte er Sylvie flöten und
gleich darauf ein kurzes, gicksendes Lachen.
„Mach ich, mein Schatz", antwortete Williams Bass und anschließend vibrierte
unter dem Gewicht Williams die Decke über Harald.
Er konnte sich gerade noch in die kleine Gästetoilette am Eingang zurückziehen,
als er auch schon Williams massigen Schatten die Wendeltreppe herunter
stampfen sah. Ein leises Klirren in der Küche, gefolgt von einem dumpfen
Knall und schon wurde die Wendeltreppe wieder von Williams Körper erschüttert.
Die Vögel schien der Besuch seines Partners gar nicht zu irritieren,
sie blieben erstaunlich leise.
„Hier Spatz!", hörte er William oben rufen.
Harald trat wieder leise aus der Toilette heraus und wollte schon die Wohnung
heimlich verlassen, als er Sylvie fragen hörte:
„Was passiert eigentlich, wenn Harald heute keinen Erfolg in London hat?"
„Dann geht die Firma innerhalb eines Monats den Bach runter."
„Lässt dich das wirklich so kalt, Willi?"
„Naja, nicht unbedingt kalt. Schade ist´s schon, aber wenn´s aus ist, dann
ist´s eben aus. Uns kann nur noch ein potenter Investor helfen."
„Aber dann bist du doch auch Pleite?"
„Glaubst du das wirklich, mein kleiner Rauschegoldengel? Du weißt doch,
dass ich schon seit über einem Jahr für uns Einiges abzweige. Wenn hier alles
platzt, dann rauschen wir beide ab in die Karibik und bauen uns dort was
Neues auf. Das haben wir inzwischen doch schon so oft besprochen."
„Und du glaubst wirklich, dass man dich nach einer solchen Pleite in Ruhe
lässt? Du bist doch auch Geschäftsführer?"
„Leicht wird´s nicht, aber wenn´s so richtig dicke kommt, sind wir längst
verschwunden. Harald kann sich dann um die Abwicklung kümmern und von
mir aus auch um meine Alte und deren Bälger. Aber lass uns jetzt von etwas
anderem reden, das haben wir doch schon so oft durchgekaut."
„Ich hab trotzdem Angst, dass etwas schief gehen könnte. Verstehst du das
denn nicht?"
„Doch, versteh ich, aber es spielt jetzt ohnehin keine Rolle mehr. Wollen wir
heute Abend eine Kleinigkeit ins Messalina Essen gehen? Oder willst du
lieb..."
Mehr hörte Harald nicht mehr, da die Kakadus erneut zu kreischen begannen.
Leise öffnete er die Eingangstür und verließ die Wohnung. Mit zitternden
Fingern schloss er die Tür wieder ab und schlich zur Treppe. Das was er soeben
gehört hatte, hätte er nicht in seinem übelsten Albtraum träumen können.
Allerdings erklärte sich nun seine inzwischen so desolate Beziehung von
selbst.
Was sollte er jetzt tun? ....
|