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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Tiefgefroren, Beate Bößl
Beate Bößl

Tiefgefroren


Ein Wirtschaftskrimi

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Kapitel 1




Als man Eduard Kemp fand, hatte der Aktenvernichter sogar seine Nase in Mitleidenschaft gezogen. Angelika Olm, Chefsekretärin und an normalen Tagen eine Fachfrau für Etikette und DIN-Normen, hatte sich in den Papierkorb übergeben und schluchzte so dramatisch wie zuletzt vor acht Tagen, als die glutäugige Frau Müller aus der Buchhaltung das gleiche violette Kostüm trug wie sie selbst. Das Team der Spurensicherung hatte andere Probleme. Es suchte nach einer Stelle, an der es die Krawatte durchtrennen konnte, die den Kopf der Firma Kuhne & Söhne so nah an die Schnittstellen seines Hauses gebracht hatte, wie er es sich zu Lebzeiten nie hätte vorstellen können. Eduard Kemp war ein Mann, der Distanz wahrte. Nun aber hing sein Körper in unschöner Verwinkelung – und aufs Engste mit diesem verbunden – über seinem Hochleistungsschredder „Super S 343“, der bis zu 30 Seiten Akten und andere Papiere gleichzeitig in möhrenfeine Streifen zerschneiden kann. „Na, das Gerät hatte aber Appetit!“, murmelte Kai Ender zu sich selbst. Er war im vergangenen Monat 40 Jahre alt geworden und äußerlich ein Typ, auf den die Attribute jung, dynamisch, erfolgreich zutreffen könnten, wobei es mit diesem Dreiklang im mittleren Polizeidienst natürlich immer so eine Sache ist. Jedenfalls trug er keinen Schnurrbart. An diesem Tatort des gehobenen Mittelstandes fügte sich Ender unaufdringlich in das Ambiente aus Buchenholzschrankwänden, Grünpflanzen und Glasaccessoires ein, seine Cordhose harmonierte mit dem Fußboden und, ja, er hatte sogar Ähnlichkeit mit dem Mitarbeiter, der ihm am Eingang schwülstig-nasal den Weg in die Chefetage gewiesen hatte: „Die Treppe hinauf, Flur rechte Seite. Die Kollegen warten schon. Also, Ihre!“ Obwohl seit vielen Jahren im Dienst, war Kai Ender vom Anblick dieses Opfers schockiert. Dort, wo eigentlich eine Nase sitzt, war hier eine blutige Masse zu sehen. Die benachbarten Gesichtspartien waren ebenso in Mitleidenschaft gezogen worden. Lediglich wenn Kai Ender die Augen ein wenig zusammenkniff und blinzelte, sammelte sich die undefinierbare dunkelrote Stelle des mittlerweile auf den Boden gelegten Mannes zu einer Art Clownsnase. Nicht, dass er dem Ganzen dadurch hätte etwas Fröhlicheres abgewinnen können, aber es verzerrte in diesem Moment auf angenehme Weise die Wirklichkeit. Seine erste ermittlungstechnische Schlussfolgerung zu diesem Zeitpunkt war folgende: Der etwa 60-jährige Mann vor ihm, Chef einer Tiefkühlfirma für Lebensmittel, deren Produkte Kai Ender schon seit Kindertagen kannte, musste sich von seinem Bürostuhl aus gebückt haben und dabei mit dem Krawattenzipfel in den „Super S 343“ geraten sein, der den edlen Seidenbinder in eine unbeirrbare Würgeschlange verwandelt hatte. Bis Eduard Kemp Zentimeter für Zentimeter die Luft zum Atmen entzogen worden war, sollten ihm trotzdem fünf, vielleicht sogar zehn Sekunden verblieben sein, um das nahende Unheil zu stoppen. Gewiss kein Ding der Unmöglichkeit – doch war es Eduard Kemp ganz offensichtlich weder gelungen, den Aus-Knopf zu betätigen noch den Stecker zu ziehen. Dies war ungewöhnlich und hatte ein Großaufgebot der Polizei auf den Plan gerufen. In seinem Kopf formulierte Kai Ender einen Text für die Traueranzeige. Es war eine dieser zwanghaften Angewohnheiten, die ihn schon seit der Polizeischule verfolgten. Auf seinen Skizzenblock kritzelte er die Zeile: „Er war eine Führungskraft vom alten Schlag und auch mit den Banalitäten des Alltags nicht per Du.“ Anschließend schaute er sich noch einmal genau um, ging dafür erneut auf den Flur zurück und dann durch das Vorzimmer der Sekretärin wieder in das Büro von Eduard Kemp. Er wollte alles noch einmal unvoreingenommen betrachten. Ihm fiel auf, dass dieses Büro im Grunde gar nicht nach Arbeit aussah, sondern eher wie ein Herrenzimmer, in dem sich ausländische Gäste in Goldene Bücher eintrugen und Gespräche geführt wurden, bei denen es darum ging, einen appetitlichen Eindruck zu machen. Alles hier war überaus schick und repräsentativ – und über die Maßen aufgeräumt. Die einzelnen Gegenstände im Raum schienen wie für eine Ausstellung platziert. Der tödliche Papierschredder, Computer und Drucker wirkten viel zu modern für diesen Ort. Passender war der übergroße, in Leder gefasste Taschenrechner. Auf der massiven Schreibtischplatte aus dunklem Holz stand eine ebenso massive Glaskugel, die Kai Ender an Wahrsagerinnen erinnerte. Es lagen dort außerdem, fein säuberlich aufgereiht, einige Stapel Papiere, eine Aktenmappe und in der Mitte eine Schreibtischunterlage mit Messingbeschlägen an den vier Ecken, zu der es einen passenden Zettelkasten, eine wellenförmige Ablage für einen Brieföffner sowie einen kuriosen Ständer für Schreibgeräte gab, aus dem etliche dicke Stifte wie Mikadostäbe herausragten. Kai Ender erinnerte das an seinen orangefarbenen Stifte-Igel, den er als Kind beim Weltspartag geschenkt bekommen hatte. Zwischen die Stacheln hatte er lange Jahre seine auswaschbaren Filzmaler einsortiert. Auf den Gedanken, dass erwachsene Menschen auch nur Ähnliches, geschweige denn eine Luxusausgabe davon besitzen könnten, war er nie gekommen. Er notierte sich Stifte-Igel deluxe. Weniger der ermittlerischen Relevanz wegen, denn als Merker, um bei Gelegenheit einmal im Fachhandel danach zu schauen. Nicht zu übersehen war auf Eduard Kemps Schreibtisch außerdem ein glänzendes Plastiktütchen mit zwei Trüffelpralinés darin – eines mit weißer Lasur, eines in Zartbitter –, die er mit der Notiz zwei Pralinés gemischt inventarisierte. Auffällig, soweit man dies so nennen konnte, war, dass der Teppichboden in diesem Zimmer ein ganz anderer war als der auf dem Flur und im Vorzimmer. Dieser hier war nahezu so flauschig, dass man meinen konnte, es handele sich um die aufwändig-üppige Knüpfarbeit einer pensionierten Handarbeitslehrerin, die genug von den ewig gleichen Kissenformaten hatte und sich hier endlich hatte austoben können. An den Wänden schaute Kai Ender kurz auf die Rahmen mit diversen Urkunden und Prämierungen wie „Top-Froster 1999“ oder „1. Platz Eisbombe (national)“. Als er Eduard Kemps Mahagonischrankwand auf der gegenüberliegenden Seite des Fensters aufklappte, sah er links eine Reihe Ordner und rechts eine gut ausgestattete Schrankbar mit diversen Gläsern, edlen Alkoholika und einem kleinen Eisfach. Denver, Dallas, Dekadenz schrieb Kai Ender ein wenig frustriert auf, denn im Grunde ließ nichts von dem, was hier zu sehen war, auf Unerwartetes schließen. Der Polizeikommissar war längst neidisch geworden und dachte an das bräunliche, abgetretene Laminat in seinem Büro und an die Pappschachtel mit Jägermeister, die es am Kiosk vis-à-vis der Polizeikantine gab. So trostlos stand sie da, als hätte Tante Emma persönlich sie vergessen. Wenn für Kai Ender einmal etwas wirklich gut oder wirklich schlecht gelaufen war, dann kaufte er sich ein, zwei Fläschchen davon beim Ehepaar Denker, das den Kiosk gepachtet hatte und dem keine Vorliebe, kein Kauf ihrer Kundschaft, die sich zu 80 Prozent aus den Polizeikollegen und der benachbarten Staatsanwaltschaft rekrutierte, gleichgültig zu sein schien. Die Denkers wussten, wer belegte Brote mit und wer ohne Remoulade aß, wer sich freute, wenn sie ihm eine Lakritzschnecke schenkten. Damit kein Getuschel aufkam, sagte Kai Ender jedes Mal, wenn er sich Jägermeister kaufte: „Frau Denker, ich habe einfach zu fettig gegessen!“ Meist wurde er danach drei, mindestens aber zwei Tage mit einem fröhlichen „Was macht denn Ihr Magen, Herr Ender? Alles wieder gut?“, begrüßt. Kai Ender hatte das Ehepaar Denker ins Herz geschlossen. Umgekehrt schenkten sie ihm fast immer etwas Süßes. Wenn sie besonders witzig sein wollten, war es ein Augapfel aus Weingummi. „Ich habe hier einen neuen Fall für Sie!“, sagte Herr Denker dann, und hatte auch beim x-ten Mal noch diebischen Spaß daran. Kai Ender fand die Augen mit ihrer weißen Schaumzuckerpupille gruselig. Weil er es aber nicht übers Herz brachte, etwas zu sagen, bedankte er sich stets bei Herrn Denker – und legte das wabbelige Teil im Büro in eine kleine Dose, in der die verschmähten Exemplare zwischen Radiergummis und Büroklammern finster und klebrig drein blickten. Kurzum: Im schicken Büro von Eduard Kemp hätte er sich nur zu gern einen Schluck aus der Schrankwand genehmigt. Whiskey. Oder Wodka. Doch dafür war er nicht hier. Er war hier, um herauszufinden, wie Eduard Kemp in den Hochleistungsschredder geraten war, doch bislang hatte er den Eindruck, er könne sich als Analyseergebnis Nichts und wieder nichts! auf seinen Notizzettel schreiben. Ein Möbelstück hatte er bis dahin allerdings ausgelassen. Es war der gläserne Eisschrank rechts in der Ecke hinter dem Schreibtisch. Es war ein Modell wie aus einer Zeitschrift für edles, amerikanisches Innendesign, hatte eine komplette Glasfront und gab einen angenehmen, fast unhörbaren Summton von sich. Durch die Glastür schaute Kai Ender auf verschiedene Tiefkühlkartons und -tüten, offenbar eine Auswahl der Produkte, die Eduard Kemps Arbeitsleben bestimmt und ihm zu beachtlichem Reichtum und Ansehen verholfen hatten. Kai Ender klappte den Eisschrank kurz auf, dessen Glasscheibe beschlug und der ihm einen eisigen Lufthauch entgegenstieß. Er nahm einige Pakete Eiscreme und einen Beutel „Vegetarische Bohnensuppe mit Sojawurst“ sowie zwei Beutel „Grünkohl, grob geschnitten“ heraus. Mehr grundlos als überlegt. Dabei fiel ihm plötzlich ein Zettel im untersten Fach auf. Auf dem Zettel standen, schwer zu entziffern, in Handschrift die Namen „Menke!“ und „Struwe!“. Kai Ender wunderte sich, schrieb dann „WICHTIG! Zettel in Jacke, nicht vergessen!“ auf seinen Block, steckte den Zettel ein und legte die Tiefkühlkost zurück. Als er schon fast aus dem Büro des Toten herausgetreten war, knackte etwas unter seinem Schuh. Kai Ender schaute herunter und schob mit der Schuhspitze einen winzigen USB-Stick aus den Flauschfransen, in denen sich kleine Gegenstände, so wusste er nun, offensichtlich sehr schnell festtreten konnten. Es war derselbe Moment, in dem sich vom Flur aus ein leichter Tumult ausbreitete. „Stopp!“ und „Sie dürfen nicht da rein!“, riefen die Polizeikollegen. Ohne lange zu überlegen, bückte sich Kai Ender. Just als er sich wieder aufrichtete, sah er in das Gesicht eines äußerst schneidigen Mannes um die 45, der versuchte, durch das Vorzimmer in Kemps Zimmer zu gelangen. Kai Ender steckte den Stick in die Hosentasche und stellte sich dem Mann in den Weg. „Ich heiße Dr. Uwe Struwe“, sagte dieser entschlossen, „ich leite hier im Haus die Finanzabteilung und mache Sie darauf aufmerksam, dass wir Tage der offenen Tür bei uns nicht dulden!“ Kai Ender musste kurz überlegen, fast lachen. „Na, so ein Zufall“, sagte er, „soeben habe ich sie aus dem Gefrierschrank befreit“ und wedelte mit dem Zettel aus dem Eisschrank. Kai Ender hatte den Eindruck, als ob der Herr Doktor für einen winzigen Moment zusammengezuckt wäre. Herr Dr. Struwe legte nach: „Ich weiß nicht, was Sie meinen, aber ich weiß, unser halbes Haus ist auf den Beinen. Und wer sagt eigentlich, dass alle Menschen mit weißen Schutzanzügen, die hier herumlaufen, wirklich von der Polizei sind! – Kennen Sie zum Beispiel den hier?“, sagte Dr. Struwe forsch und zupfte jemandem von der Spurensicherung ruppig am Ärmel. „Oder diesen hier?“, wobei er unwirsch in das Gesicht einer Polizeikollegin guckte, die unter ihrer weißen Kapuze tatsächlich eher wie ein Mann aussah. „Ich bin dafür verantwortlich, dass in unserem Hause keine Unterlagen abhanden kommen, und ich fordere Sie auf, sofort für Ordnung zu sorgen!“ Pause. „Oder ich rufe die Polizei!“ Über den letzten Satz, das war zu merken, war er selbst etwas verdattert. Kai Ender bat jemanden, die Personalien von Dr. Struwe aufzunehmen und einen Kollegen abzustellen, damit der Flur fortan weder von Tiefkühl-Kuhne-Söhnen noch von Tiefkühl-Kuhne-Töchtern betreten werden würde. Kein einziger Mitarbeiter solle den Gang betreten, bis die Ermittlung abgeschlossen sei. Kai Ender sagte zum Finanzleiter, er möge sich zu einem Gespräch bereithalten, er würde auf ihn zukommen – „Auf Wiedersehen!“ Dann ging Kai Ender hinaus, vorbei an zwei Leuten aus seinem Team und Kräften von der Spurensicherung, die er wirklich noch nie gesehen hatte. Am Ende des Ganges, nahe dem Treppenhaus, stand ein Pulk von Kemp-Mitarbeitern vor einem Absperrband, von denen sich die Hälfte die Hand vor den Mund hielt. Ein Teil vor Schreck. Der andere vermutlich, weil immer noch ein unschöner, säuerlicher Geruch in der Luft lag. Frau Olm aus dem Vorzimmer des Hausherrn saß, heute in ein grellrotes Kostüm gekleidet, derweil auf einem Stuhl. Vor ihr kniete eine junge Frau, die ihr ein Glas Wasser reichte. „Solch ein Kleid zu diesem Anlass ist eine Zumutung“, dachte Kai Ender und sah herüber zur Sekretärin. Er reimte rosenrot auf mausetot, während er das Gebäude verließ.


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