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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Tango und Theater, Horst Hensel
Horst Hensel

Tango und Theater


Kriminalroman

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Jetzt in eine Lücke hinein ein paso básico cruzado, nach zwei weiteren Schritten vor dem Hindernis eines anderen Paares eine Kleine Linksdrehung, so eng, als bewegten sie sich wie angebunden um eine Stange herum; sie griff fester in seine Schulter; er verharrte einen Atemzug lang, drängte sie dann in einer Reihe Rückwärtsochos die Tanzgasse zurück: „Viva! Viva! Viva! / Loca ella y loco yo … / Locos! Locos! Locos! / Loca ella y loco yo!“ Sie standen. Auf seinem Hals die Stöße ihres Atems. Warum war sie hierher gekommen? Zögernd lösten sie sich voneinander, vermieden es, einander in die Augen zu sehen. Von der Straße her Stimmen. Mit Blicken irgendwohin schoben sie sich zurück zur Theke, standen schweigend nebeneinander; er roch ihr Parfüm, ihre Haut, wurde von einer fast unbezähmbaren Begierde ergriffen, ließ seinen rechten Arm von der Theke hinabsinken, legte sie auf ihre rechte Hüfte, ließ sie über die erste Rundung ihres Pos, die Kerbe, die zweite Rundung gleiten, hob sie langsam wieder hoch, sah sein Gesicht im Spiegel hinter der Theke, das erhitzte Gesicht Connys, die ihn betrachtete, schrak auf: Was?!


Von der Straße herauf laute Stimmen. Vor ihm das Fensterviereck. Conny? Dieser Tango damals mit ihr? Am Wahlsonntag im Guevara? Was einem so alles durch ´n Kopp geht beim Dösen! Und sollte die Fenster mal wieder putzen. Ssss! Das Loch im Backenzahn! Er tastete mit der Zungenspitze hinein, griff nach dem Glas, nippte vom Caney, warf einen Blick auf die tanzenden Indianer auf dem Etikett der Flasche. Ein Rundtanz, kein tango argentino. Die Romeo y Julieta war erloschen. Im Raum noch ihr schwerer süßer Duft. Kein Wunder bei der schwülen Hitze. Ein zweiter Blick zum Fenster: Jenseits der staubigen Fensterscheiben graublau der Abendhimmel. 20 Uhr 30. Er gähnte. Gewitterstimmung? Und rutschte tiefer in den Sessel.


Conny klopfte von außen ans Fenster, stieg durch die Scheibe, drehte am Fenstergriff die Musik leise, die letzten Takte von Maria de Buenos Aires, zog dann langsam ihr Tanzkleid hoch und ging vorsichtig in die Hocke, setze sich auf das Fensterbrett und machte lange Beine auf den Boden hinunter. „Den Vorhang lassen wir mal oben“, sagte sie, „ist besser für die Aufführung jetzt.“ Sie stöckelte zu ihm, den Saum des Kleides in Händen, stellte ihren rechten Fuß auf die Lehne des Sessels: „Beiß mir mal vorsichtig in den Oberschenkel, hier innen, damit ich eine Erinnerung habe.“


Von der Straße herauf Musik, Gesang, vereinzelt Gelächter. Er rieb sich die Augen: Erinnerung … keine schlechte Idee, viel mehr haben wir ja wirklich nicht voneinander, meine liebe Evita: rufst an und kommst vorbei, wie dir gerade zumute ist: ´Da bin ich mal wieder, Keller!´ - und immer mit Blick auf die Uhr. Ist aber wohl anders nicht zu machen.


Er stemmte sich hoch, trat ans Fenster: Vor ihm die verschattenden Kronen der Linden, aus der fensternächsten wie eine ausgestreckte Hand dieser Ast zu ihm her, seine schlafenden Blätter, schief-herzförmig an den wächsernen Stängel angesetzt, ihr gesägter Rand. Kaum noch zu erkennen. Das einzelne Blatt. Weiß aber, wie ´s aussieht. Schief. Herz. Gesägt. Durch eine Lücke im Geäst hindurch unten auf dem Platz ein Geschiebe dunkelhäutiger und weißer Menschen, dazwischen grünblaugelb eine brasilianische Flagge … ach ja … Fußballweltmeisterschaft … das Spiel vorhin … mit Brasilien, oder? Er stützte sich mit beiden Händen auf die Fensterbank. Muss mal wieder nach Río … vom Rum wegkommen … Inge: Inzwischen eine ganz unentschiedene Sache … Wann spielt eigentlich Argentinien?


 


                                                                       2.


Er zog seinen Degen aus dem feindlichen Herzen, erntete Beifall, auch von den Uniformierten, reckte Arm und Waffe nach oben, der weite Ärmel rutschte hinab: am Unterarm eine Doppelkette braunroter Narbenpunkte; er ließ Arm und Waffe sinken, drehte sich nach vorn ins gleißende Licht, kniff geblendet die Augen zu und ließ sich beim Auflachen des Publikums von den muskulösen Armen Rosalies umhalsen: „Bravo, mein Fanfarius!“; beide wandten sich um, Fanfarius trat dabei auf seinen Hut, den Federhut der Musketiere; sie blickten auf den Galgen im Hintergrund, die leere Schlinge: „Auf mich kannst du lange warten!“ Er warf den Degen an den Galgen und ließ sich in verdämmerndem Licht vom Kampfplatz ziehen. Jetzt brandete der Beifall auf, die Rufe, das Winken, das die Mikrophone einfingen, die Kameras betrachteten. Fanfarius kehrte in aufscheinendem Licht auf die Bühne zurück, hob den Hut auf, drückte ihn in Form, winkte mit ihm; Rosalie trat aus der Kulisse, begrüßt von Gegröle, sie verbeugte sich, man sah ihren Bartschatten, sie hob die Röcke und zeigte stämmige kurze Beine, dann kam unter Buh-Rufen die verräterische Geliebte an die Rampe getänzelt, hob ebenfalls die Röcke, offenbarte weiße, dicht schwarzbehaarte Unterschenkel, „rasier dir mal die Stiele, Schätzchen!“; schließlich erhoben sich die toten Feinde vom Boden, die Polizisten, der Richter, der Henker, die ausgepfiffen wurden. Der Regisseur kam hinzu; sie stellten sich zu einer Achterkette händchenhaltender Männer auf und verbeugten sich. Abermals Applaus.


Der Journalist mit dem Mikrophon schob sich durch die Stuhlreihen, hinter ihm sein Kameramann. Vor einem der Männer blieben sie stehen: „Wie fanden Sie es?“ „Ich … äh …“


Er stand auf.


„Sie müssen ins Mikro sprechen. Und in die Kamera gucken.“ „So wie jetzt?“


„Genau so!“


„Ja, ich fand es super, ganz klasse, am stärksten den Hauptspieler, den Dings, den Fanfarius, aber nicht so gut diese falschen Frauen, Rosalie und die andere. Besser wären mal richtige gewesen! – Werde ich wirklich im Fernsehen gesendet?“


„Na klar, aber jetzt müssen Sie es noch einmal sagen, aber ohne Ihre Frage!“


Sie wiederholten das Interview, wandten sich anderen zu, auch einem der Uniformierten, der gar nichts dabei fand, dass die Polizei so schlecht weggekommen war in dem Stück. „Da haben sie mal ihren Spaß, die Jungs.“


Die Schauspieler erschienen im Saal, mussten sich auf die Schultern schlagen lassen, Rosalie manchmal auf den Hintern, und Fanfarius berichtete im Interview über große und zeitraubende Anstrengungen, die sich aber gelohnt hätten, „wie jede Sache, die man gut genug plant.“


„Also geht es im Herbst mit einem neuen Stück weiter, Herr Kohlberg, und wieder in einer


Hauptrolle?“


„Erst nächstes Frühjahr. Aber Genaueres müssen Sie den Regisseur fragen.“ Er wies mit dem Daumen der Rechten über die Schulter nach hinten. Dann trat er zur Seite, gab den Blick auf den Regisseur frei, nickte den anderen Schauspielern zu. „Wir gehen schon mal abschminken und umziehen!“ Sie trotteten zurück, gefolgt von Uniformierten. Der Journalist warf einen Blick auf den Programmzettel, suchte in der Namenliste den Namen des Regisseurs. Der Kameramann richtete die Kamera auf ihn, der Journalist jetzt sein Mikrophon. „Herr Kornmüller, Sie sind der Regisseur des Stücks?“


„Und der Autor.“


„Dann haben Sie ja heute gleich zweimal Anlass, zufrieden zu sein, oder?“


„Eigentlich ja! Zwar ist es nicht unbedingt Brecht, was wir spielen, aber meine Truppe hat Spaß daran und sie können ein bisschen ihren Alltag vergessen. Das gilt auch für das Publikum.“


„Wie man gesehen hat. Und nach diesem Erfolg: Sie planen schon das nächste Stück?“ „Ja. Aber ohne jetzt schon was zu verraten.“


„Natürlich nicht.“


Noch zwei, drei Fragen, dann bedankte sich der Journalist, blickte auf seine Uhr: „So, jetzt müssen wir aber allmählich Schluss machen und abbauen. Sie wohl auch noch. Danke, hat Spaß gemacht!“ Er senkte das Mikrophon. Der Kameramann stieß ihn an. „Lass uns noch ein paar Meter Material drehen!“


Er ging zur Bühne, wo der Der Kameramann stieß ihn an. „Lass uns noch ein paar Meter Material drehen!“


Er ging zur Bühne, wo der Direktor hinter einem Mikrophon stand und das Ende des Abends verkündete. Die Gäste hätten jetzt noch einen langen Heimweg nach Brackwater vor sich, „respektive nach Köln, da haben wir es aber besser, können ja ohne Umweg in unsere Zellen gehen. Also auf denn, meine Herren! Allerdings mit einem herzlichen Dankeschön an Sie, die Sie zwar nicht allzu zahlreich erschienen sind, aber dafür auf die Begegnung Brasilien mit Australien heute Abend verzichtet haben, und wer gewonnen hat, brauche ich ja wohl nicht zu sagen, nicht wahr - und Dank auch an den WDR und die Damen und Herren vom Aufnahmeteam, dass sie zu uns gefunden haben und auch einmal so etwas senden.“


„Hätte auch lieber das Spiel gesehen!“, maulte der Kameramann, filmte den Direktor, wie er nach unten winkte, wo das Publikum in einer langen Reihe Schattengestalten hinauströdelte, begleitet von Beamten.


Kornmüller ging in den Umkleideraum, vor dessen Tür Beamte der Anstalt standen; innen waren die Schauspieler bereits abgeschminkt und umgezogen, lehnten an der Seitenwand, hatten die Kostüme und Requisiten schon in Säcke gestopft, den Galgen in drei Einzelteile zerlegt. Kaul stand an der Rückwand, den Plastikdegen in der Hand, an seiner Uniformschulter der Ring des aufgerollten Galgenstricks: ein Abbild des Henkers im Stück. Kohlberg saß mitten im Raum auf einem Stuhl und schnaufte. Neben ihm mit besorgtem Blick Leineweber, der die Knöpfe seiner Uniformjacke drehte. Kornmüller hob die Augenbrauen. „Was ist los mit Kohlberg?“


„Mir ist auf einmal so schlecht.” Kohlberg presste die Hände auf Herz und Magen. „Wenn Sie mich nur so zur Sicherheit auf die Toilette begleiten könnten, Herr Leineweber?“


Kornmüller schüttelte den Kopf. „Jetzt stellen Sie sich bloß nicht so an, Herr Kohlberg.“ Er übersah die verwunderten Blicke der anderen, nahm Degen und Galgenstrick entgegen


„Ich kann verstehen, dass er absackt, Herr Kornmüller, diese ganze Aufregung und Anspannung den ganzen Tag! Komm, Kohlberg!“ Leineweber reichte Kohlberg die Hand, der sich hochziehen ließ, die Linke in Leinewebers Schulter krallte, an seiner Seite hinauswankte. Kornmüller ergriff einen Sack, verschwand mit einem strengen Blick auf die Häftlinge durch die knarrende Stahltür, begleitet von einem Beamten.


Als sie vom Parkplatz in das Gebäude zurückkehrten, begegnete ihnen im Flur der Zug der Häftlinge, voran ein Beamter des Hauses, er rasselte mit dem Schlüsselbund, hinter ihm trottete Leineweber. danach die Schauspieler, als sechster schwächlich Kohlberg, endlich Kaul, die flache Hand auf den Halfter seiner 9-Millimeter gepresst, gefolgt von weiteren Beamten des Hauses.


„Hübsche Türen haben Sie hier“, sagte Kornmüller, wies mit dem Kopf auf die blauen Rahmen, die grau und gelb gestrichenen Querbretter, die zwei blauen in Höhe der Türangeln.


Der Beamte zuckte die Schultern; im Raum nahm Kornmüller die beiden anderen Säcke, der Beamte die drei Stücke des Galgens, sie kehrten um, schlossen sich durch bis auf den Hof und gingen zum Sprinter, in den sie die Requisiten packten, während Kohlberg als letzter hinein stieg und sich in seine Zelle setzte. Leineweber schloss die Zellen ab, warf einen Blick durch den Sehschlitz auf Kohlberg, der durch seinen Sehschlitz nach draußen in den Abend starrte, setzte sich dann auf seinen Sitz neben die Zelle Kohlbergs, schob die Tür zu. Kaul stieg vorn ein und startete.


Kornmüller sah den roten Schlusslichtern nach, warf einen Seitenblick auf den Wagen des WDR, wo sie immer noch Kameras, Lampen, Kabel einräumten. Dann fuhr auch er los.


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