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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Sünden eines Engels, Joachim Hausen
Joachim Hausen

Sünden eines Engels



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Ich wimmerte. Ich schluchzte. Mein Herzlein schmerzte. Mein Herzlein weinte.


    Ganz fest drückte ich Paula an mich. Tränenverschleiert blickte ich in die meergrünen Augen der Stoffpuppe. Meine Oma hatte sie mir im Januar zu meinem siebten Geburtstag geschenkt. »Sieh mal, Ari«, hatte sie gesagt. »Sie besitzt deine Augenfarbe.«


    Die Nacht griff durchs Fenster. Ich sah zu der altmodischen Uhr auf dem Nachttisch. »Fast zehn«, murmelte ich. »Morgen ist Sonntag, da kann ich ausschlafen.« Ich rutschte in sitzende Position und stopfte mir das Kissen hinter den Rücken. Ich küsste Paula auf den dunkelroten Wollmund, drehte sie um, faltete ihre Hände und legte meine darüber. »Lieber Gott, wo bist du?«, flüsterte ich. »Warum hilfst du mir nicht? Mach endlich, dass die bösen Männer nicht mehr kommen. Der glatzköpfige Dicke riecht immer eklig nach Schweiß und der lange Dürre stinkt aus dem Mund — puh.«


    Ich schüttelte mich und betete weiter: »Lieber Gott, warum bestraft du die garstigen Männer nicht? Lass sie doch einfach sterben, dann — dann können sie mir da — da unten und hinten nicht mehr wehtun.«


    Ich schluchzte auf. »Du bist allmächtig und kannst Wunder vollbringen — sagt meine Oma immer — und die Lehrerin sagt das auch. Ich bin doch nur ein kleines Mädchen, ein Kind, und Oma sagt, Kinder stehen unter besonderem Schutz von Jesus und Gott. Also — warum schmeißt du keine Blitze auf die widerlichen Männer? Oma meint, du kannst das.«


    Ich nahm ein Papiertaschentuch, wischte mir die Tränen ab und putzte die Nase. »Warum willst du mir nicht helfen? Bin ich ein böses Mädchen?«


    Ich seufzte. »Wenn du die schrecklichen Männer nicht bestrafen kannst — dann mach wenigstens, dass Mama und Papa mich wieder lieb haben.« Tränen schossen in meine Augen.


    Ein paar Tage nach meinem siebten Geburtstag kam zum ersten Mal Kevin, der Dicke, in mein Zimmer. Am Samstag darauf musste ich die Scheußlichkeiten von George, dem Dürren, ertragen.


    Ekelhaft. Grässlich. Abscheulich.


    Ich seufzte und trocknete meine Tränen. »Seit dieser Zeit bekomme ich von Mama und Papa keinen Gutenachtkuss mehr und Papa liest mir auch nicht mehr aus Büchern vor.«


    Ich schluchzte. Ich schüttelte mich.


    »Ab Montag wird alles noch viel, viel schlimmer. Da beginnen die Sommerferien, da — da quält mich der Dicke mittwochs und der Dürre samstags.«


    Voller Inbrunst betete ich weiter: »Lieber Gott, wenn du die scheußlichen Männer nicht sterben lassen kannst — dann mach, dass ich sterbe. Das wirst du doch können. Ich bin nur ein kleines hilfloses Mädchen. Ich komme dann in den Himmel, denn ich bin ja noch ein Kind. Alle Kinder kommen in den Himmel. Dort gibt es nur gute Menschen — keine Monster.«


    Ich rutschte tiefer, ordnete das Kissen und drehte mich mit dem Rücken zur Nachttischlampe. Ich bettete meine Puppe neben mich und legte einen Arm um sie. »Wir müssen jetzt schlafen, Paula«, flüsterte ich. Ich streichelte ihr über das seidige Haar, genau so tiefschwarz und glänzend wie meines. »Ich muss das Licht anlassen, du weißt ja, dass ich sonst nicht einschlafen kann.«


 


Ich öffnete die Augen und zuckte zusammen. Gier funkelte in den Schweinsaugen des Dicken, der neben mir stand und mir sein ekelhaftes Ding hinstreckte. Mit feuchten Wurstfingern streichelte er mich zwischen den Beinen. »Hier, nimm ihn in den Mund, meine Süße«, flüsterte er. »Das macht dir doch auch Spaß, ich weiß das, obwohl du immer dein Gesicht verziehst.«


    Ich riss die Augen auf und schoss schreiend hoch. Ich schnaufte. Ich keuchte — kein Dicker. Stöhnend sank ich schweißnass zurück. Mein Herzlein raste.


    »Gott sei Dank, nur ein Albtraum«, krächzte ich. Ich schielte zur Uhr. Mitternacht.


 


Paula streichelnd, versuchte ich erneut einzuschlafen.


 


Endlich. Endlich lagen die ersten Ferienwochen hinter mir, in denen ich mittwochs unter dem dicken Scheusal und samstags unter dem dürren Ungeheuer gelitten hatte.


    Mein Vater flog mich mit seinem zweimotorigen Flugzeug nach Glendale in Arizona. Ich verbrachte im Haus meiner Oma Christina die restlichen Ferienwochen. Ihr Mann hatte sie vor drei Jahren verlassen und seine junge Sekretärin geheiratet. Oma hatte ihren Mädchenname Nikiforou angenommen.


    Trotz der dortigen Gluttage erschien mir diese Zeit wie im Paradies — leider zu kurz, viel, viel zu kurz.


 


Danach ging es in den Alltag nach Kalifornien zurück. Wir wohnten in einer prachtvollen Villa im nobelsten Viertel der Hauptstadt Sacramento. Meine Eltern waren stinkreich. Mein 38-jähriger Vater — er hieß Donald und maß einen Meter achtundachtzig — besaß zwei Firmen und Beteiligungen an weiteren. Außerdem hatte er im Frühsommer von seinem Vater ein Haus in San Diego, Aktien und Bargeld geerbt. Seine Eltern waren bei einem Verkehrsunfall auf der Fahrt nach Reno gestorben.


    Mein Opa hatte mir 200.000 Dollar vererbt, die sein Anwalt bis zu meinem achtzehnten Geburtstag für mich verwaltete.


    Meine Oma kam im Kindesalter mit ihrem Vater aus Piräus. Die Eltern meiner Mutter stammten aus Athen.


    Ich besaß alles, was sich ein Mädchen meines Alters wünschte — außer Elternliebe und Seelenfrieden.


 


An einem Freitag im Januar, ungefähr zwei Wochen vor meinem zehnten Geburtstag, belauschte ich meine Eltern, die sich im Arbeitszimmer meines Vaters unterhielten. »Kevins Besuche fallen ab sofort weg«, sagte er. »Der Fettwanst starb gestern an einem Herzinfarkt.«


    Ich sog die Luft ein, erschauerte, das Himalajagebirge fiel von meinem Herzen. Ich jubilierte innerlich.


    »Du weißt ja, dass George am Jahresanfang seinen lang ersehnten Job im Finanzministerium in Washington antrat«, fuhr er fort. »Also auch keine Kohle mehr für dich von diesem Knochengestell.« Er räusperte sich. »Im Grunde genommen bin ich froh darüber, dass diese Lustmolche unsere Tochter nicht mehr missbrauchen. Scheußliche Geschichte.«


           Meine Mutter schnaufte. »Du hast fein daherreden, du geldgeiler Sack!«, rief sie mit Empörung in der Stimme. »Diesen beiden hohen Beamten verdankst du etliches. Sie schoben deinen Firmen Aufträge zu, deckten ein paar deiner unsauberen Geschäfte und George sorgte dafür, dass du in den letzten drei Jahren erhebliche Steuern einsparen konntest.«


    Sie fluchte. »Und ich? Wo bleibe ich jetzt? Mir fehlen jetzt mindestens sechzehnhundert im Monat.«


    Ich hörte ein dumpfes Klatschen.


    »He, spinnst du?«, rief mein Vater. »Wenn du mich noch einmal schlägst, kürze ich dein Taschengeld um fünfhundert.«


    »Elender Geizhals!«, keifte meine Mutter. »Wie soll ich mit den läppischen achtzehnhundert, die du mir gnädigerweise monatlich gibst, meine Privatausgaben finanzieren? Kannst du mir das erklären?«


    Mein Vater kicherte. »Du brauchst dich nur ein bisschen einschränken. Musst nicht dreimal die Woche zu diesem Luxusfriseur. Und die ständigen Besuche in dem Kosmetikschuppen solltest du halbieren. Zweimal im Jahr je vier Wochen Schönheitsfarm finde ich auch überflüssig. Von deinen Klamotten und dem übrigen Firlefanz will ich gar nicht erst reden. Ich glaube, du besitzt mindestens hundert Paar Schuhe. Millionen Frauen würden dem Herrgott auf den Knien danken, wenn sie monatlich diesen Betrag für sich zur Verfügung hätten.«


    »Mir gehen diese Scheißweiber am Arsch vorbei!«, schrie meine Mutter. »Wie stehe ich jetzt vor meinen Freundinnen da? Sie werden sich innerlich totlachen und sich die Mäuler über mich zerreißen. Ihren Klatsch und das Getratsche kann ich mir bereits ausmalen.«


    »Und diese blöden Kühe gehen mir am Arsch vorbei!«, brüllte mein Vater.


    Oh weh, oh weh, dachte ich. Handfester Ehekrach.


    Jahre später erfuhr ich von meiner Oma, dass meine Eltern einen Ehevertrag unterschrieben hatten. Dieser sah Gütertrennung vor und nach einer Scheidung sollte meine Mutter nur die vermietete Stadtwohnung und monatlich fünfzehnhundert Dollar erhalten.                         Blendender Laune, wie seit drei Jahren nicht mehr, stürmte ich die Treppe hoch und in mein Zimmer.


 


    »Frei, endlich frei«, jubelte ich, legte meine Lieblingssongs auf und tanzte mit meiner Puppe. Keuchend hielt ich inne und sah Paula in die Augen. »Gott und Jesus haben uns erhört«, flüsterte ich. »Dieser ekelhafte — wie sagte mein Vater? Ach ja — dieser Fettwanst ist endlich tot. Hurra! Und das andere Monster an der Ostküste. Nochmals Hurra! Den heutigen Tag machen wir zum Feiertag, und zwar für immer und ewig.«


 


Sechs Wochen nach der Freudenbotschaft bezog ein Ehepaar das Nachbarhaus. Ihr Sohn hieß Amadeus, ein blasser Kerl, der nur aus Armen und Beinen zu bestehen schien, fünf Monate jünger als ich.


    Ich freundete mich mit ihm an; ein stiller Knabe, sportlich eine totale Niete.


    An einem Abend Ende März brachte mir mein Vater eine Babykatze mit, einen halbjährigen roten Main Coon Kater. »Ein nachträgliches Geschenk zu deinem zehnten Geburtstag«, sagte er lächelnd und strich mir übers Haar. Seit jenem Tag bemühte er sich um meine Gunst und Liebe. Doch ich konnte nichts damit anfangen — ich hasste ihn abgrundtief. Meine Mutter hasste ich noch mehr — noch viel, viel mehr.


    Mit ätzender Stimme und abfälligem Gesichtsausdruck behauptete sie mindestens einmal in der Woche: »Du bist ein nutzloser, eigenbrötlerischer und sonderlicher Einzelgänger, Ari. Nie wirst du einen anständigen Mann finden.« Danach rannte ich jedes Mal heulend in mein Zimmer.


    Ich taufte meinen Kater Romeo und liebte ihn abgöttisch.


    Stolz zeigte ich ihn Amadeus. Der winkte ab. »Ich kann mit Katzen nichts anfangen«, sagte er mit seiner Fistelstimme. »Letzte Weihnachten bekam das Mädchen, das damals neben uns wohnte, eine kleine Katze geschenkt. Drei Wochen danach kratzte sie mich. Ich erwürgte sie.«


    Rote Wellen vor meinen Augen. Herzkrämpfe.


 


An einem sonnigen Montagmorgen Anfang Mai liefen Amadeus und ich zu einem Kirschbaum, der außer Sichtweite unseres Hauses wuchs. Wir wollten ein Baumhaus bauen. Eine Leiter, Holzbretter, Nägel und zwei Hämmer hatte ich gestern bereitgelegt. Ich stolperte über einen lockeren der behauenen Steine, die eine runde Grasfläche um den Baum einfassten, und stürzte fast. Kichernd hielt ich mich an dem Jungen fest. Er deutete auf einen Berg würfelförmiger weißer Pflastersteine, die ein Kleinlaster am Samstagnachmittag teils auf den Weg, teils links unter die Kirsche gekippt hatte. »He Ari, was wollt ihr mit den Dingern anfangen?«


    Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Meine Mutter hat sie bestellt.« Ich sah ins Astwerk und fasste Amadeus an einem Oberarm. »Komm, wir besichtigen unsere Baustelle und überlegen, wie wir die Sache anpacken müssen.« Ich deutete nach oben links auf mehrere Äste, die mir passend schienen. »Dieser Platz eignet sich prima«, sagte ich, legte die Leiter gegen den Stamm, stieg hoch und kletterte zur besagten Stelle. Ich drehte mich um und setzte mich in eine Astgabel.


    Amadeus folgte mir und stellte sich auf einen Ast, der unter mir seitlich wegstrebte. Er sah zu mir hoch. Kurzzeitig schielte er unter meinen knielangen Rock. Seine grünbraunen Augen glitzerten.


    Ich trug fast ausschließlich Kleider oder Röcke. Ich hasste Hosen — schienen mir Symbole der scheußlichen Männer.


    Ich atmete durch und blickte ihn an. »Willst du ein riesengroßes Geheimnis erfahren — und betrachten?«, flüsterte ich.


    Sein Gesicht färbte sich rot. Er nickte.


    Ich hielt mich mit der linken Hand an einem Ast fest, zog mit der Rechten mein Höschen aus und hängte es an einen Zweig. Ich kniff die Beine zusammen und streifte den Rock über die Knie.


    Er blickte mir in die Augen.


    Ich erschrak — glaubte darin Gier zu erkennen, die Gier eines Mannes — eines Teufels.


    Ich schob mit der rechten Hand den Rock zurück und spreizte die Beine. »Sieh genau hin«, wisperte ich. »Ich gewähre dir nur eine Minute — komm aber nicht näher.«


    Amadeus hechelte, bückte sich und starrte auf mein Geheimnis. Er riss die Augen auf. Er keuchte und schlug eine Hand vor den Mund.


    Mich mit den Händen festhaltend und meinen linken Fuß gegen einen Ast stemmend, rammte ich ihm die Sohle meines rechten Sportschuhes mitten ins Gesicht — in die Teufelsfratze. Knirschen.


    Einen spitzen Schrei ausstoßend, stürzte er in die Tiefe und fiel kopfüber auf die weißen Pflastersteine.


    Ich zog mein Höschen an, kletterte vom Baum, trat die drei Schritte auf ihn zu und drehte ihn um. Blutverschmierte Nase. Eine Schläfe schien eingedrückt und darüber klaffte ein Riss. Blut quoll hervor und färbte Teile seiner hellbraunen Haare dunkel.


    Ich sah ihm ins Gesicht. Seine Augenlider flatterten.


    »Hilf mir«, flüsterte Amadeus mit nassen Augen.


    Ich nickte, lief zur Einfassung des Baumes, packte den losen Stein, eilte zurück und beugte mich zu ihm hinab. »Du bist nicht nur ein elender Katzenmörder, sondern auch ein Ungeheuer, ein Teufel in Knabengestalt — nur ein Scheißmann«, presste ich hervor und blickte in seine verschleierten Augen. Ich schmetterte ihm mit Wut und Hass — mit grenzenlosem Hass — die Kante des rechteckigen Steins mitten auf seine Wunde. Knacken und Knirschen. Mehr Blut und eine rotgraue Masse quollen hervor. Nie erlebte wohlige Gefühle, Wonnegefühle, durchrieselten mich. Ich hielt eine Wange vor seinen halb geöffneten Mund. Nichts zu spüren.


    Herzhüpfen.


    Mit der blutverschmierten Kante nach unten steckte ich das Werkzeug Gottes an seinen Platz zurück. Anschließend drehte ich Amadeus in die vorherige Lage und presste seinen Kopf mit der Wunde genau auf den Stein, der ihm seine erste Verletzung zugefügt hatte.


    Lächelnd trat ich drei Schritte nach hinten und mit Befriedigung im Herzen begutachtete ich meine Arbeit, meine außerordentlich erfolgreiche Arbeit. Ich betrachtete meine Finger, an denen Blutstropfen klebten. Ich zuckte mit den Schultern. Romeo huschte heran. Ich nahm ihn auf die Arme, flüsterte Liebesworte und barg mein Gesicht im seidigen Fell.


    Ich rannte schreiend zum Haus. Aufruhr.


    Maria und Astrid, unsere Hausangestellten, stoben wie Hühner umher, über denen ein Adler kreist.


    Sirenengejammer und Lichterspektakel.


        Notarzt. Sanitäter.


    Heulend stürzten die Eltern des Katzenmörders herbei.


    Ich saß wie ein Stück Holz auf der Terrasse, streichelte Romeo und starrte ein Loch in den Garten.


     Eine weinende Maria trat auf mich zu und nahm mich in die Arme. »Der arme Bub ist tot«, flüsterte sie.


     Ich nickte nur.


    Zwanzig Minuten später saß ich im Wohnzimmer einem Mann und einer Frau gegenüber. Die nette blondhaarige Beamtin befragte mich.      


    Schluchzend und stockend schilderte ich den Ablauf des Unfalls, natürlich ohne mein Höschen, den Fußtritt und den befriedigenden Schlag mit dem Stein zu erwähnen.


    Niemand gab mir auch nur den Hauch einer Schuld.    


    Am Abend sah mich mein Vater nur an, schüttelte den Kopf und verschwand in seinem Arbeitszimmer.


    Eine Stunde später erschien meine Mutter, stellte sich vor mich und tobte. Sie stank nach Alkohol. »Du bist ein völlig unnützes Wesen, Ari«, rief sie. »Zu dämlich, um mit einem Jungen zu spielen. Du hättest auf ihn aufpassen müssen, bist schließlich älter.«


 


    Heulend rannte ich in mein Zimmer.


 


Zwei Jahre danach saß ich am Spätnachmittag eines heißen Septembertages unter der Markise auf unserer Terrasse und las ein Buch.


    Meine Mutter befand sich mit ihren blöden Freundinnen auf Shoppingtour. Oft kehrte sie an solchen Tagen erst nach 21:00 Uhr zurück. Vater kam meistens gegen neunzehn Uhr nach Hause. Kein Problem für ihn und mich. Unsere Köchin Maria sorgte immer fürs Essen — feines Essen. Mutter kochte miserabel — falls überhaupt. Außer der 46-jährigen Mexikanerin, deren Mann einmal die Woche unser prachtvolles Grundstück in Schuss hielt, gab es noch die vierzig Jahre alte Astrid. Die lustige Frau mit kurzen mittelblonden Haaren erledigte sämtliche Hausarbeiten, fuhr mich zur Schule, holte mich ab und half mir ab und zu bei den Hausaufgaben.


    Stirnrunzelnd blickte ich auf. Mein Liebling humpelte maunzend auf mich zu.


    Freundinnen und Freunde hatte ich keine.


    Meine ganze Liebe schüttete ich über Romeo aus, dem einzigen Lebewesen auf der Erde, das mich bedingungslos liebte.


    Ich hob den Kater, der mindestens acht Kilo wog, auf den Schoß, streichelte ihn und untersuchte seine Vorderpfoten. »Ach du Schreck!«, stieß ich hervor. »Eine blutige Wunde in deinem rechten Samtpfötchen. Keine Angst, mein Schatz. Mama macht das.« Ich nahm ein frisches Papiertaschentuch, feuchtete es mit Wasser aus meinem Glas an und säuberte die Stelle. Mein Liebling lag unbeweglich da.


    »O mein Gott, ein Riss! Wo hast du dir denn den eingefangen?« Romeo antwortete nicht, sah mich nur mit seinen smaragdgrünen Augen an. Mit Daumen und Zeigefinger drückte ich die kleine Wunde zusammen. »Mama macht dich gesund, Baby«, flüsterte ich und presste etwas fester. Das Tier lag völlig still. »Mama heilt dich, mein Liebling.«


    Urplötzlich verschwand die Umgebung — schien es mir jedenfalls. Die üblichen Geräusche verstummten.


    Herztrommeln.                    Nie verspürte Wärme überflutete mich, steigerte sich. Ich glaubte, zu kochen. Wie hypnotisiert starrte ich auf die Wunde. Zeitlupenhaft schloss sich der Riss.


    Schlagartig kehrten meine Sinne zurück, das Hitzegefühl verschwand. Ich erblickte die Terrasse, den Pool und den Garten, vernahm Vogelgezwitscher, Insektensummen und — Romeos Schnurren. Ich riss die Augen auf, nahm die Finger von der Pfote und — erstarrte. Keuchend stieß ich den Atem aus. Keine Wunde mehr, nur noch ein rosa Strich und die blutigen Stellen auf dem Taschentuch erinnerten an unfassbares Geschehen.


 


    »Unglaublich«, flüsterte ich. »Ein echtes Wunder.« Ich schüttelte mich. Romeo blickte mir in die Augen und miaute, als wollte er Danke sagen.


 


Im Jahr darauf flog mein Vater mich am zweiten Sonntag meiner Sommerferien nach Glendale. Ich jubelte, die restlichen Ferien bei Oma Christina, dem einzigen Menschen, der mich liebte — und den ich liebte.


    Ihr Haus, das sogar einen Keller besaß, stand am Ende einer Sackgasse in der Nähe des ausgetrockneten Agua Fria River im Städtchen Avondale, das sich westlich an die Großstadt Phoenix anschloss. Die heimelig eingerichtete Wohnung roch nach Oma.


    Wüstensommer. Gnadenlose Sonne. Horrortemperaturen. Morgens um acht bereits dreißig Grad, tagsüber vierzig, manchmal auch darüber. Der Asphalt warf die Hitze zurück, schien zu kochen. Im Auto Pizzaofentemperaturen. Nach 21:00 Uhr kaum Abkühlung. Die notwendigen Einkäufe erledigten wir gegen elf Uhr nachts. Kein Problem für mich. Bei Oma durfte ich schlafen, solange ich wollte.


    Oma konnte hervorragend kochen und backen. Nichts schien ihr zu viel. Für mich befand sich hier das Paradies.


    Fünf Tage vor meiner Heimkehr feierte ich mit Oma Christina ihren zweiundsechzigsten Geburtstag. Am frühen Abend kochte sie wie eine Weltmeisterin. Während ich meine Nachspeise – Vanilleeis mit heißen Himbeeren und Schlagsahne – verzehrte, blickte ich in ihre sanftmütigen meergrünen Augen, die ich von ihr geerbt hatte. »Oma, wie alt warst du bei der Geburt von Mutter?«, wollte ich wissen.


    Sie lächelte, Fältchen um Mund und Augen. Oma schminkte sich nur dezent. Auch die vielen grauen Strähnen in ihrem einst tiefschwarzen Haar färbte sie nicht. Stets trug sie es nach hinten gekämmt und zu einem länglichen Knoten gesteckt.


    »Deine Mutter wird im November einundvierzig, Ari«, sagte sie mit ihrer angenehmen Altstimme.


    Ich riss die Augen auf. »Du – du warst erst einundzwanzig? Schrecklich.«


    Sie schüttelte den Kopf. »Ein Kind zu bekommen von dem Mann, den man liebt, ist überhaupt nicht schrecklich. Im Gegenteil, es ist das Schönste auf der Welt.« Sie beugte sich vor und strich mir durchs Haar. »Allerdings empfehle ich dir, mit dem Kinderkriegen bis Ende zwanzig zu warten.«


    Ich schüttelte den Kopf. »Nie – nie will ich ein Kind! Mutter sagt immer, ich sei eine Missgeburt und finde niemals einen anständigen Mann.« Tränen schossen mir in die Augen.


    Oma starrte mich an und erblasste. »Wie kann eine Mutter ihrem Kind gegenüber solche Scheußlichkeiten von sich geben. Unfassbar.« Sie winkte ab. »Ich will jetzt nicht über meine Tochter Nana herziehen. Sie entpuppte sich als schwieriges Kind. Später einmal erzähle ich dir mehr.«


    Sie runzelte die Stirn, stand auf, nahm mich an einem Arm und führte mich zum Sofa. »Setz dich, Ari.«


    Ich hielt sie am Arm fest. »Bitte Oma, nenn mich nicht Ari. Mutter sagt immer so zu mir, wenn sie mich ausschimpft und herumbrüllt. Ich kann dieses Wort nicht mehr hören.«


    Nie – nie – niemals würde ich ihr von den grauenhaften Vorfällen mit dem Dicken und dem Dürren erzählen – lieber würde ich sterben.


    Oma strich mir über eine Wange und nickte. »Stimmt, Ariadne. Diesen wundervollen Namen sollte man nicht abkürzen.«


    Ich setzte mich. Sie nahm neben mir Platz und hielt meine Hände. »Was glaubst du, warum sie solche Abscheulichkeiten sagt?« Unmut überzog ihr Gesicht, Tränen schimmerten in ihren Augen.


    Ich führte einen Arm über eine Schulter und klopfte mir zwischen die Schulterblätter. Ich schluchzte. »Wegen dem Ding da, Oma.«


    Sie schlug eine Hand vor den Mund. »O mein Gott!« Sie gab sich einen Ruck und fragte mit fester Stimme: »Darf ich mir das – das Ding ansehen?«


    Ich nickte und drehte mich um. Ich war bereits ein hoch aufgewachsenes Mädchen und besaß einen knospenden Busen.


    Oma Christina schob mein T-Shirt bis in den Nacken.


    Stille.


    Sie atmete geräuschvoll aus. »Ein Wunder«, flüsterte sie. »Ein echtes Wunder.«


    Mit unendlicher Zärtlichkeit, jedenfalls kam es mir so vor, fuhr sie über die knapp handlange Verwachsung zwischen meinen Schulterblättern. Ich hatte mir diesen zwei Zentimeter aufragenden Geburtsfehler mindestens eine Million Mal angesehen. Ich spürte ihn nicht und er behinderte mich auch nicht — sah nur hässlich aus. Rechts und links am Rand ragten je zwei knöcherne Auswüchse, oder was weiß ich, noch ein paar Millimeter höher auf.


    Oma ließ mein Shirt herab, drehte mich um, fasste mich an den Schultern und blickte mir in die Augen. »Meine Mutter, also deine Uroma – Gott sei ihrer Seele gnädig – besaß haargenau die gleiche Verwachsung. Ich habe eine ähnliche, allerdings kaum zu erkennen. Nana besitzt sie nicht, warum auch immer. Deine wird in den nächsten Jahren noch ein paar Zentimeter wachsen.«


    »Aber … aber Oma – warum … warum redest du von einem Wunder?« Verwirrung in mir, Unverständnis.


    Sie lächelte, schien selig und streichelte mir übers Haar. »Ich erzähle dir jetzt eine wundersame Geschichte, Ariadne, eine Geschichte, die du glauben musst, denn auch ich glaube sie.«


    Oma Christina erzählte.


    »Wenn du erwachsen bist, kannst du alles vor Ort nachprüfen«, schloss sie ihre fantastische Erzählung ab.


    Ich blickte sie mit aufgerissenen Augen an. Mein Herz pochte, hämmerte, schien zu galoppieren.     Unvorstellbares hatte ich erfahren, fast zu viel für ein dreizehnjähriges Mädchen. Ich glaubte ihr.


    Ich sah sie an. »Oma? Darf ich dir auch eine Geschichte erzählen? Aber du darfst mich nicht auslachen.«


    Mit ernsthaftem Blick schaute sie mich an. »Ariadne, ich lache nie ein Kind aus, das mir eine Geschichte erzählt.«


    Ich lächelte und schilderte Romeos Wundheilung.


    Sie nickte und sagte: »Ich glaube dir jedes Wort. Meine Mutter besaß die gleiche Gottesgabe.«


    Ich blickte in ihre sanften Augen. »Und du? Hast du auch diese Gabe?«


    Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Ich versuchte es ein paar Mal. Erfolglos.«


    Wir lachten.


    Nach dem Essen sahen wir uns einen lustigen Film an.


 


Tränenreiche Abschiedsszenen fünf Tage später. Der Pilot holte mich ab. »Dein Vater entschuldigt sich. Er musste kurzfristig nach San Francisco«, erklärte er.


 


 Zehn Tage danach schnitt ich mir in unserer Küche in den Daumen. Wunderheilung. Anschließend lief ich in mein Zimmer, warf mich aufs Bett und schlief weinend ein.


 


Eintönig flogen die Jahre dahin.


    Keine Freundinnen. Auch keinen Schulschwarm. Ich hasste die Jungs an meiner Schule, hasste alle Männer. Der Spott meiner Klassenkameraden und meiner Mutter berührte mich nicht. In meiner Freizeit beschäftigte ich mich mit meinem Supercomputer und las Bücher, Hunderte Bücher.


 


Nach meinem sechzehnten Geburtstag meldete ich mich in einer Kampfsportschule an. Ich wollte nicht hilflos aufdringlichen Kerlen gegenüberstehen. Meine körperliche Entwicklung ging für meinen Geschmack zu rasch voran. Ich maß bereits einen Meter vierundsiebzig und wog entsetzliche fünfundsechzig Kilo, also keine Modelfigur, doch das kümmerte mich nicht. Mein Busen entwickelte sich prächtig – gefiel mir.


    »Die hat einen geilen Apfelarsch«, hörte ich im Sommer einen der hohlköpfigen Jungen am College zu seinen Kumpels sagen.


    »Besser als keinen«, brummte ich vor mich hin.


 


    Nach elf Monaten beendete ich die Mitgliedschaft in der Sportschule. Ich übte täglich eine halbe Stunde zu Hause. Daneben studierte ich im Internet und in Büchern sonstige waffenlose Verteidigungsarten, speziell unfaire. Einem Typen, der mich zu vergewaltigen versucht, wollte ich keinen fairen Kampf liefern.


 


Am Spätnachmittag meines achtzehnten Geburtstags, dem 24. Januar 2006 schenkte mir mein Vater das Auto, das ich mir gewünscht hatte – einen kleinen schneeweißen Audi SUV. Meinen Führerschein besaß ich bereits. Ich hatte niemanden eingeladen, hatte ja weder Freundinnen noch Freunde. Stolz und mit aufgedrehter Soundanlage bretterte ich auf der I-5 dreißig Kilometer nach Süden und zurück.


    Eine Woche später freundete ich mich mit einer Neuschülerin an. Im Dezember aus Baltimore zugezogen, lebte Suzy bei ihrem geschiedenen Vater, einem Arzt, der aus Indien stammt.


    An der hiesigen Universität schrieb ich mich für Informatik und Computertechnologie ein.


 


An einem Samstagmorgen im Mai schlenderte ich mit Suzy durch eine Parkanlage am Ufer des Sacramento River. Ab und zu pfiffen Männer hinter uns her. Meine Freundin sah mich kichernd an und warf ihr blauschwarzes Haar zurück, das bis in die Mitte ihres Rückens fiel. »Die Jungs pfeifen dir hinterher«, meinte sie. »Fast einen Meter achtzig groß, lackschwarze Haare, hohe Wangenknochen, süße Stupsnase, herrlich grüne Augen, zartbraune Samthaut und klasse Figur. Nicht zu dünn und nicht zu dick.«


    Ich runzelte die Stirn und wollte widersprechen. Suzy, knapp fünfzehn Zentimeter kleiner als ich, hob eine Hand. »Keine Widerrede, das ist meine ehrliche Meinung.« Sie grinste, beugte sich zu mir und flüsterte: »Und erst dein Busen, ausgeprägt und fest, und dein strammer Apfelhintern macht die Männer verrückt – alles sehr sexy. Wäre ich ein Mann …« Sie lachte.


    Ich winkte ab und, obwohl angetan von ihrer Lobhudelei, widersprach: »Jetzt übertreibst du aber maßlos. Ich finde mich zu groß und wiege entsetzliche einundsiebzig Kilo. Du gefällst mir besser, und zwar ...«


    Lachend und uns gegenseitig lobend und aufziehend spazierten wir weiter.


    Ein Mädchen fegte auf einem Fahrrad haarscharf an mir vorbei.


    Ich hielt den Atem an. Die Kleine streifte einen Mülleimer, fiel mit dem Rad um und schrie auf.


    Wir sprinteten los. Die etwa Zehnjährige lag wimmernd auf dem Rücken und presste eine Hand gegen den rechten Unterarm.


    Ich kniete mich neben das Mädchen, das mich mit aufgerissenen Augen ansah. »Das tut weh«, flüsterte es. Tränen liefen über seine Wangen.


    Suzy kümmerte sich um das Fahrrad und redete mit einer Frau vom Umfang eines Weinfasses.


    »Lass mich sehen, ich kann dir helfen«, sagte ich leise.


    »Bist du eine Ärztin?«, fragte die Kleine. Ich nickte und begutachtete ihren Unterarm. Blut quoll aus einem schmalen Riss.    


    »Ist es sehr schlimm?«, hauchte das Mädchen.


    »Nein, ich mach das, dauert nicht lange.« Mit zwei Fingern presste ich die Wundränder zusammen. Ich atmete tief ein und fixierte die Stelle. Tunnelblick. Das Mädchen lag völlig still.


    Fahrrad, Suzy, Frau und Park verschwanden. Totenstille. Wärme- und Hitzefluten. Meine Blicke ruhten auf der Wunde. Die Blutung versiegte. Der Riss schloss sich, nur eine rote Linie blieb zurück. Ich atmete aus.       Schlagartige Rückkehr der verschwundene Szenerie und der Umgebungsgeräusche. Aus Erfahrung wusste ich, dass ich keine Minute in meinem Nirwana geweilt hatte. So nannte ich meinen unbegreiflichen Zustand während einer Heilung.


    Ich sah auf und blickte in Suzys Kohlenaugen. »Was gab es hier? Schlimme Verletzung?«, wollte sie wissen.


    Ich verneinte, fischte ein Papiertaschentuch aus meiner Jackentasche, presste es gegen die nicht mehr vorhandene Wunde, nahm die Mädchenhand und drückte sie auf das Taschentuch. »Fünf Minuten festhalten«, sagte ich. »Danach ist die Sache erledigt.«


    Ich half dem Mädchen hoch, das mich mit Riesenaugen ansah. »Danke«, hauchte es.


    Ich nickte. Suzy gab ihm das lädierte Fahrrad.


    Meine Freundin sah mich stirnrunzelnd an. »Hör mal, Ariadne«, meinte sie. »Ich sah einiges Blut, das kann doch unmöglich nur von einem harmlosen Riss stammen, den man mit einem Papiertaschentuch heilt.« Sie blickte skeptisch.


    Ich winkte lässig ab. »Tatsächlich nur eine unbedeutende Wunde, blutete nicht viel. Aus unerfindlichen Gründen kann ich kleinere Blutungen stoppen.« Ich zuckte mit den Schultern.


    Zu meiner Überraschung nickte meine Freundin. »Soll Menschen geben, die das können. Papa erzählte einmal von einem Mann in Indien, der nur durch Handauflegen und Gebetsmurmeln Blutungen stoppen konnte, auch stärkere.«


    Ich pflichtete ihr bei. »Ähnliches fand ich im Internet.«


    Thema erledigt. Wir schlenderten in ein Café.


 


Zwei Wochen später fiel an einem Montag der Unterricht aus. Ich fuhr gegen halb acht zu einem sechs Kilometer entfernten naturbelassenen Park, in dem ich in diesem Jahr bereits mehrmals gejoggt hatte. Ich trug weiße Sportschuhe, eine hellgraue Jogginghose, ein knapp sitzendes weißes T-Shirt, eine rote Baseballkappe und eine extravagante Sonnenbrille. In einer Stoffumhängetasche befanden sich zwei Flaschen Wasser.


    Im Park stand die Luft. Kaum Leute. Vogelgezwitscher. Insektensummen. Ich bog um eine Kurve und stutzte nach zehn Schritten. Ungefähr fünfzehn Meter vor mir wuchsen rechts mehrere übermannshohe Büsche. Trotz Windstille bewegten sich ein paar Zweige. Ein Tier, schoss mir durch den Kopf.


    ›Kein Tier‹, wisperten die Stimmen der zwei Mädels, die mit mir mein Gehirn bewohnten. ›Da verbirgt sich ein Unhold im Gebüsch. Pass auf.‹


 


Am Tag nach meinem diesjährigen Geburtstag hatte ich zum ersten Mal die beiden Stimmen im Kopf vernommen. Es handelte sich um ein emotionales und ein rationales Mädchen. Sie erteilten mir Ratschläge, kommentierten meine Handlungen und mischten sich in mein Leben ein. Eine praktische Einrichtung. Ich nannte sie meine Mädels.


 


Ich sah genauer hin. Herzgaloppieren. Herzrasen.


    Ein Sonnenstrahl ließ Glas aufblitzen. Ich blickte nach unten und erkannte einen dunkelroten Fleck – garantiert ein Sportschuh. Klarer Fall – ein Schurke lauerte im Gebüsch. Niemand zu sehen auf der einsehbaren Wegstrecke vor und hinter mir. Tief sog ich die Luft ein, sprintete los und hielt mich rechts. Ich fixierte den roten Fleck. Kurz vor der Stelle, an der ich den Kotzbrocken vermutete, stoppte ich abrupt.


    Mit ausgestreckten Armen schoss ein bebrillter Mann mit einer grünen Baseballkappe aus dem Busch – und an mir vorbei. Noch bevor er innehielt, trat ich seitlich neben ihn und schlug ihm die rechte Handkante gegen die linke Halsschlagader. Der fast gleich große Mann grunzte, drehte sich um und stierte mich mit verschleiert wirkenden Augen an. Ich vermutete, dass sein massiger Körper weit mehr Fett als Muskeln enthielt. Wie eine zustoßende Klapperschlange rammte ich die Basis meiner linken Hand auf seinen Solarplexus. Tausendmal geübt. Seine Augen quollen hervor, er stieß seinen Atem aus. Übler Mundgeruch. All meine Wut, meinen Zorn, meinen Hass gegen ihn und die Scheißmänner legte ich in den direkt folgenden Tritt. Der Spann meines rechten Fußes traf ihn exakt zwischen die Beine. Hunderttausendfach geübt.


    Der Möchtegernvergewaltiger quiekte wie ein Schwein. Seine Hände zuckten nach unten. Schmerzlaute ausstoßend beugte er sich vor. Mit einem Urschrei schmetterte ich ihm meine rechte Handbasis mitten ins Gesicht. Seine Brille segelte davon. Knirschende und knackende Geräusche. Blut quoll aus der Nase. Wimmernd sank er auf die Knie, die Hände immer noch gegen seine Eier gepresst. Er würgte. Er kotzte.


    »Hübsche Hodenquetschung, mein Lieber«, sagte ich mit rauer Stimme und trat ihm in die Nieren. Er fiel seitlich um. Ich betrachtete das Arschloch – fast so befriedigt wie durch einen Orgasmus.


    »Dem haben Sie es aber mal ordentlich gegeben.« Eine keuchende Frauenstimme ließ mich herumfahren. Eine füllige dunkelhäutige Frau mittleren Alters stand vor mir und hielt sich eine Seite.


    »Genau«, meinte ihr korpulenter Begleiter schnaufend und deutete zurück. »Wir kamen um die Kurve und sahen diesen Kerl aus dem Busch auf Sie zu stürzen. Sofort liefen wir los, um zu helfen.« Mit geringschätzig wirkender Miene blickte er auf den stöhnend am Boden liegenden Idioten.


    Der Mann grinste. »Allerdings brauchen wir jetzt nicht mehr eingreifen. Der hat genug.«


    »Und hat es auch verdient«, ergänzte die Frau.


    Ich drehte mich um und trabte los.


    »He, Sie!«, rief der Mann. »Wo wollen Sie hin? Ich rufe die Polizei, Sie müssen mit denen reden.«


    Ich sprintete los und bog nach achtzig Schritten um die Linkskurve Richtung Ausgang.


    In den Abendnachrichten erfuhr ich, dass man den Kerl ins Krankenhaus gebracht hatte. »Die Polizei kennt diesen Mann«, sagte die adrette Nachrichtensprecherin. »Er muss sich demnächst wegen einer kürzlich versuchten Vergewaltigung in Tateinheit mit Körperverletzung vor Gericht verantworten. Die Polizei bittet die wehrhafte junge Frau, sich bei der nächsten Dienststelle zu melden.«


    Ich schaltete ab und kicherte. »Macht die wehrhafte junge Frau aber nicht.«


 


Eine Woche vor Ferienbeginn stürmte ich samstagnachmittags aus meinem Zimmer, die geschwungene Eichenholztreppe hinab und am Wohnzimmer vorbei zur Haustür.                                                                       


            »Halt! Warte, Ari!«, erklang die Kommandostimme meiner Mutter. Ich warf meine Blicke zur Decke und drehte mich um. In einem schicken cremefarbenen Hosenanzug und hochhackigen knallroten Pumps tänzelte meine Mutter heran. Sie baute sich vor mir auf und sah hoch in mein Gesicht. Das gefiel mir, da elf Zentimeter kleiner, musste sie stets zu mir aufsehen.   


    Sie zappelte mit den Armen, öffnete ihre Luxushandtasche und trat von einem Fuß auf den anderen. Selten sah ich sie stillstehen. Meine Mutter besaß eine schlanke Figur, allerdings mit Bauch- und Hüftspeck, und einen flachen Busen, ganz im Gegensatz zu mir.


    »Heute Morgen nahm ich meine letzte Blutdrucktablette, bring mir doch eine Packung mit. Hatte noch keine Zeit, welche zu besorgen.«            


    Meine Mutter hatte nie Zeit, mir nie etwas ihrer Zeit geopfert. Mir nie bei Hausaufgaben geholfen, mich nie abgehört. Solange ich zurückdenken konnte, nie mit mir gespielt. Dies alles hatte sie Maria und Astrid überlassen, die mir näher standen als meine Eltern.


    Sie drückte mir das Rezept und fünfzig Dollar in die Hand. »Den Rest kannst du behalten.« Sie drehte sich um und rauschte davon. Ich verdrehte die Augen und verließ das Haus.


    In meiner Lieblingsmall kaufte ich eine weiße Seidenbluse, einen blauen Rock, der zwei Handbreit über den Knien endete und elegante schwarze High Heels. Während meines Ferienaufenthaltes bei Oma wollte ich sie ein paar Mal ausführen.


    Geld besaß ich wie Heu. Eine Woche nach meinem achtzehnten Geburtstag hatte ich mir von dem Anwalt 70.000 Dollar aus meinem Erbe überweisen lassen und mir Debit- und Kreditkarten besorgt. Von meinem Rabenvater erhielt ich monatlich dreihundert, muss allerdings erwähnen, dass er mein Studium und den Unterhalt meines Autos finanzierte.


    Ich schlenderte zum Drugstore, löste das Rezept ein und zahlte mit Mutters Geld. Ich bekam einen Dollar und zwei Cent zurück. Das Tütchen mit der Tablettenschachtel warf ich in meine Klamottentasche. Kopfschüttelnd verließ ich den Store und lief die Treppe hoch ins Obergeschoss. Bis zu drei Stockwerken benutzte ich nie einen Aufzug.


    Ich spazierte im Food Court zu dem Koreaner und kaufte einen Cappuccino und einen Donut; hier gab es die besten der Stadt. Ich setzte mich an einen leeren Zweiertisch, stellte die Tragetasche zwischen die Füße, schlürfte zwei Schlucke und biss in das Backwerk. Genüsslich kauend ließ ich mir von den Mädels im Gehirn ein paar Ideen präsentieren.    


    Ich verzehrte mein Gebäck und leerte den Isolierbecher. Den Song Suspicious Minds summend, eilte ich über den Parkplatz und fuhr nach Hause.            


    Mutter saß im Wohnzimmer vor dem Riesenfernseher und sah sich die millionste Folge einer gehirnlosen Arztserie an. »Hast du meine Pillen?«, fragte sie, ohne die Blicke vom Bildschirm zu nehmen.


    »Klar.« Ich hielt das Papiertütchen hoch.


    »Bring sie doch gleich in mein Schlafzimmer und füll die Tabletten in die Pillendose auf dem Nachttisch. Ich habe meine Fingernägel frisch manikürt und lackiert und hasse das Herausdrücken aus dem Blister. Außerdem muss ich mir diese Sendung zu Ende anschauen und direkt danach aus dem Haus.«


    Ich nickte nur und drehte mich um. Typisch Nana Kellogg, Bitte und Danke sagen, gehörte nicht zu ihren Stärken – Hausarbeit und Kochen erst recht nicht.  


    »Noch etwas, Ari!«, rief sie. Ich hielt auf der dritten Stufe inne, wandte mich aber nicht um. »Ich und dein Vater fliegen am zweiten Feriensamstag nach Seattle und machen von dort eine Kreuzfahrt nach Alaska.«


    Die Treppe hochsteigend, murmelte ich: »Geht mir am Arsch vorbei. Hoffentlich rammt der Kahn einen Eisberg und säuft ab.« Ich legte in meinem Zimmer die Einkäufe ab, nahm die Tablettenpackung und eilte in das Schlafzimmer meiner Mutter. Nach dem Fernbleiben des Dicken und Dürren hatte sie sich diesen Raum eingerichtet.


    Eine Parfümwolke empfing mich. Ich rümpfte die Nase. Auf dem Nachttisch aus Marmor und Glas stand die Pillendose. Ich klappte den verzierten goldenen Deckel hoch und drückte die hundert Tabletten in das auch innen vergoldete Behältnis. »Scheißarbeit«, murrte ich. Ich warf die leeren Blister und die Schachtel in den pinkfarbenen Metallmülleimer und kehrte in mein Zimmer zurück. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch aus Ahornholz und wühlte in den Tiefen des Internets. Vierzig Minuten später rief Maria zum Abendessen.


    Anschließend recherchierte ich weitere zwei Stunden und legte mich zufrieden ins Bett.


 


Am Sonntagmorgen rief ich Oma an. Wir plauderten zwanzig Minuten. Abschließend sagte ich: »Es gibt eine Planänderung. Vater fliegt mich nicht nächsten Sonntag nach Glendale, keine Zeit. Am übernächsten Samstag fahre ich mit meinem Auto zu dir. Ich bringe Suzy mit, falls du einverstanden bist. Unterwegs übernachten wir in Barstow und kommen am späten Sonntagnachmittag bei dir an. Wir freuen uns riesig auf die Fahrt.«


    »Ach du großer Gott!«, rief sie. »Das ist eine lange Reise und auch noch in der Fremde übernachten, hoffentlich geht das gut.«


    »Keine Sorge, Oma, wir schaffen das locker, sind ja keine Teenager mehr.«


    »Bin froh, dass du deine Freundin mitbringst. Ich freue mich riesig.«


    Ich musste mir noch einige Ratschläge anhören.


 


In der ersten Ferienwoche ging ich viermal abends mit Suzy aus. Wir schmiedeten Pläne. »Fantastisch«, rief meine Freundin und klatschte in die Hände. »Drei Wochen Aufenthalt am Meer. Ausflüge die Küste rauf und runter, weitaus angenehmer als die Wüstenhitze in Phoenix.«                  


    Ich nickte. »Zweifelsohne. Oma nehmen wir mit.«


 


Wie an den vergangenen sechs Tagen saß ich am Montagmorgen vor neun Uhr am Frühstückstisch. Maria servierte mir Rührei mit gebratenem Speck und eine Handvoll Bratkartoffeln. Ich trank Kaffee dazu und verdrückte anschließend zwei Scheiben Roggentoast mit Butter und Himbeermarmelade — von Maria selbst gemacht.


            Mutter frühstückte immer Punkt halb zehn. Vater verließ stets vor acht das Haus.


    Mit der Zeitung verzog ich mich ins Wohnzimmer. Die schneeweiße Standuhr schlug dreimal. Stirnrunzelnd blickte ich hoch. Maria trat unter den Rundbogendurchgang zum Esszimmer. »Miss Ariadne, kannst du nach deiner Mutter sehen? Noch nie kam sie wochentags zu spät zum Frühstück.«


    Ich hatte unsere Angestellten letztes Jahr gebeten, mich zu duzen.


    »Mach ich.« Ich legte die Zeitung zur Seite, in der sowieso nur Mist stand, und stieg die Treppe hinauf.


    Ich betrat das Schlafzimmer meiner Mutter und – und erstarrte. Sie lag rücklings quer auf dem Bett, die Unterschenkel hingen herab. Ihr pinkfarbenes Seidennachthemd hatte sich hochgeschoben, sodass ich ihre weißen Spinnenbeine komplett sehen konnte – und ihr rasiertes Geschlechtsteil.


    Ich schloss die Tür, ging zu ihr und zog das Nachthemd herunter. Ich kniete mich neben sie aufs Bett und sah in ein käseweißes Gesicht. Ihre grünbraunen Augen starrten mich an. Ich schluckte. Ich zwickte sie in den Arm. Keine Reaktion. »Verstehst du mich?« Meine Worte klangen überlaut. Sie schloss die Augen und öffnete sie. Sollte wohl Ja bedeuten. Ich nickte. »Kannst du dich bewegen?« Keine Augenreaktion, also negativ.


    ›Sie hat einen Schlaganfall erlitten‹, flüsterte das rationale Mädel in meinem Denkorgan.


    ›Gott strafte die Rabenmutter für ihre Untaten‹, stellte die emotionale Stimme fest.


    Ich atmete tief ein und aus. »Endlich hat Gott dich für deine Unmenschlichkeit und dein abscheuliches Verhalten mir gegenüber bestraft«, stieß ich hervor. »Du hast einen Gehirnschlag.« Bisher unbekannte Gefühle breiteten sich in mir aus, durch und durch köstliche Gefühle.


    Ich blickte fest in ihre aufgerissenen Augen. »Doch wisse – Gott ist kein Mann, der gute Taten vollbringt und die Bösen straft. Dazu benutzt er immer Menschen. In deinem Fall vollstreckte ich seinen Willen. Nach tagelangem Suchen kaufte ich harmlose Beruhigungspillen, die deinen Tabletten täuschend ähnlich sehen, und tauschte sie am Mittwochabend vorletzter Woche aus, natürlich ohne die, die du bereits eingenommen hattest. Du befandest dich an diesem Abend mit deinen dämlichen Freundinnen auf einer Vernissage.«


    Hektisches Augenklimpern.


    Ich sah ihr in die Augen, in denen ich Todesangst zu erkennen glaubte. Ich spürte ein angenehmes Kribbeln zwischen meinen Beinen und die Brustwarzen richteten sich auf. »Nachher lege ich deine Tabletten wieder zurück, allerdings sieben mehr«, sagte ich mit rauer Stimme. »Sieht aus, als hättest du vergessen, sie einzunehmen. Dürfte den Ärzten erklären, warum du den Schlaganfall bekamst.«


    Ich kicherte und beugte mich über ihr Gesicht. Ihre nassen Augen verschleierten sich. »Ich hoffe inbrünstig, dass du bald zur Hölle fährst«, flüsterte ich und fuhr lauter sprechend fort: »Die Teufel sollen dir stündlich einen glühenden Eisenstab in deine Muschi und in deinen Po schieben, damit du auch die furchtbaren Schmerzen fühlst, die ich drei Jahre ertragen musste – wegen dir und deinem Scheißmann.«


    Tränen liefen mir die Wangen hinab. Die Augen meiner Mutter verdunkelten sich und dann – welch herrlicher Moment – dann sah ich das Leben darin verschwinden.


    Ich rutschte vom Bett, eilte in mein Zimmer und kehrte mit dem leeren Papiertütchen und einem Marmeladeglas mit den Blutdrucktabletten zurück. Aus der Golddose schüttete ich die segensreichen Pillen in die Papiertüte und kippte den Inhalt des Glases in die Pillendose. Anschließend entnahm ich fünf Tabletten und warf sie in die Tüte. Ich schnappte das Mobiltelefon auf dem Nachttisch und rief den Notarzt. Ich eilte in mein Zimmer, versteckte die Tabletten in meinem Schreibtisch, rieb mir ein paar Mal fest die Augen und versuchte ein Trauergesicht aufzusetzen. Mit hängenden Schultern schlurfte ich die Treppe hinab und in die Küche. Maria sah mich mit verständnislos wirkendem Gesichtsausdruck an.


    »Mutter liegt bewegungslos im Bett«, flüsterte ich und warf das Telefon auf eine Arbeitsplatte. »Ich rief den Notarzt.«


    Riesenkohlenaugen. »Heilige Muttergottes!«, stieß sie hervor und bekreuzigte sich.


    Ich nickte, ging zur Haustür, riss sie auf und spähte nach links.


    Sirenengeheul. Ein Krankenwagen fegte heran. Bremsgeräusche, Türenschlagen. Ein hoch aufgeschossener Arzt stürmte mit wehendem Kittel und seinem Medizinkoffer ins Haus. Zwei Sanitäter hasteten mit einer Rolltrage hinterher.


    »Kommen Sie, schnell!«, rief ich und lief vor ihm die Treppe hinauf. Im Schlafzimmer stellte ich mich neben den Nachttisch. Der Arzt warf den Koffer aufs Bett, zog Latexhandschuhe an und begann mit seinen Untersuchungen. Er seufzte, rutschte vom Bett, zog die Handschuhe aus und fuhr sich durchs braune Lockenhaar.


    Er stellte sich vor mich, legte eine Hand auf meine linke Schulter und sah mir in die Augen. »Ihre Mutter ist tot. Vermutlich Gehirnschlag.« Er drehte sich um und winkte den Sanitätern.


    Sie erledigten ihre Arbeit.


    Der Arzt sah sich um und deutete auf das fast leere Wasserglas und die Pillendose, die ich offen gelassen hatte. »Blutdrucktabletten?«


    Ich nickte. »Soviel ich weiß, schluckt sie jeden Morgen eine vor dem Aufstehen«, sagte ich mit matter Stimme und erzählte von dem Kauf und dass ich sie in die Dose gefüllt hatte.


    »Aha«, meinte er, nahm aus dem Koffer ein Plastiktütchen und schüttete die Tabletten hinein. Er ließ sie einzeln in die Pillendose gleiten und zählte leise. Nach dem Zählvorgang grunzte er. »Klarer Fall. Sieben zu viel. Ich brauche die ärztlichen Unterlagen.«


    Ich gab ihm Name und Adresse von Mutters Arzt. Er überreichte mir eine Visitenkarte. »Rufen Sie oder Ihr Vater dort an, Sie erfahren alles Notwendige.«


    Er sah mir in die Augen und drückte meine Oberarme. »Es tut mir leid.« Er drehte sich um und eilte davon.


    Ich lief ins Wohnzimmer und rief das Büro meines Vaters an. Seine Sekretärin meldete sich mit angenehmer Telefonstimme. »Ich muss meinen Vater sprechen«, sagte ich und bemühte mich um eine belegte Stimme.


    »Tut mir leid, Miss Kellogg. Er hockt in einer Konferenz.«


    »Er soll sofort nach Hause kommen. Seine Frau ist tot.« Ich legte auf.


    Den Wohlstandsbauch vor sich herschiebend, stürmte keine 30 Minuten später mein Vater ohne Jackett, mit aufgekrempelten Ärmeln seines zartblauen maßgeschneiderten Seidenhemdes und mit der Krawatte auf halbmast ins Wohnzimmer.


    »Wo ist sie, Ari?«, stieß er hervor. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren nahm er mich in die Arme und strich mir übers Haar – zögerlich. »Was unternehmen wir jetzt?«


    Ich löste mich von ihm und gab ihm die Visitenkarte. »Ruf dort an.«


    Er sah darauf und nickte. »Ich fahre hin.«


    Weg war er.


    Stirnrunzelnd sah ich hinter ihm her. »Du kommst auch noch dran«, murmelte ich. »Dürfte sich zwar schwieriger gestalten als die Beseitigung deines Weibs, aber mir fällt garantiert etwas Unverfängliches ein, um dich ins Jenseits zu befördern.«


    Ich eilte in mein Zimmer, rief Oma an und schilderte das Vorgefallene.


    Stille.


    »Aha – so, so«, brummte sie schließlich. Schluchzen. »Wann ist die Beerdigung?«


    »Weiß ich nicht. Erfahre ich vermutlich morgen. Ich rufe dich sofort an.«


    »Hoffentlich bekomme ich einen Flug. Fahrt ihr am Samstag trotzdem zu mir?«


    »Nein, Oma, erst am Sonntag. Wir nehmen dich mit. Brauchst keinen Rückflug.«


    Wir unterhielten uns noch ein paar Minuten.


    Anschließend rief ich Suzy an. Sie versprach, zur Beerdigung zu kommen.


 


 Am Freitagmorgen holte ich Oma am Flughafen ab.


    Die Urnenbeerdigung fand nachmittags statt. Städtisches Großereignis mit sämtlicher Prominenz.


    Direkt nach dem blöden Leichenschmaus fuhr ich mit Astrid, Maria und Oma nach Hause. Suzy benutzte ihr eigenes Auto – mit einem gepackten Koffer und einer Reisetasche. Wir setzten uns ins Wohnzimmer. Ich schenkte uns allen aus einer sündhaft teuren Kristallkaraffe den ebenso sündhaft teuren Cognac meines Vaters ein. Schweigend leerten wir die Gläser.


    Oma erhob sich. »Muss mich hinlegen«, brummte sie. »Bin seit elf Stunden auf den Beinen.« Sie verschwand nach hinten in einem der beiden Gästezimmer.


    Ich ging mit Suzy auf mein Zimmer.


    Da sie nichts über mein Verhältnis zu der Verstorbenen wusste und natürlich auch nichts von den entsetzlichen Vorfällen in meiner Kindheit, nahm sie mich in die Arme und murmelte tröstende Worte. Sie strich mir sanft durchs Haar, küsste mich auf die Wangen und auf den Mund. Ich blickte in ihre kohlenschwarzen Augen und erwiderte die Zärtlichkeiten.


    Ich wusste nicht wie und warum, auf jeden Fall flogen Minuten später unsere Klamotten in alle Richtungen. Nackt, kichernd und albernd stürzten wir uns in mein Riesenhimmelbett.


    Suzy besaß hellbraune Samthaut und feste, allerdings kleine Brüste, die ich zärtlich liebkoste. Ich streichelte ihren Bauch. Sie warf mich auf den Rücken, küsste mich hier und da und ihre Hände schienen überall.


    Zuvor hatte sie mich erst einmal nackt gesehen, und zwar vor zwei Wochen unter der Dusche ihres Hauses nach einem Aufenthalt im Pool.


    »Du bist eine wunderbare Frau, Ariadne«, flüsterte sie, streichelte mich mit einer Hand zwischen den Beinen und liebkoste mit der anderen meine Brüste. »Herrlich üppig, weich und doch stramm. Wundervoll«, murmelte sie und küsste die harten Warzen. Sie vertiefte sich in ein äußerst erregendes Liebesspiel.


    Ich ließ alles geschehen – gefiel mir.


    Ich keuchte. Ich stöhnte. Ich krallte die Finger ins Laken. Wie ein Tsunami überrollte mich mein Orgasmus, weitaus intensiver, herrlicher und erfüllender als all die Höhepunkte, die ich in der Vergangenheit durch Selbstbefriedigung erlebt hatte.


    Beispiellos.


    Anschließend fiel ich über sie her. Sie strampelte, hechelte, jammerte, stöhnte und schrie ab und zu auf. Sie knetete meine Brüste, wand sich hin und her, schien atemlos.


    Ich spürte, wie der erste Höhepunkt sie schüttelte. Kurz danach setzte ich meine Liebestätigkeit fort. Eine zweiter und ein dritter Orgasmus ließen sie erbeben, einer floss wie Feuerströme durch meine Adern.


    Lächelnd blickte ich in ihre Augen. Ihr gerötetes Gesicht schien von innen zu strahlen. Ich küsste sie innig. Völlig ermattet, aber überaus glücklich und befriedigt fiel ich auf den Rücken. Schweiß glänzte auf meiner Haut. Tiefes Ein- und Ausatmen.


    Suzy legte eine Hand auf meinen Bauch, knabberte an meinem Ohrläppchen und flüsterte: »Ariadne, du bist verrückt, total irrsinnig. Ich bin völlig fertig – aber glücklich. Ich kann meine Gefühlslage nicht beschreiben. Sagenhaft. Nie zuvor erlebte ich solche Höhepunkte. Grandios. Ich hatte erst zweimal Sex mit einem Jungen, nicht berauschend, muss ich gestehen, und danach einmal mit einer etwas älteren Frau.« Sie blickte mir in die Augen. »Doch das heute mit dir — nicht mit Worten zu beschreiben.«


    Ich kicherte. »Wusste nicht, dass du auch auf Frauen stehst.«


    »Nicht wirklich. Ich experimentierte damals. Wollte wissen, wie es so mit einer Frau ist. War bei Weitem nicht so toll wie mit dir — überhaupt kein Vergleich. Du — du bist eine Liebesgöttin.«


    Lachend umarmten wir uns und duschten anschließend.


 


Am Samstagmorgen erledigten Suzy und ich in meiner Lieblingsmall die Resteinkäufe für unseren Urlaub.


    Nach dem Mittagessen gaben wir uns lustvollen Liebesspielen hin – äußerst beglückend.


    Traumnacht. 


 


 


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